Das lyrische Ich im "Linden-Lied" Walthers von der Vogelweide

Über das mentalitätsgeschichtliche Ideal der hohen Minne


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 6 (entspricht 1 in D)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Liebe als Rose
2.1 Das Brechen einer Rose
2.2 Das liebende lyrische Ich
2.3 Deiktische Semantik
2.4 Liebe als Mentalitatsgeschichte
2.5 Liebein derEhe

3 Von Minne zu ,Liebe‘

4 Ausblick

5 Von blauenBlumen undroten Rosen

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primarliteratur
6.2 Sekundarliteratur

1 Einleitung

Blumen stehen fur Herz und Liebe; sie konnen in einem religiosen Kontext gesetzt werden und auf die Seele verweisen.[1] Man verfallt auf Blumen, wenn man ein Zeichen fur Schonheit sucht, und sie waren immer schon «Boten der Gefuhle zwischen Liebenden und Freunden.»[2] Das Blumensymbol ist uber die Jahrhunderte hinweg dasselbe geblieben.

In der Liebeslyrik des Mittelalters waren Blumen «Requisiten der Naturdar- stellung»[3] [4] wie zum Beispiel bei Gottfried von StraKburg. Oder sie sym- bolisierten den Verlust des Sommers und den Verdruss, den der Winter bereitet, so bei Neidharts, Wie sol ich die bluomen uberwinden ,A Je nach Kontext des Liedes konnten die bluomen die Jahreszeit betonen oder den locus amoenus evozieren. Die Blumen standen fur das Schone an der Minne, fur das Seelenleben oder fur die Sehnsucht des lyrischen Ich.

2 Die Liebe als Rose

Eine bestimmte Blume - die Rose - findet sich im Minnesang wieder, die die Gefuhlswelt allegorisiert. Sie ist Sinnbild fur den roten Mund einer Frau, die sich verschenkt und die das lyrische Ich in Versuchung bringt, wodurch die Grenzen zwischen Wunsch nach sexueller Erfullung und Vergewaltigung metaphorisiert werden, wie Cornelia Herberichs festhalt.[5] Sie zeigt auf, dass Johannes Hadlaub und Wenzel von Bohmen die Thematik mit rhetorischer

Finesse in den Minnesang eingebunden haben, indem sie das «Blumen- brechen»[6] als Metapher fur die Ambivalenz zwischen Liebe und Wollust, zwischen Sehnsucht und Gewalt, anwandten. Liebe - so entnehmen wir aus diesen beiden Liedern, die Herberichs aufgreift - kann so anmutig wie eine Rose sein. Man kann die Rose pflucken, urn sie sein Eigen zu nennen, aber das Gluck wahrt nur solange, bis die Bluten verwelken.

2.1 DasBrecheneiner Rose

Das lyrische Ich in beiden Liedern, das die Metapher des Blumenbrechens aufnimmt, ist ein mannliches. Die Lieder stammten aus dem 13. Jahrhundert. Sie sind somit dem Spaten Minnesang zuzuordnen.[7] Im Gegensatz dazu finden sich aus der Zeit des Klassischen Minnesangs bei ihrem bekanntesten Vertreter Walther von der Vogelweide zwar eine ahnliche Rosen-Allegorie, sie wird jedoch von einem weiblichen lyrischen Ich evoziert, die auch noch besonders speziell ist inmitten aller Ich-Sprecherinnen des Minnesangs:

Kaum eine andere Frau im Minnesang tritt namlich so plastisch in Erscheinung wie die Ich-Sprecherin des Linden- liedes [...].[8]

In der Kanzone mit dreizeiligen Stollen Walthers von der Vogelweide sind die Blumen bereits gebrochen; da mugent ihr vinden // schone beide // gebrochen bluomen unde gras.[9] Im Gegensatz zu Wenzels Lied aber, ist die dargestellte Stimmung in Walthers Lied weniger gebieterisch, dafur umso heiterer: Der

Gesang der Nachtigall hallt vor dem walde nach und lautmalerisch wohl auch der Gesang des Dichters vor seinem Publikum im tandaradei.

