Inwiefern erschwert der Nationalgedanke ein vereintes Europa?


Essay, 2015

9 Seiten, Note: 1,0

Ines Kniszka (Autor)


Leseprobe

„JA zu Europa, NEIN zu Europa!“ – der Wahlspruch der PARTEI ist auf den ersten Blick ein Paradoxon, für die meisten wohl auch auf den zweiten. Bei einer Gruppe, die sich Satire auf die Fahnen geschrieben hat, ist zunächst nichts anderes zu erwarten (vgl. dazu Kompa 2014; Rydlink 2014). Doch Satire macht auf reale Missstände aufmerksam, indem sie sie überzeichnet und ins Lächerliche zieht. Steckt also mehr dahinter? Ein dritter, diesmal ernsthafter Blick auf den Wahlspruch legt die Vermutung nahe: Was Europa angeht, sind die Europäer entschieden unentschlossen.[1]

Die geographische Einordnung fällt schon schwer, denn was wir ‚Europa‘ nennen, besitzt nach Osten hin keine klaren Grenzen. Wenn Dieter Langewiesche (2000:217) von Europa als einem „Prozeß ständiger Konstruktion“ spricht, geht es um kulturelle und gesellschaftliche Konventionen, die die Grenzziehung maßgeblich beeinflussen. Konventionen ändern sich jedoch mit der Zeit, und so hat auch Europa in seiner langen Geschichte verschiedene Grenzen besessen (vgl. Weidenfeld 2013:41). Heute wird die Grenze zwischen Asien und Europa gewöhnlich am Uralgebirge gezogen, aber auch das ist nur gesellschaftliche Übereinkunft.

In jedem Fall wurde die europäische Entwicklung besonders durch die Fülle verschiedener Ethnien und Kulturen auf kleinstem Raum bestimmt (vgl. ebd.). Diese innere Zersplitterung zeigt sich heute in Form vieler kleiner Nationalstaaten, wobei deren feste Grenzen einen kulturellen Austausch tendenziell hemmen. An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob die Organisation in Einzelstaaten eine Europäische Einigung erschwert oder gar verhindert. Wäre die EU erfolgreicher, würde man sich von dem Konstrukt ‚Nation‘ verabschieden – oder zumindest vom ‚Nationalstaat‘? Und ist so etwas überhaupt möglich und wünschenswert?

Das Konzept der ‚Nation‘ ist wiederum nicht ganz so eindeutig, wie es scheint. Grundlegend werden zwei Nationsbegriffe unterschieden: Einerseits die politische bzw. Staatsnation, die sich vor allem durch ihre äußeren Grenzen definiert;[2] es gibt zwar eine gemeinsame Verwaltungssprache, das setzt aber nicht voraus, dass alle Einwohner derselben Ethnie oder Sprachgemeinschaft angehören. Als bekanntestes Beispiel bietet sich hier der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn an (vgl. Langewiesche 2000:15) Auf der anderen Seite basiert die Ethno- bzw. Kulturnation auf einer (imaginären) ethnischen Abstammungsgemeinschaft, wobei diese nicht durch politische Grenzen verdeutlicht werden muss (vgl. ebd.:18). So überlebte das ethnische Polentum, obwohl der polnische Staat von 1795 bis 1918 offiziell gar nicht existierte.

Man ist versucht zu sagen, die Kulturnation wäre im Gegensatz zur Staatsnation ‚natürlich‘ – bezieht sie sich doch auf die gemeinsame Sprache als Hauptmerkmal. Zwar spricht auch Langewiesche (2000:19) von einer vormodernen Ethnonation, die als Basis moderner Nationalstaaten fungiert[3] – allerdings sieht er den politisch-staatlichen Verband als Kern der Nationsbildung an: Durch Reglementierung von außen werde erst ein homogenes Inneres erschaffen. Eine gleichwie geartete ‚Nation‘ sei nicht in der Bevölkerung verankert und dadurch sei das Gemeinschaftsgefühl institutionell formbar (vgl. ebd.:24). Anders gesagt: Politische Grenzen sorgen dafür, dass die Einwohner eines bestimmten Gebietes sich kulturell ähnlicher werden – unabhängig von ihrer Abstammung, denn wichtiger ist der tägliche Umgang.

Der Siegeszug des modernen Nationalismus beginnt im späten 18. Jahrhundert in Frankreich. Er geht von der Gleichberechtigung aller Bürger aus, was ihm ungeheure politische Sprengkraft verleiht. Neu ist auch die Bemühung um einen Nationalstaat, der das Territorium einer (konstruiert) homogenen Gruppe nach außen sichern soll, sozusagen die Verschmelzung von ethnischem und politischem Nationskonzept.[4] Heute empfinden wir diese Ordnung als natürlich (vgl. etwa Serloth 1995:86), aber eigentlich ist es eine sehr junge Erfindung.

Und längst noch nicht überall in Europa angekommen: Während einige Staaten sich allmählich für supranationale, gesamteuropäische Lösungen öffnen (besonders im westlichen Europa), kämpfen andere noch um einen eigenen Nationalstaat (eher im östlichen Europa) (vgl. ebd.:95). Barbara Serloth (ebd.:86) geht 1995 sogar noch von der Notwendigkeit eines Nationalstaates aus, sofern folgende Merkmale erfüllt sein sollen: „a homogeneous population with the same history, culture and language which lives in a certain territory […] are [sic!] able to live their own law“.

