Mit der Entwicklung der Fotografie und der Entstehung der Massenmedien zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es uns möglich geworden über Ereignisse in fernen Ländern, ohne unmittelbare Nähe zum Geschehen, informiert zu sein und diese bildlich festzuhalten. Im Kopf hängen bleiben uns dabei meist nicht nur geschriebene Berichte, Kommentare oder Reportagen, sondern vor allem Fotografien, die ein vermeintlich genaues Abbild der Ereignisse geben. Bilder, in dieser Arbeit sind dabei meist Fotografien gemeint, geraten jedoch auch sehr schnell in Vergessenheit. Einige aber dringen tiefer in das Bewusstsein ein und gehen als berühmte Fotografien oder auch Ikonen der Fotografie in die Geschichte ein. Ob die Fotografie die definierten Kriterien und Prozesse einer ikonischen Fotografie erfüllt, soll abschließend und aufbauend auf deren Publikations- und Rezeptionsgeschichte dargestellt werden.
Im Theorieteil der Arbeit soll dazu im ersten Kapitel der Bildbegriff interdisziplinär betrachtet und erläutert werden. Neben der allgemeinen Definition wird auch auf die Besonderheiten eines Bildes, insbesondere einer Fotografie, eingegangen. Ein Augenmerk dieses Kapitels ist auf den iconic turn der Sozialwissenschaften gelegt. Zudem beschäftigt sich das Kapitel mit dem Thema der Bildanalyse und stellt die Methode der ästhesiologischen Bildhermeneutik vor. Der Begriff der Ikone und deren Rolle und Bedeutung innerhalb unserer Kultur spielen für die folgende Arbeit eine tragende Rolle. Dabei wird im zweiten Kapitel des Theorieteiles nicht nur eine Definition des Begriffes gegeben, sondern es soll auch dargestellt werden, welche Faktoren, Prozesse und Akteure dazu führen, dass bestimmte Fotografien zu Ikonen werden. Das dritte Kapitel befasst sich mit der Geschichte der Kriegs- und Krisenfotografie, um zu beleuchten, welche Entwicklungen die Kriegsberichterstattung in den letzten Jahrhunderten durchlief und welche Auswirkungen diese auf Politik und Gesellschaft hatten.
Im empirischen Teil der Arbeit soll die Fotografie des syrischen Flüchtlingskind Aylan aus dem letzten Jahr einer qualitativen Bildanalyse unterzogen werden und dabei mithilfe der Methode der ästhesiologischen Bildhermeneutik analysiert und ausgewertet werden. Die Fotografie soll insbesondere nach diesem Moment der Stille untersucht werden und es wird der Frage nachgegangen, warum uns gerade jenes Bild so bewegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Aktualität und Aufbau der Arbeit
2. Methodischer Teil der Arbeit
2.1. Der Bildbegriff
2.2. Der Iconic Turn in den Sozialwissenschaften
2.3. Definition und Bedeutung von Fotografie
2.4. Die ästhesiologische Bildhermeneutik
2.5. Forschungsfragen
3. Ikonen des Krieges
3.1. Medienikonen - eine Begriffsdefinition
3.2. Merkmale von Fotoikonen
3.3. Akteure der Ikonisierung
4. Kriegs- und Krisenfotografie
4.1. Imaginierte Kriege des 19. Jahrhunderts
4.2. Rolle der Bilder in den Weltkriegen
4.3. Das Ende des schmutzigen Krieges in Vietnam
4.4. Golfkrieg per Knopfdruck - Beginn der elektronischen Kriegsführung
4.5. Die visuelle Kriegserklärung 9/11 und ihre Folgen
4.6. Offene oder versteckte Gewalt
5. Stille Gewalt im Bild - die Ikonisierung einer Fotografie
5.1. Historischer Hintergrund der Fotografie: Die Flüchtlingskrise Europas
5.2. Entstehung der Fotografie
5.3. Analyse der ikonischen Fotografie: Leiche eines Kindes am Strand
5.4. Publikations- und Rezeptionsgeschichte des Bildes
5.5. Die Fotoikone Aylan
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Macht und Dynamik ikonischer Kriegs- und Krisenfotografie am Beispiel des Bildes des ertrunkenen syrischen Flüchtlingskindes Aylan. Ziel ist es, durch eine qualitative Bildanalyse unter Anwendung der ästhesiologischen Bildhermeneutik zu ergründen, warum bestimmte Fotografien eine solch starke symbolische Wirkung entfalten und als Ikonen in das kollektive Gedächtnis eingehen.
- Interdisziplinäre Betrachtung des Bildbegriffs und der Bedeutung der Fotografie.
- Historische Analyse der Entwicklung der Kriegs- und Krisenfotografie vom 19. Jahrhundert bis zur modernen elektronischen Kriegsführung.
- Untersuchung der Prozesse und Akteure der Ikonisierung medialer Bilder.
- Qualitative Analyse einer spezifischen Fotoikone der europäischen Flüchtlingskrise.
- Diskussion von medienethischen Fragestellungen und der Wirkung von Bildern auf Politik und Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.1. Medienikonen - eine Begriffsdefinition
Das aus dem Griechischen stammende Wort εἰκὼν (eikōn), ikóna - übersetzt als Ikone, wird als Bildnis, Abbild oder Gleichnis eines Gegenstandes, Gemäldes, aber auch als Gedankenbild und Vergleich verstanden. Traditionell wurden mit dem Begriff der Ikone Tafelbilder aus Holz bezeichnet, auf denen heilige Personen der orthodoxen Ostkirche oder biblische Szene gemalt sind. Zwar ist der Ikonenbegriff in der modernen Mediengesellschaft aus der engen Verbindung mit Kult- und Heiligenbildern herausgelöst worden, die besondere Würdigung wohnt ihm jedoch weiterhin inne und verweist auf seine besondere Relevanz gegenüber anderen Bildern.
