Aspekte des common sense


Essay, 2016

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstrakt

Grundgedanken

Zur Geschichte

Das Ethos des Gesunden Menschenverstandes

Kann man das Weltbild des common sense beweisen?

Der Begriff des sensus communis bei Immanuel Kant

Fazit:

Literatur

Abstrakt

Die hier vorgestellten und erörterten Philosophien des common sense und des Gesunden Menschenverstandes differieren aufgrund des unterschiedlichen ontologischen und pragmatischen Kontextes, in den sie eingebettet sind.

Jede der Theorien ist unter Einbeziehung ihrer Prämissen maßgeblich und erlaubt keine mit den anderen Lehren kompatible objektive Wesensbestimmung des common sense und Gesunden Menschenverstandes.

Grundgedanken

Basis der nachfolgenden Überlegungen ist die empirische Gewissheit, daß der geistig intakte Mensch in seinem alltäglichen Daseinsvollzug von der Existenz einer sinnlich wahrnehmbaren Außenwelt, kausalen Abläufen und dem Vorhandensein anderer ansprechbarer Menschen und einem Dasein in Raum und Zeit überzeugt ist. Diese pragmatische Sicherheit des alltäglichen Lebens gilt unabhängig davon, welche weltanschaulichen Ansichten oder philosophischen Theorien über die Strukturen und das Realsein der Realität jemand hat.

Darüber hinaus und vor allem liegt meinen weiteren Ausführungen diese Arbeitshypothese zugrunde: Einen gesunden Menschenverstand billigen die Mitmenschen jemandem zu, der sich durch einen gewissen Bestand an Verhaltensweisen ausweist, wie

- ein besonnenes, auf Umsicht und Einsicht („das richtige Augenmaß“) gegründetes Urteilsvermögen,
- Hinhören und Eingehen auf die Ansichten Anderer,
- Enthaltung von Vorurteilen und ‚absoluten Wahrheiten‘,
- und Fähigkeit zur Selbstkritik.

Zur Geschichte

Thomas Reid (1710-1796) ist - soweit ich sehe - der geistige Vater der Philosophen des common sense und der herausragende Kopf der „Schottischen Schule“ dieser Denkrichtung.[1]

Mit einigem Humor beschreibt Reid die damals angesehensten -englischen- Philosophien als hochintellektuelle Kunstwerke, mit denen ihre Schöpfer Probleme zu lösen unternahmen, die sie mit ihrem Tiefsinn selbst erzeugt hatten.

Locke und vor allem Hume legten in ihrer assoziationspsychologischen Weltansicht die oben skizzierten Selbstverständlichkeiten des common sense skeptisch beiseite; die menschliche Wahrnehmung konstituierte sich nach ihrer Lehre aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken, Verbindungen eingehen und auflösen atomischer „simple ideas“. John Stewart Mill nannte das „mental chemistry“.

Bischof Berkeley(1685-1758) ‚sublimierte‘ die Gedankenwelt Lockes und Humes zu einem Spiritualismus, für den keine Außenwelt mehr existiert: „esse est percipi“ - alles was ist, ist Bewusstseinsinhalt.

Reid denunziert die Philosophien seiner Zeit als untauglich für das Leben und als Korruption des menschlichen Geistes. Er konstatiert (mit leichtem Spott), dass nach der Lehre Berkeleys die Annahme von äußeren, materiellen Substanzen auf die Interaktion unserer mentalen Vorgänge (sensations bzw. ideas) zurückzuführen ist.[2]

„The theory of ideas, like the ‚Troyan horse‘, had a specious appearence both of innocence and beauty; but if those philosophers had known that it carried in its belly death and destruction to all sincere and common sense, they would not have broken down their walls or give it admittance.“[3]

Jeder normale Mensch weiß, daß ein Tisch, von weitem betrachtet kleiner aussieht als er tatsächlich ist. David Hume, Zentralfigur von Reids Philosophiekritik, folgert daraus, dass es den Raum und die Entfernungen darin nicht wirklich gibt: der Tisch, der doch immer gleich groß ist, existiert allein im menschlichen Geist. Reid zitiert nun Humes ‚Widerlegung‘ des common sense:

„But this universal and primary opinion of all men is soon destroyed by the slightest philosophy, which teaches us that nothing can ever be present to the mind but an image or perception: and that the senses are only the inlets through which the images are received, without being ever able to produce any immediate intercourse between the mind and the object. The table, which we see, seems to diminish as we remove farther from it: but the real table, which exists independent of us, suffers no alteration, it was, therefore, nothing but its image which was present to the mind […] we are necessitated, by reasoning, to depart from the primary instincts of nature, and to embrace a new system with regard to the evidence of our senses.“[4]

Die von Kant selbst bekundete Vorläuferschaft zu Kants Transzendentalkonzept ist unverkennbar.

So, gegen den Gemeinsinn normaler Leute, bemerkt Reid, verfremden die Philosophen unser Bild von der Wirklichkeit. Um dies zu bekräftigen, examiniert Reid Humes Position noch einmal „by the light of common sense“:[5]

„Must not this real table seem to diminish as we remove farther from it? It is demonstrable that it must. How then can this apparent diminution be an argument that it is not the real table? When that which must happen with the table, as we remove farther from it, does actually happen to the table we see, it is absurd to conclude from this, that it is not the real table we see.

It is evident, therefore, that this ingenious author has imposed upon himself by confounding real magnitude with apparent magnitude, and that his argument is a mere sophism.

