"Der Schimmelreiter" von Theodor Storm. Eine typische Novelle?


Essay, 2015

6 Seiten


Leseprobe

Essay zur Vorlesung "Einführung in die Literaturwissenschaften"

WiSe 2014/15

Der folgende Essay behandelt die Fragestellung inwiefern die Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm ein Beispiel für eine typische Novelle ist, beziehungsweise den bekannten Novellenkriterien entspricht. Hierfür werden verschiedene Definitionen der Novelle herangezogen und auf Storms Novelle angewendet. Theodor Storm selbst hat ebenfalls eine Definition verfasst, welche auch in Bezug auf den „Schimmelreiter“ diskutiert wird. Aus diesen Definitionen ergeben sich einige wiederkehrende Kriterien für die Textsorte Novelle. Diese Kriterien sind hilfreich, um den „Schimmelreiter“ als Novelle einordnen zu können. Außerdem wird die Frage erörtert, ob diese Novelle ein typisches Beispiel ihrer Gattung darstellt.

Die Novelle „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm wurde im Jahr 1888 veröffentlicht und erzählt die Geschichte von einem Deichgrafen in Norddeutschland, mit Namen Hauke Haien. Dabei gibt es zwei Rahmenhandlungen innerhalb derer die Erzählung stattfindet. Ein immer wiederkehrender Konflikt in der Novelle ist die Gegenüberstellung von Technik und rationalem Denken auf der einen und dem Aberglauben auf der andern Seite.

Laut einer Definition von Ch.M.Wieland zeichnet sich eine Novelle „durch die Simplicität des Plans und den kleinen Umfang […]“ i aus.

Auf den „Schimmelreiter“ trifft dies im Großen und Ganzen zu, vergleicht man diesen jedoch mit anderen Novellen ist er Umfang verhältnismäßig groß und die Struktur der Erzählung erscheint nicht allzu simpel. Trotzdem ist diese Novelle im Vergleich zu einem Roman kurz gefasst und nicht übermäßig komplex.

Goethe stellt in seiner Definition einen anderen Aspekt in den Vordergrund. Er beschreibt die Novelle „als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ii Hiermit grenzt er die Novelle deutlich von einer einfachen kurzen Erzählung ab. Dies ist maßgeblich um zu bestimmen, ob „Der Schimmelreiter“ einer typischen Novelle entspricht.

Goethes Definition beinhaltet die Einmaligkeit einer Begebenheit, welche sich ohne aktives zutun der Figuren, also zufällig ereignet. Eine entscheidende Rolle spielt das unerhörte im Sinne von neu und nie zuvor dagewesen, aber auch ungewöhnlich oder übersinnlich und eventuell gegen die Norm.

In Storms Novelle finden sich einige solcher Begebenheiten. Als die eine unerhörte Begebenheit der Novelle kann in diesem Fall der Kauf des Schimmels gesehen werden. Da auf dem Deich „das Gerippe eines Pferdes, von dem freilich niemand begriff, wie es dort hingekommen sei, […]“iii gesichtet wird und kurz darauf verschwindet,iv halten die Menschen den Schimmel, der bald danach auftaucht für ein Geisterpferd.v Hauke Haien hingegen glaubt diesen Geschichten nicht und ersteht eben diesen Schimmel: „ Und da, Frau, hab ich dem Burschen in die dargebotne braune Hand, die fast wie eine Klaue aussah, eingeschlagen.“vi Diese Szene stellt eine Metapher für einen Pakt zwischen dem Teufel und Hauke Haien dar, was durch die Folgende Textstelle noch verdeutlicht wird: „ ,Wunderlich nur war es, als ich mit den Pferden wegritt hört ich bald hinter mir ein Lachen, und als ich den Kopf wandte, sah ich den Slowaken; der stand noch sperrbeinig, die Arme auf dem Rücken, und lachte wie ein Teufel hinter mir darein!´“vii Dieser metaphorische Teufelspakt stellt eindeutig eine unerhörte Begebenheit dar und spricht somit dafür, dass „Der Schimmelreiter“ eine typische Novelle ist.

