Exkurs zur Entwicklung von Butlers Begriff der Performativität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Poststrukturalismus

3. Foucaults Diskurs

4. Der Subjektbegriff bei Butler

5. Butlers Diskursverständnis

6. Der Performativitätsbegriff bei Austin

7. Jacques Derridas Dekonstruktion

8. Konzept der Iteratibilität

9. Bourdieus Habitus, inkorporiertes kulturelles Kapital und Performativität

10. Individualpsychologisches Konzept Butlers

11. Butlers Begriff der Performativität

12. Fazit

13. Literatur

1. Einleitung

Judith Butler wurde am 24 Februar 1956 in Cleveland (USA) geboren. Sie lehrt als Professorin an der University of California, Berkeley. Ihr Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ katapultierte sie in den Olymp der Akademiker. Einer ihrer signifikantesten Beiträge zur „Performativität der Geschlechter“ ist Gegenstand dieser Arbeit. Ihr philosophisches Konstrukt verlangt ein großes Grundlagenwissen über einige poststrukturalistische Denker und darüber hinaus. Diese Arbeit versucht Grundannahmen, an welchen sich Judith Butler orientiert, zu beleuchten und einen möglichen Erkenntnisweg zu beschreiben.

Eingangs steht eine Darstellung des Poststrukturalismus, da Judith Butler in diese philosophische Tradition eingeordnet wird. Es folgt eine Auseinandersetzung mit Michael Foucaults „Ordnung des Diskurses“, da sein Werk von zentraler Bedeutung für Butler ist, und im Anschluss mit Butlers Verständnis des Diskurses.

Um tiefer in die Materie einzudringen, befasst sich die Arbeit mit dem Begriff der Performativität bei Austin, an den Derrida weiterführend mit seiner Dekonstruktions- und Iterationstheorie anknüpft. Danach sind Butlers Zugänge zu Freud und Bourdieu Gegenstand der Betrachtung und abschließend wird ihre Theorie der Performativität erläutert.

2. Poststrukturalismus

Der Poststrukturalismus kennzeichnet eine sozial- und geisteswissenschaftliche Methode, welche in den 1960er Jahren entstand. Er ist eine philosophiegeschichtliche Sammelbezeichnung für eine große Anzahl von Autoren[1], Theorien und Ansätzen. Im Kern setzen sich die Theorien kritisch mit dem Verhältnis von sprachlicher Praxis und sozialer Wirklichkeit auseinander. Die Poststrukturalisten vertreten die These, dass Sprache nicht vorhandene Wirklichkeiten beschreibt, sondern mittels dogmatisch wahrgenommener Kategorien performativ Wirklichkeit erschafft.

Der Poststrukturalismus ist nicht zu verstehen wie etwa der Humanismus, welcher eine klar abgegrenzte in sich schlüssige Theorie darstellt. Er vereint vielmehr die Praxis verschiedener Schreibweisen, die das Schreiben solcher schlüssigen Theorien infrage stellen. Die Autoren haben meist ein gebrochenes Verhältnis zur Theorie und sprechen meist nicht von Möglichkeiten, sondern von Unmöglichkeiten (vgl. Münker/Rössler 2000, S. 12 ff.).

Der Poststrukturalismus steht im Gegensatz zur objektivistischen Sicht auf die Gesellschaft, die soziale Tatsachen in der Gesellschaft annimmt und als unumgänglich ansieht. Drei Vertreter des Poststrukturalismus sind für das Verständnis von Judith Butlers Schriften von Bedeutung. Zum einen sind es Michael Foucaults Analysen zum Diskurs und zum anderen Jacques Derridas sowie John Austins Arbeiten zur Dekonstruktion.

3. Foucaults Diskurs

Einleitend wird Foucaults Werk „Die Ordnung des Diskurses“ vorgestellt. Der Diskursbegriff zählt zu einem der schillerndsten Begriffe der philosophischen und kulturell-sozialwissenschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte. Er hat sich in ganz unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft angesiedelt, von der Linguistik bis Habermas wird der Begriff auch mit unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt. Foucaults Werk ist von zentraler Bedeutung für den bei Judith Butler verwendeten Begriff des Diskurses. Da sie selbst Foucaults Diskurs in ihrem Werk kein Kapitel gewidmet hat, sondern auf ihn zurückgreift, ausgehend davon, dass der Leser die Theorie kennt, wird im Folgenden kurz auf seine Theorie eingegangen.

