Erinnerungen an das Vergessene. Die Paradoxie sprachkritischer Reflexionen über das Verhältnis von Philosophie und Kunst

Nietzsches ,,Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" und Hofmannsthals ,,Ein Brief"


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Philosophie
2.1 Begriff
2.2 Urteil

3. Kunst
3.1 Vergessen
3.2 Erinnern

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gregor Schwering bemerkt in ,,Sprachkrise um 1900?"[1] eine Produktivität hinsichtlich des ,,performativen Widerspruchs", den er in Hofmannsthals Ein Brief [2] sieht.[3] Dazu führt er u. a. an: ,,Es [das Medium der Verständigung] öffnet sich einem Anderen, da es die zuvor ausgeschlossenen Potentiale produktiv ins Spiel bringt."[4] Worum es sich bei den ausgeschlossenen Potentialen genau handelt, geht aus dem weiteren Textumfeld dieses Satzes jedoch nicht hervor. Trotzdem würde ich diesen Gedanken für meine These gerne aufnehmen und diese folgendermaßen formulieren: Sowohl Nietzsches Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne als auch Hofmannsthals Ein Brief evozieren in der Darstellung ihrer Thematik eine produktive Paradoxie. Paradoxie verstehe ich hier nicht im Sinne einer Antinomie, d. h. eines logischen Widerspruchs, sondern als Widersinnigkeit prima facie. Diese Widersinnigkeit ergibt sich bei Nietzsche und Hofmannsthal dadurch, dass beide in den hier untersuchten Texten auf den ersten Blick betrachtet etwas tun, von dem sie behaupten, es sei nicht möglich. Nietzsche, indem er für seine Analysen des Wahrheitsbegriffs einen Wahrheitsanspruch voraussetzt und Hofmannsthals Lord Chandos dadurch, dass er das, was er nicht zu sagen vermag, in Worte fasst. Produktiv sind diese Darstellungen der Paradoxie deshalb, weil sie in ihrer jeweiligen Evokation ein individuelles schöpferisches Potential ansprechen.

,,Mein Fall ist in Kürze dieser:", so Lord Chandos in seinem Brief an Francis Bacon vom 22. August 1603, ,,Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen." Und weiter erläutert der Verfasser: ,,Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte >Geist<, >Seele< oder >Körper< nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, [...] ein Urteil herauszubringen."[5]

In Ein Brief lässt der Autor Hofmannsthal seinen fiktiven Verfasser, Philipp Lord Chandos von einer etwa zwei Jahre andauernden Krise berichten, die sich besonders dadurch charakterisieren lässt, dass dem Verfasser[6] der ungehemmte, unbeschwerte Zugang zur Sprache und der eben solche Umgang mit den Wörtern nicht mehr möglich ist. Der bereits vielzitierte Satz, der dieses Unbehagen verdeutlichen soll, lautet: ,,[...]die abstrakten Worte, denen sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze."[7] Die Frage, die mich zunächst interessiert, ist, worin genau diese Krise besteht. Wie wird dieses Gefühl des Unbehagens artikuliert, das sich dem Verfasser ergibt, wenn er den Versuch unternimmt oder den inneren Impuls verspürt, ein Urteil zu bilden, d. h. eine mit einem Wahrheitsanspruch versehene Aussage in Bezug auf die Dinge und Sachverhalte in der Welt? Chandos nennt selbst Beispiele wie: ,,[...] diese Sache ist für den oder jenen gut oder schlecht ausgegangen; Sheriff N. ist ein böser, Prediger T. ein guter Mensch [...]"[8] Welche Bedeutung haben diese Beschreibungen des seelischen Zustands im Sinne einer Sprachkritik? Und: Worin besteht diese Sprachkritik?

Um diese Fragen zu beantworten lohnt ein Blick auf Nietzsche. Schwering zufolge kann ,,Nietzsches Essay Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [...], schaut man nur vorerst auf das Datum seiner Entstehung, bezüglich der dort angesprochenen Thematik als ,Vorspann' des Chandos-Briefes gedeutet werden [...]."[9] Nietzsches Text von 1873 behandelt eine Thematik, die auch Hofmannsthals Ein Brief zugeschrieben werden kann, nämlich die des Verhältnisses von Wissenschaft und Kunst, sofern beide sich des Mediums der Sprache bedienen. In Henning Ottmans Nietzsche-Handbuch heißt es in dem Artikel zu Nietzsches Einfluss auf Hofmannsthal: ,,Nachweislich hat er das Gesamtwerk N[ietzsche]s gekannt, einige Bücher hat er mehrfach gelesen. Das geht aus den handschriftlichen Anmerkungen seiner N[ietzsche]-Ausgaben hervor."[10] Ob oder inwiefern Nietzsches Essay von 1873[11] Hofmannsthal als Inspirationsquelle für den Brief des Lord Chandos diente, soll hier nicht behandelt werden, es geht auch nicht aus dem genannten Artikel hervor. Vielmehr geht es mir um die Thematik des Verhältnisses von Wissenschaft bzw. Philosophie und Kunst. Wo Hofmannsthals Lord Chandos gegenüber Bacon beschreibt, wie sich ihm die Bedeutung der Worte entzieht, die er an seine Tochter gerichtet zu äußern versucht, um sie dahingehend zu erziehen, nicht zu lügen, sondern ,,immer wahr zu sein"[12], formuliert Nietzsche die These, dass die Bedeutung der Begriffe auf Konventionen zurückzuführen und objektive Wahrheit damit eine Illusion sei, da die Begriffe über die Dinge selbst, über das Wesen der Dinge nichts aussagten.[13] Gerade mit diesen Begriffen operiert aber die Philosophie. Bei Hofmannsthal wird der Bezug zur Philosophie durch den Adressaten des Briefes angedeutet. Schwering bemerkt in diesem Zusammenhang:

