Betrachtet man die Menschheit in Bezug auf die Verhaltensdetermination sozialen oder kriminellen Handelns wird es immer Abweichung und Konformität geben. In wissenschaftlichen Untersuchungen dieser beiden Aspekte wurde dem abweichenden Verhalten immer mehr Interesse entgegengebracht als dem konformen Verhalten. Letztendlich steht an erster Stelle der Untersuchungen nicht die Frage, wie konformes Verhalten entsteht, sondern welche Ursache abweichendes Verhalten hat und wie diesem entgegenzuwirken ist.
Entgegen dieser ursächlich orientierten soziologischen Theorien richtet der Labeling Approach seine Aufmerksamkeit auf die Instanzen sozialer Kontrolle, welche erst deviantes Verhalten zur Kriminalität durch Kriminalisierung erschafft. Da ein grundlegender Auftrag der Sozialen Arbeit darin besteht, sich der Differenzminimierung abweichenden Verhaltens der Klientel anzunehmen und sie durch sozialarbeiterische Interventionen zur gesellschaftlichen Teilhabe zu befähigen, besteht die Möglichkeit, mit Fragen des Strafrechts in Berührung zu geraten. Sollte an dieser Stelle Soziale Arbeit intervenieren, setzt das fundiertes Gundlagenwissen voraus.
Diesbezüglich möchte ich der Relevanz des Labeling Approach für das deutsche Strafrecht, speziell im Kontext von Intensivtätern, nachgehen. Zum Verständnis des Aspektes des Labeling Approach wird sich die vorliegende Arbeit anfänglich mit der Entwicklungsgeschichte des Etikettierungsansatzes auseinandersetzen. Inwieweit der Labeling Approach relevant ist für das Jugendstrafrecht und welchem wissenschaftlichen Anspruch sich die Soziale Arbeit stellen muss, soll in einem kurzen Ausblick resümiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Etikettierungstheorie: Labeling Approach
3. Entwicklungsgeschichte des Labeling Approach und ihre Begründer
3.1 Tannenbaum- Erfinder des Labeling Approach
3.2 Lemert- Unterteilung in primäre und sekundäre Devianz
3.3 Becker- Grundlegung des Labeling Approach
3.4 Erikson und Kitsuse- Aspekte des mikro- und makrosozialen Bereiches
3.5 Sack- ein radikaler Ansatz
4. Labeling Approach- Bedeutung für das deutsche Jugendstrafrecht bezüglich des Karrieremodels von Intensivtätern
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Relevanz des Labeling Approach für das deutsche Jugendstrafrecht, insbesondere im Hinblick auf das Karrieremodell von Intensivtätern, um die Bedeutung sozialer Etikettierungsprozesse für die Praxis der Sozialen Arbeit zu verdeutlichen.
- Theoretische Grundlagen des Labeling Approach
- Historische Entwicklung der Etikettierungstheorie
- Stigmatisierung durch formelle Kontrollinstanzen
- Auswirkungen der Intensivtäter-Registrierung
- Herausforderungen für das Jugendstrafrecht
Auszug aus dem Buch
3. Entwicklungsgeschichte des Labeling Approach und ihre Begründer
Der Labeling Approach ordnet sich vom Ursprung her in die Erklärungsansätze des symbolischen Interaktionismus ein. Diese Ansätze vertreten die Meinung, dass kriminelles bzw. deviantes Verhalten das Resultat von Interaktionsprozessen ist, welche durch Instanzen der sozialen strafrechtlichen Kontrolle regelrecht hochgespielt wird. Methodisch weicht der Labeling Approach als Etikettierungsansatz von konventionellen täterorientierten Kriminalitätstheorien ab, besitzt aber dennoch supplementäre Bedeutung (vgl. Schwind 2013: 153).
