Die individuelle Leistungsmotivation im Kontext sozialer Ungleichheit

Kann die Leistungsmotivation dazu beitragen, sozialer Ungleichheit in der Schule zu begegnen?


Bachelorarbeit, 2016

23 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Sozialer Status
2.2 Sozioökonomischer Status
2.2.1 Unterschicht - der Versuch einer Begriffsbestimmung
2.3 soziale Ungleichheit

3. Pierre Bourdieu
3.1 Habitus und der soziale Raum
3.2 Kapitaltheorie

4. Raymond Boudon
4.1 Primäre und Sekundäre Herkunftseffekte

5. Leistungsmotivation
5.1 Intrinsische und extrinsische Motivation
5.2 Interesse
5.3 motivationale/volitionale Regulation des Handlungsprozesses

6. Beantwortung der Forschungsfrage

7. Zusammenfassung und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Soziale Ungleichheit entsteht, laut Rolf Becker (2011), bereits mit der Geburt. Alles hängt davon ab, in welche soziale Schicht ein Mensch hineingeboren wird. Damit im Zusammenhang steht nicht nur, wie ein Mensch spricht, denkt und lebt, sondern auch welche Möglichkeiten ihm in seinem Leben geboten werden, sich zu entwickeln (vgl. Becker 2011, S. 87).

Eine große Zeitspanne verbringt der Mensch in einem schulischen Kontext. Sei es im Kindergarten, in der Pflichtschule, in einer weiterführenden höheren Schule oder später dann in einem Studium. Die Ausbildung des Menschen zu einem Mitglied der Gesellschaft ist vor allem durch die vielen Jahre in einer Institution geprägt. Und was genau dieser Mensch dann erlebt und wahrnimmt, ja sogar wie er sich entwickelt, ist maßgeblich von den äußeren Faktoren geprägt, die seine Eltern ihm mitgeben. Nicht nur die genetische Disposition ist hier gemeint, sondern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in denen die Eltern sich bewegen. Diese wirken nicht nur auf die Eltern, sondern auch auf ihre Kinder ein (vgl. Becker 2011, S.87f). Die Frage, die sich nun stellt ist, welchen Anteil kann der Einzelne selbst dazu beitragen, dass sich die äußeren Faktoren ein Stück weit nivellieren lassen.

In seinem Kapitel zum Österreichischen Expertenbericht PIRLS1 2006 analysiert Johann Bacher, dass 12% der Kinder, bei denen die Eltern einen Pflichtschulabschluss haben und als Arbeiter tätig sind, eine AHS-Unterstufe besuchen (vgl. Suchań et al 2009). Daran wird deutlich, dass es „nur“ 12% der Kinder aus dieser unteren sozialen Schicht schaffen, sich über die äußeren sozialen Faktoren hinwegzusetzen und ein Stück weiter zu gehen als ihre Eltern.

Es stellt sich die Frage, was die 12% der Kinder beflügelt, einen höheren Schulabschluss als Ihre Eltern anzustreben. Welche Faktoren kann ein einzelnes Kind mitbringen, um sich aus den äußeren Zwängen zu befreien?

In einem Interview in der „Welt“ sorgte 2013 eine Aussage des Politikers Karl-Josef Laumann für Aufregung in der lokalen Bildungspolitik. Für Laumann gehört nämlich der Leistungswille zum Lernen dazu. Er bringt es weiter auf den Punkt, indem er erläutert, dass ein Lernerfolg nicht allein durch Politik gemacht werden könne, sondern auch die individuelle Entscheidung zur Anstrengung und dem Leistungswillen dazu beitragen müsse (vgl. Welt.de 2013 [online]). Dieses Interview bietet einen ersten Ansatz in welche Richtung es gehen kann, wenn die individuellen Fähigkeiten von den Kindern angesprochen werden. Wird davon ausgegangen, so wie es in der entsprechenden Literatur bzw. Statistik nachgewiesen wurde, dass die Institution Schule soziale Ungleichheit reproduziert und nicht wie gewünscht beseitigt, so wird erkennbar, dass es einen individuellen Faktor geben muss, um dem entgegen zu wirken.

In der vorliegenden Arbeit wird herausgestellt werden, welche Rahmenbedingungen in der unteren sozialen Schicht gegeben sind bzw. welche die Mitglieder dieser Schicht ausgesetzt und damit ausgeliefert sind. Weiters wird dies in Bezug zur individuellen Einstellung Leistung in einem schulischen Kontext erbringen zu wollen gesetzt werden, um mögliche Auswege aufzeigen zu können. Auf der Basis dieser theoretischen Ausganssituation lässt sich folgende Forschungsfrage formulieren:

Welchen Beitrag kann die Leistungsmotivation bieten, um der Reproduktion sozialer Ungleichheit im schulischen Kontext zu begegnen?

