Branchenspezifische versus regionsspezifische Erfolgsfaktoren für etablierte technologieorientierte Unternehmensgründungen. Region Aachen


Masterarbeit, 2016
98 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thematische Herleitung und Problemstellung
1.2 Zielstellung und Forschungsfrage
1.3 Aufbau und Methodik

2 Technologieorientierte Unternehmen und ihre Bedeutung für die Region
2.1 Merkmale von TOU und Begriffsabgrenzung
2.2 Bedeutung von TOU für die Region und Fördermöglichkeiten

3 Thematische Einordung der Untersuchung in die Gründungserfolgsfaktorenforschung
3.1 Entwicklungen in der Gründungsforschung
3.2 Die Erfolgsfaktorenforschung als Teil der Gründungsforschung
3.2.1 Dimensionen von Erfolg
3.2.2 Dimensionen von Erfolgsmaßen
3.2.3 Dimensionen von Erfolgsfaktoren
3.3 Branchen- und regionsspezifische Erfolgsfaktoren in der Literatur
3.3.1 Branchenspezifische Erfolgsfaktoren
3.3.2 Regionsspezifische Erfolgsfaktoren
3.4 Kritik an der Erfolgsfaktorenforschung und Ableitungen für die eigene Fallstudie

4 Methodische Vorgehensweise im empirischen Teil
4.1 Das Forschungsdesign
4.2 Analyse von Sekundärdaten
4.3 Das leitfadengestützte Experteninterview
4.3.1 Der Expertenbegriff und die Auswahl der Experten für die Fallstudie
4.3.2 Der Forschungsprozess des leitfadengestützten Experteninterviews
4.3.3 Datenaufbereitung und Auswertung

5 Der Untersuchungsraum Technologieregion Aachen
5.1 Geographische Einordung und historische Entwicklung
5.2 Demographie und Beschäftigung
5.3 Wirtschaftsleistung und Technologieorientierte Unternehmen
5.4 Die regionale Wissensökonomie
5.5 Zwischenfazit

6 Erfolgsfaktoren etablierter Gründer der Fallstudie
6.1 Die Unternehmen der Fallstudie
6.2 Branchenspezifische Erfolgsfaktoren
6.2.1 Branchenspezifische Erfolgsfaktoren der Unternehmen
6.2.2 BranchenspezifischeHerausforderungen und Hemmnisse
6.3 Die regionsspezifischen Erfolgsfaktoren in der Region Aachen
6.3.1 Bedeutsame regionsspezifische Erfolgsfaktoren
6.3.2 Hemmnisse in der Region
6.4 Gesamtüberblick zu den Erfolgsfaktoren der Fallstudie

7 Diskussion und Handlungsempfehlungen
7.1 Beantwortung der Forschungsfragen
7.2 Kritische Diskussion der Thematik und der Methodik
7.3 Handlungsempfehlungen

8 Fazit und Ausblick

Literatur

Anhang 1

Anhang 2

Anhang 3

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Aufbau der Arbeit und Einbettung des Forschungsprozesses

Abb. 2: Kategorien von Erfolgsmaßen

Abb. 3: Gründungserfolg nach Nathusius/Klandt/Kirschbaum (1984)

Abb. 4: Vereinfachtes Modell zum Zusammenhang zwischen Erfolgsfaktoren und Erfolg

Abb. 5: Übersicht von Erfolgsfaktoren der Unternehmensgründung

Abb. 6: Branchenspezifische Erfolgsfaktoren

Abb. 7: Regionsspezifische Erfolgsfaktoren

Abb. 8: Methodensystematisierung nach Haenecke 2002

Abb. 9: Aufbau des empirischen Teils

Abb. 10: Auswahlprozess der Experten

Abb. 11: Ablaufmodell des problemzentrierten Interviews

Abb. 12: Geographische Lage der Region Aachen

Abb. 13: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach Wirtschaftszweigen in 2014

Abb. 14: Branchenzugehörigkeit Gesamtbestand und Veränderungen nach 2010

Abb. 15: Gründungsstandorte im Zeitvergleich

Abb. 16: Drittmittel der Hochschulen in der Region

Abb. 17: Standorte regionaler Hochschul-, Forschungs- und Fördereinrichtungen

Abb. 18: Bedeutung einzelner Standortfaktoren für die Unternehmensgründer

Abb. 19: Nennung der Erfolgsfaktoren nach Branchen

Abb. 20: Bedeutende regionale Standortfaktoren für Spin-Offs

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Branchen der technologieorientierten Dienstleistungen

Tab. 2: Einwohner und Fläche der Region Aachen

Tab. 3: Ausgewählte Kennziffern zur Qualifikation der Bevölkerung

Tab. 4: Kennzahlen der befragten IT-Unternehmen

Tab. 5: Kennzahlen der befragten Maschinenbau-Unternehmen

Tab. 6: Kennzahlen der befragten Medizintechnik-Unternehmen

Tab. 7:Genannte Erfolgsfaktoren der befragten Unternehmen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Im Anfang war die Tat.“ (Johann Wolfgang von Goethe – Faust I, Vers 1237)

In diesem einleitenden Kapitel wird der Leser an die Thematik der Masterarbeit und deren Aufbau herangeführt. Hierzu wird zunächst auf die Bedeutung technologieorientierter Unternehmensgründungen und der Herausforderung der Gründung eingegangen. Anhand der Problemdarstellung wird im Weiteren das Ziel der Masterarbeit abgeleitet und die notwendigen Forschungsfragen vorgestellt. Abschließend wird die Methodik und Struktur der Arbeit erläutert.

1.1 Thematische Herleitung und Problemstellung

Unternehmensgründungen – im Allgemeinen – sind für Volkswirtschaften von großer Bedeutung, da sie Beschäftigung schaffen und der Stadt bzw. Gemeinde zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen sichern. Für die Region, in der die Gründung erfolgt ist, ergeben sich zudem weitere positive Effekte.

Von noch größerer wirtschaftlicher Bedeutung sind Gründungen von technologieorientierten Unternehmen (TOU). Einer Studie der Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft zufolge, erzielen TOU-Gründung „auf Anhieb etwa viermal so viele Arbeitsplätze für Vollzeitbeschäftigte als herkömmliche Gründer“ (IHK NRW/IHK Rheinland-Pfalz 2005:5). Neben der Anzahl der geschaffenen Arbeitslätze, ist auch das Gehaltsniveau der Mitarbeiter höher, da für Forschung und Entwicklung mehr Akademiker benötigt werden.

So groß die Effekte der TOU sind, so hoch sind im Vergleich zu nicht technologieorientierten Unternehmen, die Anforderungen an eine erfolgreiche Gründung. Sie benötigen aufgrund der technologischen Ausrichtung u.a. ein deutlich höheres Startkapital, sowie den Zugang zu speziellen Ressourcen (u.a. spezielle Räumlichkeiten und hochqualifiziertes Personal). Aufgrund der Anforderungen, ist auch der Bedarf an Beratung in der Gründungsphase größer.

Unterstützung erfahren die TOU-Gründer von der deutschen Bundesregierung, die die gesamtwirtschaftliche und regionalökonomische Bedeutung der TOU erkannt hat. Seit Ende der 1990er Jahre forciert sie eine gezielte Gründungsförderung, zu der in der jüngeren Vergangenheit weitere Förderprogramme für technologieorientierte Ausgründungen aus Hochschulen hinzukamen. Trotz dieser Verbesserung, wiegen die Anforderungen an die TOU-Gründer und das Risiko zu scheitern, deutlich schwerer als es bei originären, also nicht technologieorientierten Unternehmensgründungen, der Fall ist.

Eine Vielzahl von Einflüssen und Herausforderungen sehen sich die TOU-Gründer gegenübergestellt, die es erfolgreich zu meistern gilt.

So ergeben sich je nach Branche und deren Spezifika unterschiedliche Anforderungen an die TOU-Gründung. Neben der Branche ist es auch die geographische/regionale Verortung der TOU, die Einfluss auf die Etablierung und den Erfolg des Unternehmens haben. Regionen können aufgrund ihrer Ausstattung unterschiedlich auf die Bedürfnisse der TOU eingehen. Somit können sowohl die Verankerung der TOU in ihrer Branche als auch die Verankerung der TOU in einer Region Einfluss auf den Erfolg der Unternehmen ausüben.