Foucault entwarf seine Theorie zum Diskurs in den 1960er Jahren, entwickelte sie jedoch sein Leben lang weiter. In seiner schöpferischen Phase zum Diskurs prägten folgende Arbeiten sein Werk: „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Die Geburt der Klinik“, „Die Ordnung der Dinge“, „Die Archäologie des Wissens“, und „Die Ordnung des Diskurses“ (vgl. Hepp/Krotz/Thomas 2009, S. 58 ff.).

In diesem Zusammenhang kann Foucault als richtungsweisend für die moderne Sichtweise des Diskurses gesehen werden. Foucault selbst definiert den Diskurs als

jede Gruppe von Aussagen, die in einer Beziehung stehen, die durch bestimmte Äußerung oder logische Gehalte zu verstehen, sondern als das Gesagte in seiner reinen Materialität (bzw. Positivität), eben als Gesagtes. Die Konzeption der Aussage als diskursives Ereignis schaltet Verzerrungen der Analyse durch die eigene Episteme, d. h. epochenspezifische Wissensordnung, dadurch aus, dass Aussagen nicht auf einen inhärenten Sinn befragt werden, sondern allein aus ihren Beziehungen untereinander untersucht werden. Die Beziehung, die Aussagen zu diskursiven Formationen verbinden, werden in Bezug auf die Gegenstände, Äußerungsmodalitäten, Begriffe und Strategien von Diskursen analysiert, denn Diskurse bringen hervor, worüber gesprochen wird, welche Auffassungen geäußert werden, mit welchen Mitteln und mit welchem Erfolg das geschieht (Rosa/Strecker/Kottmann 2007: 283)

In „Die Ordnung des Diskurses“ geht Foucault davon aus, dass jede Gesellschaft die Produktion des Diskurses kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert. Seiner Meinung nach stecken in der Materialität des Diskurses viel Kraft und eine große Gefahr; um diese Gefahr zu bändigen, haben die Gesellschaften gewisse Prozeduren entwickelt, damit sie die Macht des Diskurses einschränken und seine unberechenbare Ereignishaftigkeit bannen können (vgl. Foucault 2014, S. 10 ff.).

Diese auf den Diskurs einwirkenden Kontrollmechanismen unterteilt der Autor in Systeme der äußeren Diskurskontrolle, Systeme der inneren Diskurskontrolle und die Verknappung und Zulassungsbeschränkung von Diskursberechtigten.

Die Verknappung der Zulassungsbeschränkung

Die Zulassungsbeschränkung legt dem sprechenden Individuum gewisse Regeln auf, um zu verhindern, dass jedermann Zugang zum Diskurs bekommt. Der Zugang ist geknüpft an das Erfüllen bestimmter Erfordernisse. Es gibt stark abgeschirmte Regionen des Diskurses und andere stehen weit offen. Zu Ersteren gehören die Gebiete der Religion, der Gesetze und der Politik, um zu diesen Bereichen Zugang zu bekommen, sind hohe Hürden zu nehmen. In der Politik spielen Doktrinen eine große Rolle und als Mittel zur Aufrechterhaltung des Diskurses dient in der Politik die Erziehung. Es sind die großen Methoden zur Unterwerfung des Diskurses, welche hier beschrieben werden (vgl. Foucault 2014, S. 25 ff.).

Das oben kurz umrissene Kapitel „Die Verknappung der Zulassungsbeschränkung“ beschreibt die für Butler wichtigen Diskursformationen sehr deutlich. Foucault gelingt es mithilfe der „Ordnung des Diskurses“ aufzudecken, dass Wissen nicht als linearer Fortschrittsprozess entsteht, sondern vielmehr ein Ergebnis politisch durchdrungener Machtstrukturen innerhalb diskursiver Strukturen ist (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann 2007, 282 ff.).