Es ist also ersichtlich, dass die Gründung eines Nationalstaates der dominierenden ethnischen Gruppe Vorteile bringt: Alle haben dieselben Rechte und Pflichten, die eigene Sprache wird gepflegt, die eigene Kultur geschätzt. Und genau hier liegt auch das Problem, mit dem Europa zu kämpfen hat. Es ist weniger politisch als vielmehr psychologisch. Janusz Sztumski (1995:129f) stellt sehr überzeugend dar, dass der Mensch aus verschiedenen Gründen gezwungen ist, seine Umwelt zu vereinfachen.[5] Stereotype seien hierbei hilfreich, basierten jedoch auf „zufälligen Erlebnissen, Alltagsmeinungen, frommen Wünschen und fehlerhaften Folgerungen“ – seien also „reale, aber unvollständige, manchmal auch falsche Widerspiegelungen der Wirklichkeit“ (ebd.:129). Dabei passiere es häufig, dass von einem tatsächlich vorhandenen Merkmal (etwa dem osteuropäischen Akzent) auf andere Eigenschaften geschlossen wird, die zum entsprechenden Stereotyp passen (etwa höhere Bereitschaft zur Kriminalität). Offenbar tendiert der Mensch dazu, sich ein Bild von seinen Mitmenschen zu machen, bevor er Zeit mit ihnen verbracht hat. Weiten sich die Stereotype zu Vorurteilen aus, kommt es gar nicht mehr zu einen unbelasteten Austausch.[6] Nach Robert Hettlage (1995:32) ist die eigene Identität wiederum untrennbar mit einem ‚Wir‘ verbunden, mit der Gruppe also, der man sich zugehörig fühlt. Das ‚Wir‘ existiert jedoch nur als Gegensatz zum ‚Sie‘, zum Fremden. Die eigene Identität baut somit maßgeblich auf der (kollektiven) Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern auf (vgl. ebd.), wobei erstere positiv, letztere negativ sind (vgl. Sztumski 1995:134). Entsprechend konstituiert sich auch „[e]ine Nation über Selbst- und Gegenbilder. Im Bild von dem Fremden gewinnt man ein Bild von sich selbst. Und umgekehrt: Am Selbstbild formt sich das Bild des Fremden“ (Langewiesche 2000:49).

Was heißt das aber? Im langen 19. Jahrhundert wurden in Europa, ganz im Zeichen des Nationalismus, nationale Identitäten geschaffen, die häufig aggressiv kommuniziert wurden (vgl. ebd.:26). Das bloße ‚Andere‘ wurde zum Fremden, Bedrohlichen stilisiert, das real gar nicht in diesem Ausmaß existierte; dass so etwas zu Abgrenzung statt zur Kooperation führt, wurde blutig in den Weltkriegen bewiesen. Es gibt deshalb noch kein gesamteuropäisches Wir-Gefühl, weil es jahrzehntelang darum ging, sich als besser als benachbarte Ethnien zu verstehen.

Wir haben festgestellt, dass die eigene Identität untrennbar an die Konstruktion eines ‚Wir‘ und eines ‚Sie‘ gebunden ist. Nationalstaaten institutionalisieren diesen Vorgang und verstärken ihn möglicherweise, bleiben dabei aber das Ergebnis einer natürlichen menschlichen Verhaltensweise – nicht der Auslöser.

[...]


[1] Werner Weidenfeld (2013:11) formuliert es zum Beispiel so: „Einerseits wächst Distanz und Misstrauen gegenüber dem bürokratisch organisierten ‚Brüssel-Europa‘. Andererseits herrscht die Meinung vor, der einzelne Staat allein sei überfordert.“

[2] Allerdings nicht nur; zumindest Teilgruppen gehören derselben Ethnie an, wodurch ein außerpolitischer Zusammenhalt eingeschränkt gegeben ist. Andererseits ist es auch möglich, dass Angehörige derselben Ethnie durch politische Grenzen ausgeschlossen werden, man denke nur an Deutschland und Österreich.

[3] Langewiesche (2000:19) beschreibt eine kulturelle Kontinuität, die über die nachträgliche „invention of tradition“ hinausgeht. Der moderne Nationalismus entspränge zwar dem Zeitgeist des späten 18. Jahrhunderts, habe aber aus real vorhandenen Grundlagen geschöpft (etwa Traditionen), um einen Nationalstaat zu schaffen.

[4] Langewiesche (2000:31) verweist darauf, dass auch der Krieg sich nun neu legitimieren muss: Machtpolitische Interessen treten hinter den Interessen der Nation zurück. Wo das nicht funktioniert – etwa im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn –, zerfällt der Staat in neue, kleinere Nationalstaaten.

[5] Sztumski (2000:129) spricht etwa davon, dass Zeitmangel und die Komplexität der Umwelt es dem Menschen unmöglich machen, die Realität vollends zu durchschauen. Nicht alle Stereotype müssen jedoch überwunden werden, viele seien schlicht unschädlich. Wo das jedoch der Fall ist, verlangt der Autor Abhilfe durch „Aufklärung im weitesten Sinne“ (ebd.:136), um einer Störung des gesellschaftlichen Lebens entgegenzuwirken.

[6] Nach Sztumski (1995:131) sind Vorurteile diejenigen Stereotype, die eine starke (positive oder negative) Färbung aufweisen und so tief im Unterbewusstsein verankert sind, dass sie als wahrhaft empfunden werden. Auch gegenteilige Erfahrungen korrigieren das ursprüngliche Bild nicht, sondern werden als Ausnahmen abgetan oder ignoriert.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Inwiefern erschwert der Nationalgedanke ein vereintes Europa?
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Nationsbildung in Mitteleuropa
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V345385
ISBN (eBook)
9783668352056
ISBN (Buch)
9783668352063
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stereotyp, Vorurteil, Nationalstaat, Nation, Europa, Europapolitik, Selbstbild, kultureller Austausch, Ja zu Europa - Nein zu Europa!
Arbeit zitieren
Ines Kniszka (Autor), 2015, Inwiefern erschwert der Nationalgedanke ein vereintes Europa?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345385

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