Der biologische Lebensstandard bei den Germanen vom 3. bis 8. Jahrhundert n. Chr.

Regionale Unterschiede und zeitliche Entwicklung


Seminararbeit, 2004

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Was versteht man unter dem biologischen Lebensstandard?

2. Die Germanen
2.1 Wer waren die Germanen?
2.2 Geschichtliche Hintergründe

3. Präsentation des Datenmaterials
3.1 Datenbasis insgesamt
3.2 Datenbasis nach Regionen

4. Vermutungen zum Lebensstandard anhand antiker Quellen: Tacitus

5. Auswertung der Daten
5.1 Determinanten der Körpergröße
5.1.1 Regressionstabelle
5.1.2 Beobachtungen
5.2 Vergleich von Körpergrößen und Lebenserwartung
5.2.1 Körpergrößen/Lebenserwartung insgesamt
5.2.2 Körpergrößen/Lebenserwartung nach Geschlecht
5.2.3 Körpergrößen nach Regionen
5.2.4 Lebenserwartung nach Regionen

6. Die Frau bei den Germanen – Geschlechtsdimorphismus

7. Zusammenfassung

8. Literatur-/Quellenverzeichnis

0. Einleitung

Während zu Geschichte, Kultur und Alltagsleben des römischen Reiches zahlreiche (Zeit-)Zeugnisse und im Allgemeinen auch grundlegendes Wissen seitens der Bevölkerung vorhanden sind, lässt sich feststellen, dass bezüglich der nördlichen Nachbarn der Römer, der Germanen, überwiegend mangelhafte Kenntnisse vorherrschen, wohl v. a. deshalb, weil uns zu den frühen Germanen keine literarischen Quellen vorliegen. Ein Umstand, dem die folgenden Seiten ein wenig entgegenwirken wollen. Die Forschung ist nämlich zu überraschenden Ergebnissen gekommen: So wurde festgestellt, dass es nach dem Zerfall des als überaus zivilisiert angesehenen römischen Reiches und dem darauffolgenden Einfall der “Barbaren“ im fünften und sechsten Jahrhundert n. Chr. zu einem deutlichen Anstieg der durchschnittlichen Körpergröße kam, was als Indikator für eine Erhöhung des biologischen Lebensstandards angesehen werden kann.[1] Lebten die Germanen also besser, gesünder oder gar hygienischer als die Römer?

Die vorliegende Seminararbeit soll vor dem Hintergrund dieser Fragestellung versuchen, Gründe für die überraschend hohen Körpergrößen bei den Germanen herauszuarbeiten. Im ersten Kapitel wird der Begriff des biologischen Lebensstandards detailliert erläutert, daraufhin ist es im Rahmen einer wirtschaftshistorischen Arbeit unerlässlich, auf Herkunft und Geschichte der Germanen näher einzugehen. Im dritten Kapitel wird der ausgewertete Datensatz – bei dem es sich v. a. um Angaben zu Geschlecht, Herkunft, Lebenszeit, Körpergrößen und erreichtem Alter einzelner Skelette aus Germanengräbern handelt – präsentiert und gegliedert, anschließend sollen erste Vermutungen zum Lebensstandard anhand antiker Quellen der damaligen Zeit (Tacitus) aufgestellt werden. Diese ersten Vermutungen dienen daraufhin als Grundlage für eine umfassende Auswertung und Analyse der Daten, die im fünften und wichtigsten Kapitel vorgenommen wird. Im Anschluss daran ist auch der Rolle der germanischen Frau und ihrem Lebensstandard im Vergleich zu anderen Völkern ein kurzer Abschnitt gewidmet.

Doch zunächst erscheint es zweckmäßig, auf den Begriff des biologischen Lebensstandards näher einzugehen, dessen Verständnis für die Lektüre der folgenden Seiten von grundlegender Bedeutung ist.