Eine weitere Novellendefinition hat Paul Heyse verfasst. Er versteht die Novelle als Beweis dafür, „[…] wie sehr auch die kleinste Form großer Wirkungen fähig sei,[…]“viii Er begründet dies damit, dass „[…] die Novelle[…]im Gegensatz zum Roman den Eindruck eben so verdichtet, auf Einen Punkt sammelt und dadurch zur höchsten Gewalt zu steigern vermag[…]“ix

Wenn man sich in Bezug auf diese Aussage Storms Novelle anschaut ergibt sich wieder das bereits geschilderte Problem. Denn „Der Schimmelreiter“ ist zwar kürzer und in seiner Erzählung komprimierter als ein Roman, jedoch wesentlich länger und ausführlicher als die meisten Novellen.

Weiter geht Heyse auf „[…] das Specifische, das diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet.“ einx Dies ist ein Hinweis auf das spezifische Dingsymbol einer Novelle, welches sein Vorbild in dem Falken aus Bocciaccios „Decamerone“ erkennen lässt. Dieses Dingsymbol hat im Gegensatz zu einem Leitmotiv nicht die Funktion der Gliederung und Akzentuierung. Es ist vielmehr ein charakteristisches Merkmal der Novelle. Hieraus ergibt sich allerdings die Frage, ob die Identifikation und Interpretation des jeweiligen Dingsymbols, nicht bereits eine Interpretation der gesamten Novelle darstellt. Außerdem existieren einige Novellen, die kein spezifisches Dingsymbol beinhalten.xi Trotz alledem ist das Dingsymbol ein maßgebliches Novellenkriterium.

So schrieb Paul Heyse an Storm: „Ich bin nur durch meine Schatzgräberei, wo ich jede Novelle zunächst auf ihren ,Falken` ansah […] dahin gekommen,, daß ich immer etwas vermisse, wenn kein eigentlich novellistisches Motiv mir entgegenspringt, […}“xii Seine Aussage verdeutlicht, wie bedeutend das Dingsymbol für eine Novelle ist.

Somit wird Bezug nehmend auf die Fragestellung, dieses Essays „Der Schimmelreiter“ auf ein eben solches untersucht. Im „Schimmelreiter“ finden sich einige wiederkehrende Motive z.B. das Meer. Als Dingsymbol der Novelle kann jedoch der Schimmel bezeichnet werden, da er zum Symbol für den metaphorischen Teufelspakt und so gesehen für das Scheitern des Hauke Haien steht. Mit dem Schimmel als Dingsymbol erfüllt „Der Schimmelreiter“ ein weiteres Novellenkriterium.

Interessant für die behandelte Fragestellung ist vor Allem die Novellendefinition nach Theodor Storm: „[D]ie heutige Novelle ist die Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung.“xiii

Der enge Bezug zum Drama wird im „Schimmelreiter“ sehr deutlich. Der Spannungsaufbau gleicht der Form eines geschlossenen Dramas.

Weiter sagt Storm: „Gleich dem Drama behandelt sie die tiefsten Probleme des Menschenlebens, gleich diesem verlangt sie zu ihrer Vollendung einen im Mittelpunkte stehenden Kon-flikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert, und demzufolge die geschlossene Form und die Ausscheidung alles Unwesentlichen; […]“xiv