3.1 Tannenbaum- Erfinder des Labeling Approach
Wenngleich Tannenbaums gedankliche Ansätze zur Normabweichung lange Zeit ignoriert wurden und sein Einfluss auf die weitere Forschung gering blieb (vgl. Lamnek 2007: 225), so galt er dennoch spätestens seit 1938 mit Herausgabe seines Werkes „Crime and the Community“ als Erfinder des Labeling Approach (vgl. Müller 2011: 171f). Seiner Ansicht nach war die Reaktion der Umwelt auf deviantes, abweichendes Verhalten eine entscheidende Grundlage für das Entstehen dieser Normabweichung, getreu dem Zitat von Tannenbaum „Der junge Delinquent wird böse, weil er als böse definiert wird“ (vgl. ebd. 172).Was kriminell abweichend oder normgerecht ist, entscheidet die Umwelt. Eine solche Rollenzuschreibung kann durch Interaktionspartner entstehen, einerseits in Form von Bestrafung, andererseits durch Resozialisierung. Das besondere „Statussymbol“ eines Abweichlers wird diesem durch soziale Umweltreaktionen erst bewusst und er beschwört dadurch nahezu abweichende Verhaltensmuster herauf (vgl. Lamnek 2007: 226), welche noch durch den Kontakt zu Gleichgesinnten vertieft werden. Sein Selbstkonzept verändert sich und widerspricht den konformen Erwartungshaltungen der sozialen Umwelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Labeling Approach ein und erläutert dessen Relevanz für die Soziale Arbeit im Kontext des deutschen Jugendstrafrechts.
2. Etikettierungstheorie: Labeling Approach: Dieses Kapitel definiert den Labeling Approach als einen Definitions- und Reaktionsansatz, der die soziale Zuschreibungsprozesse bei abweichendem Verhalten untersucht.
3. Entwicklungsgeschichte des Labeling Approach und ihre Begründer: Hier werden die theoretischen Wurzeln und die wichtigsten Vertreter des Ansatzes, von Tannenbaum bis Sack, detailliert vorgestellt.
4. Labeling Approach- Bedeutung für das deutsche Jugendstrafrecht bezüglich des Karrieremodels von Intensivtätern: Dieser Abschnitt analysiert die konkreten Auswirkungen der Stigmatisierung durch Intensivtäter-Programme auf die kriminelle Karriere Jugendlicher.
5. Fazit: Das Fazit kritisiert die fehlende ätiologische Tiefe des Labeling Approach, betont aber gleichzeitig seine Unverzichtbarkeit für eine umfassende kriminologische Analyse.
Schlüsselwörter
Labeling Approach, Etikettierungstheorie, Jugendstrafrecht, Intensivtäter, Devianz, Stigmatisierung, Soziale Arbeit, Kriminologie, Rollenzuschreibung, Sekundäre Devianz, Kontrollinstanzen, Karrieremodell, Symbolischer Interaktionismus, Soziale Kontrolle, Kriminalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung des Labeling Approach auf das deutsche Jugendstrafrecht und dessen Auswirkungen auf Jugendliche, die als Intensivtäter eingestuft werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Soziologie abweichenden Verhaltens, die Entstehung gesellschaftlicher Normen und die Rolle formeller Institutionen bei der Stigmatisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern die behördliche Kennzeichnung als „Intensivtäter“ eine deviante Karriere bei Jugendlichen fördern oder verfestigen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die kriminologische Fachliteratur und soziologische Theorien auf die aktuelle Strafrechtspraxis anwendet.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Labeling-Theoretiker und eine kritische Auseinandersetzung mit modernen Intensivtäter-Programmen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlagworten gehören Labeling Approach, Stigmatisierung, Devianz, soziale Kontrolle und jugendstrafrechtliche Intervention.
Welche Kritik übt die Autorin am Labeling Approach?
Die Autorin kritisiert, dass der Ansatz ätiologische Ursachen abweichenden Verhaltens vernachlässigt und primäre Devianz kaum berücksichtigt.
Wie bewertet die Arbeit die Intensivtäter-Programme?
Die Arbeit sieht in der Registrierung und systematischen Überwachung eine Gefahr der Etikettierung, die den Erziehungsgedanken des Jugendstrafrechts untergraben kann.
- Citation du texte
- Ines Schrötter (Auteur), 2014, Die Relevanz des Labeling Approach für das deutsche Jugendstrafrecht aus Perspektive der Sozialen Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345560