Frühere religiöse Ikonen zeigten meist eine Darstellung der Präsenz Gottes und tragen dabei zwei unterschiedliche Eigenschaften mit sich. Sie sind als imago eine authentische Abbildung von Heiligenfiguren und dabei eng verknüpft mit der dazugehörigen Bildgeschichte aus der heiligen Schrift, der historia. Auch den modernen Medienikonen wohnen diese beiden Eigenschaften inne, wobei das imago als das erlebte Ereignis oder die betroffene Person wahrgenommen werden kann, während die historia des einzelnen Bildes durch die Medien geliefert wird. Die historia der heutigen Ikonen beruht nicht auf einem gemeinsam geteilten Fundament des christlichen Glaubens, sondern entsteht durch den laufenden Mediendiskurs und kann damit veränderbar und manipulierbar sein. Die Medien liefern in der historia nicht nur eine ausführliche Erklärung des Ereignisses, sondern auch ihre ideologische Interpretation (vgl. Fahlenbrach 2010, S.60).
Im Gegensatz zu den früheren byzantinischen Ikonen erlangen die modernen Fotografien aber als authentische und „echte“ Bilder ihre ikonische und heilige Bedeutung. Oft wird dabei aber übersehen, das Fotos auch gestaltet sind, was Susan Sontag wie treffend beschreibt:
Während ein Gemälde oder eine Prosaschilderung nie etwas anderes sein kann als eine engbegrenzte Interpretation, kann man eine Fotografie als engbegrenztes Spiegelbild begreifen. Aber trotz der mutmaßlichen Aufrichtigkeit, die allen Fotos Autorität, Bedeutung und Reiz verleiht, bildet die Arbeit des Fotografen ihrem Wesen nach keine Ausnahme in dem meist etwas anrüchigen Gewerbes, das zwischen Kunst und Wahrheit angesiedelt ist. Selbst wenn die Fotografen es als ihre Hauptaufgabe betrachten, die Realität widerzuspiegeln, bleiben sie dennoch stummen Befehlen des Geschmacks und des Gewissens ausgesetzt. [...] Auch wenn es in gewisser Hinsicht zutrifft, dass die Kamera die Realität einfängt und nicht nur interpretiert, sind Fotos doch genauso eine Interpretation der Welt wie Gemälde und Zeichnungen. (Sontag 2002, S .12)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aktualität und Aufbau der Arbeit: Einführung in die Relevanz von Bildern in Krisen- und Kriegsgebieten und Darlegung des Forschungsaufbaus der Arbeit.
2. Methodischer Teil der Arbeit: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Bildbegriff, dem iconic turn und Einführung in die Methode der ästhesiologischen Bildhermeneutik.
3. Ikonen des Krieges: Begriffsdefinition von Medienikonen, Analyse der Merkmale von Fotoikonen und der Akteure hinter dem Prozess der Ikonisierung.
4. Kriegs- und Krisenfotografie: Historischer Überblick über die Entwicklung der Kriegsberichterstattung vom 19. Jahrhundert bis zur elektronischen Kriegsführung.
5. Stille Gewalt im Bild - die Ikonisierung einer Fotografie: Empirische Analyse der Fotografie des Kindes Aylan anhand des historischen Kontexts, der Entstehung und der Rezeptionsgeschichte.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Macht von Bildern und Ausblick auf die Notwendigkeit weiterer Forschung in der Bildanalyse.
Schlüsselwörter
Kriegsfotografie, Krisenfotografie, Medienikonen, Iconic Turn, Bildhermeneutik, Aylan, Flüchtlingskrise, Bildanalyse, mediale Inszenierung, kollektives Gedächtnis, Fotoikone, Visuelle Kultur, Symbolik, Kriegsberichterstattung, Bildmacht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Fotografien aus Kriegs- und Krisengebieten zu Ikonen werden, die sich tief in das kollektive Gedächtnis einbrennen und welche Mechanismen dabei wirken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Kriegsfotografie, der medienethischen Bedeutung von Bildern und der Analyse der ikonischen Wirkung am Beispiel der Flüchtlingskrise.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Hauptforschungsfrage zielt darauf ab, welche Bedeutungen der ikonischen Fotografie des Flüchtlingskindes Aylan inhärent sind und warum dieses spezifische Bild eine so starke Wirkung entfaltete.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet die Methode der ästhesiologischen Bildhermeneutik, um die bildnerischen Mittel und den tieferen Sinn von Fotografien systematisch zu deuten.
Was wird im theoretischen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Fundierung durch Begriffe wie "iconic turn" sowie der historischen Entwicklung der Kriegsberichterstattung vom 19. Jahrhundert bis zur elektronischen Kriegsführung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Ikonisierung", "Medienikonen", "Bildhermeneutik", "Kriegsfotografie" und "kollektives Gedächtnis".
Warum wurde gerade die Fotografie von Aylan für die Analyse ausgewählt?
Das Bild des syrischen Jungen Aylan wird als Beispiel für eine "stille" Fotoikone gewählt, die trotz fehlender expliziter Gewaltdarstellung eine außergewöhnlich starke emotionale und symbolische Wirkung erzielte.
Welche Rolle spielen die Medien beim Ikonisierungsprozess laut der Autorin?
Die Medien fungieren als die primären Akteure der Ikonisierung, indem sie bestimmte Motive durch wiederholte Publikation und Kontextualisierung in den Rang von "Ikonen" erheben.
- Citar trabajo
- Carolin Wabra (Autor), 2016, Stille Ikonen inmitten von Gewalt. Dynamiken der Kriegs- und Krisenfotografie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346751