Soziale Kontakte werden heute zunehmend in anderen, mit technischen Medien hergestellten Kommunikationssituationen und -umgebungen gesucht, erweitert oder ergänzt. Es besteht die Möglichkeit, zwischen mehreren Kanälen der Kommunikation zu wählen. So werden persönliche Begegnungen nicht mehr für jeden Kommunikationszweck als ideal befunden und beispielsweise in das Internet verlegt. Die populärste Internet-Aktivität ist das elektronische Briefschreiben, e-Mail. Diese Anwendung der computervermittelten Kommunikation (cvK) wirft seit jeher sozialwissenscha ftliche Fragen auf: Welchen Stellenwert hat e-Mail in sozialen Interaktionen? Sind online-Beziehungen besser, so gut wie, oder schlechter als solche, die auf andere Weise bestehen? Sind längerfristige Auswirkungen auf die Sozialität des Menschen zu erwarten, indem Bekanntschaften durch die Einflüsse der Technik von anderen Merkmalen geprägt sind oder sogar ganz neue Bekanntschaftstypen dominante soziale Bedeutung erhalten, die ohne Online-Kommunikation nicht möglich wären? Viele Kritiker warnen vor gesellschaftlicher Isolation durch das Internet. cvK sei unpersönlich, unsozial, sogar feindselig. Andere wenden ein, dass das Internet neue soziale Beziehungen schaffe und bestehende verbessere, indem seine Anwender von Konventionen, geographischen Zwängen und Isolation befreit würden. Diese Arbeit gibt einen Überblick über sechs Forschungen, die sich mit den Auswirkungen der computervermittelten Kommunikation via e-Mail und der Qualität entstandener sozialer Beziehungen auseinandergesetzt haben. Vorangehend werden neun cvK-Theorien vorgestellt, die den Gegenstand aus verschiedenen Perspektiven betrachten, sich gegenseitig ergänzen, aber auch widersprechen. Im folgenden sollen zunächst die Begriffe computervermittelte Kommunikation und e-Mail definiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition computervermittelte Kommunikation
3. Definition e-Mail
4. Theorien computervermittelter Kommunikation
4.1. Technikdeterministische Ansätze
4.1.1. Kanalreduktion
4.1.2. Filtermodelle
4.1.3. Soziale Präsenz
4.1.4. Mediale Reichhaltigkeit
4.1.5. Social Influence
4.1.6. Interpersonale Medienwahl
4.2. Kulturalistische Ansätze
4.2.1. Soziale Informationsverarbeitung
4.2.2. Simulation und Imagination
4.2.3. Soziale Identität und Deindividuation
5. Studien zur Qualität interpersonaler Beziehungen online und ihrer sozialen Effekte
5.1. Parks, Floyd: Making Friends in Cyberspace
5.2. Pew Internet & American Life Project: Getting serious Online
5.3. Walther, Tidwell: Computer-Mediated Communication Effects on Disclosure, Impressions, and Interpersonal Evaluations - Getting to Know One Another a Bit at a Time
5.4. Kraut et al.: Internet Paradox. A Social Technology That Reduces Social Involvement and Psychological Well- Being?
5.5. Nie, Lutz: Internet and Society – A Preliminary Report
5.6. Cummings, Butler, Kraut: The Quality of Online Social Relationships
6. Fazit
7. Literatur
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Stellenwert von E-Mail in der computervermittelten Kommunikation und analysiert, wie sich diese Technologie auf die Qualität interpersonaler Beziehungen auswirkt. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob Online-Beziehungen als gleichwertig, besser oder schlechter als reale Begegnungen zu bewerten sind und welche Rolle die technologischen Rahmenbedingungen dabei spielen.
- Theoretische Modelle zur computervermittelten Kommunikation (Technikdeterminismus vs. Kulturalismus)
- Aspekte der Kanalreduktion, sozialen Präsenz und medialen Reichhaltigkeit
- Empirische Untersuchung der Beziehungsqualität in verschiedenen Online-Kontexten
- Einfluss von Nutzungserfahrung und Motivation auf das Kommunikationsverhalten
- Analyse des "Internet-Paradoxons" und der sozialen Isolation
Auszug aus dem Buch
5.1. Parks & Floyd: Making Friends in Cyberspace, 1996
Diese Studie untersuchte, ob sich in Internet-Diskussionsforen (Newsgroups) interpersonale Beziehungen entwickeln können, die sich über den Bereich der computervermittelten Kommunikation hinausbewegen. Vorab sei bemerkt, das die Untersuchung in die Diskussion mit einbezogen wird, da die Kommunikationsform e-Mail hier einen starken Stellenwert einnimmt. 98 Prozent der befragten Newsgroup-Teilnehmer gaben an, e-Mail als begleitendes Medium zu nutzen. Die Forschungsfragen waren: Können in Internet-Newsgroups persönliche Beziehungen aufgebaut werden? Wenn ja, wer entwickelt sie und wie intensiv können solche Kontakte werden? Werden Beziehungen, die im Internet aufgebaut wurden, später in andere Umgebungen verlegt?