1.2 Zielstellung und Forschungsfrage

Genau hier möchte die vorliegende Arbeit ansetzen und anhand einer Fallstudie für die Region Aachen, die Erfolgskriterien dreier Branchen unter besonderer Berücksichtigung der Gegebenheiten der Region herausarbeiten. Hierbei sollen branchenspezifische und regionalspezifische Faktoren identifiziert und nach ihrer Bedeutung je Branche unterschieden werden.

Ziel soll es sein, die Erfolgsfaktoren für die Unternehmensgründung in den drei Branchen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), Maschinenbau und Medizintechnik systematisch zu erfassen. Es wird zwischen regionsspezifischen, also jenen Faktoren, die auf die Gegebenheiten in der Region Aachen zurückzuführen sind, und branchenspezifischen Erfolgsfaktoren, die Unternehmen der gleichen Branche (unabhängig von der Region) betreffen, unterschieden werden. Neben den Erfolgsfaktoren, sollen auch die Hemmnisse und Herausforderungen, denen sich Unternehmen ausgesetzt sehen, festgehalten werden.

Aus den gewonnenen Erkenntnissen können dann Handlungsempfehlungen für die Akteure, die während der Gründungsphase direkt oder indirekt involviert sind, abgeleitet werden. Nach Meinung des Autors lassen sich insbesondere die folgenden drei Akteursgruppen identifizieren:

Zunächst ist hier der Gründer bzw. der Gründungswillige selbst zu nennen, der von den Erfahrungen anderer TOU-Gründer lernen kann und somit Fehler vermeiden kann. Aber auch regionale Akteure der Wirtschaftsförderung und der Hochschulen, die die Gründer betreuen und beraten, können von den Erkenntnissen dieser Fallstudie profitieren. Mit einer zielgerichteten Anpassung der Beratungsangebote, kann den Anforderungen der Gründer noch stärker Rechnung getragen werden. Als letzte Gruppe kann die regionale Politik in Betracht gezogen werden. Ihr und ihren Entscheidungsträgern obliegt es, solche Strukturen zu schaffen, die einer zukünftigen Entwicklung der Region Aachen förderlich sind. Bereits in den vergangenen 40 Jahren haben TOU die Entwicklung der Region entscheidend mitgeprägt und sind somit eine nicht zu unterschätzende Größe in der Regionalentwicklung.

Um die Erfolgsfaktoren in der vorliegenden Studie näher fassen zu können, soll die übergeordnete Forschungsfrage wie folgt lauten:

Welche regionalspezifischen und branchenspezifischen Erfolgsfaktoren für etablierte technologieorientierte Unternehmen lassen sich in der Region Aachen identifizieren und welche Bedeutung haben diese für die Unternehmen und Branchen?

Zur leichteren Handhabung und Beantwortung dieser Frage, bedient sich der Autor weiterer Unterfragen. Diese strukturieren einerseits den Forschungsprozess und ermöglichen andererseits eine schrittweise Untersuchung bzw. spätere Diskussion der Forschungsfrage.

Welche regionsspezifischen und welche branchenspezifischen Faktoren können bei den befragten Unternehmen dieser Fallstudie als die Faktoren ausgemacht werden, die zum Erfolg und zur Etablierung der TOU-Gründungen beitrugen?

Wie unterscheiden sich die von den Unternehmen genannten Faktoren des Unternehmenserfolgs von Branche zu Branche? Lassen sich branchenübergreifende Erfolgsfaktoren identifizieren?

Welche Bedeutung messen die TOU-Gründer den regionsspezifischen und den branchenspezifischen Erfolgsfaktoren bei? Lässt sich eine Aussage treffen, welche der beiden Faktorengruppen ausschlaggebender für den Erfolg der befragten Unternehmen ist?

Welche Bedeutung messen die befragten Unternehmen der Nähe zu den regionalen Hochschulen und Forschungseinrichtungen bei? Kann die Nähe als einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren ausgemacht werden?

Wie unterschieden sich die in dieser Fallstudie produzierten Erkenntnisse über die Erfolgsfaktoren etablierter TOU-Gründer zu den Ergebnissen anderer Studien und den allgemeinen theoretischen Erkenntnissen?

Während des gesamten Forschungsprozesses stehen die o.g. Fragen im Zentrum des Interesses des Forschers. Im siebten Kapitel wird auf diese Fragen zurückgegriffen und diese anhand der erhobenen Ergebnisse diskutiert. Abschließend wird somit auch die übergeordnete Forschungsfrage beantwortet.

1.3 Aufbau und Methodik

Der Aufbau der Masterarbeit und das methodische Vorgehen sind auf die Beantwortung der Forschungsfragen ausgerichtet. Hierzu ist die Arbeit klar in acht Kapitel gegliedert, deren Inhalt im Folgenden kurz vorgestellt wird und in Abbildung 1 auf der nachfolgenden Seite visualisiert ist:

In diesem einleitenden Kapitel wurde der Leser für die Thematik der technologieorientierten Unternehmensgründung sensibilisiert. Des Weiteren wurden Problem- und Zielstellung sowie der Aufbau und die Methodik erläutert.

Im zweiten Kapitel erfolgt zunächst die Abgrenzung von TOU zu anderen Unternehmen. Darauf aufbauend wird die Bedeutung der TOU für die Regionalentwicklung herausgestellt.

Die Verankerung dieser Fallstudie in den Forschungszweig der Gründungserfolgsfaktorenforschung erfolgt im dritten Kapitel. Hierzu wird zunächst die Entwicklung des übergeordneten Forschungsgebiets, der Unternehmensgründungsforschung, vorgestellt. Im Anschluss daran werden die Begrifflichkeiten des Erfolgs, der Erfolgsmaße und der Erfolgsfaktoren unterschieden, um auf die Kategorien von Erfolgsfaktoren näher einzugehen. Hierbei wird der Versuch unternommen, die Vielzahl an branchenspezifischen und regionsspezifischen Erfolgsfaktoren übersichtlich, die sich in der Literatur finden lassen, darzustellen. Abschließend wird die Erfolgsfaktorenforschung kritisch beleuchtet, um Erkenntnisse für die vorliegende Fallstudie abzuleiten.

Das für den Erkenntnisgewinn konzipierte Untersuchungsdesign ist im vierten Kapitel untergebracht. Hier werden die beiden methodischen Ansätze, die Analyse von Sekundärdaten sowie die leitfadengestützten Expertengespräche, erörtert und die Formen der Datenerhebung, -aufbereitung und -auswertung näher vorgestellt.

Im fünften Kapitel steht die Technologieregion Aachen im Mittelpunkt des Interesses. Hierbei erfolgt zunächst eine geographische Einordnung, um im weiteren Verlauf die Charakteristika der Region vorzustellen.

Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung vorgestellt. Hierbei wird das Kapitel nochmals untergliedert in branchenspezifische und regionsspezifische Erfolgsfaktoren. Neben diesen Faktoren werden auch die Hemmnisse aus Sicht der Unternehmen aufgegriffen.

Die Diskussion der Forschungsfragen und der Methodik erfolgt im siebten Kapitel. Aus den gewonnen Erkenntnisse aus dem vorhergehenden Kapitel werden zudem Handlungsempfehlungen für die definierten Akteursgruppen abgeleitet.

Den Abschluss der Masterarbeit bildet das achte Kapitel, in dem die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst werden und ein Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der Region Aachen gewagt wird.

Abb. 1 : Aufbau der Arbeit und Einbettung des Forschungsprozesses

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Flick (1998:61)

2 Technologieorientierte Unternehmen und ihre Bedeutung für die Region

„Nicht fort sollt Ihr Euch entwickeln, sondern hinauf.“

Friedrich Nietzsche

In diesem Kapitel wird zunächst erläutert, was unter technologieorientierten Unternehmen zu verstehen ist und wie sich diese von anderen Unternehmen abgrenzen. Im Anschluss daran werden die regionalwirtschaftliche Bedeutung und die Fördermöglichkeiten von TOU herausgestellt.

