Maria Montessori gilt als Reformpädagogin, die maßgeblich das Weltbild der Pädagogik beeinflusste und immer noch beeinflusst.
Die Reformpädagogik in der Zeit zwischen 1890 und 1933 bedeutete, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg, die Anwendung pädagogischer Reflexion auf die historisch-gesellschaftliche Situation aus der eine Vielfalt unterschiedlicher Ansätze zur Erneuerung der Schule und der Erziehung hervorgingen. Anlässe in Deutschland waren damals der um 1900 abgeschlossene Aufbau eines verschulten, bürokratisierten, selektiven Schulsystems im wilhelminischen Obrigkeitsstaat und der mit der Industrialisierung, Verstädterung und Mobilität einhergehende gesellschaftliche, technische, ökonomische und kulturelle Umbruch. Mit der Modernität reformpädagogischen Denkens und Handelns verbanden sich Vorstellungen von einer entbürokratisierten Schule, von freiheitlich demokratischen Lebensverhältnissen und liberalen, kindorientierten Bildungsidealen.
Beschäftigt man sich näher mit der pädagogischen Anthropologie Maria Montessoris, wird man unweigerlich mit zwei unterschiedlichen Positionen ihrer Anthropologie konfrontiert. Die eine Position ist von einem individuellen Charakter geprägt. Sie behandelt die kindzentrierte Entwicklung des Kindes. Die Entwicklung hin zum Individuum. Die andere Position beschreibt die Entwicklung des Kindes hin zum mittleren Menschen. Hier steht nicht das Kind mit seinen individuellen Eigenschaften im Mittelpunkt sondern der von Adolphe Quetelet errechnette >> homme moyen <<. Es soll deutlich werden, dass Montessoris Fokus aufs Ganze gerichtet ist. Die Be-arbeitung dieser beiden Positionen innerhalb der pädagogischen Anthropologie von Maria Montessori stellt den Inhalt dieser Seminarbarbeit dar.
Dabei gehe ich zuerst näher auf die kindzentrierte Betrachtungsweise ein, bevor ich im Punkt zwei den >> homme moyen << näher bearbeite. Um verschiedene Annahmen und Aussagen zu be- bzw. zu entkräften, bediene ich mich zeitweilig Zitaten von der Protagonistin beziehungsweise von den im Literaturverzeichnis aufgeführten Autoren.
Dass diese Anthropologie jedoch nicht unreflektiert übernommen werden sollte und von zwei ganz unterschiedlichen Positionen dominiert wird, die wiederum mit einer Vielzahl von Problemen behaftet sind, versuche ich in dieser Seminararbeit darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Kindzentrierte Entwicklung
1.1 Immanenter Bauplan
1.2 Sensible Phasen
1.3 Der absorbierende Geist und die Mneme
1.3.1 Intellektuelle Entwicklung
1.3.2 Die Entwicklung der Sozialisation und Enkulturation
1.3.3 Entwicklung der Denk- und Wertungsmuster
1.3.4 Polarisation der Aufmerksamkeit
2 Der Mensch als „Homme moyen“
2.1 Orientierung an Adolphe Quetelet
2.2 Maria Montessori und der mittlere Mensch
2.3 Normalisation
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht in der kritischen Untersuchung der pädagogischen Anthropologie von Maria Montessori, wobei insbesondere die Spannung zwischen einer kindzentrierten individuellen Entwicklung und der Orientierung am Leitbild des „mittleren Menschen“ (homme moyen) aufgezeigt wird.
- Analyse des immanenten Bauplans und der sensiblen Phasen in der kindlichen Entwicklung.
- Untersuchung des Konzepts des absorbierenden Geistes und dessen Bedeutung für Sozialisation und Denkmuster.
- Darstellung der Einflussnahme Adolphe Quetelets auf das Montessori-Verständnis von Normalität.