Um Butlers Verständnis des Diskurses erläutern zu können, ist vorangehend auf Butlers Verständnis des Subjektes einzugehen.

4. Der Subjektbegriff bei Butler

Butler grenzt ihren Subjektbegriff von dem neuzeitlichen Verständnis welches zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzte, der den Begriff in einem psychoanalytischen Verständnis auf das erkennende „Ich“ einschränkt, ab. Dieser neuzeitliche Begriff geht von einer Dualität der geistigen Innenwelt und der materiellen Außenwelt aus. In dieser in diesem psychoanalytischem Verständnis bildet das Subjekt ein sich selbst bestimmendes „Ich-Bewusstsein“, welches autonom und selbstbestimmt handelt.

Butlers Vorstellung unterliegt einer ursprünglicheren Definition des Begriffes. Sie sieht es mehr als eine Art sprachliche Kategorie, als möglichen Platzhalter, sozusagen als in Formierung begriffene Struktur. Das Subjekt ist zu verstehen als ein Prozess der Struktur, in das Individuum/Subjekt einschreibt, und die Struktur wird von dem Individuum/Subjekt mit geformt. Sie sieht das Subjekt als sprachliche Kategorie, mithilfe derer das Individuum durch Sprache Verständlichkeit gewinnt und reproduziert (vgl. Butler 2001, S. 15). In diesem Satz wird auch das zuvor beschriebene Verständnis vom Subjekt in psychoanalytischem Verständnis genutzt. Butler benutzt beide Kategorien, was das Verständnis ihrer Texte erschwert, jedoch ist nur die zweite von zentraler Bedeutung für ihr Werk.

Mit ihrem Subjektbegriff geht es ihr um die Infragestellung des Begriffs Individuum. In ihren Augen macht es keinen Sinn, das Individuum als verständlich anzusehen. Denn wie zuvor erwähnt, erlangen Individuen ihre Verständlichkeit/Identität erst durch den Prozess der Subjektwerdung. Da Individuen in ihrem Verständnis durch die Subjektivation gewandert sind und durch diesen Prozess erst ihr Selbstverständnis entwickeln, macht es nach Butler keinen Sinn, über Individuen zu sprechen, sondern dem Subjekt als in Formierung begriffener Struktur muss die Aufmerksamkeit gelten (vgl. Butler 2001, S. 15 ff.).

Subjektivation versteht Butler in foucaultschem Sinne als Unterwerfung unter gesellschaftliche Wissensbestände, Normen und Machtformen, jedoch auch als Form der Ermächtigung durch Kritik und Auflehnung. Wichtig ist, dass die butlersche Perspektive das Subjekt nicht souverän denkt. Der Kern des Subjektes unterliegt immer einer gewissen gesellschaftlichen Beeinflussbarkeit. Diese Beeinflussbarkeit wird in Butlers Diskursverständnis deutlich.

5. Butlers Diskursverständnis

Judith Butler bezieht sich ausdrücklich auf Foucaults Diskurstheorie. In ihrem Werk nimmt der Diskursbegriff eine zentrale Rolle ein. So schreibt Butler in einer Fußnote in einem Aufsatz:

Ich benutze Diskurs hier im Foucaultschen Sinne; dieser Diskursbegriff ist zu unterschieden von geschriebener oder gesprochener ´Rede´ und von Formen der Darstellung/oder der Bedeutungskonstruktion. Der Diskurs über Subjekte (ob es sich dabei um einen Diskurs zur geistigen Gesundheit, Rechte, Kriminalität oder Sexualität handelt) ist für die gelebte und aktuelle Erfahrung eines solchen Subjektes konstitutiv, weil ein solcher Diskurs nicht nur über Subjekte berichtet, sondern die Möglichkeiten artikuliert, in denen Subjekte Intelligibilität erreichen, und das heißt, in denen sie überhaupt zum Vorschein kommen (Butler 1993, S. 132).