2.1 Merkmale von TOU und Begriffsabgrenzung

In der Literatur werden häufig die Begriffe technologieorientierte Unternehmen (TOU) und junge technologieorientierte Unternehmen (JTU) synonym verwendet. Den Versuch einer Abgrenzung beider Begrifflichkeiten unternehmen Lessat et al. (1999:7), wonach „TOU im ersten Jahr ihrer Gründung erfasst werden, während JTU Technologieunternehmen nach der Gründungsphase sind“. Eine weitergehende Festsetzung bis zu welchem Zeitpunkt ein Technologieunternehmen noch als JTU bezeichnet werden kann, ist allerdings nicht vorzufinden (Janner 2004:13).

Erschwert wird ein einheitliches Verständnis zudem von der Vielzahl an weiteren in der Literatur anzutreffenden Begrifflichkeiten. Hierzu gehören beispielsweise Termini wie Hochtechnologie, High-Tech Unternehmen, Schlüsseltechnologien, technologieorientierte Industrien etc. (Lessat et al. 1999:7). All diesen Terminologien gemein sind aber der Bezug zu forschungsintensiven Technologien und die bedeutende Rolle von Innovationen für die Unternehmen.

Betrachtet man die in der Literatur vorzufindenden Begriffsbestimmungen für technologieorientierte Unternehmensgründungen, so zeigen sich auch hier die beschriebenen Merkmale:

Laut Definition des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (2015: Zeile3) sind „technologieorientierte Unternehmensgründungen […] neugegründete Unternehmen, deren Produkte bzw. Dienstleistungen auf neuen technologischen Ideen und Forschungsergebnissen basieren. Der Produktionsaufnahme sind in der Regel umfangreiche technische Entwicklungsarbeiten vorgeschaltet.“ Ein ähnliches Verständnis hat Kulicke (1993), wobei er wiederum TOU und JTU als synonyme Begrifflichkeit betrachtet. So sind „TOU oder JTU neugegründete Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe, deren Geschäftszweck vor allem in der Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen besteht, die auf der Verwertung neuer technologischer Ideen, Forschungsergebnisse oder Systeme basieren, wobei bis zur Produktionsaufnahme i.d.R. umfangreiche technische Entwicklungsarbeiten erforderlich sind“ (Kulicke 1993:14).

Beide Definitionen verdeutlichen, dass zur Erstellung der Produkte und Dienstleistungen erhebliche Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) anfallen und die neuen Produkte durch Schutzrechte wie Patente oder Gebrauchsmuster gesichert werden. Daher kann die Abgrenzung von TOU zu anderen Unternehmen u.a. über den Innovationsgrad des Unternehmens erfolgen, der sich mittels Input- und Output-Faktoren bestimmen lässt.

Für Janner (2004:13) sind „ein hoher Anteil von FuE-Aufwendungen am Umsatz oder ein hoher Anteil von FuE-Beschäftigten an der Gesamtbeschäftigtenzahl und [eine] gute Ausstattung mit Forschungs-, Entwicklung- und Labortechnik“ mögliche Input-Indikatoren. Auf der Output-Seite könnten der Anteil am Gesamtumsatz oder -gewinn mit neuen Produkten sowie die Anzahl der Patente oder sonstiger Schutzrechte als Kennzahlen dienen (Janner 2004:13).

Als Abgrenzung zu nicht technologieorientierten Unternehmen, kann, bezogen auf die Inputgröße FuE-Aufwendungen am Umsatz, ein Wert von 3,5 Prozent angenommen werden (ZEW 2006: Absatz 2). Dies bedeutet, dass 3,5 Prozent des Unternehmensumsatzes für die Erforschung und Entwicklung neuer Produkte und Verfahren investiert wird.

Jedoch sagt ein hoher Anteil der FuE-Aufwendungen am Umsatz nicht zwangsläufig etwas über das Maß und die Güte der Innovationstätigkeit eines Unternehmens aus. Daher erachtet Rüggeberg (1997) es für unabdingbar, Input- als auch Output-Seite gleichermaßen zu betrachten. Für ihn ist eine Unternehmensgründung als TOU-Gründung einzustufen, wenn es dem Unternehmen gelingt, die Idee von einem Produkt bzw. Verfahren mittels eigener FuE-Leistung in eine Innovation zu überführen. Zudem muss die Markteinführung des Produktes/Verfahrens realisiert worden sein und das Produkt zumindest zu einem Teil vom Unternehmen selbst produziert worden sein (Rüggeberg 1997:21). Mit diesem Verständnis deckt die TOU-Gründung den gesamten Innovationsprozess ab und führt das Produkt bis zum Markteintritt.

Eine weitere Möglichkeit TOUs zu identifizieren und von anderen Unternehmen abzugrenzen, bietet die Klassifikation nach Wirtschaftszweigen, die sich ebenfalls der Input- und Output-Größen bedient. Anwendung findet diese Klassifikation vor allem in empirischen Studien, die Aussagen über die Zahl der TOU und deren Bedeutung für die Volkswirtschaft tätigen wollen. Denn zu den zu untersuchenden Unternehmen liegen die zur Berechnung des Innovationsgrades nötigen Input- und Output-Größen oftmals nicht vor. Anhand der Wirtschaftszweig-Klassifizierung lässt sich dennoch eine Abgrenzung zu den nicht technologieorientierten Unternehmen herstellen (Lessat et al. 1999:7).

Die wohl bekannteste und am häufigsten genutzte Systematik zur Abgrenzung von technologieorientierten Unternehmen in Deutschland, ist die NIW/ISI-Liste. Diese „beruht auf einer Zusammenstellung ‚technologieintensiver Güter‘ durch die OECD“ (Janner 2004:14) und wurde „auf die Wirtschaftszweigsystematik des statistischen Bundesamtes übertragen“ (Janner 2004:14). Die Identifikation von TOU erfolgt in dieser Liste anhand der Inputgröße FuE-Intensität, wobei nochmals in Spitzentechnologie und höherwertige Technik unterschieden wird. Während die höherwertige Technik eine FuE-Intensität zwischen 3,5% und 8,5% vorweisen muss, befindet sich dieser Wert für die Spitzentechnologie bei über 8,5% (Janner 2004:14).

Im Jahr 2012 wurde die bestehende NIW/ISI-Liste vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung (NIW), dem Fraunhofer ISI und dem Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) überarbeitet. Fortan wird die NIW/ISI-Liste aus dem Jahr 2006 durch die NIW/ISI/ZEW-Liste forschungsintensiver Industrien ersetzt (EFI 2013:1). Eine Liste mit den forschungsintensiven Wirtschaftszweigen ist im Anhang 1 beigefügt.

Neben der Industrie bzw. dem Gewerbe, hat auch der Dienstleistungssektor eine Vielzahl technologieorientierter Unternehmen zu bieten, die in den vergangenen Jahren durch ihre zunehmende Zahl an Innovationen einen wichtigen Beitrag für die technologische Entwicklung der Wirtschaft geleistet haben. Um diesen Unternehmen Wirtschaftszweigen zuzuordnen, gibt es auch für den Dienstleistungssektor eine Klassifikation (Tabelle 1).

Die Verflechtung zwischen Industrie und Dienstleistungssektor lässt sich am Beispiel des Software-Sektors gut nachzeichnen, der eng verflochten mit der Computer-Industrie und dank der Entwicklung des Internets in der vergangenen Dekade rasant an Bedeutung dazugewonnen hat. Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ist die IKT-Branche Innovationsmotor Nummer eins in Deutschland, da mehr als 80 % der deutschen Innovationen auf dieser Branche beruhen (Statistisches Bundesamt 2013:5). Während die Herstellung von IKT-Waren 2009 nur 12 % Anteil an der Bruttowertschöpfung des IKT-Sektors haben, kommen die IT-Dienstleistungen auf einen fast viermal so hohen Wert (42%) (Statistisches Bundesamt 2013:7).