- Kritische Reflexion über die Ambivalenz zwischen individueller Entfaltung und der Formung zum „Gattungswesen“.
Auszug aus dem Buch
2.3 Normalisation
Der Begriff der Normalisation ist eng mit dem mittleren Menschen verknüpft und stellt ein weiteres zentrales Thema der Montessori Pädagogik dar. Die Normalität zeigt sich im einheitlichen Typen des Kindes, eines harmonisierten Einheitstyps. So weist Frau Montessori darauf hin, dass sich in ihrer Erziehungspraxis tatsächlich ein
"[...] einheitlicher Typ des Kindes zeigte, der besondere Züge aufwies, welche die Normalität darstellten. Ganz andere Kinder, arbeitsame und ruhig disziplinierte, voll von Ruhe und Interesse, explosiv in ihren Eroberungen. Das hat sich immer und überall erwiesen." (Hofer 2001, S. 131)
Diese Natur des Kindes stellt die wirkliche und normale Natur des Menschen dar. Der normale Mensch entspricht bei Montessori der Mitte der Normaverteilung. Der von Maria Montessori erwünschte neue Mensch weicht nicht von der Masse ab, übt keine Kritik, besticht nicht durch Originalität, sondern entspricht einem Einheitsmenschen, der mit der Mehrheit des Kollektivs in der Mitte der Masse übereinstimmt. Er entspricht dem Bild eines Mensches, der seine Ecken und Kanten und somit einen bedeutenden Teil seiner Individualität verloren hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kindzentrierte Entwicklung: Dieses Kapitel erläutert die biologisch begründeten Entwicklungsmechanismen des Kindes, wie den immanenten Bauplan und die sensiblen Phasen, die den individuellen Lernprozess steuern.
2 Der Mensch als „Homme moyen“: Hier wird der Einfluss statistischer Normalitätskonzepte nach Adolphe Quetelet auf das pädagogische Ziel der Normalisation und das Ideal des angepassten Menschen kritisch analysiert.
Schlüsselwörter
Maria Montessori, Pädagogische Anthropologie, Reformpädagogik, Immanenter Bauplan, Sensible Phasen, Absorbierender Geist, Mneme, Normalisation, Homme moyen, Adolphe Quetelet, Sozialisation, Enkulturation, Polarisation der Aufmerksamkeit, Gattungswesen, Normalverteilung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die scheinbar widersprüchliche pädagogische Anthropologie Maria Montessoris, die sowohl individualisierende als auch stark konformistische Züge aufweist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die kindzentrierte Entwicklung (Bauplan, sensible Phasen) sowie die mathematisch-statistisch geprägte Orientierung am „mittleren Menschen“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Montessoris Anthropologie eine „doppelte“ Struktur besitzt, die zwischen individueller Freiheit und der statistischen Normierung des Menschen schwankt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und den kritischen Diskurs mit Primär- und Sekundärquellen der Montessori-Pädagogik sowie der Anthropologie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des kindlichen Entwicklungspotenzials einerseits und die Analyse der durch Quetelet beeinflussten Normalisierungsbestrebungen andererseits.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Montessori selbst die Konzepte des „immanenten Bauplans“, der „sensiblen Phasen“ und des „homme moyen“.
Warum ist der Begriff „Normalisation“ bei Montessori problematisch?
Er ist problematisch, da er die Gefahr birgt, Individualität zugunsten eines statistisch errechneten Durchschnittstyps zu opfern, was dem Ziel einer freien Persönlichkeitsentfaltung widersprechen kann.
Welche Rolle spielt die Phantasie für den „normalisierten“ Menschen?
Laut der in der Arbeit zitierten Interpretation Montessoris gilt eine lebhafte Phantasie eher als Zeichen von „Devianz“, während die Konzentration auf die Realität als Ausdruck gelungener Normalisation gewertet wird.
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- Ramesberger Hubert (Author), 2005, Die doppelte Anthropologie Maria Montessoris, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34501