,,Indem Hofmannsthal die Schrift dem Philipp Lord Chandos in den Mund legt, der sie wiederum an seinen Freund, den Staatsmann und Philosophen Francis Bacon (1561-1626) adressiert, markiert er im selben Moment einen spezifischen Kontext. Mit Bacon nämlich beginnt der Siegeszug eines Denkens, das den Fortschritt als stete Evolution des naturwissenschaftlichen Wissens begreift und diese wiederum als fortschreitende Macht des Menschen über die Natur auszeichnet."[14]

Lord Chandos hat aber, wie er berichtet, den Bezug zu den Begriffen verloren. Er weiß mit ihnen nichts mehr anzufangen, er versteht sie nicht mehr. Er sieht sich nicht mehr in der Lage, seine geplanten literarischen Arbeiten zu verfassen oder Alltagssituationen zu bewerten. Es lässt sich damit eine weitere Paradoxie konstatieren, nämlich die, dass Fortschritt auch einen Rückschritt bzw. eine Degenartion des sprachlich-reflexiven und bewertenden Vermögens zur Folge haben kann. Die Produktivität der Paradoxien besteht sowohl bei Nietzsche als auch bei Hofmannsthal in der Hinwendung zur Sprache als Medium des künstlerischen Schaffens. Bei beiden konstituiert sich dabei ein Kunstbegriff in der Abgrenzung zur Philosophie, d. h. in Abgrenzung von einer terminologischen Verwendung von Sprache. Im Folgenden werde ich darauf eingehen, wie sich dies bei beiden Autoren zeigt.

2. Philosophie

Die Differenzierung zwischen Philosophie und Wissenschaft bzw. Naturwissenschaft fällt hier in Bezug auf Hofmannsthal schwer, was sich aber leicht durch den historischen Kontext, den der Brief vorstellt, erklären lässt. Im Jahre 1603 gab es noch keine moderne Naturwissenschaft in dem Sinne, wie wir sie heute in Gestalt der Physik, der Chemie oder der Biologie usw. kennen. Um das Beispiel der Physik zu verfolgen: Die neuzeitliche Physik, die sich mathematischer Methoden bedient, um physikalische Zusammenhänge zu beschreiben, entsteht zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit Galileo Galilei[15] und damit eben zu der Zeit, in der auch Bacon sein Novum Organon verfasste. Als ein großer Verdienst Bacons kann dabei angesehen werden, dass er die Bedeutung des Experiments für die naturwissenschaftliche Arbeit besonders hervorhob. Von großer Bedeutung für das experimentelle Vorgehen der Wissenschaft ist nach Bacon zudem die induktive Methode, d. h. dass vom Einzelnen auf das Allgemeine zu schließen sei, um zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.[16]

Eine Unterscheidung der Begriffe Philosophie, Natur- und Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaft und Naturwissenschaft sehe ich als zu komplex an, als dass sie in dieser Arbeit angemessen diskutiert werden könnte, weshalb ich mich dafür entscheide – auch mit Hinblick auf den oben angeführten historischen Kontext -, den Wissenschaftsbegriff unter den der Philosophie zu fassen, da die Wissenschaft als Gegenstand philosophischer Reflexionen thematisiert wird. In beiden zu untersuchenden Texten findet zudem meiner Ansicht nach keine solche explizite Differenzierung zwischen Philosophie, Natur- bzw. Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaft und Naturwissenschaft statt, weshalb sie für diese Arbeit auch nicht von Relevanz sein sollte, soweit es darum geht, hier den Begriff der Wissenschaft (allgemein) zu thematisieren.

Nietzsche behandelt sowohl den Begriff des Philosophen, als auch den der Wissenschaft als Gegenstände seiner sprachphilosphisch-kritischen Reflexionen. Diese unterscheiden sich dabei nicht hinsichtlich des Vorwurfs, den Nietzsche an beide in gleicher Weise richtet, wenn er die Fixierung der Begriffe durch Philosophie und Wissenschaft als schädlich ansieht.[17]

Hofmannsthal lässt Lord Chandos seinen Brief an einen der bedeutendsten Philosophen der frühen Neuzeit richten und Nietzsche spricht ganz direkt vom Philosophen, dem er es zum Vorwurf macht, dieser würde in seiner Würdigung den Intellekt, das Erkenntnisvermögen über alles andere stellen:

,,Es ist nichts so verwerflich in der Natur, was nicht durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.

