Im Folgenden soll untersucht werden, ob und in welcher Weise das europäische Navigationssatellitensystem GALILEO eine autonome und funktionelle ESVP unter den Bedingungen eines internationalen Systems der neorealistischen Balance of Power fördert und welchen Einfluss das Raumfahrtprogramm auf die Machtposition Europas in diesem System nimmt. Generell stellt sich hierbei die Frage, welche Auswirkungen das Aufkommen neuer globaler Akteure in sicherheitsrelevanten Bereichen - wie den europäischen Staaten unter dem Dach der EU im Segment der GNSS – auf die Machtverhältnisse und Konfliktneigung des internationalen Systems hat.
Mit dem europäischen GNSS GALILEO baut die EU in Kooperation mit der ESA ein direktes Konkurrenzsystem zu den bisher einzigen voll funktionsfähigen globalen Satellitennavigationssystemen – dem amerikanischen GPS und dem russischen GLONASS – auf. Während GPS und GLONASS von Beginn an als militärische Systeme konzipiert wurden, was sich unter anderem in ihrer Kontrolle durch das jeweilige Verteidigungsministerium niederschlägt, rücken Fragen nach sicherheits- und verteidigungspolitischen Anwendungen des europäischen GNSS seit Programmbeginn immer wieder ins Zentrum des Diskurses. So haben weder die EU noch die ESA ein direktes politisches Mandat, ihre Raumfahrtpolitik in Bezug auf die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU-Mitgliedsstaaten zu gestalten. Dies wirft angesichts des Potentials von GALILEO für sicherheits- und verteidigungsrelevante Zwecke die Frage nach Möglichkeiten der Koordination und Bündelung der Kompetenzen auf. „Die Europäische Kommission hat dieses Problem erkannt und im April 2011 in einer Mitteilung vorgeschlagen, sowohl die Koordinierung in Absprache mit den EU-Mitgliedstaaten als auch eine eigenständige Rolle bei der Entwicklung neuer Infrastruktur zu übernehmen“.
Die EU ist also bestrebt, mit GALILEO ein Raumfahrtprogramm umzusetzen, das die machtpolitische Position Europas, u.a. durch das sicherheitsrelevante und wirtschaftliche Potential des GNSS, im internationalen System maßgeblich beeinflussen soll. Hierbei betonen die Funktionäre der EU, dass vor allem ein von den Vereinigten Staaten und ihrem GPS unabhängiger Aufbau der benötigten Infrastruktur notwendig sei, damit die zivile Sicherheit innerhalb Europas langfristig gewährleistet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1 Relevanz des Forschungsgegenstandes
1.2. Methodischer Aufbau
2. THEORIE: BALANCE OF POWER
2.1 Neorealismus
2.2 Balance of Power
2.3. GNSS als sicherheitsrelevante Machtinstrumente
3. EMPIRIE: GLOBALE NAVIGATIONSSATELLITENSYSTEME – EINE BALANCE OF POWER?
3.1 Grundprinzipien der Satellitennavigation
3.2 NAVSTAR GPS
3.2.1 Systemarchitektur
3.2.2 Funktionsprinzip
3.2.3 Kostenstruktur
3.3 GLONASS
3.3.1 Systemarchitektur
3.3.2 Funktionsprinzip
3.3.3 Kostenstruktur
3.4. Die Balance of Power bei bestehenden GNSS
4. ANALYSE: GALILEO UND DESSEN RELEVANZ FÜR EINE AUTONOME ESVP
4.1 Europa nach dem Kalten Krieg
4.2 Die europäische Sicherheits– und Verteidigungspolitik – Gegengewicht durch Zusammenschluss?
4.3 GALILEO
4.3.1 Systemarchitektur
4.3.2 Funktionsprinzip
4.3.3 Kostenstruktur
4.4. GALILEO als Faktor der ESVP im internationalen System der Balance of Power
5. FAZIT
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern das europäische Satellitennavigationssystem GALILEO eine autonome Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) innerhalb eines neorealistisch geprägten internationalen Systems der Balance of Power fördern kann und welchen Einfluss das Programm auf die Machtposition Europas ausübt.
- Neorealistische Theorie der internationalen Beziehungen
- Machtbegriff und fähigkeitsbezogene Machtmessung
- Vergleich der globalen Navigationssatellitensysteme (GNSS) GPS und GLONASS
- Strukturelle Analyse und Kostenstruktur des GALILEO-Programms
- Die Rolle der ESVP als Instrument der Machtbalance und Autonomie
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundprinzipien der Satellitennavigation
Ob Ägypter, Griechen, Römer oder Kelten, der Himmel diente bereits frühen Zivilisationen als Orientierungspunkt in Raum und Zeit. Sei es für irdische Belange wie z. B. die Bestimmung des Zeitpunktes zum Aussähen, damit bald darauf reich geerntet werden konnte, oder mystische, in Zyklen ausgeführte, religiöse Rituale, die die Ahnen und Gottheiten friedlich stimmen sollten: Die Sternenobservation stellt seit Anbeginn der Zivilisationsgeschichte ein universales anthropologisches Phänomen dar (Hofmann-Wellenhof, Lichtenegger u. Wasle 2008: S. 1). Auch wir Menschen der Gegenwart nutzen den Himmel, um uns in Raum und Zeit zu orientieren, wenn auch in technologisch versierterer Weise. So „[…] werden von Satelliten abgestrahlte Signale empfangen und ausgewertet […]“, um uns Auskunft über Zeit und Raum zu geben (Wendel 2007: S. 83).