Tab. 1: Branchen der technologieorientierten Dienstleistungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heger et al. 2011:48

Vorteil der Abgrenzung mithilfe der Wirtschaftszweig-Betrachtung ist, dass die Verfügbarkeit der Daten und die Nachvollziehbarkeit der Abgrenzung einfacher ist, als dies im Falle von unternehmensbezogenen Abgrenzungen der Fall ist. Hier wären deutlich mehr Daten von Nöten, um über Output- und Inputfaktoren eine Abgrenzung gegenüber nicht technologieorientierten Unternehmen herzustellen. Ein weiterer Vorteil liegt in der Zeitraum-unabhängigen Betrachtung von Unternehmen. Befindet sich beispielsweise ein Unternehmen in der Entwicklungsphase hin zu einem technologieorientierten Unternehmen, kann aber zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht die FuE-Intensität von 3,5% - 8% erreichen, so würde es nicht als TOU erkannt werden. Über die Wirtschaftszweig-gebundene Betrachtungsweise würde sich diese Problematik erübrigen (Nerlinger 1998:72).

Neben den genannten Vorteilen lassen sich auch Nachteile dieser Klassifizierung anführen. So werden aufgrund der aggregierten Darstellung, Branchen als technologieorientierte Wirtschaftszweige zusammengefasst, obwohl einzelne Unternehmen dieser Branchen als wenig innovativ und damit als nicht technologieorientiert eingestuft werden müssten. Auf der anderen Seite ist es aber auch möglich, dass in den als nicht technologieorientiert deklarierten Branchen, innovative Unternehmen zu finden sind, die als TOU bezeichnet werden müssen (Nerlinger 1998:72).

Um diesen Nachteil soweit wie möglich zu reduzieren, sollte darauf geachtet werden, dass ein niedriges Aggregationsniveau genutzt wird. Über die vierstelligen Wirtschaftszweigbezeichnungen kann dies beispielweise erreicht werden (Janner 2004:16).

Nerlinger (1998) konnte durch seine Forschungsarbeit zeigen, dass die Aussagekraft der Zuordnung von TOU über Wirtschaftszweige dennoch gegeben ist. Hierzu untersuchte er mithilfe des Mannheimer Gründungspanels die Zuordnung von Unternehmen des Panels zu technologieorientierten Wirtschaftszweigen mittels NIW/ISI-Liste. Das Ergebnis zeigt, dass Unternehmen, die nach NIW/ISI-Liste als TOUs eingestuft werden, gegenüber dem sonstigen Gewerbe mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit FuE-Leistungen tätigen. Zudem ist die Forschungsintensität gemessen am Umsatz, bei den nach NIW/ISI-Liste als TOU eingestuften Unternehmen, signifikant höher als dies bei innovativen Unternehmen des sonstigen Gewerbes der Fall ist (Nerlinger 1998:79ff.).

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Abgrenzung von TOU auf drei unterschiedliche Arten erfolgen kann. Neben den in der Literatur vorzufindenden Definitionen, die TOU und ihre Merkmale beschreiben, lassen sich Abgrenzungen ebenso über input- und Output-basierende Faktoren sowie über die Wirtschaftszweige mittels NIW/ISI/ZEW-Liste durchführen.

2.2 Bedeutung von TOU für die Region und Fördermöglichkeiten

TOU nehmen in den hochentwickelten Volkswirtschaften, wie beispielsweise Deutschland, eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung ein. Dies gilt sowohl auf nationaler, wie auch auf regionaler Ebene.

Da sich diese Fallstudie auf die Region Aachen fokussiert, soll die Bedeutung technologieorientierter Unternehmen, insbesondere aus regionaler Perspektive betrachtet werden. Im Folgenden werden daher die Bereiche genannt, in denen TOU bedeutsam für die Region sind:

Die Bedeutung von TOU für die Region ergibt sich meistens bereits aus dem Gründungskontext und der Entscheidung für den Unternehmensstandort. Oftmals sind die Unternehmen Ausgründungen aus der Hochschule bzw. aus Forschungseinrichtungen oder entstammen einem Projekt, das in Zusammenarbeit mit Hochschul- und Forschungseinrichtungen realisiert wurde. Dabei bringen sie neue Technologien aus der Wissenschaft in Form von Produkten und Dienstleistungen in die freie Wirtschaft und nehmen eine Schlüsselrolle im regionalen Technologietransfer ein (Steinle/Schumann 2003:16).

Durch das Schaffen von innovativen Produkten und Dienstleistungen, können TOU Wegbereiter eines sektoralen Strukturwandels sein (Almus et al. 1999:1). Indem die Anteile traditioneller, möglicherweise krisenanfälliger Branchen an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung zu Gunsten innovativer Wirtschaftszweige verringert werden, kann es gelingen, die regionale Wirtschaft widerstandsfähiger gegenüber Krisen zu machen. Dies zeigen diverse Studien für Deutschland und die USA[1]. In der Literatur wird die Eigenschaft einer Region, ökonomischen Schwächephase erfolgreich zu meistern, als regional resilience bezeichnet (Christophersona et al. 2010:4).

Ein weiterer Effekt, der aus dem Markteintritt von TOU resultiert, ist die Steigerung des Wettbewerbs in der Branche. Bestehende Unternehmen der Branche müssen sich nun mit den innovativen Produkten, Dienstleistungen oder Verfahren neuer Unternehmen messen. Um ihre Marktposition aufrechterhalten zu können, müssen bereits am Markt tätige Unternehmen verstärkt in Forschung und Entwicklung investieren. Unternehmen, die diesen Weg nicht gehen, werden aus dem Markt ausscheiden, da ihre Produkte nicht mehr gefragt sind (Seeger 1997:27ff.).

Die notwendigen, höheren Investitionen in Forschung und Entwicklung der bestehenden Unternehmen führen wiederum dazu, dass auch die neu in den Markt eingetretenen Unternehmen ihre Ausgaben für FuE steigern müssen. Durch den Wettbewerb könnte sich ein verstetigender Kreislauf in Gang setzen, der immer größere finanzielle Mittel für FuE freisetzt und den Unternehmen zu Technologieführerschaft verhilft. Befinden sich Unternehmen in dieser beschriebenen Wettbewerbssituation in einer Region, so kann dies zur Ausbildung eines regionalen Clusters führen. Zulieferer und Kooperationspartner werden die räumliche Nähe zu diesen Unternehmen suchen und ganze Wertschöpfungsketten können auf diese Weise in der Region entstehen. Auch diese Erscheinung hätte einen sehr positiven Einfluss auf die Region, in dem beispielsweise neue Arbeitsplätze entstehen und die kommunalen Einnahmen steigen (Westhead/Storey 1995:358).

Auf der anderen Seite hat der Erfolg der TOU am Markt auch Vorbildcharakter für andere Gründungswillige, die den gleichen Schritt wagen wollen. So kann sich das Gründungsklima positiv entwickeln und einen Multiplikatoreffekt in Gang setzen. Ein erfolgreicher Gründer ist dann Vorbild für eine ganze Schar an gründungswilligen Hochschulabsolventen und Forschern (Kulicke 1987:130).

Weitere Effekte für die Region ergeben sich aus den empirisch nachgewiesenen Eigenschaften der TOU selbst. So schaffen laut einer Umfrage der Technologie-Beteiligungsgesellschaft (tbg) diese Unternehmen auf Anhieb viermal so viele sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen als andere Unternehmen (IHK NRW/IHK Rheinland-Pfalz 2005:5).

Des Weiteren ist, aufgrund des hohen Forschungs- und Entwicklungsbedarfs für die neuen Produkte und Dienstleistungen, das Anforderungsprofil und damit auch die Bezahlung der geschaffenen Arbeitsplätze deutlich höher, als in nicht forschungsintensiven Branchen. Durch die neugeschaffenen Stellen steigt das in der Region verfügbare Einkommen und die regionale Kaufkraft nimmt zu. Auch andere Sektoren, wie beispielsweise der Einzelhandel, können dann durch höhere Ausgaben der Privatpersonen profitieren (Haustein 1992:6).