Die Ich-Sprecherin im Lied ist von der Liebe angetan, schwelgt in romantischer Tagtraumerei. Nicht sie wurde gebrochen und schon gar nicht mit Gewalt, sondern der Bann der Unerreichbarkeit in der Minne: Ihr Geliebter darf nun mit den gebrochenen Blumen ein Bett fur sie beide schaffen:

Do hat ergemachet also riche von bluomen eine bettestat. das wirt nochgelachet innecliche, kumt iemen an daz selbe pfat. Bi den rosen er wol mac, tandaradei, merken, wa mirz houbet lac.[10]

Die Rosen mussten zwar gebrochen werden, doch auch wenn sie verwelkten, bleiben sie bestehen als Erinnerungsmal fur die spateren Liebenden, die sich nach Minne sehnen. Das Blumenbrechen ist somit lustvolles und selbstloses Opfer zugleich auf der Ebene der Fiktion aber auch in der poetologischen Metaebene, weil in der Performanz des Singens «Rolle und Vortrags- wirklichkeit zusammen[fallen]»[11]. So ist der Blumenbruch in Under der linden auch ein Bruch mit dem Konzept der Hohen Minne; eine Uberwindung, in der die «Idee einer gleichberechtigten gegenseitigen Liebe programmatisch ent- gegengesetzt [wird]».[12] Folglich macht das Plastische an der Ich-Sprecherin auch den im Lied immanenten Wandel im Verstandnis von hofischer Liebe ausdrucksvoll, hatte das hofische Minneideal doch eine von Vernunft gepragten Liebe angepriesen.[13] Wollte Walther von der Vogelweide zuruck- finden zu einer pragmatischen Liebe weg vom Ideal, das inmitten der dusteren Alltaglichkeiten des Mittelalters, wie sie Joachim Bumke in seiner Einleitung zur hofischen Kultur auflistet,[14] viel zu wirklichkeitsfern anmutete? Dass das Lied ein Gegenmodell zur hohen Minne darstellte, ist jedenfalls nicht haltbar.[15] Der Dichter scheint viel eher mit der Frauenrolle einen poeto- logischen Kunstgriff erdichtet zu haben, um dem ^Problem von Subjektivitat» entgegenzuwirken.[16] Das Problem ist das Problem der «poetischen Leer- stelle»[17], das dem lyrischen Ich innewohnt: Das lyrische Ich ist weder Figur noch Erzahler und schon gar nicht Dichter, so wie Walther von der Vogelweide vorfuhrt, wie er sich als Autor seines Liedes von der Subjektivitat desselben loslost, indem er eine fiktive Frau als Ich-Sprecherin auftreten lasst, ohne gleichzeitig explizit den Rollentausch zu markieren, wodurch das lyrische Ich endgultig sich auch auf der Metaebene von einer moglichen Relation zum Dichter befreit.

2.2 Das liebende lyrische Ich

Die Frage bleibt bestehen; wer ist das lyrische Ich? Neuere linguistische Forschungen insbesondere in der Sprachwissenschaft streben eine Relativierung des Begriffes an. Fur Simone Schiedermair ist das lyrische ich die ^Illusion eines Sprechenden»[18] und darf deshalb nicht anders gedeutet werden, als das, was es vordergrundig ist: Als ein schmuckloses Personalpronomen. Das Problem 1st nur, dass ein Personalpronomen ein Objekt im Kontext situiert[19], doch umgekehrt 1st dieses Objekt genau wegen der deiktischen Natur des lyrischen Ich nicht ohne weiteres im Text in den Kontext zu setzen. Auch Schiedermair muss letztendlich zugeben, dass die «Illusion» auf psychologische Faktoren basiert, die allesamt das lyrische Ich neu semantisieren.[20] Dementsprechend ist das lyrische Ich auf den Rezipienten angewiesen; es kann nur rezeptionsasthetisch erklart werden. Auf gewisse Weise ist das lyrische Ich der Zugang zu einer anderen Kommunikationsform, die nicht nur auf einem Weg erzahlt, sondern den Rezipienten miteinbezieht, weil sie ihre Aussagekraft erst erlangt, wenn der Rezipient sie ihr vermacht. Freilich darf nicht davon ausgegangen werden, Minnesanger hatten sich als Vermittler mit ideologischer Sendung verstanden,[21] doch wie Valeska Lembke ausfiihrt, ist der Minnesang nicht nur in Hinblick auf das lyrische Ich mit deiktischen Ausdrucken durchwirkt, sondern mit Verweisen, die sie «deik- tische Schlagworte»[22] bezeichnet, und die Aufschlusse geben uber das Selbstverstandnis des Dichters und seiner Dichtung.[23] Unausweichlich ist demnach aber auch der Umkehrschluss: Die Literatur des Mittelalters kann nicht erschlossen werden, ohne auch das Selbstverstandnis des Publikums zu berucksichtigen, so schwer dies aufgrund der sparlichen Uberlieferung sein mag. Zum Verstandnis von mittelalterlicher Literatur gehort auch das Verstandnis von Mentalitatsgeschichte.

