Im Februar 2015 spaltet das Foto eines Kleides die Menschen in zwei Parteien: Ist das Kleid schwarz-blau oder doch eher gold-weiß? Klar ist: Unsere Wahrnehmung der Welt ist nicht so objektiv, wie wir dachten. Wenn unsere Wahrnehmung bereits auf einem Foto so subjektiv ist, wie weitreichend sind dann die Folgen für unseren Sinneseindruck der Welt insgesamt? Was ist die wahre Welt? Und vor allem: Wie können wir sicher sein, dass das, was wir sehen, tatsächlich die wahre Welt ist?
Viele Jahre vor dem Zeitalter des Internets und der „#the dress“-Debatte sah sich ein Dichter vor ähnliche Fragen gestellt. Rainer Maria Rilke beschäftigte sich ausführlich mit der menschlichen Wahrnehmung der Welt, die ihm unzureichend und oftmals falsch erschien. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dieser Wahrnehmung von Welt und Umwelt bei Rilke. Der Schwerpunkt wird dabei auf einer Untersuchung jener Gedichte Rilkes liegen, die sich gleichzeitig mit dem Thema Kindheit auseinandersetzen.
Zum einen soll dabei herausgefunden werden, in welchem Verhältnis die Themen Kindheit und Weltverständnis bei Rilke stehen. Des weiteren soll ermittelt werden, ob sich im Verlauf Rilkes Schaffen eine Änderung in der Verbindung dieser Elemente erkennen lässt. Dazu werden jeweils zwei Gedichte von Rilkes frühen, mittleren und späten Werken untersucht. Die gewählten Gedichte sind für Rilkes Frühwerk „Mädchenklage“ und „Kindheit“, im Falle des mittleren Schaffens „Kindheit“ und „Das Karussell“ und schließlich für das Spätwerk „Vor Weihnachten 1914“ und die „Vierte Elegie“ der „Duineser Elegien“. Die Wahl der Gedichte erfolgte auf Grund ihrer thematischen Behandlung der Kindheit und ist freilich nur als exemplarisch anzusehen. Eine vollständige Untersuchung aller Kindheitsgedichte Rilkes würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Sofern nicht anders angegeben beziehen sich die Strophen- und Versangaben in Klammern jeweils auf das in dem jeweiligen Kapitel behandelte Gedicht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Rilkes Frühwerk
„Mädchen-Klage“
„Kindheit“ 1905/06
Rilkes mittleres Werk
Kindheit, Neue Gedichte, 1906
Das Karussell
Zusammenfassung: Rilkes Mittleres und Frühes Werk
Rilkes Spätwerk
Weihnachten 1914
Die Duineser Elegien
Zusammenfassung: Weltverständnis in Rilkes Spätwerk
Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Kindheit und Weltwahrnehmung im lyrischen Werk Rainer Maria Rilkes. Dabei wird analysiert, ob und wie sich die Darstellung der Kindheit sowie das Verständnis der Welt vom Früh- über das mittlere bis hin zum Spätwerk verändert haben.
- Analyse der kindlichen Wahrnehmung als intuitive Einheit mit der Welt.
- Untersuchung des Übergangs zum Erwachsenenalter und der damit einhergehenden Entfremdung.
- Vergleich der Bewertung von Kindheit und dem Verlust des kindlichen Weltverständnisses.
- Betrachtung der Entwicklung von einer subjektiven hin zu einer transzendenten Perspektive im Spätwerk.
Auszug aus dem Buch
Das Karussell
Im selben Jahr entsteht Rilkes Gedicht „Das Karussell“. Dort ist zwar nicht bereits explizit im Titel von der Kindheit die Rede, die Bezüge zwischen der Kindheit und einer Karussellfahrt sind aber offensichtlich. Freilich handelt es sich um ein Dinggedicht, und entsprechend steht mehr das Karussell als die persönliche, subjektive Erfahrung im Mittelpunkt. Gerade durch diese Objektivierung wird der Verlust der Kindheit aber besonders deutlich. Die Karussellfahrt wird zu einem Symbol der vorbeiziehenden Kindheit, die ständige Wiederholung des Verses „und dann und wann ein weißer Elefant“, die in immer kürzeren Abständen auftritt, verdeutlicht die Vergänglichkeit der Kindheit.