Durch Ihren Ursprung an Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben TOU häufig einen starken Bezug zu diesen Einrichtungen. Die Vergabe von Auftragsforschung und die Kooperation mit diesen Einrichtungen sind daher nicht selten. Hiervon profitieren sowohl Forschungseinrichtungen als auch das Unternehmen. Einerseits können über diese Mittel Forscher in der Einrichtung eingestellt werden, Studenten Einblicke in praxisnahe Forschungsprojekte erhalten und Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern sichern, andererseits lohnt es sich auch für das Unternehmen, da Kapazität, wie Personal, Laboreinrichtung und spezielles Know-how nicht vorhanden ist (Malecki/Veldhoen1993:136; Fromhold-Eisebith 1992:124).

Neben der Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen sind es auch die Zusammenarbeit und der Austausch mit anderen Unternehmen der Branche, die zu kollektiven Lernprozessen führen können. So entsteht neues Wissen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in der Region steigert (Keeble 2000:207).

Durch das Aufzeigen, in welch unterschiedlicher Art und Weise eine Region von etablierten TOU profitieren kann, wurde dem Leser die Bedeutung dieser Unternehmen vor Augen geführt. Ausgehend von diesen Erkenntnissen, sollen in einem ersten Schritt die Voraussetzungen vorgestellt werden, die Gründer von TOU benötigen. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen werden danach Fördermöglichkeiten aufgezeigt, die den Gründungserfolg positiv beeinflussen.

Empirische Studien (u.a. Nerlinger 1998) zeigen, dass TOU signifikant häufiger in Agglomerationen, also in Städte oder verdichteten, umliegenden Kreisen vorzufinden sind. Ebenfalls förderlich für das Gründungsgeschehen ist die regionale Wirtschaftsstruktur (Nerlinger 1998:177). Zudem sind eine leistungsstarke Hochschule und öffentliche und/oder private FuE-Einrichtungen, die hochqualifizierte Absolventen und die Möglichkeit für technologische Kooperationen bieten, wichtiger Bestandteil eines regionalen TOU-freundlichen Standortprofils (Bruns/Görisch 2002:14).

Für den Austausch von implizitem Wissen, das als Wegbereiter für Innovationen eine ganz besondere Rolle spielt, sind räumliche Nähe der beteiligten Akteure und die Vernetzung sehr wichtig. Regionale Netzwerke oder Cluster mit regelmäßigen Treffen, bringen Akteure einer Branche zusammen. Aus den so entstehenden Face-to-Face-Kontakten ergeben sich häufig gemeinsame Anknüpfungspunkte und ein lokaler Wissensaustausch analog dem local buzz- Konzept[2] wird ermöglicht (Koschatzky/Kulicke 2002: 27).

Neben diesen Grundanforderungen lassen sich weitere Möglichkeiten zur Schaffung eines TOU-freundlichen Gründerklimas nennen, die zum Teil durch die Region umgesetzt werden können. Fromhold-Eisebith (1992:60) nennt beispielsweise die folgenden Punkte:

- Gründer- und Technologiezentren, die einen weiteren Anreiz für potentielle Gründer durch günstige Mieten und ein umfangreiches Dienstleistungsangebot bieten.
- Verfügbarkeit günstiger Büro- und Gewerbeflächen
- Verfügbarkeit von Fachkräften aus dem nichtakademischen Bereich
- eine gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur mit Anschluss an einen Flughafen mit nationalen und internationalen Verbindungen
- von Bund/Land oder Stadt vergebene FuE-Aufträge
- weiche Standortfaktoren wie hohe Lebensqualität, Verfügbarkeit von Kita-Plätzen, Freizeitangebot etc.

Für diese Fallstudie liefern die genannten Anforderungen und Fördermöglichkeiten erste Indizien, welche Eigenschaften eine gründerfreundliche Region erfüllen muss.

Ob und in welcher Weise diese oder ähnliche Strukturen in der Region Aachen vorzufinden sind, wird im fünften Kapitel erläutert.

3 Thematische Einordung der Untersuchung in die Gründungserfolgsfaktorenforschung

„Ich habe stets beobachtet, dass man, um Erfolg zu haben in der Welt, närrisch scheinen oder weise sein muss."

Charles-Louis de Montesquieu (1689 – 1755)

Um den Leser an die Thematik der Gründungserfolgsfaktorenforschung heranzuführen und ihm den nötigen theoretischen Hintergrund für die in dieser Arbeit durchgeführte Fallstudie zugeben, gliedert sich dieses Kapitel wie folgt:

Als Einstieg in die Thematik dient ein historischer Abriss über die Entwicklungen in der Gründungsforschung allgemein. Nachfolgend wird der Leser in die Teildisziplin der Erfolgsfaktorenforschung eingeführt.

Die Breite des Forschungsgebiets wird dann anhand der in der Literatur vorhandenen Dimensionen dieses Forschungsbereichs aufgezeigt. Hierzu werden die Auffassungen von Erfolg sowie die Vielzahl an Erfolgsmaßen und Erfolgsfaktoren verdeutlicht. Anschließend werden die für diese Studie wichtigen branchen- und erfolgsspezifischen Faktoren näher betrachtet. Den Abschluss des Kapitels bilden Überlegungen, welche Ableitungen für die eigene Untersuchung aus diesen Erkenntnissen getroffen werden können.

3.1 Entwicklungen in der Gründungsforschung

Wie schon einleitend erwähnt, spielen TOU als Zugpferde einer modernen Ökonomie, die in immer kürzeren Zyklen und mit zunehmendem Wettbewerb Innovationen hervorrufen muss, eine entscheidende Rolle. Auch die Wissenschaft hat die Bedeutung dieser Unternehmen erkannt und sich der Erforschung von TOUs angenommen. Die Anfänge der Gründungsforschung in Deutschland reichen zurück bis in die Mitte der 1970er Jahre. Auch wenn sich zu dieser Zeit das Interesse an der Erforschung des Gründungsgeschehens auf einige wenige Forscher aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften beschränkte (Klandt/Münch 1990:173).

Grund für das zunehmende Interesse waren die enormen Umbrüche und ökonomischen Veränderungen zu dieser Zeit. Der einsetzende Strukturwandel in der Montanindustrie, „zunehmende[r] technische[r] Fortschritt und [...] steigende Verflechtung[en] der internationalen Wirtschaftsbeziehungen“ machten für Unterkofler (1989:30) eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und das Bestreben des Verstehens vom Prozess der Unternehmensgründung und Etablierung, notwendig.

In den 1980er Jahren bestätigten Ergebnisse diverser[3] Studien aus den USA die Annahmen der und das Forschungsinteresse wuchs auch hierzulande. Der dort eingesetzte Gründungsboom vor allem bei technologieorientierten Branchen, die räumlich konzentriert, beispielsweise in Nähe der Standford University, dem dortigen Silicon Valley vorzufinden waren, wurden von der Gründungsforschung hinterfragt (Unterkofler 1989:31).

Die dabei gewonnenen Ergebnisse über die Bedeutung von Gründungen, beispielsweise im Halbleiterbereich, ließen die Forscher aufhorchen. Das enorme Wachstumspotential dieser Branche, die Schaffung neuer und qualifizierter Arbeitsplätze und der stattfindende Wissenstransfer, lenkten das Interesse und die Wahrnehmung weg von den Großunternehmen, die bis dahin als die Garanten des wirtschaftlichen Erfolgs galten, hin zu den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Die Ergebnisse zeigten, dass neugegründete Unternehmen in der Zeit mehr Jobs schafften, während in den großen Unternehmen die Arbeitsplätze zurückgingen (Birch 1987: 20ff.; Davis/Haltiwanger/Schuh: 1996:301ff.).

Gehör fanden diese Ergebnisse u.a. in der US-amerikanischen Politik. Gründungen, insbesondere in den technologieorientierten Branchen, wurden stärker unterstützt und gefördert. An den Universitäten wurden zudem Entrepreneurship-Forschungsinstitute eingerichtet, die sich speziell mit der Erforschung des Gründungsgeschehens befassten.

Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse über die Bedeutung von Gründungen fand auch Einhalt in die deutsche Gründungsforschung. Zwar dauerte dieser Prozess bis in die 1990er Jahre, dafür war zu beobachten, dass zunehmend andere wissenschaftliche Disziplinen, neben den Wirtschafts- und Betriebswirtschaftswissenschaften, sich der Erforschung des Gründungsprozesses annahmen. So befasst sich neben der Soziologie und Psychologie auch die Geographie mit der Erforschung des Gründungsprozesses (Hübscher 2008:10).

Für Sternberg (2005: 130) ist es vor allem die regionale Perspektive, die im Zuge eines Gründungsprozesses von Entscheidung ist. Denn die regionalen Gegebenheiten geben wichtige Determinanten des Unternehmenserfolgs vor. Der Zusammenhang zwischen Region und ökonomischen Aktivitäten, die sich in diesem Raum ereignen, sind für die Geographie und insbesondere die Wirtschaftsgeographie keine neue Erkenntnis gewesen. Für die Wirtschaftswissenschaften jedoch sehr wohl. Erst mit der New Economic Geography (Krugman 1991) wurde der Raum von den Wirtschaftswissenschaften als Parameter ökonomischer Austauschbeziehungen erkannt (Binder 2006:6).

Analog zu den USA haben sich auch in Deutschland, allerdings mit zeitlicher Verzögerung, Institute an deutschen Hochschulen gegründet, die sich explizit der Entrepreneurship-Forschung verschrieben haben. Aber auch eine Vielzahl an Fachdisziplinen tragen mit ihrer Forschung zum Erkenntnisgewinn bei. So hat sich die Gründungsforschung in Deutschland zu einer interdisziplinären Forschungsaufgabe entwickelt, zu deren Erkenntnisgewinn die Disziplin der Geographie einen entscheidenden Beitrag liefert (Bögenhold 1999:31; BrüderI/Preisendörfer/Ziegler 1996: 17).

Klandt/Münch (1990: 174) unterteilen die Gründungsforschung in zwei Bereiche. Diese befassen sich entweder mit „der Erforschung der Gründungsaktivität oder aber der Erforschung des Gründungserfolgs“ (Klandt/Münch 1990:174). Bei der Betrachtung der Gründungsaktivität sind vor allem der Entstehungsprozess von Unternehmen sowie deren Rahmenbedingungen und Begleiterscheinungen von Interesse. Auf diesen Forschungsansätzen aufbauend, befasst sich die Erfolgsfaktorenforschung mit den Größen bzw. Gründen, die zum Erfolg einer Unternehmung führen (Klandt/Münch 1990:175). Letzterer Ansatz bildet die Grundlage, für die in dieser Arbeit behandelte Fallstudie. Aus diesem Grund werden die Strömungen in der Erfolgsfaktorenforschung im nächsten Unterkapitel näher betrachtet.

3.2 Die Erfolgsfaktorenforschung als Teil der Gründungsforschung

Die Erforschung von Erfolgsfaktoren bei Unternehmensgründungen nimmt ihren Ursprung in einem Artikel des Harvard Business Review. Daniel (1961:161) stellt darin die These auf, wonach es nur weniger Faktoren bedarf, die Unternehmen einer Branche zum Erfolg führen. Dieser Aufsatz sorgte zur damaligen Zeit für großes Aufsehen und war Grund dafür, dass sich mit der Critical Success Factor Research (Rockart 1979), eine eigene Forschungsrichtung entwickelte, die nicht nur die Unternehmensgründung an sich, sondern auch die weiteren Phasen im Lebenszyklus eines Unternehmens betrachtet (Boynlon/Zmud 1984: 11ff.).

Spätestens seit Dickinson/Ferguson/Sircar (1984) gilt die Methodik der Erfolgsfaktorenforschung innerhalb der Gründungsforschung als fest verankert. Nach Herr (2007:95) waren es die drei zuvor erwähnten Akteure, die „explizit die Systematik der kritischen Erfolgsfaktoren auf das Feld der Unternehmensgründung übertragen“ haben.

In der Literatur besteht heute Einigkeit darüber, dass einige wenige Faktoren für die Erklärung von Unternehmenserfolg nicht ausreichen und es daher „eine Vielzahl von Faktoren zu berücksichtigen gilt, die zudem in wechselseitiger Abhängigkeit stehen“ (Hübscher 2008:9).

Untermauert wird diese Aussage durch eine Vielzahl[4] an Forschungsarbeiten, regionalen wie überregionalen Fallstudien, die sich in den vergangenen Jahrzehnten der Thematik der Erfolgsfaktorenforschung angenommen haben. Hierbei zeigt sich vor allem, dass je nach Fachdisziplin und Forschungsinteresse, unterschiedliche Definitionen von Erfolg, Erfolgsmaßen und Erfolgsfaktoren Verwendung finden.

3.2.1 Dimensionen von Erfolg

Zentraler Begriff der Erfolgsfaktorenforschung bei Unternehmensgründungen ist der Begriff des Erfolgs. Hierunter wird im Allgemeinen „die positive Wirkung oder Folge von Entscheidungen oder Handlungen verstanden“ (Schleinkofler 2006: 23). Etwas weiter fasst Nöcker (1999:54) den Erfolgsbegriff. Als Erfolg kann demnach auch der Fortschritt bezeichnet werden, zudem ein in der Zukunft liegendes Ziel erreicht ist. Je näher der Wert dem Zielwert bzw. Zielzustand kommt, desto höher ist der Erfolgsgrad. Eine Form des Erfolgs kann der ökonomische Erfolg sein, der nach Burgstahler (2001:16) als das Bemühen, ein vorgegebenes Ziel unter wirtschaftlich vorteilhaften Umständen (Relation Aufwand zu Ertrag) zu erreichen, umschrieben werden kann. Auch ein situationsspezifisches Ereignis kann als Erfolgs verstanden werden, wobei unter diesem Verständnis die jeweilige Situation des betrachteten Unternehmens berücksichtigt wird. Bühner (1977:51ff) bezeichnet dies als „Kontingenzansatz“.

Die Notwendigkeit, unterschiedliche Dimensionen/Begrifflichkeiten des Erfolgs verwenden zu müssen, ist auch dadurch bedingt, dass die Unternehmen selbst „mit heterogenen und teils divergierenden Zielen“ (Hemer et al. 2006:64) agieren und schon alleine deshalb unterschiedliche Ansätze von Nöten sind. Jedoch sollte man keinen dieser Ansätze von vornherein als falsch deklarieren. Es kommt jeweils auf den Blickwinkel des Forschers und die untersuchten Unternehmen an (Hemer et al. 2006:65). Als das minimale Erfolgskriterium muss für Brüderl/ Preisendörfer/Ziegler (1998:91) aber das Überleben des Unternehmens gelten.

3.2.2 Dimensionen von Erfolgsmaßen

Neben dem Begriff des Erfolgs sind auch Erfolgsmaß und Erfolgsfaktoren wichtige Elemente der Erfolgsfaktorenforschung. Hierzu sollten die Begrifflichkeiten Erfolgsmaß bzw. -indikator vom Erfolgsfaktor abgegrenzt werden.

Mit dem Erfolgsmaß wird beschrieben, in welcher Größenordnung bzw. zu welchem Anteil ein Ziel im Gründungsverlauf erreicht wurde. Dem hingegen sind die Erfolgsfaktoren die „Determinanten des Erfolgs, die Einfluss auf den Erfolg des Unternehmens haben“ (Hemer et al. 2006:65).

Vorab sollte angemerkt werden, dass in der Literatur eine kaum zu überblickende Vielzahl an Erfolgsmaßen bzw. -indikatoren vorzufinden ist und alleine daher die Vergleichbarkeit der Studien untereinander oft nur sehr schwer möglich ist. Dennoch sollen in diesem Unterkapitel einige Ideen und Konzepte zu angewendeten Erfolgsmaßen und deren Kategorisierung vorgestellt werden.

