Lutz Kochs "Kant und das Problem der Erziehung". Interpretierende Ausarbeitung


Ausarbeitung, 2016

6 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Lutz Koch geht in seinem Artikel der Argumentationslinie Kants nach. Er möchte damit nachzeichnen, wie das größte Problem der Erziehung, nämlich die Erziehung selbst, im Kant´schen Sinne zu verstehen ist und wie Kant den Brückenschlag zur Moralität durch die Erziehung schafft.

Denn nach Kant, so Koch, ist nicht nur die Erziehung selbst eines der größten Probleme der Menschheit überhaupt, sondern auch die in ihr erhaltene Moralität, die es zu entwickeln gilt, und als Endzweck der Erziehung gesehen wird.

Für Koch stellt sich die Frage, wie eine erste Erziehung überhaupt möglich war. Wird chronologisch zurückgegangen, so ist es doch notwendig, dass ein Mensch bzw. Erzieher damit begonnen hat jemanden zu erziehen. Und dieser Mensch/Erzieher wiederum wurde auch einstmals von jemanden erzogen, und so fort. Wird diesem Gedanken gefolgt, so Koch, ist es notwendig viele Generationen zurück zu gehen und das erste Menschenpaar ausfindig zu machen, die als erstes Erziehung genossen bzw. hervorgebracht haben. Denn niemand kann aus sich selbst heraus zur Einsicht und Vernunft kommen. Es bedarf dieser einer Erziehung.

Das ursprüngliche Problem der Erziehung aufgreifend, wendet sich Koch nun den Naturanlagen des Menschen zu. Diese unterscheiden sich anthropologisch von denen des Tieres. Denn der Mensch wurde von Natur aus mit der Vernunft ausgestattet. Wohingegen das Tier nur mit seinem Instinkt. Die Vernunft ermöglicht den Menschen seine anderen Naturanlagen zu gebrauchen und diese zu erweitern. Er kann also über die natürlichen Instinkte hinaus sein Handeln selbst bestimmen. Dies ermöglicht ihm die Vernunft. Nun ist die Vernunft selbst auch eine Naturanlage, welche wiederum der Entwicklung bedarf. Um die Vernunft zu entwickeln benötigt der Mensch zeitweilig einen anderen Menschen, einen Erzieher.

Welche Aufgabe hat nun aber die Erziehung, wenn das Endziel der Gebrauch der Vernunft ist? Um diese Frage zu beantworten folgt Koch dem teleologischen Grundsatz, dass die Naturanlagen vollständig und zweckmäßig zu entwickeln sind. Eine Reihe von Naturanlagen werden als Mittel zum Gebrauch unbegrenzter Zwecke verstanden. Somit wird ersichtlich, dass es notwendig ist alle Naturanlagen des Menschen zum unbegrenzten Zweck auszubilden und „geschickt“ zu machen. Laut Koch nennt Kant, dies „Kultivierung“ und die daraus entstandene Geschicklichkeit „Kultur“. Koch geht davon aus, dass die Kultivierung der Naturanlagen dem Sinn dient zur Erhaltung und Wohlergehen des Menschen zu sorgen. Er ist ferner der Meinung, dass die Natur mit ihrem Instinkt diese Aufgabe hätte auch erfüllen können. Also warum dann die Kultivierung der Naturanlagen? Koch geht davon aus, dass hier mehr dahinterstecken muss und vertieft sich darüber in der Annahme, dass wohl die wahre Bestimmung darin liegt, sich nicht nur auf Lebenserhaltung und Wohlergehen zu beschränken, sondern dass es um die Ausbildung eines Willens, und zwar eines guten Willens, geht, der nur gute Zwecke wählt. Demzufolge, schlussfolgert Koch nun, ist es nicht nur die „Kultivierung“ sondern auch die „Moralisierung“ die der Mensch als Aufgabe hat und bis zur Mündigkeit einem Erzieher überlässt.

„Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecke geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, dass er nur lauter gute Zwecke erwähle. Gute Zwecke sind diejenigen, die notwendigerweise von jedermann gebilligt werden; und die auch zu gleicher Zeit jedermann Zwecke sein können“ (VP, S.17 nach Koch, 1973)

Die Erkenntnis die daraus gezogen werden kann, die doppelte Aufgabe des Menschen, kann einer anthropologischen Betrachtung zugeführt werden, so Koch. Allerdings gibt es aus anthropologischer Sicht keine Erklärung dafür, warum der Mensch sich denn selbst kultivieren und moralisieren wollen sollte. Er spricht an dieser Stelle explizit die Willensbildung des Menschen darüber an, dass dieser das auch wollen soll, beide Aufgaben zu erfüllen. Wie kann sichergestellt werden, dass der Mensch nicht einfach nur notdürftig die Anlagen ausbildet die der Erhaltung dienen und in einem bescheidenen Rahmen dem Wohlergehen? Kant zieht hierzu aus der Metaphysik der Sitten das Argument der ethischen Pflicht ins Feld, so Koch. Kant geht darin davon aus, dass es dem Menschen seine unvollkommene Pflicht ist, die Kultur seiner Naturanlagen und moralische Vollkommenheit anzustreben.