1. Was versteht man unter dem biologischen Lebensstandard?

Die Bestimmung des biologischen Lebensstandards stellt eine der Möglichkeiten dar, den Wohlstand einer Population zu einem bestimmten Zeitpunkt bzw. dessen Veränderung innerhalb eines Zeitraumes zu messen. Insbesondere für Epochen, die so lange zurückliegen, dass das durchschnittliche monetäre Einkommen eines Volkes nicht mehr ermittelt werden kann – und sei es aus dem einfachen Grund, dass damals noch nicht einmal mit Geld gehandelt wurde – ist der biologische Lebensstandard sogar das einzige probate Mittel, den Wohlstand dieses Volkes abzuschätzen. Mit einem solchen Fall haben wir es auch in der vorliegenden Seminararbeit zu tun.

Der biologische Lebensstandard ist im Wesentlichen von drei Einflussfaktoren abhängig: Der Körpergröße, der Ernährungsqualität und der Lebenserwartung, wobei die Körpergröße die wichtigste Komponente darstellt, da sie am genauesten gemessen werden kann und darüber hinaus Korrelationen zwischen ihr und den übrigen Einflussfaktoren aufgezeigt werden können: So kann eine Veränderung der durchschnittlichen Körpergröße als Erklärung für eine Verbesserung bzw. Verschlechterung der Ernährungsqualität angesehen werden, daneben wird geschätzt, dass schon eine positive Veränderung der Körpergröße um einen cm die Lebenserwartung um 1,2 Jahre erhöht.[2] Es hat sich herausgestellt, dass insbesondere die Eiweiß- und Proteinversorgung durch Fleisch- und Milchprodukte sowie die Ernährung in den drei ersten Lebensjahren für die Körpergröße von wesentlicher Bedeutung sind.

Natürlich spielen auch die Gene einzelner Familien für das Wachstum eine Rolle, doch statistisch gesehen lässt sich an der Veränderung der durchschnittlichen Körpergröße einer Population sowohl die Ernährungsqualität als auch die herrschenden Umweltbedingungen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes aufzeigen.[3] Es kann also durchaus behauptet werden, dass Menschen in Zeiten gesteigerten Wohlstandes im Durchschnitt stets größer waren als zu schlechten Zeiten. Aufgrund dieser Hypothesen wird auch in dieser Seminararbeit ein besonderes Augenmerk auf die gemessenen Körpergrößen der Germanenskelette gerichtet, um den biologischen Lebensstandard und die Ernährungsqualität der damaligen Zeit zu analysieren, darüber hinaus ist auch der durchschnittlichen Lebenserwartung des ausgewerteten Datensatzes ein Abschnitt gewidmet.[4] Hierbei sollen Abweichungen der Körpergröße bzw. der Lebenserwartung hinsichtlich Zeit (gegliedert in Jahrhunderte), Region und Geschlecht festgestellt und nach Möglichkeit interpretiert werden.

2. Die Germanen

2.1 Wer waren die Germanen?

Eine genaue Aussage über die Herkunft der Germanen zu treffen, ist aus heutiger Sicht fast unmöglich, denn zu dürftig sind die Quellen, die uns aus der damaligen Zeit vorliegen. Die alten Griechen beispielsweise wussten noch nicht einmal von der Existenz der Germanen. So zählte im 4. Jahrhundert v. Chr. Herodot die vier ihm bekannten großen “Barbarennationen“ auf: Kelten, Skythen, Perser und Libyer, die Germanen waren ihm jedoch nicht bekannt. Einen ersten Hinweis auf diese findet man bei Pytheas von Marseille, der um das Jahr 320 zu einer Seereise um Britannien und entlang der nordeuropäischen Küste aufbrach und der möglicherweise der erste Beobachter aus dem Mittelmeerraum war, der die Germanen von den Kelten unterschied.[5] Ein erster Kontakt mit der römischen Welt entstand schließlich Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus durch den Einfall der Kimbern und Teutonen, die ihre Heimat in und um Jütland vermutlich aufgrund von Missernten und Klimakatastrophen verließen und die Nordgrenzen Roms in Gefahr brachten. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen – so konnten die Römer 113 bei Noreja und 105 bei Arausio besiegt werden – trennten sich die beiden Stämme jedoch, woraufhin es dem römischen Feldherrn Marius nach Aushebung neuer Truppen gelang, zunächst die Teutonen 102 bei Aquae Sextiae und ein Jahr später auch die Kimbern bei Vercellae vernichtend zu schlagen. Doch trotz dieses Sieges wirkte die empfundene Gefahr noch weithin im Bewusstsein der römischen Bevölkerung.