In der Novelle von Storm findet sich als zentraler Konflikt die Gegenüberstellung von Aberglauben und dem Glauben an die Technik. Da Hauke Haien als rationale und im Rechnen begabte Person charakterisiert wird, steht er von Anfang an im Konflikt mit abergläubischen Menschen. Dies wird besonders deutlich als Haien einen neuen Deich bauen will und nur wenig Unterstützung bekommt.xv Auch die Tatsache, dass Hauke Haien den Schimmel ersteht, der für ein Geisterpferd gehalten wird zeigt den, in der Novelle immer gegenwärtigen Konflikt auf.xvi Ebenso deutlich wird dies durch die Worte einer Figur, die Hauke Recht gibt: „Recht hast du, das kann nur die Unvernunft bestreiten. Wir haben Gott mit jedem Tag zu danken, dass er uns trotz unserer Trägheit das kostbare Stück Vorland gegen Sturm und Wasserdrang erhalten hat; jetzt aber ist es wohl die elfte Stunde, in der wir selbst die Hand anlegen müssen, es auch nach all unserem Wissen und Können selber uns zu wahren und auf Gottes Langmut weiter nicht zu trotzen. […]“xvii Hier wird sogar noch ein weiterer Konflikt aufgegriffen, welcher für den Verlauf der Erzählung eine große Bedeutung hat: Das Vertrauen auf Gott im Gegensatz zu dem Vertrauen in die Technik, wobei letzteres eher auf Hauke Haien zutrifft. Zwar ist dieser Kontrast nicht so stark wie im Hinblick auf den Aberglauben, jedoch spielt der Glaube an Gott für die Erbauung des Deiches eine wichtige Rolle. Auch der Glaube an den Teufel im Schimmel des Hauke Haien setzt sich schließlich durch, was dazu führt, dass es gemieden und teilweise sogar gefürchtet wird. Dadurch wird die Fertigstellung des neuen Deiches erneut erschwert. Dass Hauke Haien weder den Geistergeschichten Glauben schenkt noch der Kirche besonders nahe steht zeigt sich in einer Szene in der seine Frau zu sterben droht: „, Herr, mein Gott […] nimm sie mir nicht! Du weißt, ich kann sie nicht entbehren! […] Ich weiß ja wohl, du kannst nicht allezeit, wie du willst, auch du nicht; [….]“xviii Da Hauke Haien indirekt die Allmacht Gottes bestreitet verstärkt sich die Feindseligkeit ihm gegenüber, wodurch ebenfalls der Konflikt aufgezeigt wird. Obwohl es einige Schwierigkeiten gibt, wird der Deich schließlich fertig gestellt. Doch der bestehende Konflikt reißt nicht ab, selbst die Fehlentwicklung von Haukes Tochter wird auf einen vermeintlichen Pakt mit dem Teufel zurückgeführt. Als schließlich ein starker Sturm den alten Deich zerstört liegt die Verantwortung dafür bei Hauke Haien, weil dieser sich weigert seinen eigenen Deich zum Schutz des alten zu durchbrechen: „, Eure Schuld, Deichgraf! […] Nehmt´s mit vor Gottes Thron! ´“xix Hauke Haien scheitert trotz seiner rationalen Denkweise und begeht, als er den Tod seiner Frau und Tochter bemerkt, Selbstmord: „, Herr Gott, ja ich bekenn es´[…]ich habe meines Amtes schlecht gewartet! ´“xx Die Tatsache, dass Hauke Haien Gott anspricht macht noch einmal deutlich wie sehr der Konflikt von Glaube und Technik im Vordergrund steht. Die Aussagen des Schulmeisters in der zweiten Rahmenerzählung verstärken diesen Eindruck noch.xxi

Hiermit erfüllt „Der Schimmelreiter“ ein weiteres, wenn auch von Storm selbst definiertes Novellenkriterium. Des Weiteren spricht Storm in seiner Definition die „Ausscheidung alles Unwesentlichen[…]“ xxii an.

Inwiefern dies auf den „Schimmelreiter“ zutrifft ist subjektiv zu betrachten, jedoch fällt auf, dass „Der Schimmelreiter“ im Gegensatz zu anderen Novellen in einigen Punkten ausführlicher und aufwendiger gestaltet ist. Es werden außerdem Einzelheiten erzählt und die Charaktere sind relativ stark ausgearbeitet.

Die zentralen Merkmale einer Novelle, im Hinblick auf das Drama als Vorbild sind nach Storm: Eine am Ende stehende Katastrophe, die im „Schimmelreiter den Tod von Hauke Haien und seiner Familie darstellt. Sowie die Thematisierung eines Konfliktes, der in diesem Fall den Aberglauben dem Glauben an die Technik entgegensetzt und schließlich die geschlossene Form. Diese liegt eindeutig vor. Es gibt eine Einleitung, eine steigende Handlung dann einen Wendepunkt und nach fallender Handlung schließlich die Katastrophe am Ende. Damit ist ein weiteres Novellenkriterium erfüllt.