Es ist merkwürdig, dass dies der Intellekt zu Stande bringt, er, der doch gerade nur als Hülfsmittel den unglücklichsten Wesen beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten; aus dem sie sonst, ohne jene Beigabe, so schnell wie Lessings Sohn zu flüchten allen Grund hätten. Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene Hochmuth, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie also über denWerth des Daseins, dadurch dass er über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste Werthschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste Wirkung ist Täuschung – aber auch die einzelsten [sic!] Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an sich."[18]

Nietzsche beschreibt hier eine Problematik, die sich daraus ergibt, dass der Intellekt nicht als das erkannt werde, was es seiner Ansicht nach tatsächlich ist, nämlich ein Mittel der Täuschung. Zudem wird er selbst sein eigener Gegenstand, eben im Erkennen, wobei die eigentliche Wirkung des Erkennens dabei übersehen werde.

Es stellt sich sogleich die Frage, wie Nietzsche dies mit einem Wahrheitsanspruch versehen, konstatieren will, wenn er behauptet, er habe dies so erkannt. Durch formallogische Analyse des Textes mit Blick auf die wissenschaftsphilosophische Kritik wird sich lediglich ein performativer Selbstwiderspruch feststellen lassen. Deshalb möchte ich den Fokus bezüglich Nietzsches Essay auf die Bemerkungen und Fragen hinsichtlich des Verhältnisses von Philosophie bzw. Wissenschaft und Kunst richten und von diesen Bemerkungen und Fragen als sprachkritischen Reflexionen sprechen. Diese Reflexionen werden meiner Ansicht nach ebenso im Brief des Lord Chandos deutlich durch die Beleuchtung dieses Verhältnisses.

In diesem Kapitel werde ich zunächst klären, wie ,,Begriff" in beiden Texten verwendet wird und schließlich dazu übergehen, die Funktion des ,,Urteils" zu untersuchen, um das Verständnis des Philosophiebegriffs in diesem Kontext herauszustellen.

[...]


[1] Gregor Schwering: ,,,Sprachkrise' um 1900? Friedrich Nietzsche und Hugo von Hofmannsthal." In: Nietzscheforschung 18 (2011). S. 59-77

[2] Hugo von Hofmannsthal: ,,Ein Brief". In: Ders.: Sämtliche Werke. Hg. v. Ellen Ritter. Frankfurt. 1991. Bd. XXXI. S. 45-55.

[3] Vgl. Schwering: ,,,Sprachkrise' um 1900?" S. 73

[4] Schwering: ,,,Sprachkrise' um1900?" S. 73.

[5] Hofmannsthal: ,,Ein Brief". S. 48.

[6] Mit Verfasser meine ich hier und im Folgenden Lord Chandos, den fiktiven Verfasser des Briefes.

[7] Hofmannsthal: ,,Ein Brief". S. 48 f.

[8] Ebd. S. 49.

[9] Schwering: ,,,Sprachkrise'.

[10] Bruno Hillebrand: ,, Hugo von Hofmannsthal". In: Henning Ottmann (Hg.): Nietzsche-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart. 2011. S. 452.

[11] Friedrich Nietzsche: ,,Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne". In Ders. : Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hg. v. Colli, Giorgio/Montinari, Mazzino. 8. Aufl.. München 2009. Bd. 1. Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen.

[12] Hofmannsthal: ,,Ein Brief". S. 49.

[13] Vgl.: Nietzsche: ,,Über Wahrheit und Lüge". S. 877 ff.

[14] Vgl. Schwering: ,,,Sprachkrise' um 1900?" S. 70.

[15] Vgl.: ,,Physik". In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschafstheorie Bd. 3. Hg. v. Jürgen Mittelstraß. Unveränderte Sonderausgabe. Stuttgart 2004. S. 230.

[16] Vgl.: ,,Bacon, Francis". In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschafstheorie Bd. 1. Hg. v. Jürgen Mittelstraß. Unveränderte Sonderausgabe. Stuttgart 2004. S. 244.

[17] Vgl.: Nietzsche ,,Ueber Wahrheit und Lüge". S. 890.Schmid, Holger: ,, Ueber Wahrheit und Lüge". Nietzsche-Handbuch. S. 89 f.

[18] Nietzsche: ,,Ueber Wahrheit und Lüge". S. 875 f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Erinnerungen an das Vergessene. Die Paradoxie sprachkritischer Reflexionen über das Verhältnis von Philosophie und Kunst
Untertitel
Nietzsches ,,Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" und Hofmannsthals ,,Ein Brief"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
'Worte lügen'? - Positionen der Sprachkritik in der Moderne
Note
1,3
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V345030
ISBN (eBook)
9783668348172
ISBN (Buch)
9783668348189
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkritik, Paradoxien, Nietzsche, Hofmannsthal, Metapher, Ein Brief, Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, Moderne, 'Worte lügen', sprachkritische Reflexion
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Erinnerungen an das Vergessene. Die Paradoxie sprachkritischer Reflexionen über das Verhältnis von Philosophie und Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345030

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