Bereits zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielte die auf breiter Ebene immer populärer werdende technische Innovation Fotografie für die heterogenen Ziele der Kolonialisten, Imperialisten, Anthropologen, Ethnologen, Künstler, Geographen, Reiseliteraten, Journalisten und nicht zuletzt der Missionare eine große Rolle.
Zu einem der bekanntesten Vertreter der letztgenannten Gruppe, welcher sich der Fotografie bediente, gehörte Norbert Weber. Der Erzabt der Erzabtei St Ottilien, „begeisterte Hobby-Photograph und Anthropologe“ (Bräsel 2006: 245) bereiste in den Jahren 1911/1912 Korea, um die junge Missionsarbeit in dem ostasiatischen Land voranzutreiben – „aus drängender Sorge“ (Weber 1915: VII), wie der Benediktiner in dem Vorwort seiner 1915 in Tagebuchform publizierten Reiseerinnerung „Im Lande der Morgenstille“ festhält.
Zu seinen umfassenden textlichen Aufzeichnungen gehören auch weit über 300 Farbentafeln nach Lumière-Aufnahmen, Vollbilder und Abbildungen, die in der Publikation integriert sind. Die meisten Abbildungen seines „photographischen Plünderungszuges“ (Weber 1915: 235) „eroberte“ der vielseitige Missionar übrigens selbst mit seiner Kamera – ein nicht nur materiell, sondern auch ideell „kostbares Instrument“ für den gebürtigen Langweider, wie Weber (1915: 359) reflektiert.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich nun zwei exemplarische, bildnerische Beispiele aus den Reiseerinnerungen Norbert Webers entnehmen und nach drei Gesichtspunkten untersuchen. Zunächst soll die Frage nach der allgemeinen Konzeption und den formalen Charakteristika beantwortet werden: Wer oder was wird dargestellt? Wie wird etwas gezeigt? Wo wird etwas aufgenommen?
Nach diesen generellen Kriterien soll im weiteren Verlauf ein Interpretationsansatz unternommen werden, um herauszufinden, welche Absicht der Kommunikator, also der Fotograf, mit dem Gegenstand selbst verfolgte – sprich: Was ist die Intention und Hauptaussage Webers? Was könnte Weber für Ziele mit diesem Foto verfolgen: Eine einfache persönliche Erinnerung oder ein massenwirksames Zuschaustellen von exotischen Völkern?
Als dritte und letzte Untersuchungsebene soll die Rezeptionsweise dienen. Auch bei diesem interpretatorischen Vorgehen sollen insbesondere ebenfalls die Texte aus der Primärliteraturquelle „Im Lande der Morgenstille“ (1915) von Norbert Weber und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema „Mission und Photographie“ Aufschlüsse über die Leseweise der bildnerischen Erzeugnisse bieten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung, Gegenstand, Methode
2 Gestaltung, Absicht und Wirkung exemplarischer Missionsphotographie
2.1 Konzeption und formale Kriterien
2.2 Intention. Absichten und Ziele Norbert Webers
2.3 Rezeption. Bilder zwischen den Welten
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die fotografischen Arbeiten des Missionars Norbert Weber in Korea zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, die Konzeption, Intention und Rezeption der Aufnahmen zu analysieren und dabei die Hypothese zu prüfen, ob die Fotografien lediglich Propagandainstrumente waren oder einen dokumentarischen Wert besaßen.
- Analyse der formalen Bildgestaltung und Konzeption
- Untersuchung der Intention des Fotografen Norbert Weber
- Betrachtung der historischen und sozio-kulturellen Rezeptionsweisen
- Kontextualisierung von Missionsfotografie im 20. Jahrhundert
- Hinterfragung von Klischees und Stereotypen in der Bildkommunikation
Auszug aus dem Buch
2.2 Intention. Absichten und Ziele Norbert Webers
„Diese [stereotypen und inszenierten, eigene Anmerkung] Bilder hatten wie die Missionsliteratur, in der sie verwendet wurden, hauptsächlich eine Propagandafunktion“, postulieren Klein & Theye (1990: 460) über die Missionsfotografie und führen ferner an, dass das „Photographieren häufig vielmehr verstellen als darstellen [...] ist“ (ebd.: 462). Diese sehr verallgemeinernde Auffassung gilt es anhand der Fragestellung, welche Absicht der Missionar und Fotograf Norbert Weber bei der Produktion der Bilder und anschließende Publikation verfolgte, zu erörtern.