Ein weiteres typisches Merkmal für eine Novelle sind vorhandene Rahmenerzählungen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das „Decamerone“ von Giovanni Bocciaccio. Auch in Theodor Storms Novelle befinden sich zwei Rahmen Erzählungen. Die erste beinhaltet einen Erzähler, der nicht wirklich am Geschehen Teil nimmt (heterodiegetisch). Während der zweite Erzähler in Form des Schulmeisters am Geschehen Teil nimmt (homodiegetisch) und schließlich die eigentliche Novelle erzählt.

Zusammenfassend lässt sich zwar nicht gänzlich sagen, ob „Der Schimmelreiter“ ein Beispiel für eine typische Novelle ist, jedoch erfüllt Storm einige Novellenkriterien. Hierzu muss gesagt werden, dass Theodor Storm einige Novellenkriterien selbst festgelegt hat.

Eine typische unerhörte Begebenheit findet sich im „Schimmelreiter“ ebenso wie der strenge, Drama ähnliche Aufbau.

Allerdings ist die Erzählung länger als andere Novellen und der Schreibstil leicht ausschweifend.

Auch die typischen Rahmenerzählungen sind bei Theodor Storm vorhanden.

Aber der Zeitablauf ist teilweise nicht kontinuierlich und es existieren abschweifende Episoden.

Ebenso sind die Charaktere und ihre Umgebung für eine Novelle unnatürlich vielfältig, da die Charaktereigenschaften eine große Rolle für den Verlauf der Handlung spielen.

Auch das Merkmal des Zufalls als Motor des Geschehens ist im „Schimmelreiter“ nur unter Vorbehalt gegeben. Denn eben die Frage nach dem Schicksal und inwiefern die Figuren darauf Einfluss nehmen können stellt den Hauptkonflikt im „Schimmelreiter“ dar und ist daher letztlich nicht zu beantworten.

Ich ziehe aus all diesen Punkten das Fazit, dass „ Der Schimmelreiter“ auf jeden Fall als Novelle einzuordnen ist, jedoch einige Novellen untypische Besonderheiten enthält.

[...]


i Christoph Martin Wieland: Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva. 1814, S.16

ii Goethe zu Eckermann am 25.01.1827. In: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Hrsg. Von Heinz Schlaffer. München, Wien 1986, S. 203.)

iii Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ 1888, S.75 Z. 23ff

iv Vgl. Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ 1888, S. 76

v Vgl. Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ 1888, S. 80f

vi Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ 1888, S.84 Z. 11ff

vii Theodor Storm „Der Schimmelreiter“ 1888, S.84 Z. 14ff

viii Paul Heyse: Einleitung zu „Deutscher Novellenschatz“ 1871,S.5ff

ix Paul Heyse: Einleitung zu „Deutscher Novellenschatz“ 1871, S. 5ff

x Paul Heyse: Einleitung zu „Deutscher Novellenschatz“ 1871, S. 5ff

xi Vgl. Giovanni Bocciaccio „Decameron“

xii Paul Heyse in einem Brief an Theodor Storm. In: Theodor Storm: Novellen 1867-1880. Hrsg. Von Karl Ernst Laage. Frankfurt a.M. 1987, S. 850.

xiii Theodor Storm: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 8. Hrsg. Von Albert Köster, Leipzig 1924, S. 122f

xiv Theodor Storm: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 8. Hrsg. Von Albert Köster, Leipzig 1924, S. 122f

xv Vgl. Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 70f

xvi Vgl. Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 84f

xvii Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 89 Z. 23ff

xviii Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 98f

xix Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 140 Z.11ff

xx Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 140 Z. 33ff

xxi Vgl. Theodor Storm: Der Schimmelreiter 1888, S. 144f

xxii Theodor Storm: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 8. Hrsg. Von Albert Köster, Leipzig 1924, S. 122f

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
"Der Schimmelreiter" von Theodor Storm. Eine typische Novelle?
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V345034
ISBN (eBook)
9783668346857
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novelle, Literaturwissenschaft, Storm, Schimmelreiter
Arbeit zitieren
Miriam Schmidt (Autor), 2015, "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm. Eine typische Novelle?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345034

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