Lese- und literarische Sozialisation

Einfluss von Geschlecht, Sprachbiographie und Bildungsgrad der Eltern auf das Leseverhalten von Schülerinnen und Schüler der 8. Jahrgangsstufe an einer Gesamtschule


Seminararbeit, 2016
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Forschungsthematik

2. Herleitung und Relevanz der Forschungsthematik

3. Theoretische Verortung
a) Begriffsdefinition Leseverhalten
b) Darstellung des Forschungsstandes

4. Methodik
a) Grundlegendes Design
b) Begründung der Instrumenten- und Stichprobenwahl
c) Präsentation des Fragebogens

5. Darstellung der Ergebnisse
a) Ergebnisermittlung
b) Ergebnisse
c) Diskussion und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Forschungsthematik

In der vorliegenden Forschungsarbeit geht es um das Schwerpunktthema literarische Sozialisation und Lesesozialisation. Es wird anhand einer quantitativen Studie das Leseverhalten von Achtklässlern und die Beeinflussung ihres Leseverhaltens durch Geschlecht, Sprachbiographie und Bildungsstatus ihrer Eltern untersucht.

2. Herleitung und Relevanz der Forschungsthematik

„Texte interessiert lesen und verstehen […] sind wesentliche Voraussetzungen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, für die Vorbereitung einer beruflichen Ausbildung und für eine erfolgreiche Fortsetzung der Schullaufbahn.“[1]

Lesen stellt in der heutigen Gesellschaft eine Schlüsselkompetenz für Bildungserfolg dar. Es ist der Schlüssel zum Wissen und zum Verstehen unserer Welt.

Seit den PISA-Ergebnissen aus dem Jahre 2000 ist jedoch bekannt, dass Jugendliche in puncto lesen viel aufzuholen haben: knapp ein Viertel der getesteten Schülerinnen und Schüler hatten Schwierigkeiten einfache Texte verschiedenster Art auf elementarer Ebene zu verstehen und nahezu die Hälfte aller Getesteten gab an, nicht gerne zu lesen.[2] Als Konsequenz wurden bundesweite Bildungsstandards beschlossen. Dieser sogenannte PISA-Schock war der ´Auslöser´ für die didaktische Forderung, die Lesekompetenz (in allen Fächern) zu entwickeln und zu fördern.

Dem Deutschunterricht wurde und wird in dieser Aufgabe eine zentrale Funktion zugesprochen: so ist in den Bildungsstandards für das Fach Deutsch die Entwicklung und Förderung der Lesekompetenz integraler Bestandteil aller Kompetenzbereiche. Darin heißt es, dass „die Schülerinnen und Schüler über grundlegende Verfahren für das Verstehen von Texten [verfügen sollen], was Leseinteresse sowie Lesefreude fördert und zur Ausbildung von Empathie und Fremdverstehen beiträgt“.[3] Außerdem sollen sie „verschiedene Lesetechniken beherrschen, über grundlegende Lesefertigkeiten verfügen: flüssig, sinnbezogen, überfliegend, selektiv, navigierend (z.B. Bild-Ton-Text integrierend) lesen[,] Strategien zum Lesen kennen und anwenden, Leseerwartungen und -erfahrungen bewusst nutzen“.[4]

Neben der oben genannten didaktischen Forderung, zogen die internationalen Vergleichsstudien eine wichtige und berechtigte Frage nach sich, nämlich worauf die unterdurchschnittlichen Leistungen der Schülerinnen und Schülern zurückzuführen sind.

Damit rückte ein weiteres wichtiges Ergebnis in den Mittelpunkt von Forschung und Unterrichtsarbeit: aus den Resultaten ging hervor, dass das Leseverhalten durch verschiedene Faktoren maßgeblich beeinflusst wird, nämlich durch Geschlecht und Bildungsstatus der Eltern.[5] Weitere Studien weisen auf geschlechterspezifische Unterschiede im Umgang mit Literatur und auf die Bedeutung von Familie für das Leseverhalten hin (Darstellung der Studienergebnisse folgt im Hauptteil).

Dass Kinder mit Migrationshintergrund, unter ihnen viele multilingual aufwachsende Kinder, im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund besonders schlecht abschnitten[6], wirft die Frage auf, ob die Sprachbiographie der Schülerinnen und Schüler auch eine potenzielle Einflussgröße für das Leseverhalten ist. Ob dieser Zusammenhang tatsächlich besteht, ist ein Thema, dem in der Forschung nicht nachgegangen wurde.