Koch verdeutlicht das Problem der Erziehung aufgrund der bisherigen Betrachtungen; versucht nun der Mensch seiner Doppelaufgabe gerecht zu werden, der er sich verpflichtet fühlt, so muss ihm unweigerlich ein Erzieher dabei zur Seite gestellt werden. Dieser Erzieher wiederum wurde auch erzogen und dieser Erzieher ebenfalls, usf. Und nun geht Koch einen Schritt weiter, er konstatiert, dass der Mensch nicht nur von einem Erzieher erzogen wird, sondern von der ganzen Gattung. Er fasst also alle Erzieher die vor ihm bereits erzogen wurden und die wiederum ebenfalls erzogen worden sind, in eine Gattung zusammen. Hier könnte der Begriff „Gattung der Erzieher“ naheliegen. Der Mensch ist nun nicht mehr nur auf seine Bestimmung mit der Doppelrolle auf Erziehung angewiesen, sondern er ist im Sinne des Gelingens dieser Doppelaufgabe sogar auf die Gattung in der Folge Ihrer Generation abhängig. Ein einzelner Mensch kann sodann nicht auf die Erreichung seiner Bestimmung hoffen, sondern nur die Gattung in der Folge ihrer Generation.

Um das bisherig Ausgeführte nochmals festzuhalten, kann gesagt werden, dass das Problem der Erziehung darin besteht, dass Menschen um deren Bestimmung zu erreichen auf Erziehung angewiesen sind und deren Erzieher bereits ebenfalls erzogen worden sein müssen. Zwei Aspekte streicht Koch dazu heraus:

1. Nicht das Individuum, sondern die Gattung kann nur die Bestimmung erreichen
2. Der Weg, auf dem die Gattung ihre Bestimmung erreicht ist ein Fortschreiten in der Reihe der Generationen

Somit ist die Aufgabe des Erziehers selbst, so Koch, eine paradoxe. Denn gleichzeitig, wenn er dem Zögling hilft seine Bestimmung zu erreichen, wird er gewahr, dass dies niemals möglich ist, und nur der Gattung als Ganzes vorbehalten ist. Die Perspektive des Erziehers ist somit nicht nur auf den einzelnen Zögling gerichtet, sondern vielmehr auf die gesamte Gattung erhoben.

Diesem Gedanken folgend führt Koch nun weiter aus, dass die Erziehung sich im Fortschreiten der Gattung widerspiegelt. Demnach muss sich das Ziel der Erziehung auch auf das Interesse des Fortschritts der Menschengattung besinnen.

Erziehungswissenschaft, führt Koch weiter aus, ist demnach progressiv. Die Erziehung der Kinder soll sich nicht an der derzeitigen Situation orientieren, sondern an der zukünftigen besseren Lage des Menschengeschlechts. Das Ziel erkennt Koch als besonders wichtig an, denn auch Eltern würden ihre Kinder nur insofern erziehen als dass sie in der aktuellen Welt zurechtkommen, aber weniger daraus eine bessere zukünftige Welt hervorzubringen (vgl. Koch, S. 36).

Koch führt nun das Interesse der Erziehungswissenschaft am Fortschritt der Menschengattung mit ihrem Verhältnis zur Geschichte zusammen. Denn laut Koch haben diese einen gemeinsamen Ursprung. Er beschreibt die Erziehung des Menschen als geschichtsbildend, denn diese Geschichte erbringen die Menschen durch die Perfektionierung ihrer selbst. Das Interesse der Erziehungswissenschaft, der Fortschritt der Menschengattung, ist sodann die Geschichte selbst, so Koch. Erziehung ist also progressiv, Traditionen wahrend und geschichtsbildend. Wenn auch „progressiv“ und „Traditionen wahrend“ widersprüchlich erscheint, so merkt Koch dennoch an, dass progressiv aller Kritik zum Trotz das kleinere Übel ist, denn traditionelle, konservative Orientierung birgt keinen Fortschritt in sich. Doch Fortschritt ist das was die Menschengattung möchte. Diesem Gedanken folgend führt Koch weiter aus:

Ausgangspunkt seiner Darlegung ist die Herleitung des Problems der Pädagogik, dass nicht für die aktuelle und gegenwärtige, sondern für eine zukünftige und bessere Menschheit erzogen werden müsse. Laut Kant, müsse die Pädagogik und deren Mechanismen wissenschaftlich werden um daraus Erfolge ableiten zu können, so Koch. Die Erziehung soll nun ein wissenschaftlichen Plan folgen, ansonsten wäre die Pädagogik einer Generation an Erziehern ausgesetzt die womöglich nicht am Zukünftigen interessiert ist. Es ist notwendig ein Zusammenhang zwischen Vergangenem und Zukünftigem zu knüpfen um das Fortschreiten der Menschengattung abzusichern.

Koch geht im Weiteren auf die von Mendelssohn aufgeworfene These ein, dass die Menschheit sich nicht im weitesten Sinne weiterentwickele, sondern vielmehr durch ein mehr oder weniger hin und her schwanken auf der Stelle trete. Wichtig für Koch in diesem Zusammenhang ist jedoch die entgegengesetzte Meinung von Kant. Für Kant ist nämlich das Fortschreiten der Menschheit zum Besseren eine allgemein-philanthropische Voraussetzung in dem die Entwicklung der Anlagen die Menschheit liebenswürdig macht. Philanthropisch daran ist, die Annahme der Liebenswürdigkeit der menschlichen Gattung in ihrer Annährung zum Guten. Ohne diese Voraussetzung würde sich sonst kein Erzieher an die Arbeit machen, so Koch. Implizit geht es Kant vor allem darum, dass die Menschheit solange nicht liebenswürdig ist, so lange sie gegeneinander Krieg führen kann bzw. führt und die Tendenz zum Guten nicht eine völkerrechtliche Entsprechung findet. Nach Koch ist es vor allem dieses Anliegen Kants, das aus dem Menschen hervorgebrachte Gräuel des Krieges zu verbannen und ihn zu etwas Besseren/Guten entwickeln zu lassen.

Als nächstes widmet sich Koch der Frage, ob denn ein solcher Fortschritt überhaupt möglich sei. Auch Kant liefert ihm hier die Antwort, denn er bezeichnet es als eine Pflicht auf die nächste Generation so einzuwirken, dass sie immer besser werde. Durch die Pflicht wird dies möglich. Die philanthropische Voraussetzung der Menschheit zum Besseren ist somit eine notwendige Voraussetzung für die praktische Arbeit geworden. Das Wohlwollende ist die Voraussetzung für tätiges Wohlwollen und damit selbst auch wieder Pflicht. Diese Voraussetzung zeigt sich über alle Einwände und Empirie erhaben. Kant versucht dies in weiteren Abhandlungen zu beweisen, obwohl dies theoretisch nicht möglich erscheint.

Koch versucht diesen Beweis anhand der französischen Revolution und der Teilnahme der internationalen Öffentlichkeit daran, nachzuzeichnen. Für ihn ist allein die Teilnahme ein Beweis dafür, dass es in der Menschengattung eine allgemeine und uneigennützige moralische Anlage der Menschen selbst gibt.

Schlussfolgernd kann gesagt werden, dass das Problem der Erziehung unweigerlich mit dem Fortschritt der menschlichen Gattung zum Besseren verknüpft ist. Den Zweifel daran wurde durch Koch mit der Kant’schen Argumentationslinie entgegengetreten.

Koch zieht das Resümee aus seinen Überlegungen, und sieht diese auch in einem Zitat von Kant bestätigt, dass die leitende Perspektive der Erziehung politisch ist.

Leider ist der Text mit der letzten Stellungnahme beendet. Eine tiefergehende Erörterung warum aus Sicht von Koch die leitende Perspektive der Erziehung eine Politische ist, wäre wünschenswert.

Eigene Überlegungen könnten dahingehend angestellt werden, dass es auf Seiten der Politik und damit der Gesellschaft zu definieren gilt, welche moralischen Vorstellungen in Zukunft in der Gesellschaft gewollt sind, um diese dann in die Erziehung einfließen zu lassen.

Literaturverzeichnis:

Koch, Lutz (1973). Kant und das Problem der Erziehung, In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 49. Jahrgang, S. 32-43.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Lutz Kochs "Kant und das Problem der Erziehung". Interpretierende Ausarbeitung
Hochschule
Universität Wien
Note
2
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V346740
ISBN (eBook)
9783668362062
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lutz Koch, Kant, Erziehung, Anthropologie
Arbeit zitieren
Anja Walter (Autor), 2016, Lutz Kochs "Kant und das Problem der Erziehung". Interpretierende Ausarbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346740

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