Doch wer waren nun die Germanen? Zunächst einmal ist anzumerken, dass der Begriff “Germani“ bzw. “Germanoi“ von Römern und Griechen verwendet wurde, dass die Germanen selbst jedoch kein kollektives Bewusstsein hatten. Vielmehr waren sie in Dutzende von Stämmen unterteilt und ein Germane der damaligen Zeit hätte auf die Frage nach seiner Zugehörigkeit gewiss mit “Friese“, “Sachse“ oder “Gote“ geantwortet, niemals aber mit “Germane“. Die gängige Überlieferung zur Zeit des Tacitus (1./2. Jahrhundert n. Chr.) lautete, dass der Name ursprünglich von einer Gruppe getragen worden sei, die den Rhein von Osten überquert und sich in Belgien niedergelassen habe und die später als “Tungrer“ bekannt geworden seien.[6] Dennoch kann man heute nur noch Vermutungen über die genaue Herkunft der Germanen anstellen. So nimmt man an, dass sie viel weiter nördlich als die in Böhmen und Gallien beheimateten Kelten lebten und “dass die Vorfahren der Germanen [...] bis zur Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr., nämlich bis zur Jastorf-Kultur in der nordgermanischen Ebene zwischen Elbe und Oder sowie zur Harpstedt-Kultur in Nordwestdeutschland und in Holland zurückverfolgt werden können.“(Todd 2000, S. 17) Inwiefern man diese Kulturen im Sinne eines ethnischen Kontinuums als “germanisch“ oder “proto-germanisch“ bezeichnen kann, bleibt jedoch problematisch. Eine klare Aussage kann lediglich dahingehend getroffen werden, dass vom späten Neolithikum an der Eindruck kultureller Stabilität in Nordgermanien und Südskandinavien vorherrscht.[7]

2.2 Geschichtliche Hintergründe

Da die vorliegende Seminararbeit sich mit dem Lebensstandard der Germanen vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. beschäftigt, wird im Folgenden auch hauptsächlich auf diesen Zeitraum eingegangen. Eine kurze Erwähnung verdient lediglich die Tatsache, dass die Römer nach der berühmten Niederlage im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Chr. und den anschließenden weitgehend erfolglosen Feldzügen des Germanicus von 14 – 16 n. Chr. den Gedanken aufgaben, Germanien erobern zu müssen und sich fortan auf die Sicherung der nördlichen Reichsgrenzen beschränkten. So sah die Verteilung der freien germanischen Stämme zur Zeit des Tacitus etwa folgendermaßen aus:[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die germanischen Stämme z. Zt. des Tacitus (Ende 1. Jahrhundert n. Chr.)