Das Ziel dieses Projekts ist es zu untersuchen, inwiefern es aktuell einen Zusammenhang zwischen dem Leseverhalten und den genannten Einflussgrößen gibt. Die Ergebnisse aus den bisherigen Studien sollen somit mit einer weiteren Datenerhebung einer aktuellen Beobachtung unterzogen und überprüft werden, ob sie aktuell immer noch zu verzeichnen sind. Zusätzlich soll durch diese Arbeit die Forschungslücke aufgegriffen werden, ob Mehrsprachigkeit als potenziellen Einfluss gesehen werden kann.

Im theoretischen Teil meines Studienberichts soll zunächst der Begriff Leseverhalten geklärt werden, um daran anschließend einen differenzierten Einblick in den Forschungsgegenstand zu gegeben. Dabei wird besonders auf die KIM- und JIM- Studie aus dem Jahre 2014 eingegangen. Das vierte Kapitel umfasst Informationen zum methodischen Vorgehen und zum Instrumentarium der Datenerhebung. Im Anschluss daran erfolgt in Kapitel fünf die Auswertung der Daten. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion der Ergebnisse und einem Ausblick auf eventuelle Handlungsmöglichkeiten für den Deutschunterricht.

3. Theoretische Verortung

a) Begriffsdefinition Leseverhalten

Um verstehen zu können, inwiefern bestimmte Faktoren das Leseverhalten beeinflussen, ist es sinnvoll zunächst diesen zentralen Begriff im Allgemeinen zu definieren.

Der Begriff Leseverhalten bezeichnet das individuelle Verhalten des Menschen, welches im Zusammenhang mit dem Lesen von Texten auftritt. Es wird durch interne (persönliche) und externe (gesellschaftliche) Faktoren geprägt lässt sich durch folgende Aspekte näher beschreiben[7]:

- Lesequantität und -frequenz: Wie viel und wie oft wird gelesen?
- Lesestoffe und Lesepräferenzen: Was wird gelesen?
- Leseweisen und Lektüremodalitäten: Wie wird gelesen?
- Lesefreude und -neigung: Beliebtheit des Lesens; wie gerne wird gelesen?
- Lesekompetenz: Wie „gut“ wird gelesen?

Diese fünf Aspekte sind die sogenannten Achsen der Differenz im Bereich des Lesens die von Philipp und Gabe beobachtet wurden.[8] Mithilfe dieser Achsen lassen sich genaue Aussagen über das Leseverhalten treffen. Sie werden für die quantitative Datenerhebung eine wichtige Grundlage bilden.

b) Darstellung des Forschungsstandes

„Die genaue Analyse der Sozialisation mithilfe empirischer Methoden verweist auf die hohe Bedeutung sozialer Herkunft und der Geschlechtszugehörigkeit von Leseneigungen und -fähigkeiten mitbestimmen.“[9]

Rolle des Geschlechts

Alle empirischen Untersuchungen zum Leseverhalten machen auf eine Geschlechtsspezifik des Lesens aufmerksam, das anhand der oben aufgeführten Achsen der Differenz näher differenziert wird. Im Folgenden wollen wir uns näher anschauen, welche Ergebnisse aus der KIM- und JIM-Studie bezüglich des geschlechtsspezifischen Leseverhaltens zu verzeichnen sind.

1. Ein zentraler Befund aus den Studien ist, dass Mädchen häufiger und länger, also quantitativ mehr als Jungen lesen („Bei den Jungen ist […] der Anteil der Nicht-Leser […] doppelt so hoch wie bei den Mädchen“)[10].
2. Bezüglich der Lesestoffe und Lektürepräferenzen zeigt sich, dass Mädchen andere Bücher, andere Zeitschriften und Textsorten im Internet präferieren als Jungen.[11] Während Mädchen fiktionale Texte, Biographien und Literatur mit Lebensbezug bevorzugen, ziehen Jungen vor allem Fantasy, Sachbücher, Zeitungen und Zeitschriften vor.
3. Die Lektürepräferenzen der Geschlechter gehen mit den Leseweisen und Lektüremodalitäten einher: Mädchen lesen mit großer emotionaler Beteiligung und dem Aspekt der Identifikation kommt eine große Bedeutung zu. Jungen hingegen gehen an Texte distanzierter und sachbezogener heran.[12]
4. Die Lesefreude und -neigung ist bei Mädchen stärker ausgeprägt als bei Jungen: Mädchen geben im Vergleich zu Jungen Lesen häufiger als eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen an.[13]
5. Auch im Bereich der Lesekompetenz haben die Mädchen die Nase viel weiter vorn als die Jungen: Mädchen lesen besser als Jungen und besonders bei anspruchsvolleren Aufgaben schneiden sie besser ab.[14]

