Ideologie bei Karl Marx und Georg Lukács. Zum verkehrten Bewusstsein und der Möglichkeit seiner Überwindung


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Notwendig verkehrtes Bewusstsein bei Marx
2.1. Der Fetischcharakter der Ware
2.2. Marx Fetischtheorie als Ideologietheorie

3. Wie ist verkehrtes Bewusstsein zu durchdringen?
3.1. Lukács Theorie einer privilegierten Erkenntnisposition des Proletariats
3.2. Die Überwindung des verkehrten Bewusstseins als Einheit von Theorie und Praxis

4. Literaturverzeichnis

Verkehrtes Bewusstsein und seine Überwindung

1. Einleitung

Der Begriff der Ideologie ist wohl einer der schillerndsten und gleichzeitig unklarsten Begriffe neuerer Gesellschaftstheorien. Je nach Verwendung und Definition des jeweiligen Ideologiebegriffes variiert auch der Ansatzpunkt von Ideologiekritik und das Konzept zur Überwindung von Ideologie stark. So kann Ideologie im neutralen Sinne als Wissens- beziehungsweise Glaubenssystem verstanden werden, welches für die jeweilige soziale Gruppe handlungsleitend ist.1 Ideologie wäre so zu übersetzen mit einem bloßen Weltbild. Als etwas allgemein menschliches wäre Ideologie hier nicht eine bestimmte Form falschen Bewusstseins, sondern jeder Standpunkt wäre ein ideologischer. So ein neutraler Ideologiebegriff allerdings bleibt rein deskriptiv und verliert so sein negativ-kritisches Moment. Von anderer Seite wurde Ideologie aufgefasst als bloßer Schein, ausgelöst durch bewusste Verschleierung der eigentlichen Wirklichkeit durch eine bestimmte gesellschaftlichen Gruppe. In diesem Sinne wäre Ideologie als falsches Bewusstsein einer bestimmten Gruppe zu verstehen, die durch eine andere Gruppe, welche die „eigentliche“ Wahrheit kennt, in böswilliger Absicht manipuliert wird. Dieses Konzept von Ideologie kann allerdings weder die Genese dieses falschen Bewusstsein erklären, noch kann es aufzeigen wieso dieses falsche Bewusstsein gesellschaftlich Geltung hat.2 Es ist nicht im Stande, das Verhältnis von Ideologie zu den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen zu analysieren.

Dagegen soll in der vorliegenden Arbeit ein Konzept von Ideologie stark gemacht werden, welches Ideologie als Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst begreift. Ideologie soll hier verstanden werden als notwendig verkehrtes Bewusstsein, dass aus der Struktur kapitalistischer Vergesellschaftung entspringt. Zu diesem Zweck soll im ersten Teil dieser Arbeit die marxsche Theorie des Fetischcharakters der Ware als Quelle einer solchen Ideologietheorie erörtert werden. Daran anschließend soll die Frage beantwortet werden, wie diese Ideologie, das notwendig verkehrte Bewusstsein, zu überwinden ist. Hierzu sollen Georg Lukàcs Überlegungen zu einer privilegierten Erkenntnisposition des Proletariats herangezogen werden.

2. Notwendig verkehrtes Bewusstsein bei Marx

2.1 Der Fetischcharakter der Ware

Mit dem Unterabschnitt „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ schließt Marx das erste Kapital des Kapitals ab und reflektiert in ihm noch einmal einen zentralen Aspekt seiner bisherigen Untersuchung. Er stellt fest, dass die Verhältnisse in kapitalistischen Gesellschaften den Subjekten auf verkehrte Art und Weise erscheinen. Diese Verkehrung gesellschaftlicher Verhältnisse im Bewusstsein der Individuen resultiert aus dem spezifischen Charakter der Warenform. Um das Konzept eines notwendig verkehrten Bewusstseins aus der Analyse des „Fetischcharakters der Ware“ zu gewinnen, gilt es also zunächst, die Besonderheiten dieser Warenform zu erörtern.