Quelle: Siehe Kapitel 8

Im Jahre 256 gelingt es nach zahlreichen Versuchen schließlich Truppen der Alamannen (die wohl aus Hermunduren und Sueben hervorgingen und von Caracalla 213 n. Chr. erstmals namentlich erwähnt werden) und Goten, den Limes endgültig zu durchbrechen und in Italien einzudringen. Die Römer geben daraufhin im Jahre 259 den obergermanisch-rätischen Limes und das dahinter liegende Dekumatland (“Agri Decumates“) auf, das damit zur Besiedlung durch germanische Stämme frei wird. Fortan konzentrieren sie sich, nachdem die Goten 269 unter Claudius geschlagen und die Alamannen 271 unter Aurelianus wieder aus Italien vertrieben werden können, auf die Errichtung eines Rhein-Donau-Iller-Limes, der unter Diokletian (284-305) fertiggestellt werden kann. In der Folgezeit kommt es zu einer zunehmenden Vermischung der Kulturen, da die Römer infolge der zunehmenden Bedrohungen von außen gezwungen sind, Verbündete aus anderen Völkern zu rekrutieren. So kämpften auch Germanen an der Seite des römischen Heeres und hatten dort alle Aufstiegschancen bis hin zum Konsulat. Doch der Niedergang des römischen Reiches war damit nicht mehr aufzuhalten. 355 gelingt es den Franken, die aus Brukterern, Chatten, Friesen, Chauken und zahlreichen kleineren Stämmen hervorgingen und ihren Ursprung wohl wie die Alamannen im späten 2. oder frühen 3. Jahrhundert n. Chr. hatten, die römischen Rheinfestungen Bonn, Köln, Mainz, Trier, Xanthen und Andernach einzunehmen. 20 Jahre später beginnt mit dem Einfall der Hunnen in Europa und deren Sieg über die Ostgoten die Völkerwanderungszeit, die die Machtverhältnisse in Europa neu ordnen sollte. Wiederum 20 Jahre später, im Jahre 395, wird das römische Reich nach dem Tod des Theodosius unter dessen Söhnen Arcadius im Osten und Honorius im Westen aufgeteilt und zerfällt infolge von Konflikten um die Zugehörigkeit Illyriens in Ost- und Westrom. Im Jahre 410 schließlich gelingt es den Westgoten unter Alarich, Rom für einige Tage einzunehmen und zu plündern. In den folgenden Jahrzehnten kommt es zu zahlreichen Auseinandersetzungen mit den Hunnen, die schließlich von Germanen und Römern gemeinsam besiegt werden können. Dennoch endet 476 das weströmische Reich mit der Herrschaft des Odoaker vom germanischen Stamm der Skiren, der als Offizier im römischen Heer gedient hatte. 484 kommt es zur vollständigen Eroberung Galliens durch die Franken unter Chlodwig. 493 wird Odoaker durch den Ostgoten Theoderich ermordet, womit die Herrschaft der Ostgoten in Italien beginnt. In der Folgezeit dehnen v. a. die Franken ihren Einflussbereich weiter aus: So wird um 500 fast ganz Alamannien und 531 Thüringen erobert. Folgende Karte soll die Machtverhältnisse in Europa nach dem Tode Chlodwigs 511 veranschaulichen:

[...]


[1] Vgl. Köpke and Baten 2003, S. 14 .

[2] Vgl. Komlos and Baten 1998.

[3] Vgl.: http://innovations-report.de/html/berichte/interdisziplinaere_forschung/bericht-9943.html (19.08.2004).

[4] Schon an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass sich die bestimmte Lebenserwartung bei diesem Datensatz nicht auf die komplette Bevölkerung bezieht, sondern dass nur Skelette aufgenommen wurden, die zum Todeszeitpunkt älter als 22 und jünger als 60 Jahre geschätzt wurden, da es andernfalls zu falschen Ergebnissen bei der Berechnung der durchschnittlichen Körpergröße führen würde, worauf später noch genauer eingegangen werden soll. Es handelt sich also um eine “Lebenserwartung der über 22- und unter 60-Jährigen.“

[5] Vgl. Todd 2000, S. 9.

[6] Vgl. Todd 2000, S. 15 f.

[7] Vgl. Todd 2000, S. 17.

[8] Die folgenden Ausführungen beziehen sich weitgehend auf Friedrichs 1988, S.71-104 .

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der biologische Lebensstandard bei den Germanen vom 3. bis 8. Jahrhundert n. Chr.
Untertitel
Regionale Unterschiede und zeitliche Entwicklung
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Proseminar: Angewandte ökonometrische Analysetechniken am Beispiel der antiken Wirtschaftsgeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V34602
ISBN (eBook)
9783638347792
Dateigröße
1275 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensstandard, Germanen, Jahrhundert, Regionale, Unterschiede, Entwicklung, Lebensstandards, Siedlungsraum, Proseminar, Angewandte, Analysetechniken, Beispiel, Wirtschaftsgeschichte
Arbeit zitieren
Markus Maneljuk (Autor), 2004, Der biologische Lebensstandard bei den Germanen vom 3. bis 8. Jahrhundert n. Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34602

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