Inhaltliche und formale Aspekte von Grimmelshausens „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“

Die Einsiedlerepisode


Hausarbeit, 2008

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung, Gegenstand, Methode und Ziel

2 Inhaltliche und formale Aspekte der Einsiedlerepisode
2.1 Ausgangssituation – Simplicii Leben bei dem Einsiedler
2.2 Die Benennung des Namenlosen – Funktionen im Lebenslauf
2.3 Einsiedlertum als Rahmung des Romans? – Konträre Positionen

3 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einführung, Gegenstand, Methode und Ziel

Zu den bekanntesten Werken von Hans Jacob Christoph (Christoffel) von Grimmelshausen gehören zweifellos die simplicianischen Schriften. Der gesamte Zyklus umfasst insgesamt zehn Bücher: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (I. – V. Buch), Continuatio des abentheuerlichen Simplicissimi Oder Der Schluß desselben (1669), sowie Trutz Simplex: Oder [...] Lebensbeschreibung Der Ertzbetrügerin und Landstörtzrtin Courasche (1670), Der seltzame Springinsfeld (1670), Wunderbarliches Vogel-Nest (1672) und abschließend Deß Wunderbarlichen Vogelnests Zweiter theil (1675). Das Erstwerk des simplicianischen Zyklus’, „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“[1], gilt als erster deutscher Roman und bedeutendster Schelmen- oder Pikaroroman in dem barocken Zeitalter des 17. Jahrhunderts, in welchem vor allem in der ersten Hälfte der höfisch-historische Roman eine dominante Stellung einnahm. Laut Volker Meid, wie er in seinem Nachwort der Grimmelshausen-Ausgabe von 1996[2] festhält, bildet der „Abentheuerliche Simplicissimus“ von 1668 (auf dem Titelblatt vordatiert auf 1669) den Beginn „dieses satirischen Romanzyklus“.

Mitunter kontrovers werden die Diskussionen innerhalb der Grimmelshausenforschung geführt. Einen Teilaspekt dieser gegensätzlichen wissenschaftlichen Standpunkte bildet die sogenannte Einsiedlerepisode. Mit dieser Arbeit möchte ich zunächst einen kurzen Abriss über die Ausgangssituation des Protagonisten, sowie über die Begegnung und das Leben mit dem Eremiten liefern. Im Anschluss soll dann eine Einordnung in den Lebenslauf der Hauptfigur Simplicius Simplicissimus folgen, in der dann auch explizit auf das Romanende und die Rückkehr des „seltsamen Vaganten“ in die Einsiedelei eingegangen wird. Zum Ende des Hauptteils folgt dann eine Gegenüberstellung konträrer wissenschaftlicher Positionen, welche die Einsiedlerepisode nach formalen Kriterien, sprich: nach Funktionen für den Gesamtroman als Rahmung oder eben Nicht-Rahmung, beurteilen. Im dritten und letzten Teil der vorliegenden Ausführungen soll dann resümierend ein Überblick über die Funktionen der Einsiedlerepisode sowohl auf inhaltlicher als auch formaler Ebene erfolgen. Ziel der Gesamtarbeit ist die Zusammenfassung von dem Erzählten sowie die Darstellung des Forschungsstandes und der Diskussion über das Erzählte zur Einsiedlerthematik, wozu auch abschließend kritisch Stellung bezogen wird.

Dabei wird insbesondere auf die ersten fünf Bücher des simplicianischen Zyklus Wert gelegt, wohingegen auf die Continuatio samt zweimaliger versuchter Rückkehr des Protagonisten in das Eremitenleben verzichtet wird. Primärliteraturquelle ist die Textausgabe Grimmelshausen, H. J. C. (1996): Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Mit einem Nachwort von Volker Meid. Stuttgart: Reclam, welche im Laufe dieser Arbeit wie in Fußnote à (2) gezeigt, als Quelle im fortlaufenden Text im Harvard-Zitationsschema angegeben wird.