Parks und Floyd konstatieren, dass persönliche Beziehungen dann entstehen, wenn die Beteiligten zunehmend voneinander abhängen, die Interaktion an Tiefe gewinnt, die Gesprächthemen sich vermehren und immer mehr Kommunikationskanäle genutzt werden. Im Netz entstandene Kontakte entwickelten sich demnach über eine typische Abfolge von Medienwechseln hinweg zu stabileren Beziehungen: Auf das Chatten folge das Mailen, dann der Fotoaustausch, das Telefonieren und schließlich das persönliche Treffen. Jeder Medienwechsel beinhalte dabei ein weiteres Kennenlernen der Beteiligten. Das Haupt-Ergebnis der Studie war, dass über 60 Prozent der Befragten eine persönliche Beziehung mit einer Person aufgebaut hatten, die sie erstmals in einer Newsgroup „antrafen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der computervermittelten Kommunikation und Problemstellung hinsichtlich des Einflusses auf soziale Kontakte.
2. Definition computervermittelte Kommunikation: Klärung des zentralen Begriffs und Abgrenzung verschiedener Kommunikationsformen im Internet.
3. Definition e-Mail: Erläuterung der Funktionsweise von E-Mail als wichtigstem Kommunikationsdienst sowie dessen technischer und funktionaler Struktur.
4. Theorien computervermittelter Kommunikation: Umfassende Vorstellung theoretischer Modelle, unterteilt in technikdeterministische und kulturalistische Ansätze.
5. Studien zur Qualität interpersonaler Beziehungen online und ihrer sozialen Effekte: Kritische Analyse von sechs ausgewählten wissenschaftlichen Untersuchungen zu Online-Beziehungen.
6. Fazit: Zusammenfassende Diskussion der Forschungsergebnisse sowie Reflexion über den Stellenwert der Online-Kommunikation.
7. Literatur: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
computervermittelte Kommunikation, cvK, E-Mail, interpersonale Beziehungen, soziale Präsenz, mediale Reichhaltigkeit, Online-Beziehungen, soziale Informationsverarbeitung, Internet-Paradox, Medienwahl, soziale Isolation, digitale Kommunikation, Technikdeterminismus, Kulturalismus, Internetnutzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen computervermittelter Kommunikation, insbesondere E-Mail, auf die Qualität und Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen medienpsychologische Theorien über die menschliche Interaktion im Internet sowie eine kritische Evaluation aktueller empirischer Studien zu diesem Bereich.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es zu klären, inwieweit computervermittelte Kommunikation Defizite der räumlichen Trennung kompensieren kann und ob online entstandene Beziehungen eine echte soziale Relevanz besitzen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die verschiedene theoretische Ansätze und sechs bedeutende empirische Forschungsstudien vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Modelle zur Medienwahl und Informationsverarbeitung) und eine detaillierte Analyse spezifischer Studien zu Online-Bekanntschaften und deren psychologischen Effekten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen "computervermittelte Kommunikation", "soziale Präsenz", "mediale Reichhaltigkeit" sowie das "Internet-Paradoxon".
Bestätigen die untersuchten Studien die Annahme, dass Internet-Kommunikation per se isolierend wirkt?
Die Ergebnisse sind kontrovers; während einige Studien einen Rückgang sozialer Aktivitäten feststellen, betonen andere die Bildung neuer, wertvoller Kontakte, die durch hybride Kommunikation (online und offline) ergänzt werden.
Welche Bedeutung kommt der "sozialen Informationsverarbeitung" in diesem Kontext zu?
Diese Theorie zeigt auf, dass Nutzer fehlende nonverbale Signale im Internet aktiv durch Text und andere Mittel kompensieren können, um trotz der technologischen Distanz intensive Beziehungen aufzubauen.
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- Petra Sander (Autor), 2003, Interpersonale Beziehungen am Beispiel e-Mail, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34543