Einen leicht zugänglichen Ansatz bieten Zahn/Unterkofler (1986:54f.), die mithilfe dreier Kategorien von Erfolgsmaßen versuchen, den Unternehmenserfolg zu bestimmen. Hierzu wurden die Kategorien individuelle, einzel- und gesamtwirtschaftliche Faktoren gewählt, hinter denen sich die einzelnen Maßzahlen verbergen. Unter den individuellen Faktoren lassen sich beispielsweise die Zufriedenheit des Gründers oder die Lebensqualität finden, während unter einzelwirtschaftlichen Faktoren diejenigen zu finden sind, die das Unternehmen an sich betreffen. Kenngrößen können hier der Umsatz, Gewinn, Rentabilität oder Produktivität sein. Zu den gesamtwirtschaftlichen Faktoren, also denjenigen Faktoren, die sich nicht allein auf das Unternehmen beziehen, sondern auf die Region bzw. den Wirtschaftsraum der betrachtet wird, können Kennzahlen zu Wohlstand, Wirtschaftskraft, Arbeitslosigkeit oder Wachstum der Wirtschaft gehören (Zahn/Unterkofler 1986:54f.).

Auf dem Gedanken von Zahn/Unterkofler (1986) aufbauend, Erfolgsmaße zu kategorisieren, ist es Knirsch (2015:77) gelungen, einen Überblick über die am häufigsten verwendeten Erfolgsindikatoren zu erstellen.

Abb. 2 : Kategorien von Erfolgsmaßen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Knirsch (2015:77)

Ihr gelingt es nach Auswertung von 65 Studien[5] zum Thema Gründungserfolgsfaktoren, fünf Kategorien von Erfolgsmaßen zu bilden, die die Mehrheit der verwendeten Indikatoren beinhalten (vgl. Abb. 2).

Knirsch gelingt es nicht nur die große Mehrheit der in den Studien verwendeten Erfolgsmaße in fünf Kategorien einzuordnen, sie schafft es auch anhand der Kategorienbezeichnung zu verdeutlichen, ob es sich um quantitative oder qualitative Kriterien handelt. Man erhält zudem einen Eindruck der unterschiedlichen Ebenen (Makro- und Mikroebene), anhand derer versucht wurde, den Erfolg der Unternehmensgründung zu beschreiben.

Doch so übersichtlich die fünf erstellten Kategorien sind, so unterschiedlich können die Maßzahlen des Erfolgs in einer Kategorie ausfallen. Dies zeigt sich alleine bei Betrachtung der ersten Kategorie, dem finanziellen Erfolg. Während sich beispielsweise Zuwarimwe/Kirsten (2010) für den Unternehmenswert als das Erfolgsmaß ihrer Untersuchung entscheiden, sind es bei Jenssen/Greve (2002) der Ertrag und bei Lechner et al. (2006) der Umsatz. Aber auch Kennzahlen wie der Cashflow, die Anzahl an Beschäftigten oder Umsatzproduktivität werden als Erfolgsmaß verwendet. Es zeigen sich bei der Verwendung eines einzigen Indikators allerdings auch Schwächen. So ist beispielsweise die Anzahl der Mitarbeiter stark vom Produktionsgegenstand abhängig und auch die Aussagen über die Höhe des Umsatzes unterscheiden sich je nach Branche enorm (Schleinkofer 2006:25f.).

Für Hemer et al. (2006:68) ist die Beschränkung auf nur einen Indikator zur Erfolgsbeurteilung daher nicht ausreichend. Die Beurteilung muss demnach vielmehr auf einem „Indikatorengeflecht“ (Hemer et al. 2006:69) fußen.

Auch zeigen Studien laut Knirsch (2015:78), dass die Aussagekraft der Erfolgsmaße weniger in absoluten Werten steckt, sondern vielmehr die prozentuale Entwicklung der Werte den Mehrwert für die Untersuchung liefern. So werden die unterschiedlichen Ausgangslagen und die Entwicklung der Unternehmen berücksichtigt. Schleinkofler (2006:26) fasst unter dem Begriff „wachstumsorientiere Erfolgsindikatoren“ die, in der empirischen Forschung, am häufigsten verwendeten Indikatoren: Die Zunahme der Beschäftigten und die Entwicklung des Umsatzes[6].

Eine Betrachtung, in der den genannten Anforderungen nach einer Vielzahl an Indikatoren Rechnung getragen wird, nehmen Nathusius et al. (1984) sowie Müller-Bölling/Klandt (1990) vor (vgl. Abb. 3)

Sie sehen den Erfolg als schrittweises Modell, bei dem die umgesetzte Unternehmensgründung die „erste Stufe des Gründungserfolges“ (Etter 2003:37) markiert. Als zweiter Schritt kann das Überleben des Unternehmens betrachtet werden. Als weiteres erfolgt eine Unterscheidung nach den Kategorien ökonomische und außerökonomische Dimension. Zu jeder dieser Kategorien können dann unterschiedliche Parameter, wie beispielsweise Gewinn, Umsatz, Rendite (ökonomische Dimension) oder auch Lebens-, Arbeits- und Gründungszufriedenheit gebildet werden. Die ökonomische Dimension wiederum unterscheidet zwischen mikroökonomischen (z.B. Umsatz, Rendite) und makroökonomischen (z.B. Wohlfahrt, Einkommen) Kriterien.

Abb. 3 : Gründungserfolg nach Nathusius/Klandt/Kirschbaum (1984):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Etter (2003:38)

Während sich die ökonomischen Indikatoren quantitativ erfassen lassen und auch deren Veränderung in einem Zeitraum betrachtet werden kann, zielt die außerökonomische Dimension vor allem auf qualitative Indikatoren ab. So gelingt es, ein Indikatorensystem zu erstellen, das einerseits auf klar quantifizier- und errechenbaren Kennzahlen basiert und andererseits subjektiven Bewertungen Raum lässt. Die Forderung von Hemer et al. (2006:69) nach einem Geflecht aus Indikatoren wird mit diesem Modell Rechnung getragen.

3.2.3 Dimensionen von Erfolgsfaktoren

Wie schon bei den Erfolgsindikatoren im vorangegangenen Kapitel gezeigt, lassen sich auch bei den Erfolgsfaktoren eine Vielzahl einzelner Parameter unterscheiden. Einen Einblick in die Vielzahl dieser Faktoren soll dem Leser durch einige ausgewählte Beispiele gegeben werden. Hierzu soll jedoch zunächst der Begriff des Erfolgsfaktors vorgestellt werden.

In der Gründungsforschung versteht man unter Erfolgsfaktoren grundsätzlich diejenigen Parameter oder Kräfte, die für den Erfolg eines Unternehmens verantwortlich sind. Dieses Verständnis von Erfolgsfaktor wird in der Literatur einheitlich gebraucht, wie Kaulich (2004:3) und Herr (2007:44) durch einen Vergleich von verwendeten Definitionen unterschiedlicher Studien zeigen. Hieraus leitet Kaulich die Definition ab, dass „Erfolgsfaktoren […] Merkmale, Ausprägungen oder Strukturen des Unternehmens resp. der Unternehmensumwelt [sind], die eine ursächlich positive Wirkung über Erfolgspotenziale auf den Erfolg unternehmerischen Handelns haben“ (Kaulich 2004:4).

In einem einfachen Modell von Dömötör (2011:56) wird der positive Wirkungszusammenhang zwischen Erfolgsfaktoren und dem Erfolg sehr gut ersichtlich (vgl. Abb. 4). Zudem stellt er die These auf, dass es nur weniger Faktoren bedarf, um den Erfolg eines Unternehmens zu erklären (Dömötör 2011:56).

Abb. 4 : Vereinfachtes Modell zum Zusammenhang zwischen Erfolgsfaktoren und Erfolg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dömötöor (2011:26)

Zwar können wenige Faktoren für den Erfolg eines Unternehmens als Erklärungsursache herangezogen werden, die Bandbreite möglicher Faktoren, die hierfür in Betracht gezogen werden können, ist jedoch enorm.

Da je nach Forschungsinteresse und Fachrichtung die untersuchten bzw. identifizierten Erfolgsfaktoren variieren, soll dem Leser nachfolgend ein Einblick in die Vielzahl an Faktoren gegeben werden.