2 Inhaltliche und formale Aspekte der Einsiedlerepisode

Um am Ende dieser Arbeit zu einem möglichst umfassenden Ergebnis zu kommen, dienen sowohl die inhaltlichen Aspekte der Einsiedlerepisode, als auch die formale Rahmung des Gesamtromans als wesentliche Bestandteile zu Urteilsbildung über die Einsiedlerthematik in Grimmelshausen „Simplicissimus Teutsch“. Während die folgende zusammenfassende Darstellung über Simplicii Leben bei dem Eremiten Aufschlüsse über die Begegnungen zweier „komplementärer Erscheinungen der Seltsamkeit“ (Merzhäuser 2002: 116) reflektieren soll, werden die Erkenntnisse im zweiten Teil des Hauptkomplexes in den simplicianischen Lebenslauf eingeordnet, ehe zum Ende hin zwei konträre Forschungspositionen (Merzhäuser 2002 und Meid 1984) ausgehend von den gesammelten Funktionen in der Vita des Protagonisten gegenübergestellt werden. Alle drei Unterpunkte dieses Abschnittes bauen somit aufeinander auf.

2.1 Ausgangssituation – Simplicii Leben bei dem Einsiedler

Zu Beginn des VI. Kapitels im I. Buch trifft der noch namenlose, allenfalls von seiner Meuder „Bub, Schelm, ungeschickter Dölpel, und Galgenvogel“ (Grimmelshausen 1996: 36) genannte Bauernjunge aus dem Spessart bei der Flucht vor Soldaten, welche den elterlichen Hof plündern, auf den Einsiedler. Versteckt in einem Wald hört der Junge des Eremiten Worte, welche „einen Christenmenschen, [...] billich aufmuntern, trösten und erfreuen hätten sollen: Aber, o Einfalt und Unwissenheit! es waren mir nur Böhmische Dörfer, und alles ein unverständliche Sprach, aus deren ich nicht allein nichts fassen konnte [...]“ (Grimmelshausen 1996: 30f). Neben dieser für den einfältigen Bauernburschen unverständlichen Sprache macht auch das äußere „scheußlich und förchterliche“ Erscheinungsbild des „großen Manns [...] in langen schwarzgrauen Haaren [...], mit wilden Bart [...]“ einen beängstigenden Eindruck auf den Protagonisten, dass dieser „anfienge zu zittern wie ein nasser Hund“ (Grimmelshausen 1996: 31). Aus seiner Angst, Unwissenheit und Einfalt heraus gibt es für den „Bub“ nur eine Erklärung für die wunderliche Gestalt im Wald: „[...] dieser alte Greis müßte ohn Zweifel der Wolf sein, [...]“ (Grimmelshausen 1996: 31), woraufhin der Junge in sein altes Verhaltensmuster verfällt und auf der Sackpfeife zu spielen beginnt um den Wolf zu vertreiben – wie es ihm sein Knan beim Schafe hüten aufgetragen hat. Kurz darauf fällt der Junge vor Angst in Ohnmacht und wird von dem fremdartigen Mann mit in dessen Hütte gebracht, gespeist und beruhigt. Als der Protagonist nach seinem Erwachen am anderen Tag von dem Einsiedler wieder nach Hause geführt werden soll, offenbart sich für den Waldbewohner in einem Dialog zum Ende des VIII. Kapitels und im Diskurs des gesamten IX. Kapitels mit dem geretteten Jungen dessen ganze Einfalt, woraufhin der Einsiedler beschließt, den Bub „um Gottes willen besser zu unterrichten“ (Grimmelshausen 1996: 35).

In den kommenden zwei Jahren also wird der Simplicius von dem frommen Einsiedler in die christlichen Religion eingeführt, er lernt lesen und schreiben, sodass der Simplicius bis zum Tode seines Ziehvaters sein „Christentum wohl verstunde, und die teutsche Sprach so schön redete, als wann sie die Othographia selbst ausspräche [...]“ (Grimmelshausen 1996: 47). In dem „harten eremitischen Leben“ (ebd.), in welchem ein Pfarrer aus dem anliegendem Dorf die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellt, hat Simplicius viel gelernt, „außer wie es in der Welt zugeht“ (Triefenbach 1979: 25). Nachdem der Eremit seinem Zögling noch drei Lebenslehren auf dem Sterbebett mitgibt („sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden, und beständig bleiben“, Grimmelshausen 1996: 49), beerdigt der Simplicius seinen „Vater“ und beschließt, weiter im Wald zu leben und es seinem „Vorfahren sowohl im Leben als auch im Habit“ (Grimmelhausen 1996: 54) gleichzutun.