In der Literatur über Missionsfotografie kommen vornehmlich Schlagwörter wie Demonstration von Überlegenheit und Exotismus, Propagandafunktion und Legitimierung der Arbeit und Geldmittel auf: „So haben Missionare [...] Photographien benutzt, um ihre Tätigkeiten zu dokumentieren und um finanzielle Mittel zu werben“ (Jäger 2000: 143). Bei den Beispielbildern von Norbert Weber scheinen viele der aufgeführten Gründe auf den ersten Blick zu stimmen. Gerade Abbildung 1 weist einen hohen Grad an Überlegenheitsdenken auf, wenn sich ein einheimisches koreanisches Mädchen vor dem stigmatisierten „christlichen Retter“ tief verbeugt. Der abwertend wirkende Blick Webers mag das konstruierte Bild, nämlich dass die heidnischen Völker sich nicht nur vor einer Einzelperson, sondern auch vor dem gesamten westlichen und christlichen Werte- und Normensystem verbeugen, niederknien und anerkennen, noch verstärken.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung, Gegenstand, Methode: Dieses Kapitel stellt die theoretische Basis dar und hinterfragt die Authentizität fotografischer Bilder sowie die methodische Herangehensweise bei der Analyse von Norbert Webers Aufnahmen.
2 Gestaltung, Absicht und Wirkung exemplarischer Missionsphotographie: Hier erfolgt die detaillierte Analyse der ausgewählten Fotografien hinsichtlich ihrer formalen Gestaltung, der Absichten des Autors und der Rezeption im historischen Kontext.
2.1 Konzeption und formale Kriterien: Das Kapitel beschreibt konkret, wie Norbert Weber Personen und Situationen in Korea inszenierte und welche formalen Mittel der Fotografie dabei zum Einsatz kamen.
2.2 Intention. Absichten und Ziele Norbert Webers: Die Untersuchung befasst sich kritisch mit den Vorwürfen der Propaganda und zeigt auf, dass Webers eigene Intention primär in der Bewahrung einer untergehenden Kultur lag.
2.3 Rezeption. Bilder zwischen den Welten: Hier wird diskutiert, wie die Wirkung der Bilder auf den Betrachter durch die gedankliche Konstruktion der Leserschaft entsteht und wie Weber dabei Spannung und Authentizität erzeugte.
3. Fazit: Das Fazit bestätigt die Ausgangshypothese, dass Missionsfotografie nicht einseitig als bloßes Propagandainstrument verstanden werden darf, sondern stets durch kontextuelle Analyse zu bewerten ist.
Schlüsselwörter
Missionsfotografie, Norbert Weber, Korea, Im Lande der Morgenstille, Fotografieanalyse, Bildrezeption, Kulturgeschichte, Kolonialfotografie, Missionsarbeit, Authentizität, Bildinszenierung, Stereotype, Historische Bildforschung, Anthropologie, Ostasien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert ausgewählte Fotografien des Missionars Norbert Weber, die während seiner Reise nach Korea 1911/1912 entstanden sind und 1915 publiziert wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen Missionsarbeit und Fotografie, die Konstruktion von Bildern im kolonialen Kontext sowie die Bedeutung historischer Reiseberichte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, welche Konzepte, Intentionen und Rezeptionsweisen in der bildnerischen Gestaltung von Norbert Webers Missionsfotografien liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine bildanalytische Untersuchung durchgeführt, die formale Kriterien der Fotografie mit Textstellen aus der Primärquelle sowie wissenschaftlicher Forschungsliteratur kontextualisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Analyse der Bilder, eine Untersuchung der Absichten des Autors und eine Diskussion der Rezeptionsgeschichte der Aufnahmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Missionsfotografie, Bildinszenierung, Korea, Norbert Weber, historische Authentizität und Kulturgeschichte.
Wie bewertet der Autor die Propagandavorwürfe gegen Weber?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Webers Fotografien ursprünglich als private Reiseerinnerungen dienten und die propagandistische Deutung erst durch die öffentliche Rezeption oder den historischen Zeitgeist entstand.
Welche Rolle spielen die im Anhang gezeigten Beispiele?
Die Abbildungen dienen als konkrete Fallbeispiele, um die im Text diskutierten Themen wie Machtverhältnisse, kindliche Demut und formale Bildgestaltung direkt nachvollziehbar zu machen.
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- Christian Schubert (Author), 2008, Die Missionierung im Bild. Konzeption, Intention und Rezeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345311