Um diese Thematik zu beleuchten, wird dabei ein theoretischer Rahmen von Pierre Bourdieus Kapitaltheorie über die Herkunftseffekte von Raymond Boudon gespannt. Daran anschließend wird die Leistungsmotivationsforschung in den Blick genommen und auf ihre Mechanismen hin überprüft.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit wird es sein, die theoriegeleitete Fragestellung mittels Darlegung des zugrunde liegenden theoretischen Materials aufzuarbeiten. Das methodische Vorgehen beruht auf Literaturanalysen von Primärund Sekundärquellen. Weiters werden als Veranschaulichung des Themas Studienergebnisse bzw. Schaubilder herangezogen.

Der Aufbau Arbeit ist so gegliedert, dass im ersten Teil näher auf die Rahmenbedingungen der sozialen unteren Schicht, durch Darlegung des Konzepts der Kapitaltheorie von Pierre Bourdieu und der Herkunftseffekte von Raymond Boudon, eingegangen wird. Im zweiten Teil der Arbeit wird durch den theoretischen Einblick in die Leistungsmotivationsforschung ihr Beitrag für die Beantwortung der Forschungsfrage geprüft. Im dritten Teil wird durch Ziehung eines Resümees die Beantwortung der Forschungsfrage im Mittelpunkt stehen.

Abschließend wird durch das Aufzeigen von möglichen Problemfeldern und deren Lösungsansätze, ein Bogen zur schulischen Praxis gespannt und wie diese soziale Ungleichheit im Sinne der Leistungsmotivation begegnen kann.

Die Einbettung dieser Arbeit liegt in der bildungswissenschaftlichen Diskussion, die sich an der Fragestellung entzündet, was denn Bildung überhaupt sei. Auf diese Frage kann in zweierlei Hinsicht geantwortet werden. Zum einen die Wissensvermittlung und zum anderen eine Wertevermittlung. Bildung ist demnach nicht nur die Aneignung von Wissen, sondern auch die Vermittlung von Werten die es in einer Gesellschaft auszubilden gibt um Teilhabe leben zu können. Diese Arbeit sieht sich im letztgenannten Punkt beheimatet. Eine allumfassende Klärung dieser Ausgangslage kann aufgrund des beschränkten Rahmens dieser Arbeit nicht erfolgen, aber möchte einen Ansatz dazu bieten für diese Diskussion einen Beitrag zu leisten.

Weiters wird davon ausgegangen, dass in der vorherrschenden Wissens- und Informationsgesellschaft das Gut bzw. der Wert „Leistung“ bzw.

„Leistungsmotivation“ ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein könnte. In Zeiten in denen ein akademischer Abschluss zum guten Ton gehört, kann die Motivationsfähigkeit des einzelnen Individuums eine Möglichkeit sein sich vom ererbten sozialen Status abzuheben. Und nicht nur das, sie könnte auch die Möglichkeit sein, überhaupt die Chance zu erhalten einen entsprechenden Abschluss machen zu können. Daher sieht sich diese Arbeit in der Ansicht verstanden eine positive Einstellung zur Leistungsmotivation innezuhaben.

2. Begriffsbestimmungen

In diesem Abschnitt werden wesentliche Begriffe, die der Arbeit zugrunde liegen, erläutert und einer Bestimmung zugeführt. Auch wenn in der einschlägigen Literatur nicht immer eine scharf umrissene Bestimmung möglich ist, wird hier versucht, darauf einzugehen.

2.1 Sozialer Status

Der soziale Status bezeichnet die Position einer Person, die diese innerhalb einer gesellschaftlichen Rangfolge einnimmt. Die Einstufung in diese Rangfolge erfolgt aufgrund gesellschaftlich wichtiger Parameter und deren Wertschätzung wie z.B. Einkommen, Besitz und Macht (vgl. Ditton/Maaz 2015, S. 226).

2.2 Sozioökonomischer Status

Wird von dem sozioökonomischen Status gesprochen, so sind dabei Bündelungen von mehreren Merkmalen, die den Rangplatz in der gesellschaftlichen Hierarchie bestimmen, gemeint. Grundsätzlich wird für die Bestimmung des Rangplatzes und des damit verbundenen sozioökonomischen Status2 das Einkommen, der Beruf und das Bildungsniveau herangezogen. Als Basis zur Bestimmung des sozioökonomischen Status dienen Klassen- bzw. Schichtmodelle.

Als wesentlichen Index für den sozioökonomischen Status wird der ISEI als Abkürzung für „International Socio-Economic Index of Occupational Status“ herangezogen. Dieser Index wird vor allem für international vergleichende Schulleistungsstudien wie PIRL verwendet. Die Einteilung des sozioökonomischen Status im ISEI ist ein Maßstab der von 16 bis 90 reichen kann. Wobei ein geringer Wert wie z.B. 16 sich in einfache Arbeiter und Hilfskräfte ausdrückt und ein hoher Wert von z.B. 90 in höheren Berufen wie Richter (vgl. Ditton/Maaz, 2015 S. 226). Dieser Index wurde von Harry B.G. Ganzeboom entwickelt. Er geht davon aus, dass bestimmte berufliche Tätigkeiten eine gewisse Bildung voraussetzen, um diese auszuführen und gleichzeitig aber ein damit verbundenen Entgelt bestimmen. Auf Grund dieser Parameter hat Ganzeboom diesen Index aufgestellt (vgl. Ganzeboom 1992, 1-56).