Die Grundidee eines Satellitennavigationssystems ist, dass man den Standort „[…] eines Empfängers relativ zu einer bestimmten Anzahl von Satelliten bestimmt“ (Schüttler 2014: S. 2). Das erste Satellitennavigationssystem, welches diesem Funktionsprinzip folgte, war das amerikanische System Transit, das seine volle militärische Funktionalität im Jahr 1964 erreicht hat (Schüttler 2014: S. 33). Hierbei „[…] wurde die Frequenzverschiebung der Satellitensignale aufgrund des Doppler-Effekts3 genutzt […]“, wobei eine Positionsgenauigkeit von circa 500 Metern erreicht wurde (Wendel 2007: S. 83).
Die wichtigsten modernen GNSS sind gegenwärtig jedoch das US-amerikanische GPS und das russische GLONASS, die als passive Satellitensysteme beschrieben werden können (Bauer 2011: S. 51). „Die Vorgabe an das […] Satellitennavigationssystem GPS war, dass mit diesem zu jeder Zeit an jedem Ort der Erde, in der Luft und im erdnahen Weltraum […] die Position bis auf wenige Meter genau bestimmbar sein sollte“ (Schüttler 2014: S. 43). Der Nutzer eines solchen modernen, passiven GNSS trägt für die genaue Ortung einen Empfänger mit sich und kann mithilfe der empfangenen Satellitensignale und Zeitinformationen des GNSS seine Position und Geschwindigkeit berechnen. Die Ortsbestimmung erfolgt hierbei durch die Berechnung der Strecke, die das Satellitensignal auf dem Weg zum Empfänger zurücklegt. „Gemessen werden diese Entfernungen dadurch, dass die Satelliten zu nominell gleichen Zeitpunkten eine Abfolge von Signalen aussenden, deren Strukturen im Empfänger bekannt sind“ (Bauer 2011: S. 52).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Relevanz von Weltraumtechnologien für die heutige Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU.
2. THEORIE: BALANCE OF POWER: Darlegung der neorealistischen Theorie nach Waltz, um ein Verständnis für Machtstrukturen und Sicherheitsdilemmata im internationalen System zu schaffen.
3. EMPIRIE: GLOBALE NAVIGATIONSSATELLITENSYSTEME – EINE BALANCE OF POWER?: Analyse und Vergleich von GPS und GLONASS hinsichtlich Technik und Kosten, um den Status quo der globalen Machtverteilung im GNSS-Bereich zu bestimmen.
4. ANALYSE: GALILEO UND DESSEN RELEVANZ FÜR EINE AUTONOME ESVP: Untersuchung des GALILEO-Projekts und dessen Potenzial, die europäische Handlungsfähigkeit und Autonomie innerhalb der ESVP zu stärken.
5. FAZIT: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse unter Einbeziehung der neorealistischen Perspektive auf die langfristige Position Europas als Raumfahrtmacht.
Schlüsselwörter
GALILEO, Balance of Power, Neorealismus, ESVP, GNSS, GPS, GLONASS, Sicherheitspolitik, Macht, internationale Beziehungen, Raumfahrt, Verteidigungspolitik, Satellitennavigation, Interdependenz, Autonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sicherheits- und verteidigungspolitische Bedeutung des europäischen Satellitennavigationssystems GALILEO unter dem theoretischen Blickwinkel des Neorealismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die neorealistische Theorie der "Balance of Power", die technische und wirtschaftliche Analyse globaler Navigationssysteme sowie die Entwicklung einer eigenständigen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, ob und wie GALILEO eine autonome europäische ESVP innerhalb eines von Machtgleichgewichten geprägten internationalen Systems fördern kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Analyse, die qualitative Daten und technische Informationen über GNSS-Systeme mit dem theoretischen Rahmen des strukturellen Realismus nach Kenneth N. Waltz verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine empirische Untersuchung bestehender GNSS (GPS/GLONASS) und eine darauf aufbauende Analyse des GALILEO-Systems als machtpolitisches Instrument für Europa.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind GALILEO, Balance of Power, Neorealismus, ESVP, GNSS, Macht, Autonomie und internationale Sicherheit.
Warum wird GALILEO als dual-use-Technologie bezeichnet?
GALILEO ist konzeptionell als ziviles Projekt gestartet, kann jedoch durch seine hohe Präzision und Zuverlässigkeit gleichermaßen für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden, was in der Fachsprache als dual-use bekannt ist.
Welche Rolle spielt die Abhängigkeit von den USA für das europäische Projekt?
Aus neorealistischer Sicht motiviert die bestehende technologische Abhängigkeit von den USA (GPS) Europa dazu, eigene Infrastrukturen aufzubauen, um die strategische Souveränität und Sicherheit zu gewährleisten.
Führt die Entwicklung von GALILEO zwangsläufig zu mehr Stabilität?
Nein, der Autor argumentiert, dass die Entstehung neuer globaler Akteure und Machtverschiebungen im Bereich der Satellitennavigation gemäß der neorealistischen Logik auch zu neuer Konfliktneigung und Balancing-Reaktionen anderer Staaten führen kann.
- Quote paper
- Yannick Schneider (Author), 2016, Das europäische Satellitennavigationssystem GALILEO. Relevanz für die ESVP in einem internationalen System der Balance of Power, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346501