Das folgende Zitat von Hurrelmann fasst das Geschlecht als Einflussgröße auf das Leseverhalten sehr prägnant zusammen: „Wenn man vorhersagen will, ob ein Kind eher viel oder wenig liest, bleibt das Geschlecht einer der zuverlässigen Prädiktoren.“[15]

Rolle des Bildungsstatus der Eltern

In Bezug auf die Lese- und literarische Sozialisation unterscheidet man formelle und informelle Sozialisationsinstanzen, die für die Entwicklung von Leseneigungen und -fähigkeiten relevant sind.[16] Dabei wird die Familie unter der informellen und primären Sozialisationsinstanz subsumiert und spielt demnach für den Bereich Lesesozialisation eine bedeutende Rolle. Es heißt, dass die soziale Herkunft der Eltern die Entwicklung von Leseneigungen und ⎼fähigkeiten ihrer Kinder im besonderen Maße prägt: „Wer in einer bildungsfreundlichen Familie (hoher Sozialstatus aufgrund der hohen Menge kulturellen Kapitals) aufwächst, besitzt weitaus bessere Chancen, quasi beiläufig kulturelles Kapital zu erwerben und LeserIn zu werden.“[17]

Sowohl in der PISA- als auch in der JIM-Studie wurde der Bildungsgrad der Eltern der befragten Schülerinnen und Schüler mittels der Frage nach der heimischen Bücherausstattung festgemacht. Es heißt, dass „der Zugang zum klassischen Medium Buch […] deutlich abhängig vom Bildungsgrad der Haupterzieher [sei,]“[18] und „[…]in Haushalten mit höherer formaler Bildung (Abitur/Studium) [sei] der Bestand […] deutlich höher.[19]

Es lässt sich also festhalten: je bildungsfreundicher die Familie, desto positiver wirkt sich das auf die literarische Entwicklung des Kindes aus.

Rolle der Sprachbiographie

Ob es ein Zusammenhang zwischen dem Leseverhalten und Sprachbiographie von Jugendlichen besteht, ist kein eingehend empirisch erforschter Gegenstand. Auch die (nicht-repräsentative) Studie an Essener Grundschulen von Kammler nimmt Schülerinnen und Schüler aus deutschsprachigen Elternhäusern in den Blick.[20] Da sich Mehrsprachlichkeit zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft entwickelt hat, ist die Frage, ob eine multilinguale Sprachbiographie auch als potenziellen Einflussfaktor gesehen werden kann, ein berechtigter Forschungsaspekt, dem in dieser Kleinstudie nachgegangen werden soll.

Nachdem nun die zentralen Ergebnisse aus der aktuellen Forschungslandschaft zusammenfassend dargestellt wurden, wird im nächsten Teil der Arbeit der empirische Teil in den Blick genommen.

4. Methodik

a) Grundlegendes Design

Für die angedachte Forschungsarbeit wird ein quantitatives Design herangezogen, da das Interesse darin liegt, Hypothesen aus der Forschung zu überprüfen und damit den Zusammenhang zwischen Leseverhalten der Schülerinnen und Schüler und Geschlecht, Sprachbiographie und Bildungsstatus ihrer Eltern zu untersuchen.