Eine weitere wichtige Einteilung ist das EGP-Klassenschema3, welches sich ebenfalls auf die ausgeübte berufliche Tätigkeit bezieht. Es wird unter der Voraussetzung, dass ein Beschäftigungsverhältnis ein zentrales Element der modernen Gesellschaft ist, zwischen Arbeitsgebern, Selbständigen und Arbeitnehmern unterschieden. Beim EGP-Klassenschema kommt nicht nur die Tätigkeit, sondern auch die Weisungsbefugnis innerhalb der Tätigkeit, zum Tragen.

Kritisch ist anzumerken, dass die Schicht- und Klassenmodelle nicht alle relevanten Aspekte einer sozialen Einbettung, die als Ausdruck verschiedener Lebenssituationen dienen, widergeben können (vgl. Ditton/Maaz 2015; S. 231).

Die folgende Abbildung gibt den sozioökonomischen Status für verschiedene Berufe wieder. Auf den Index SIOPS, der das Berufsprestige widergibt, wird hier nicht weiter eingegangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Sozioökonomischer Status und Berufsprestige, Quelle: Ditton/Maaz (2015), S. 229

Zusätzlich ist wesentlich zu erwähnen, dass der erworbene Status vom zugeschriebenen Status zu unterscheiden ist. Beim erworbenen Status handelt es sich um jene Merkmale, die ein Individuum sich selbst erarbeitet hat. Beim zugeschriebenen Status handelt es sich um jene Merkmale, die ererbt worden und damit unveränderbar sind (vgl. Kessler 2015 S. 183).

2.2.1 Unterschicht - der Versuch einer Begriffsbestimmung

Eine soziale Gruppe ist ein Begriff, der die Menge aller Individuen umfasst, die sich bestimmte Merkmale teilen, wie. z.B. Geschlecht, Migrationshintergrund, sozialer Status und/oder regionale Herkunft. Für die Einteilung der sozialen Position werden unterschiedliche Modelle in der empirischen Bildungsforschung verwendet. Es werden die Rangfolgen in den Klassen- und Schichttheorien wie. z.B. im Scheuch- Index durch die Kombination von Bildungsabschluss, berufliche Stellung und Einkommen in Schichten geordnet. Die untere soziale Schicht wird demnach als randständig definiert. Es sind in dieser Schicht meistens Arbeiter und einfache Hilfskräfte anzutreffen, die häufig nur die Pflichtschule besucht haben4. Und in einigen Fällen sogar noch weniger schulische Ausbildung aufweisen. Die folgende Abbildung verdeutlicht, dass es stets eine Verschränkung von sozialer Schicht und Status ist (vgl. Ditton/Maaz 2015; S. 226).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verschränkung von Sozialer Schicht und sozialem Status, Quelle: [online] 9.1.2016, URL: http://www.lzg-bayern.de/tl_files/catalog_upload/r/rk_kita_101005_janssen.pdf

Die folgende Abbildung verdeutlicht die Situation in Österreich und die zahlenmäßige Zuordnung zu den sozialen Schichten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Lebensbedingungen in Österreich, Quelle: Statistik Austria, [online] 9.1.2016, URL: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/armut_und_soziale_eingliederung/02 2862.html

[...]


1 PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) ist eine internationale Schulleistungsvergleichsstudie die die Lesekompetenz von Kindern der 4. Schulstufe erfasst. Es nehmen weltweit 45 Länder daran teil. Quelle: [online] Abruf 9.1.2016, URL: https://www.bifie.at/pirls

2 Sozioökonomischer Status (Abkürzung SES; Englisch socio-economical status)

3 EGP-Klassen steht für Erikson-Goldthorpe-Portocarero-Klassen

4 Ein unterer Wert im ISEI

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die individuelle Leistungsmotivation im Kontext sozialer Ungleichheit
Untertitel
Kann die Leistungsmotivation dazu beitragen, sozialer Ungleichheit in der Schule zu begegnen?
Hochschule
Universität Wien
Note
2
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V346744
ISBN (eBook)
9783668360105
ISBN (Buch)
9783668360112
Dateigröße
942 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Ungleichheit, Leistungsmotivation, Rubikon
Arbeit zitieren
Anja Walter (Autor:in), 2016, Die individuelle Leistungsmotivation im Kontext sozialer Ungleichheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346744

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die individuelle Leistungsmotivation im Kontext sozialer Ungleichheit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden