Immanuel Kants "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Eine Untersuch zum Ursprung des Bösen


Ausarbeitung, 2016
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Anmerkungen zu Kants Moralphilosophie

3. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur

4. Von dem Hang zum Bösen in der menschlichen Natur

5. Der Mensch ist von Natur böse

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In der Philosophie hat vor allem Leibniz unter dem Stichwort der Theodizee, der Rechtferti- gung Gottes angesichts des Bösen (allgemeiner: des Zweckwidrigen) in der Welt, die Frage nach der Herkunft des Bösen gestellt.“1 Damit lieferte Leibniz den thematischen Anstoß für ein Meer an philosophischen Texten, die sich mit der Theodizee-Frage beschäftigen. Neben Voltaire und Pope setzte sich Ende des 18. Jahrhunderts schließlich auch Kant in seinem Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“2 mit der genannten Frage auseinander und kritisiert dabei die leibnizsche Theorie - ohne diesen dabei namentlich zu nennen oder auf dessen Schrift wörtlich Bezug zu nehmen. Lediglich in zwei Punkten lässt sich eine Übereinstimmung der kantischen mit der leibnizschen Theorie finden: Zum einen sei dies die Annahme, dass der Mensch eine Vernunftnatur besitzt3 und zum anderen, dass der Mensch von Natur aus ein gewisses Maß an Sinnlichkeit affiziert4. Sinnlichkeit sieht Kant vielmehr als eine neutrale Naturanlage des Menschen und nicht wie zahlreiche Vorgänger negativ konnotiert (vgl. AA VI, 32), darunter Augustinus, der den Ursprung des Übels in der Sinnlichkeit des Menschen verortet.5 Kant begründet seine Positionierung gegen eine solche sexualfeindliche Auffassung durch den freien Willen des Menschen, da diesem bei der Aus- richtung seiner Maximen eine Willensfreiheit zukommt. Da dies für Kant ein bewusstes Mo- ment ist, lässt sich alleine im Willen die Moral lokalisieren und somit muss dort der Ursprung des Bösen anzutreffen sein.

Neben dem Ursprung des Bösen wird auch die Frage, ob der Mensch von Natur aus böse ist, in der hier folgenden wissenschaftlichen Arbeit zentralisiert. Dazu soll zuvorderst die Moralphilosophie Kants in ihren Grundzügen dargelegt werden. Anschließend soll auf die ursprüngliche Anlage zum Guten in der menschlichen Natur eingegangen werden, um in ei- nem nächsten Schritt, kontrastierend dazu, den Hang zum Bösen des Menschen zu explizie- ren. Die Schlussbetrachtung der Arbeit schließt durch ein kurzes Resümee, vordergründig jedoch durch die Rekapitulation und Rezension der gewonnenen Erkenntnisse, die wissen- schaftliche Arbeit ab.

2. Allgemeine Anmerkungen zu Kants Moralphilosophie

Um Kants Lehre über den Hang zum Bösen nachvollziehen zu können, muss zunächst einmal näher auf die kantische Moralphilosophie eingegangen werden. Seine Moralphilosophie bein- haltet den kategorischen Imperativ, den Kant formulierte, um eine Art Testverfahren für die moralische Beurteilung von Handlungen zu schaffen. Dabei spielt der Begriff der Universali- tät eine zentrale Rolle:

Universalität ist das wesentliche Merkmal für das Gesetz an sich. […] In Kants Sprache ist Universalität die Form des Gesetzes. Worauf ein Gesetz sich auch beziehen mag, d.h. gleichgültig was ein Gegenstand ist, es muss diese Form der Universalität haben; denn wenn es nicht universal ist, ist es überhaupt kein Gesetz.6

Die Methode, mit der Kant intendiert eine reine Ethik zu entwickeln, besteht in der Betrach- tung moralischer Urteile a priori, sodass auf die Empirie, folglich auf aposteriorische Urteile, gänzlich verzichtet werden muss.7 Kants Begriff der Moral besagt folgendes: Als moralisch positiv gewertet werden nur Handlungen, die auch einer moralischen Maxime entsprechen. Er unterscheidet dabei, inwiefern die Ausführung einer Handlung gemäß dem moralischen Ge- setz oder darüber hinaus auch moralisch motiviert ist und somit aus Pflicht ausgeführt wird. Aus ersterem könnte eine den Maximen entsprechende Handlung folgen, deren Motivation jedoch aus unmoralischen Quellen, wie zum Beispiel Selbstliebe und Eigennutzen, entspringt. Moralität ist nach Kant nur gegeben, wenn aus Pflicht - also aus Anerkennung der morali- schen Maxime - gehandelt wird. Somit stellt die Anerkennung der moralischen Maxime die Motivation des pflichtgemäßen Handelns selbst dar.

Moralische Maximen müssen in Kants Lehre einem Universalisierungsanspruch genü- gen. Maximen sind subjektive Handlungsgrundsätze, die anhand des kategorischen Imperativs auf ihre Universalisierbarkeit hin getestet werden können. Demzufolge gilt der kategorische Imperativ als ein Testverfahren für das Universalisierungsprinzip: „Zu diesem Zwecke wird die Maxime daraufhin untersucht, ob sie die Eigenschaft hat, ›zum allgemeinen Gesetz‹ (III), zu taugen, (IV). Wobei es nur zwei mögliche Ergebnisse gibt: sie ›taugt‹ oder sie ›taugt‹ nicht.“8 Fällt ein subjektiver Handlungsgrundsatz durch dieses Testverfahren, so ist er mora- lisch schlecht und kann nicht als allgemeines Gesetz anerkannt werden, da er bei scheiterndem Testverfahren als irrational angesehen werden muss.

3. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Na- tur

Kant nennt drei unterschiedliche Anlagen der menschlichen Natur, „die sich unmittelbar auf das Begehrungsvermögen und den Gebrauch der Willkür beziehen“ (AA VI, 28) Die erste Anlage, die Kant aufzählt, ist die „Anlage der Tierheit des Menschen“ (ebd., 26). Sie ist unter dem „Titel der physischen und bloß mechanischen Selbstliebe“ (ebd.) zusammenzufassen, deren Zwecksetzung keinerlei Vernunft erfordert (ebd.). Demzufolge bestehen die Zwecke dieser Anlage erstens in der Selbsterhaltung des Menschen, zweitens in der Arterhaltung durch den Geschlechtstrieb und drittens in dem Trieb zur Gemeinschaftsbildung (ebd., 26f.). Im Gegenzug zu dieser dem Naturzweck des Menschen dienlichen Anlage gehen die „Anla- gen für die Menschheit“ (ebd., 27) nach Kant mit der Vernunft einher. Sie trägt nach Kant den Titel einer „physischen, aber doch vergleichenden Selbstliebe“ (ebd.), in dem Sinne, dass der Mensch sich in Relation zu Anderen setzt, um „sich in der Meinung anderer einen Wert zu verschaffen“ (ebd.). Hiervon hängt das persönliche Glücksempfinden des Menschen ab. Die ursprüngliche Neigung des Menschen - bedingt durch diese Anlage - ist das Streben nach Gleichheit untereinander. „Gemeint ist somit eine Neigung zur Selbstbehauptung und Indivi- dualismus […].“9 Die letzte der drei aufgeführten Anlagen des Menschen, die Kant nennt, ist die „Anlage für die Persönlichkeit“ (ebd.), die in direktem Zusammenhang mit dem morali- schen Gesetz steht. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass Persönlichkeit in diesem Kontext nicht die Individualität eines Menschen impliziert, sondern damit lediglich die Qualifikation des Menschen, seine Maximen frei zu wählen, meint. Das moralische Gefühl - d.i. „die Emp- fänglichkeit der Achtung für das moralische Gesetz“ (ebd.) - stellt die Motivation (nach Kant: Triebfeder) der freien Willkür, das moralische Gesetz in die eigene Maxime aufzunehmen, dar. Darin besteht Kant zufolge ein guter Charakter. Insofern „zeichnet [diese Anlage] den Menschen als zur Sittlichkeit befähigtes Wesen aus.“10

„Alle drei von Kant angeführten Anlagen, besonders aber die dritte, sind moralrele- vant in dem Sinn, daß sie mit dem Gut der praktischen Freiheit in enger Verbindung ste- hen.“11 Jedoch haben die beiden zuerst genannten Anlagen das Potential ins Negative perver- tiert und zweckwidrig eingesetzt zu werden, indem sie mit Laster, die aber nicht in der Anlage selbst wurzeln, behaftet werden können (vgl. AA VI, 26), wodurch ihr ursprünglich guter Sinn verkehrt wird.12 Abweichungen von dem Naturzweck gemäßen, idealen Zustand be- zeichnet Kant - in Bezug auf die Anlage der Tierheit - als „viehische Laster“. Unter diesem Oberbegriff subsummiert er die „Völlerei“ (AA IV, 26), die „Wollust“ (ebd.) und die „wil- de(n) Gesetzlosigkeit“ (ebd.). Auf dieselbe Art und Weise verhält es sich wie angedeutet mit der Anlage der Menschheit. Die Pervertierung mündet hierbei angetrieben durch Überheb- lichkeit in „Eifersucht und Nebenbuhlerei“ (ebd., 27). Darüber hinaus sollte abermals an die- ser Stelle angemerkt werden, dass diese „eigentlich doch nicht aus der Natur, als ihrer Wurzel, von selbst entsprießen; […]: da die Natur doch die Idee eines solchen Wetteifers (der an sich die Wechselliebe nicht ausschließt) nur als Triebfeder zur Kultur brauchen wollte“ (ebd.). Die höchste Steigerungsform einer solchen Bösartigkeit stellen letztlich Neid, Undankbarkeit und Schadenfreude (vgl. ebd.) dar, die Kant unter dem Titel „teuflische Laster“ zusammenfasst.

Teuflisch sind diese Laster, weil sie uns die Idee eines ‚Maximum des Bösen‘ vermitteln, welches ‚die Menschheit übersteigt‘ (27). Als Naturanlage dient der gemeinte Antrieb zunächst unschuldi- gerweise als ‚Triebfeder der Culter‘, indem er eine kompetitive Atmosphäre des ‚Wetteifers‘ her- vorbringt. In der pervertierten Form erwachsen daraus aber tiefgehende Feindseligkeiten.13

Einzig und allein die dritte Anlage ist zu einer Pervertierung nicht fähig: „Man kann sie zwar vernachlässigen, nicht aber korrumpieren“14, so Horn, sodass eine zweckwidrige Verkehrung nicht möglich ist. Die Entstehung eines dem Menschen innewohnenden guten Charakters, wie Kant ihn bezeichnet, ist nur möglich, durch das ursprüngliche Vorhandensein dieser Anlage in der Natur des Menschen, weshalb man das Potential zum Guten nicht verlieren kann. Andern- falls hätte man „die Möglichkeit zum Menschsein verloren, und ein Nicht-Mensch kann […]

[...]


1 Höffe, Otfried: Einführung in Kants Religionsschrift, in: Immanuel Kant. Die Religion innerhalb der Grenzen Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft. in: Kantʼs gesammelte Schriften, hrsg. v. d. königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. VI. Berlin 1914.

2 In der folgenden Arbeit werden Kants Schriften nach der Akademie-Ausgabe zitiert. Zudem wird die für die Akademie-Ausgabe eigentümliche Zitation, z.B. (AA VI, 28), im Fließtext unverzüglich nach dem Zitat ange- führt. Dabei steht die römische Zahl für die Nummerierung des Bandes und die Zahl hinter dem Komma für die Seitenzahl. Des Weiteren wird in dieser Arbeit Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft mit dem Kürzel Religion versehen.

3 Vgl. Leibniz, G.W.: Theodizee, in: : Was ist das Böse? Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. v. Christian Schäfer. Stuttgart 2014, S. 146.

4 Vgl. ebd., S. 159f.

5 Vgl. Augustinus: Die Natur des Guten, in: Was ist das Böse? Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. v. Christian Schäfer. Stuttgart 2014, S. 70.

6 Paten, H. J.: Der kategorische Imperativ. Eine Untersuchung über Kants Moralphilosophie. Berlin 1962, S. 72f.

7 Ebd., S. 3f.

8 Schnoor, Christian: Kants kategorischer Imperativ als Kriterium der Richtigkeit des Handelns, in: Tübinger rechtswissenschaftliche Abhandlungen, hrsg. v. Mitgliedern der Juristischen Fakultät der Universität Tübingen, Bd. 67. Tübingen 1989, S. 91.

9 Horn, Christoph: Die menschliche Gattungsnatur: Anlage zum Guten und Hang zum Bösen, in: Klassiker Auslegen, hrsg. v. Otfried Höffe, Band 41. Berlin 2011, S. 54.

10 Hake, Ann-Kathrin: Vernunftreligion und historische Glaubenslehre. Immanuel Kant und Hermann Cohan, in: Studien und Materialien zum Neukantianismus, hrsg. v. Helmut Holzhey und Ernst Wolfgang Orth. Band 21. Würzburg 2003, S. 35.

11 Horn 2011, S. 55.

12 Vgl. Hake 2003, S. 35.

13 Horn 2011, S. 55.

14 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Immanuel Kants "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Eine Untersuch zum Ursprung des Bösen
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Das Böse
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V346706
ISBN (eBook)
9783668362284
ISBN (Buch)
9783668362291
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Immanuel Kant, das Böse, Religion, Vernunft, menschliche Natur, Moralphilosophie
Arbeit zitieren
Lisa Maria Hoffmann (Autor), 2016, Immanuel Kants "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Eine Untersuch zum Ursprung des Bösen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346706

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