Dieser Entschluss wird indes alsbald überworfen, als der Simplicius bei dem Besuch des Dorfes beobachtet, wie dieses von Soldaten geplündert wird und er später in seiner Hütte einen Brief des Einsiedlers findet, in welchem der Lehrling auffordert wird, zusammen mit dem Pfarrer den Wald zu verlassen und Gott den Protagonisten an einen Ort bringen wird, welcher dem Simplici am bequemsten sein wird (Grimmelshausen 1996: 69). Die Hauptfigur folgt sodann dem Rat des verstorbenen Eremiten und landet schließlich in der Festung Hanau. Dort wird er zunächst von dem Gubernator, Oberst Ramsay, verhört und trifft auf den Dorfpfarrer. In Kapitel XXII wird der Simplicius in der Retrospektive über die wahre Identität des Einsiedlers aufgeklärt: So war der Eremit (wahrer weltlicher Name: Kapitän Sternfelß von Fuchshaim[3] ) Schwager des Hanauer Gubernators und Offizier in hoher Position, dem seine schwangere Frau bei der verlorenen Schlacht bei Höchst „abhanden gekommen ist“ (Triefenbach 1979: 25), woraufhin sich der Kapitän von der Welt samt Adel und Güter verabschiedet hat und fortan (vor zwölf Jahren zum Erzählzeitpunkt) ein Leben in Eremitage führte. Nach dieser für ihn überraschenden Erkenntnis durchlebt Protagonist Simplicius Simplicissimus (wie er nun von dem Gubernator genannt wird) seine Abenteuer und lernt die „wahre“, für ihn neue Welt abseits des elterlichen Hofes und der Einsiedelei kennen. Erst zum Schluss des Romans, im achten Kapitel des V. Buches, erfährt Simplici, dass er nicht nur geistiger, sondern auch leiblicher Sohn des Eremiten ist. Dies berichtet ihm sein Knan, der das Kind der Edelfrau Susanna Ramsi und ihres Ehemannes Kapitän Sternfelß von Fuchshaim kurz nach der Geburt aufnahm, aufzog und als Melchior Sternfelß von Fuchshaim taufen ließ. Der Roman „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ schließt mit dem Beschluss der Hauptfigur, abermals in die Einsiedelei zurückzukehren:

Begab mich derhalben in eine andere Wildnus, und fienge mein Spesserter Leben wieder an; ob ich aber wie mein Vatter sel. bis an mein End darin verharren werde, stehet dahin. Gott verleihe uns allen seine Gnade, daß wir allesamt dasjenige von ihm erlangen, woran uns am meisten gelegen, nämlich ein seliges ENDE. (Grimmelshausen 1996: 571)

[...]


[1] Im Originaltitel: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und maenniglich nutzlich zu lesen. An Tag geben Von German Schleifheim von Sulsfort Monpelgart / Gedruckt bey Johann Fillion / Im Jahr MDCLXIX. (vgl. Titelblatt aus Grimmelshausen 1996: 7)

[2] In den folgenden Ausführungen dieser Arbeit Literaturangabe dergestalt angegeben: (Grimmelshausen 1996: 788).

[3] Abweichende Schreibweise innerhalb des Romans, vergleiche Grimmelshausen 1996: 7 (Titelblatt: Fuchshaim) und Grimmelshausen 1996: 497 (Fuchsheim)

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Inhaltliche und formale Aspekte von Grimmelshausens „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“
Untertitel
Die Einsiedlerepisode
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät - Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur der frühen Neuzeit: Grimmelshausens „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V345314
ISBN (eBook)
9783668350816
ISBN (Buch)
9783668350823
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grimmelshausen, Simplicissimus, Barock, Frühe Neuzeit, Pikaro, Schelmenroman, Dreißigjähriger Krieg, Literatur
Arbeit zitieren
M.A. Christian Schubert (Autor), 2008, Inhaltliche und formale Aspekte von Grimmelshausens „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345314

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