Anhand der quantitativen Studie soll die Struktur der Beziehungen der relevanten Variablen quantitativ-systematisch analysiert werden. Das Ziel ist also die deskriptive Analyse von (absoluten und relativen) Häufigkeiten. Hierzu werde ich das Programm SPSS und Excel verwenden. Nach der Datenerhebung soll ein Vergleich der Ergebnisse zwischen den Schulen an den Standorten Oberhausen (Realschule), Kleve (Gymnasium), Velbert (Gesamtschule) erfolgen.

b) Begründung der Instrumenten- und Stichprobenwahl

Für die angedachte Forschungsfrage erfolgt die Datenerhebung quantitativ mittels Fragebögen. Der Grund für die Wahl dieser Methode ist, dass die schriftliche Befragung sehr gut geeignet ist, um die subjektiven Einschätzungen der befragten Person zu dem Thema Lesen zu erfassen, um anschließend die Antworten zur Überprüfung der theoretischen Konzepte und Zusammenhänge zu verwenden. Im Unterschied zum der Erhebung mittels Interview liegt bei der schriftlichen Befragung der entscheidende Vorteil darin, dass sie sowohl bei der Erhebung als auch bei der Auswertung auch bei großen Stichproben ein effizientes Vorgehen ermöglicht.

Die Zusammensetzung der Probanden und die angestrebte Praxis zur quantitativen Datenerhebung sieht wie folgt aus: Die Datenerhebung erfolgt während der regulären Unterrichtsstunde (im Fach Deutsch). Dafür wird eine Klasse der achten Jahrgangsstufe mit 27 Schülerinnen und Schüler als Probanden herangezogen. Da innerhalb der natürlichen Schicht (Schule) eine gesamte Gruppe herausgezogen wird, handelt es sich um eine Klumpenstichprobe.

[...]


[1] KMK 2006: 4

[2] Vgl. Stanat et al. PISA 2000 - Die Studie im Überblick Grundlagen, Methoden und Ergebnisse. Berlin 2000 [Online] https://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/PISA_im_ Ueberblick.pdf: 8

[3] KMK 2006: 9 [Veränderung durch Verfasser]

[4] KMK 2006: 13

[5] vgl. PISA 2000: 14

[6] vgl. PISA 2000: 13

[7] Vgl. Pieper, Irene: Lese- und literarische Sozialisation. In: Ulrich, Winfried (Hrsg.): Deutschunterricht in Theorie und Praxis. Band XI: Lese- und Literaturunterricht I (Michael Kämper-van den Boogaart und Kaspar H. Spinner (Hrsg.)) Baltmannsweiler: Schneider 2010: 116 f.

[8] Vgl. ebd.: 116

[9] Vgl. ebd.: 90

[10] Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.): JIM-Studie 2014. Jugend, Information, (Multi) Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart 2014: 26

[11] Vgl. ebd.: 27

[12] Vgl. Pieper 2010: 116

[13] Vgl. ebd.: 117

[14] Vgl. ebd.

[15] Hurrelmann, Bettina et al.: Lesesozialisation. Bd. 1: Leseklima in der Familie. Gütersloh: Studien der Bertelsmann Stiftung 1993: 53

[16] Vgl. Pieper 2010: 89

[17] Philipp, Maik: Lesen, wenn anderes und andere wichtiger werden. Empirische Erkundungen zur Leseorientierung in der peer group bei Kindern aus fünften Klassen. Hamburg: LIT2008 (zitiert nach Pieper 2010: 115)

[18] Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.): KIM-Studie 2014. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Stuttgart 2014 [Online] http://www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf14/KIM14.pdf: 28 [Veränderung durch Verfasserin]

[19] Ebd. [Veränderung durch Verfasserin]

[20] Vgl. Kammler, Clemens: Deutsche Grundschüler sind (noch) keine Lesemuffel. Ergebnisse einer empirischen Studie über die Lektüre- und Medienpräferenzen von Dritt- und Viertklässlern. In: Praxis Deutsch - Zeitschrift für den Deutschunterricht (S. 58-60), Heft 178, 2003: 58

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Lese- und literarische Sozialisation
Untertitel
Einfluss von Geschlecht, Sprachbiographie und Bildungsgrad der Eltern auf das Leseverhalten von Schülerinnen und Schüler der 8. Jahrgangsstufe an einer Gesamtschule
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Begleitseminar Praxissemester Deutsch
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V345286
ISBN (eBook)
9783668352162
ISBN (Buch)
9783668352179
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lese-, sozialisation, einfluss, geschlecht, sprachbiographie, bildungsgrad, eltern, leseverhalten, schülerinnen, schüler, jahrgangsstufe, gesamtschule
Arbeit zitieren
Sevim Toker (Autor), 2016, Lese- und literarische Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345286

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Titel: Lese- und literarische Sozialisation


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