Butler sieht in den Aussagen Foucaults die Bedingung der Möglichkeit der Subjektwerdung. Subjektwerdung meint, dass ein Gegenstand, in diesem Fall ein Subjekt, in Erscheinung tritt. Dieses Verständnis von Diskurs sieht den Diskurs als Regelsystem für die Produktion von Aussagen.

In Butlers Werk wird der Begriff der Subjektwerdung mit dem Terminus Subjektivation versehen. Damit meint Butler den an Foucaults Idee angelehnten Prozess, in dem ein Subjekt entsteht und sofort unterworfen wird. In Foucaults Forschungen zu Überwachen und Strafen verläuft dieser Prozess durch den Körper. (Innerhalb der disziplinierenden Praktiken in Gefängnissen werden die Häftlinge unterworfen und zu einer Art Häftlings-Subjekt geformt.) An diesem Beispiel wird deutlich, was Butler meint, wenn sie davon spricht, dass der biologische Körper durch den Diskurs geformt wird. Der Diskurs bezeichnet die Instanz, von welcher der ambivalente Prozess der Subjektwerdung ausgeht (vgl. Rose/Koller 2012, S. 83 ff.). Jedoch verallgemeinert Butler diese Vorstellung von der Hervorbringung des Häftlingssubjektes auf die Hervorbringung jedes Subjektes. Auf diese Weise kann Subjektivation als „diskursive Identitätserzeugung“ verstanden werden. Somit produziert der Diskurs Identität durch Normen, welche auf das Individuum einwirken und es bis ins tiefste Innere durchdringen.

In Butlers Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ versucht sie, die herrschende Geschlechternorm zu dekonstruieren. Butler übernimmt Foucaults These, dass die Idee des Geschlechts sich durch gesellschaftliche Regelwerke zur Sexualität bildet. Jedoch geht sie an diesem Punkt über Foucault hinaus. Sie theoretisiert, wie Zwangsheterosexualität individualpsychologisch entsteht und dabei biologische männliche und weibliche Körper sowie die passenden sozialen Geschlechter gebildet werden. Und sie beschreibt, wie Genderidentität sich bildet und Performativitätstheorie dazu ihren Beitrag leistet und wie das System der binären Geschlechterordnung und der Heteronormativität produktiv gestört werden kann (vgl. Jensen 1991, S. 255 ff.).

An dieser Stelle knüpft Butler an das Ich-Konzept von Sigmund Freund an und formuliert eine psychoanalytische Kritik an Foucault, um ihre Theorie weiterzuentwickeln. Im Kapitel „Individualpsychologische Konzepte Butlers“ wird in dieser Arbeit auf ihr Konzept eingegangen, jedoch nicht explizit auf die Kritik an Foucault. Daran anschließend stellt sich die Frage, inwieweit Butler unter einem Diskurs die Sprache oder den Sprechakt versteht und sich ihr Diskursbegriff darauf beschränkt.

Die oben angeführten Beschreibungen zu Butlers Verständnis von Diskurs erwecken den Eindruck, als funktionieren Diskurse und Sprache in ähnlicher Weise. Sie werden als eng miteinander verbunden, jedoch nicht als identisch aufgefasst. „Diskurse sind also nicht (nur) Sprache. Sie sind mehr als das: Diskurse sind Systeme des Denkens und Sprechens, die das, was wir von der Welt wahrnehmen, konstituieren, indem sie die Art und Weise der Wahrnehmung prägen“ (Villa 2003, S. 20).

[...]


[1] Sämtliche personenbezogene Bezeichnungen sind in dieser Arbeit geschlechtsneutral zu verstehen, diese Form wurde der besseren Lesbarkeit halber gewählt.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Exkurs zur Entwicklung von Butlers Begriff der Performativität
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (PEG)
Veranstaltung
Judith Butler im Diskurs der Erziehungswissenschaften
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V344951
ISBN (eBook)
9783668345133
ISBN (Buch)
9783668345140
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exkurs, entwicklung, butlers, begriff, performativität
Arbeit zitieren
Daniel Ackerman (Autor), 2016, Exkurs zur Entwicklung von Butlers Begriff der Performativität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344951

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