Hübscher (2008:12ff) systematisiert auf Grundlage einer ausführlichen Literaturanalyse[7] die am häufigsten vorkommenden Erfolgsdeterminanten in drei Stufen. In der ersten Stufe bildet sie zunächst zwei Kategorien: die internen und die externen Faktoren. Diese gliedern sich in der zweiten Stufe in weitere Untergruppen auf. Bei den internen Faktoren sind es der Gründer, die Geschäftsidee und das Geschäftskonzept, während bei den externen Faktoren Konjunktur, Staat, Netzwerke und Kooperationen, Branche und Region als Determinanten des Erfolgs aufgeführt werden.

Anhand des Faktors Gründer soll beispielhaft die Untergliederung in der dritten Stufe gezeigt werden. Hierunter fasst Hübscher (2008:12ff.) die sozialdemographischen Daten, die Persönlichkeitsstruktur und die Qualifikation des Gründers.

Mit diesem dreistufigen Modell gelingt es Hübscher (2008) 21 Erfolgsfaktoren in einem systematischen und überschaubaren Ansatz darzustellen. Allerdings gibt diese Systematisierung, die in der Literatur sehr häufig verwendete Dreiteilung in Gründungsperson, Unternehmen und Umfeld/Rahmenbedingungen nicht wieder.

Jacobsen (2006) und Meyer/Sidler (2010) lehnen ihre Untersuchungen an dieser Struktur an. Beide Studien bevorzugen diese Form der Systematisierung und sehen Gründer und Unternehmen als eigenständiges Untersuchungsgebiet für Erfolgsfaktoren.

Aufgrund des sehr umfassenden Ansatzes von Jacobsen (2006:43ff), die durch Literaturarbeit in empirischen Studien zur Erfolgsfaktorenforschung 49 unterschiedliche Determinanten identifizieren konnte, soll die von ihr gewählte Systematisierung näher vorgestellt werden:

Analog zu Hübscher nimmt auch sie zur Vorstellung der Faktoren eine dreistufige Form an. Hierbei verzichtet sie jedoch auf die Einteilung in interne und externe Faktoren. Stattdessen nimmt sie bereits im ersten Schritt eine Dreiteilung in Gründerperson, Unternehmen und Umfeld vor (Jacobsen 2006:42). Hiernach erfolgen zwei weitere Unterteilungsschritte. Während sich die Untergliederung bei den Kategorien Gründungsperson und neu gegründetes Unternehmen bis auf die dritte Ebene durchziehen, erfolgt in der Kategorie ‚Umfeld‘ nur eine Unterteilung in zwei Stufen. Um den Systematisierungsansatz und die Berücksichtigung von 49 Erfolgsfaktoren zu veranschaulichen, wurde in der nachfolgenden Abbildung der Versuch unternommen, das Konzept als Ganzes darzustellen (vgl. Abb. 5).

Nachdem die Vielzahl an Erfolgsfaktoren, die in empirischen Studien zu Rate gezogen werden, ersichtlich wurde, sollen im nächsten Kapitel, die für diese Studie relevanten Faktoren näher betrachtet werden. Dies sind die branchenspezifischen und regionsspezifischen Erfolgsfaktoren, die auch Bestandteil der von Hübscher (2008) und Jacobsen (2006) geschaffenen Kategorien sind.

Abb. 5: Übersicht von Erfolgsfaktoren der Unternehmensgründung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Jacobsen (2006:43ff.)

3.3 Branchen- und regionsspezifische Erfolgsfaktoren in der Literatur

Mit dem Versuch die Vielzahl an Erfolgsfaktoren systematisiert darzustellen, wurde bereits die Breite der Forschungsdisziplin aufgezeigt. Da diese Fallstudie sich auf die Untersuchung der branchen- und regionsspezifischen Faktoren beschränkt, sollen diese in den nachfolgenden Kapiteln betrachtet werden. Hierzu werden die in der Literatur und vergleichbaren Studien verwendeten Faktoren erfasst und zusammengestellt. Im nachfolgenden Kapitel wird die Erfolgsfaktorenforschung kritisch beleuchtet und Ableitungen für die vorliegende Fallstudie erarbeitet.

3.3.1 Branchenspezifische Erfolgsfaktoren

Analog zum Kapitel 3.2 lassen sich auch unter den branchenspezifischen Erfolgsfaktoren eine Vielzahl an Faktoren und Indikatoren fassen, die je nach Branche bzw. Blickwinkel in unterschiedlicher Ausprägung vorliegen. Um ein möglichst umfangreiches Bild dieser Größen zu erhalten, werden Erfolgsfaktoren aus mehreren Studien vorgestellt und am Ende zusammengefasst dargestellt.

Hübscher (2008:40f.) beginnt ihre Ausführung zunächst mit den beiden in der Literatur verwendeten Blickwinkeln, wie Unternehmen zu einer Branche zugeordnet werden: Zum einen anhand der Branchenklassifikation statistischer Ämter, bei dem der „Unternehmensgegenstand“ ausschlaggebend ist. Zum anderen erfolgt eine Eingruppierung anhand von Charakteristika (F&E-Intensität, Wachstum Kapitalbedarf etc.), die eine Branche prägen und anhand derer sich Unternehmen einer Branche zuordnen lassen (Hübscher 2008:40).

Vor allem Untersuchungen, bei denen die Dynamik verglichen wurde, haben gezeigt, wie groß die Unterschiede zwischen den Branchen seien können. Daher ist es umso wichtiger, bei den gewonnenen Erkenntnissen im Hinterkopf zu haben, welche Branche betrachtet wurde und welche Entwicklung diese Branche in der Vergangenheit vollzogen hat (Hübscher 2008:40).

Die Untersuchung von Brüderl/Preisendörfer/Ziegler (1996:115), die in München Gründungen aus dem Bereich Baugewerbe mit dem Einzelhandel anhand der Überlebensrate von Unternehmen verglichen haben oder die Gründerstudie von Hinz (1998:215), der in Leipzig Betriebe der Industrie und des Dienstleistungsbereichs anhand der Zunahme des Umsatzes untersuchte, können hier als Beispiele genannt werden. Im Bereich der technologieorientierten Unternehmen stellte Werner (2007:117) in den neuen Bundesländern höhere Beschäftigungseffekte bei Unternehmen der Branchen Biotechnologie, Medizin und Mikroelektronik im Vergleich zu den anderen TOU-Gründungen fest.

[...]


[1] Vgl. u.a. Baaken 1989:5; Unterkofler 1989:19ff; Baier/Pleschak 1996:13; Fritsch/Mueller 2014:969 und Fölster 2000:142

[2] Vgl. Bathelt/Glückler (2012:269f).

[3] Birch (1987:20ff.) hat in seiner Studie beispielsweise aufgezeigt, dass zwei Drittel aller neuen Arbeitsplätze in den USA in Kleinbetrieben und Gründungen entstanden. Die bis dato in der Literatur vorherrschende Meinung, dass Großunternehmen der Jobmotor seien, wurde erstmals empirisch widerlegt.

[4] Vgl. die tabellarischen Übersichten zu bisherigen Studien in Hübscher (2008:10f) sowie Klandt/Münch (1990:185) und Seidel (2002:204)

[5] Vgl. Knirsch (2015:70ff.)

[6] Vor- und Nachteile dieser Indikatoren zeigt Brüderl et al. (1998:92) sehr anschaulich

[7] vgl. Auflistung der referierten empirischen Studien zur Gründungserfolgsforschung in Hübscher (2008:10f.)

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Branchenspezifische versus regionsspezifische Erfolgsfaktoren für etablierte technologieorientierte Unternehmensgründungen. Region Aachen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Geographisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
98
Katalognummer
V346528
ISBN (eBook)
9783668362222
ISBN (Buch)
9783668362239
Dateigröße
4183 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unternehmensgründungen, Erfolgsfaktoren, Region Aachen, Start-Up, Gründungsforschung
Arbeit zitieren
M.Sc. Jens Konermann (Autor), 2016, Branchenspezifische versus regionsspezifische Erfolgsfaktoren für etablierte technologieorientierte Unternehmensgründungen. Region Aachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346528

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