Marx konstatiert, dass die Ware ein „sehr vertracktes Ding ist“, welches geradezu „mystischen Charakter“ 3 besitzt. Worin besteht also diese Mystik, diese Rätselhaftigkeit der Warenform? Und woraus resultiert diese Rätselhaftigkeit?

Die Ware ist nach Marx ein „sinnlich übersinnliches Ding“.4 Das bedeutet, auf der einen Seite ist sie etwas völlig banales und sinnlich erfassbares, auf der anderen Seite etwas komplexes und nicht greifbares. Aus der vorangegangenen Analyse der Ware bei Marx ergab sich außerdem, dass jede Ware „zwieschlächtigen“ Charakter besitzt, das heißt, sie besitzt eine Gebrauchswertseite und eine Tauschwertseite.5 Der Gebrauchswert bezeichnet die Nützlichkeit eines Dinges. Er verwirklicht sich in der Konsumtion und bildet die qualitative, stoffliche Seite der Ware.6 Von dieser Gebrauchswertseite aus betrachtet ist nichts mystisches, rätselhaftes an der Ware. Das Dinge durch menschliche Arbeit geformt werden um Bedürfnisse irgendeiner Art zu befriedigen, ist nach Marx klar und unproblematisch begreifbar. Er konstatiert: „Der mystische Charakter der Ware entspringt also nicht aus ihrem Gebrauchswert.“7 Das Rätselhafte, das Übersinnliche an der Ware muss also auf der Tauschwertseite gesucht werden. Allerdings ist auch der Inhalt der Wertbestimmung, die Wertsubstanz, nicht rätselhaft und durchaus nachvollziehbar. Als Wertsubstanz bestimmte Marx zuvor die abstrakte menschliche Arbeit. Um den Wert verschiedene Waren mit einander zu vergleichen, muss von ihrem konkreten Inhalt abstrahiert werden. Stattdessen werden Waren quantitativ vergleichbar durch die in ihnen vergegenständlichte menschliche Arbeit überhaupt.8 Auch dieser Sachverhalt, dass erstens Waren durch menschliche Arbeit produziert werden, zweites diese verschiedenen Arbeiten dadurch vergleichbar sind, dass sie menschliche Arbeit überhaupt darstellen und drittens, dass Arbeit durch die Zeitdauer quantitativ messbar ist, birgt nichts mystisches. „Der mystische Charakter der Ware“ entspringt also, so Marx, „ebensowenig aus dem Inhalt der Wertbestimmungen“.9 Wenn der mystische Charakter der Ware weder aus dem Gebrauchswert, noch aus dem Inhalt der Wertbestimmung entspringt, woher dann? Marx meint: Aus der Warenform selbst.10

[...]


1 Ein solcher neutraler Ideologiebegriff findet sich zum Beispiel bei Karl Mannheim. Vgl. Karl Mannheim: Ideologie und Utopie, Verlag von Friedrich Cohen, Bonn 1929.

2 Abgesehen von dieser theoretischen Unbrauchbarkeit bewegt sich diese Auffassung von Ideologie in gefährlicher Nähe zu Verschwörungstheorien.

3 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1 in: Marx-Engels-Werke, Bd. 23, Dietz, Berlin 1974, S. 49. Ebd., S.85.

4 Ebd., S.85.

5 Vgl. Ebd., S.56.

6 Ebd., S.50.

7 Ebd. S. 85.

8 Vgl. Ebd., S.85 ff.

9 Ebd., S.85.

10 Vgl. Ebd., S.86.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ideologie bei Karl Marx und Georg Lukács. Zum verkehrten Bewusstsein und der Möglichkeit seiner Überwindung
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: Klassische Erkenntnistheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V344804
ISBN (eBook)
9783668344952
ISBN (Buch)
9783668344969
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ideologie, karl, marx, georg, lukács, bewusstsein, möglichkeit, überwindung
Arbeit zitieren
Kolja Buchmeier (Autor), 2016, Ideologie bei Karl Marx und Georg Lukács. Zum verkehrten Bewusstsein und der Möglichkeit seiner Überwindung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344804

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