Nach dem ersten Lesen des Gedichts „Das Karussell. Jardin du Luxembourg“ treten zunächst fünf Themenfelder besonders deutlich hervor. Auf der Oberfläche beschreibt das Gedicht ein Karussell im Jardin du Luxembourg. Dieses Karussell dreht sich im Kreis und das Gedicht beschreibt das Aussehen dieses Karussells von der Perspektive eines außenstehenden Beobachters. Dieser sieht Tierfiguren und mitfahrende Kinder, die durch die Bewegung in einem Meer aus Farben zu verschwimmen scheinen. Die fünf inhaltlichen Zentren sind also bei oberflächlicher Betrachtung zunächst das Karussell, die Kreisbewegung, die Tierfiguren, die Kinder und die verschiedenen Farben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik menschlicher Wahrnehmung bei Rilke und Vorstellung der untersuchten Gedichte im Kontext der Kindheitsthematik.
Rilkes Frühwerk: Analyse der Gedichte „Mädchen-Klage“ und „Kindheit“ 1905/06 im Hinblick auf das Gefühl der Einsamkeit und den Verlust einer geschützten Welt.
Rilkes mittleres Werk: Untersuchung der Gedichte „Kindheit“ (Neue Gedichte, 1906) und „Das Karussell“ sowie eine Zusammenfassung der Motive aus dem Früh- und mittleren Werk.
Rilkes Spätwerk: Analyse von „Weihnachten 1914“ und der „Vierten Elegie“ sowie der Hinwendung zur Transzendenz, gefolgt von einer Zusammenfassung des Weltverständnisses im Spätwerk.
Ausblick: Reflexion über die Ergebnisse und Vorschläge für weiterführende Forschungsansätze zu Rilkes transzendentalem Weltbild.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Kindheit, Weltwahrnehmung, Lyrik, Entfremdung, Innerlichkeit, Transzendenz, Dinggedicht, Subjektivität, Weltverständnis, Neue Gedichte, Duineser Elegien, Erwachsenwerden, Wahrnehmung, Verlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung des Kindheitsmotivs in der Lyrik von Rainer Maria Rilke und wie dieses Motiv mit seinem Konzept der Weltwahrnehmung verknüpft ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die kindliche Wahrnehmung als Einheit, der Übergang in das Erwachsenenalter, die damit verbundene Selbstentfremdung sowie die Entwicklung hin zu einer transzendenten Weltsicht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Verhältnis zwischen Kindheit und Weltverständnis bei Rilke zu klären und zu ermitteln, ob sich eine Änderung in der Verbindung dieser Elemente über sein gesamtes Werk hinweg nachweisen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse exemplarischer Gedichte aus dem Früh-, Mittel- und Spätwerk durchgeführt, um die inhaltliche Entwicklung und thematische Schwerpunkte aufzuzeigen.
Was bildet den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der frühen Kindheitsgedichte, der Dinggedichte des mittleren Werks und der späten Elegien, wobei jeweils die spezifische Art der Weltdeutung durch das lyrische Ich im Zentrum steht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Rilke, Kindheit, Weltwahrnehmung, Transzendenz, Entfremdung, Innerlichkeit und Subjektivität.
Wie verändert sich die Darstellung der "Passivität" des Kindes im Verlauf des Werks?
Während die Passivität des Kindes im Früh- und mittleren Werk eher als problematisches Ausgeliefertsein gegenüber Erwachsenen gedeutet wird, erscheint sie im Spätwerk als notwendige Voraussetzung für das Eins-Sein mit dem Universum.
Welche Rolle spielen die "Engel" im späten Rilke-Werk gemäß dieser Arbeit?
Die Engel fungieren im Spätwerk als Symbole für ein transzendentes Verstehen der Welt, das dem Erwachsenen, der in einer subjektiven Außenwelt gefangen ist, verschlossen bleibt.
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- Franziska Müller (Autor), 2015, Das entfremdete Ich. Kindheit und Weltwahrnehmung in Rilkes Lyrik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345646