I observed that Mr. Hume’s argument not only has no strenght to support his conclusions, but that it leads to the contrary conclusion - to wit, that it is the real table we see; for this plain reason, that the table we see has precisely that apparent magnitude which it is demonstrable the real table must have when placed at that distance.“[6]

Das Ethos des Gesunden Menschenverstandes

Einen gesunden Menschenverstand (common sense) spricht man – wie im den Grundgedanken(s.o.) ausgeführt- gemeinhin einer Person zu, die uns durch abwägende Stellungnahmen, Enthaltung von Vorurteilen und Dogmen, Gesprächsbereitschaft und besonnene Entscheidungen überzeugt.

Einen anderen Sinn bekommt der common sense, wenn er nicht einem Mitmenschen attestiert, sondern von jemand oder einer Gruppe für sich selbst beansprucht wird.

In seinem Artikel „Common sense - Wissen oder Nicht-Wissen?“ kommt Mohamed Amjahid nach der Durchsicht etlicher exemplarischer Anstrengungen, den common sense sowohl allgemeingültig als auch inhaltlich eindeutig zu definieren, zu dem Schluss: “Unter common sense fallen […] alle Annahmen und Vorstellungen, die von einer bestimmten Anzahl von Menschen, sei es einer Familie, Sozialschicht oder Kultur geteilt werden und als Realität gelten.“[7] (siehe hierzu auch Robert Nehrigs Kant-Dissertation)[8]

Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Begriffsbestimmungen beschreibt die Rede vom sensus communis kein vorfindliches Faktum, sondern eine dem handelnden Menschen gestellte Aufgabe: bei dem, was er denkt und tut, die allgemeinmenschliche Vernunft nach bestem Wissen und Gewissen walten zu lassen.

Eine solche ethische Implikation des Begriffs kann bestritten werden; in seiner umgangssprachlichen Verwendung wird dieser Anspruch auf allgemeine Akzeptanz der handlungsleitenden Maximen jedoch stets (außer bei asozialer Motivation) miterhoben.

Faktisch bedeutet das die Zurückwendung der Person auf sich selbst, das eigene Verhalten im Licht einer von tendenziell Allen gebilligten Sichtweise zu kontrollieren, moralisch gesprochen: sich an überindividuellen Werten und Interessen zu orientieren.

Dieses Postulat erweist sich im Alltag als Utopie, da allzu viele Individuen und Gruppen ihre subjektiven Leitlinien ihres Handelns für zweifelsfrei („indiskutabel“), weise und human erachten.

So gelangen wir zu dem ironischen Fazit: Es gibt keinen common sense über den common sense; wohl aber individuell oder kollektiv selbstgewisse und nicht selten militante Idiosynkrasien.

Dem versucht seit den letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts die vornehmlich von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel entfaltete Idee einer umfassenden Gesprächskultur entgegen zu treten, die den rückhaltlosen Diskurs mit und unter Andersdenkenden als äußerste Annäherung an den erstrebten allgemeinmenschlichen und –verbindlichen sensus communis betreibt.

Die Rede „Das sagt einem (doch) der gesunde Menschenverstand“ oder „Das gebietet die Vernunft“ wird in alltäglichen Unterhaltungen als Ausdruck gesicherten Wissens verwendet und unterstellt den fraglosen Konsens mit allen vernünftigen Leuten. Das Gesprächsethos fordert demgegenüber immer wieder, die eigenen Entscheidungen selbstkritisch mit realen oder vorgestellten Mitmenschen zu erörtern- was nicht heißt, praktisch entscheidungsschwach zu sein; denn das tägliche Leben fordert, Stellung zu nehmen und einen bestimmten Weg zu gehen.

Die nun dargelegten Prinzipien eines kommunikativen Ethos sind entschieden unpopulär: Der Mensch und zumal jede Gemeinschaft neigt eher dazu, eigenen oder mit anderen Gesinnungsgenossen geteilten Doktrinen, einfachen Wirklichkeitsdeutungen und schlichten Problemlösungen zu folgen, eine ein- und abgrenzende Position zu beziehen und auf deren Immunität gegen jederlei Einrede zu beharren.

So gesehen ist ein (seinem Wortsinn gemäß) überpersönlicher common sense kein simples Faktum (was Alle denken), sondern eine erst noch auf eine Lösung wartende, dem Weltbürger zeitlebens gestellte Aufgabe.

[...]


[1] Gewichtige Vorläufer hat die Philosophie des sensus communis in Philosoph(i)en des Mittelalters, in der Stoa, im Denken von Cicero, Boethius und Abaelard. Die Stationen und Positionen dieser Tradition sachgerecht herauszuarbeiten, muss einer anderen Untersuchung überlassen bleiben.

[2] Thomas Reid; Inquiry and Essays, ed. By R.E. Beanblossom and K.Lehrer, Hackett Publishing Company, Indianapolis, Indiana, 1984, S. 60 f.

[3] ebd. S.61

[4] ebd. S.176

[5] ebd.S.178

[6] ebd. S. 179

[7] http://userwikis.fu-berlin,de/pages/viewpage.action?pageld=410812422, S.2.

[8] Eine detaillierte Darstellung des Bedeutungskomplexes von common sense findet sich in Robert Nehring: Kritik des Common Sense, Gesunder Menschenverstand, reflektierende Urteilskraft und Gemeinsinn – der Sensus communis bei Kant, Duncker & Humblot, Berlin 2010, S. 20-46.

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Details

Titel
Aspekte des common sense
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V345381
ISBN (eBook)
9783668353367
ISBN (Buch)
9783668353374
Dateigröße
214 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
common sense, gesunder Menschenverstand, Wesensbestimmung
Arbeit zitieren
Dr. Werner Schneider (Autor:in), 2016, Aspekte des common sense, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345381

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