[...]


[1] Vgl. Manfred Lurker, Blume. in: Worterbuch der Symbolik (1991), S. 103.

[2] Ebenda.

[3] Manfred Eikelmann, Denkformen im Minnesang, Tubingen 1987, S. 149.

[4] Vgl. Minnesang, Mittelhochdeutsche Liebeslieder, hg. von Klein, Dorothea, Stuttgart 2010, S. 528.

[5] Vgl. Cornelia Herberichs, Auf der Grenze des Hofischen. Gewalt und Minnesang, in: Gewalt im Mittelalter. Realitaten - Imaginationen, hg. v. Manuel Braun und Cornelia Herberichs, Munchen 2005, S. 358.

[6] Ebenda.

[7] Vgl. Heinz Sieburg, Literatur des Mittelalters, Berlin 2010, S. 167.

[8] Minnesang, Mittelhochdeutsche Liebeslieder, hg. von Dorothea Klein, Stuttgart 2010, S. 478.

[9] Walther von der Vogelweide, Under der linden, hg. von Dorothea Klein, Stuttgart 2010, S. 212.

[10] Ebenda,S.213.

[11] Valeska Lembke, Minnekommunikation, Sprechen uber Minne als Sprechenuber Dichtung in EpikundMinnesang, Heidelberg 2011, S. 235.

[12] Heinz Sieburg, Literatur des Mittelalters, Berlin 2010, S. 167.

[13] Vgl. Joachim Bumke, Hofische Kultur, Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Munchen 2008, S. 519f.

[14] Vgl. ebenda, S. 9-12.

[15] Minnesang, Mittelhochdeutsche Liebeslieder, hg. von Dorothea Klein, Stuttgart 2010, S. 478.

[16] Vgl. ebenda.

[17] Harald Fricke u. Peter Stocker, Lyrisches Ich. in: Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft (2000), S. 509f.

[18] Simone Schiedermair, 'Lyrisches Ich' und sprachliches 'ich', Literarische Funktionen der Deixis, Munchen 2004Simone Schiedermair 2004, S. 237

[19] Vgl. Elke Hentschel u. Harald Weydt, Handbuch der deutschen Grammatik, Berlin 2003, S. 237.

[20] Vgl. Simone Schiedermair, 'Lyrisches Ich' und sprachliches 'ich', Literarische Funktionen der Deixis, Munchen 2004, S. 49.

[21] Vgl. Max Wehrli, Literatur im deutschen Mittelalter, Eine poetologische Einfuhrung, Stuttgart 2006, S. 68.

[22] Valeska Lembke, Minnekommunikation, Sprechen uber Minne als Sprechen uber Dichtung in Epik und Minnesang, Heidelberg 2011, S. 241­244.

[23] Vgl. ebenda.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das lyrische Ich im "Linden-Lied" Walthers von der Vogelweide
Untertitel
Über das mentalitätsgeschichtliche Ideal der hohen Minne
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Philosophische Fakultät)
Note
6 (entspricht 1 in D)
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V345630
ISBN (eBook)
9783668355484
ISBN (Buch)
9783668355491
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
minne, hohe minne, walther von der vogelweide, romantik, blaue blume, lyrisches Ich, mediävistik, liebeslyrik, locus amoenus, blumenbrechen, kanzone, mittelhochdeutsch, Under der linden, lindenlied
Arbeit zitieren
Silvio Dohner (Autor), 2014, Das lyrische Ich im "Linden-Lied" Walthers von der Vogelweide, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345630

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