In Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris“ wird eine Familie dargestellt, die sich immer weiter reduziert und aufgrund eines Fluches durch schwerste Konflikte belastet ist. Die innerfamiliären Gebotsübertretungen führen zu einer Verkettung von furchterregender Gewalt und Gegengewalt, welche motiviert durch Rache, Hass, Konkurrenz- und Machtstreben, im Mord der einzelnen Familienmitglieder gipfeln.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu zeigen, welche Auffassung von Familie – und die damit verknüpften Geschlechtermodelle – das Drama transportiert. Dabei wird ausschließlich die Darstellung von Iphigenies Familie untersucht. Thoas’ Familie wird in dieser Hausarbeit nicht berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1.0 – Einleitung
2.0 - Auffassung von Familie
2.1 - Sehnsucht nach der Familie
2.2 - Liebe innerhalb der Familie
2.3 - Geschwisterliebe
2.4 - Innerfamiliäre Gewalt
2.5 - Versöhnung mit der Familie
3.0 - Charakter und Schicksal der Geschlechter
4.0 - Vergleich
5.0 - Harmonie in der Gruppierung der Geschlechter?
5.1 - Einzelstellung von Iphigenie als Frau
6.0 - Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung des Familienkonzepts in Johann Wolfgang von Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ und analysiert die damit verknüpften Geschlechtermodelle vor dem Hintergrund der Weimarer Klassik.
- Analyse des Familienbildes zwischen liebevoller Bindung und destruktiver Gewalt
- Untersuchung der Geschlechterrollen und ihrer Abhängigkeitsverhältnisse
- Einfluss von Iphigenie auf die männlichen Protagonisten und ihr Streben nach Emanzipation
- Vergleich der familiären Konflikte und des Versöhnungsbegehrens im Drama
Auszug aus dem Buch
2.3 Geschwisterliebe
Das auf Liebe basierende Familienkonzept findet sich ebenfalls in der Geschwisterliebe zwischen Orest und Iphigenie wieder. Iphigenie wertschätzt ihre Geschwister, was sich durch rege Verwendung von Wörtern aus dem Wortfeld des Wertvollen, wie z.B. „Segenskränze“ (V.1098), „Gaben“ (V.1101), „Reichtum“ (V.1102) und „Geschenken“ (V.1104), ausdrückt. Iphigenie ist voller positiver Gefühle, als sie erfährt, dass ihre beiden Geschwister noch leben. Ihre Glücksgefühle werden durch die Verwendung von Wörtern aus dem Wortfeld der positiven Gefühle, wie z.B. „Dank“ (V.983), „schöne Freude“ (V.987), „Hoffnung“ (V.996, V.997), „Glück“ (V.1115) und „Liebe“ (V.1157) nochmals besonders betont.
Diese Geschwisterliebe beruht auf Gegenseitigkeit, was sich z.B. damit belegen lässt, dass auch Orest Iphigenie als „liebevolle Schwester“ (V.1248) bezeichnet.
Die Geschwisterliebe wird nochmals in Iphigenies Monolog betont, in der Wörter aus dem Wortfeld des Wassers eine rege Verwendung finden. Diese Wassermetaphorik bringt nochmals Iphigenies Freude über die Wiederbegegnung mit ihrem Bruder zum Ausdruck, welche sie von innen wie ein „Freudenstrom“ (V.1509) überströmt.
Die konkrete Beziehung zwischen Bruder und Schwester lässt sich auch in Bezug auf den Redeanteil untersuchen. Zu Anfang hat die Schwester den größeren Redeanteil (V.921-991), woraufhin eine Stichomythie (V.292ff.) erfolgt, welche die Augenhöhe betont, auf denen sich Bruder und Schwester begegnen. Die Stichomythie leitet einen Wechsel ein, sodass Orest nun den größeren Redeanteil hat (V.1000-1093). Es folgt eine Passage in denen die Redeanteile von Iphigenie und Orest gleich verteilt sind. Zum Ende hin ist der größere Redeanteil Orest zugestanden (V.1223-1254), wobei Iphigenie jedoch das letzte Wort hat. An dem Redeanteil lässt sich erkennen, dass die Beziehung zwischen Bruder und Schwester ebenbürtig ist, welches besonders durch die Stichomythie zum Ausdruck kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 – Einleitung: Diese Einleitung führt in das Familienbild der Weimarer Klassik ein und erläutert die Zielsetzung der Untersuchung von Iphigenies Familie im gleichnamigen Drama.
2.0 - Auffassung von Familie: Dieses Kapitel analysiert das ambivalente Familienbild, das zwischen Sehnsucht, Liebe, Gewalt und der Hoffnung auf Versöhnung schwankt.
3.0 - Charakter und Schicksal der Geschlechter: Hier werden die zeitgenössischen Geschlechterrollen untersucht, wobei die Ohnmacht der Frau und die Dominanz des männlichen Oberhaupts im Fokus stehen.
4.0 - Vergleich: Dieser Abschnitt zieht Vergleiche zwischen dem patriarchalischen Familienbild und der tatsächlichen Entwicklung der Figuren im Drama.
5.0 - Harmonie in der Gruppierung der Geschlechter?: Dieses Kapitel beleuchtet die Figurenkonstellation und Iphigenies Sonderrolle als einflussreiche weibliche Akteurin in einer männerdominierten Umgebung.
6.0 - Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Iphigenie zwar in einem patriarchalischen System agiert, sich jedoch durch ihre ethischen Entscheidungen emanzipiert.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Goethe, Weimarer Klassik, Familienbild, Geschlechterrollen, Emanzipation, Patriarchat, Innerfamiliäre Gewalt, Geschwisterliebe, Charakter, Schicksal, Versöhnung, Drama, Frauenbild, Autonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Auffassung von Familie und die damit verbundenen Geschlechtermodelle in Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Familienbild der Weimarer Klassik, die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie die Autonomieentwicklung der Hauptfigur Iphigenie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, welches Familienbild das Drama transportiert und inwieweit Iphigenie als emanzipierte Frau entgegen den zeitgenössischen Rollenerwartungen handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine wortfeldorientierte Textanalyse sowie die Untersuchung von Redeanteilen und Handlungsmacht an ausgewählten Textstellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der familiären Beziehungen, die Untersuchung der Geschlechterrollen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Harmonie der Figurenkonstellation.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie Emanzipation, Familienkonflikt, patriarchale Strukturen, Geschwisterliebe und das klassische Menschenideal stehen im Zentrum.
Wie bewertet die Autorin Iphigenies Rolle im Personenverzeichnis?
Die Autorin hebt hervor, dass Iphigenies Erstpositionierung ihre Stellung als Protagonistin sowie ihren bedeutenden Einfluss auf das Handeln der männlichen Figuren widerspiegelt.
Warum ist das Ende des Dramas aus Sicht der Autorin ein Emanzipationsprozess?
Iphigenie befreit sich von den Ansprüchen der Männer, indem sie sich eigenständig für die Wahrheit entscheidet, auch wenn ihre physische Freiheit am Ende formal noch an die Entscheidung des Königs Thoas gebunden bleibt.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2016, Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris“. Die Auffassung von Familie und die mit ihm verknüpften Geschlechtermodelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344839