Literaturverfilmungen im Deutschunterricht

Visualisierung eines literarischen Stoffes am Beispiel von Franz Kafkas „Der Prozess“ und dessen Verfilmung durch Orson Welles


Hausarbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literatur und Film - Eine vereinbare Koexistenz?
a. Medienwechsel, Intermedialität und Visualität
b. Arten der Transformation
c. Vergleich filmischer und literarischer Ausdrucksmittel
d. Über die Sinnhaftigkeit der Einführung eines Filmkanons

3. Verfilmung von Franz Kafkas „ Der Prozess “ durch Orson Welles
a. „ Der Prozess “ , Franz Kafka
b. „ The Trial “, Orson Welles
c. Vergleichende Analyse der Raumstruktur einzelner Szenen in Buch und Film
i. Kontrastive Gestaltung der Räume
ii. Labyrinthstruktur

4. Einsatzmöglichkeiten im Unterricht

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Wenn ein Autor sein Buch an ein anderes Medium abgibt, an den Film oder an die B ü hne, muss er den anderen K ü nstlern Freiraum lassen. Sonst k ö nnen deren Medien nicht anfangen zu atmen." (Cornelia Funke, Spiegel 2008)

Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelte sich das Buch im Laufe der Jahrhunderte zu dem grundlegenden Verbreitungsmedium von Informationen. Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb das geschriebene Wort das Medium der Gesellschaft. Erinnerungen, Darstellungen untergegangener Gesellschaften, Geschichten zu allen Themenbereichen des Alltags der Menschen wurden in Schriften und Büchern festgehalten. Auch wenn im 19. Jahrhundert langsam die Entwicklung des Films und damit die Verbildlichung des Wortes begann, dauerte es doch bis Mitte des 20. Jahrhunderts bis der Film in der breiten Masse der Gesellschaft ankam. Nach und nach eroberte der Film zunächst die Theater, welche vermehrt in Lichtspielhäuser umgewandelt wurden und fand schließlich mit der fortschreitenden Entwicklung der Technologie, u.a. mit Erfindung des Fernsehens, auch Zugang in die Wohnzimmer der Menschen. So präsent der Film in jeglicher Form, ob im Kino oder in Serien auch in der Gesellschaft ist, das Buch wurde letztendlich nicht verdrängt. Ganz im Gegenteil, die gegenseitige Beeinflussung beider Medien ist stärker denn je. Insbesondere die Jugendliteratur erfuhr und erfährt mit der Umsetzung zahlreicher Buchreihen, wie z.B. die Geschichten um Harry Potter, eine wahnsinnig große Beliebtheit. Die Umsetzung von Literatur in Film besitzt nunmehr auch schon eine über hundertjährige Geschichte. So verfilmte Louis Jean Lumieré bereits 1896 die Geschichte des „ Faust “. Es folgten unzählige weitere Verfilmung u.a. „ Nosferatu “, als Adaption des Bram Stoker Roman „ Dracula “ (1922) oder auch die Umsetzung der Kinderbuchreihe „ Emil und die Detektive “ (1931) von Erich Kästner. Orson Welles nahm sich im Jahre 1962 dem Werk „ Der Prozess “ von Franz Kafka aus dem Jahr 1914/15 an und entwickelte einen Schwarz- Weiß-Film der bis heute einen Meilenstein der Filmgeschichte darstellt. Insofern man die Literaturverfilmung als Bindeglied zwischen Buch und Film erkennt, so maßgeblich lässt sich dies an Welles’ Verfilmung zeigen. Im Folgenden soll nun ein Auge darauf geworfen werden, inwiefern Buch und Film damals wie heute eine Koexistenz leben oder sich gegenseitig beeinflussen. Dafür soll genauer analysiert werden, welche Möglichkeiten das Buch in der Vermittlung im Vergleich zum Film und umgekehrt besitzt und wie eine Umsetzung des einen Stoffs in den Anderen möglich ist. Dabei soll ein Hauptaugenmerk auf Kafkas „ Der Prozess “ und dessen Adaption durch Orson Welles gelegt werden, indem ein markanter und entscheidender Aspekt der Umsetzung analysiert wird, in diesem Fall die Raumstruktur, sowohl im Buch als auch im Film. Als abschließende Betrachtung soll dabei untersucht werden, inwiefern diese Adaption als Material im Literaturunterricht der Schule herangezogen wird bzw. werden kann, indem aufgezeigt wird, was die zeitgleiche Behandlung von Buch und Film lehren kann.

2. Literatur und Film - Eine vereinbare Koexistenz?

Literatur, in Form von Büchern und Filme mögen auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, dennoch greifen beide auf ein bestimmtes Zeichensystem zurück, auch wenn dies bei beiden ein sehr unterschiedliches ist. So besteht die Literatur zunächst nur aus der Schriftsprache, über die sie ihren Inhalt und die Bedeutung auf den Rezipienten übertragen muss. Der Film dagegen kann sowohl auf die Bildsprache, als auch auf die gesprochene und die nonverbale Sprache, also Mimik und Gestik, setzen. Des Weiteren eröffnen sich hier weitere gestalterische Möglichkeiten wie Beleuchtung, Kameraführung, Schnitt und auch Musik. Was in erster Linie natürlich von Vorteil ist, da der Film dadurch davon lebt, dass seine Bandbreite an Ausdrucksmitteln viel größer ist, als es bei Büchern der Fall ist, so bildet dies gleichzeitig jedoch auch seine größte Schwäche. Der Herstellungsaufwand ist dadurch wesentlich größer als bei Büchern. Nichtsdestoweniger wird häufig gesagt, dass Bücher auch ohne großen Aufwand von „ Juristen wie Bernhard Schlink1 geschrieben werden können. An der Erstellung eines Films dagegen sind unzählige Personen beteiligt, die alle einen Einfluss auf das letztendliche Resultat haben. Man betrachte nur die Arbeit und den Einfluss von Regisseuren, Drehbuchautoren, Schauspielern und Kameramännern. Der Komplexität, die die Filmsprache hier aufweist, kann die Literatur die Deutungsvariation entgegenstellen. Während der Film einem eindeutig ein Bild zu jeder Situation zuordnet, lebt die Literatur von der Vorstellungskraft.

„ Literatur kann Wirklichkeit nicht abbilden, [ ... ] . Film kann Wirklichkeit auch nicht abbilden, aber er kann sich besser behaupten. Filme wirken authentischer, weil sie den Weg vom Ereignis zur Vorstellung kurzschlie ß en. “ 2

Gerade diese Thematik wertete den Film bei vielen Literaturwissenschaftlern immer gegenüber der Literatur herab, da die Literatur [ ... ] eine aktive Rezeptionshaltung des Lesers fordere, w ä hrend [ ... ] Film grunds ä tzlich eine passive Konsumhaltung f ö rdere. “ 3 Diese doch sehr negative Haltung gegenüber der Kunst des Filmens gilt sowohl von biologischer als auch von künstlerischer Seite inzwischen allerdings als überholt, da zum einen erkannt wurde, dass durchaus auch die Entschlüsselung der Bilder eines Films hochgradig komplex für das menschliche Gehirn und auch das künstlerische Niveau nicht an eine Art des Mediums gebunden ist und gerade die Fülle an Einflüssen verschiedener Personen die Produktion eines Films zu einem Gesamtkunstwerk werden lassen.

a. Medienwechsel, Intermedialität und Visualität

Es stellt sich bei der Umsetzung eines literarischen Stoffes in ein filmisches Werk die Frage, inwiefern die Übertragung von schriftlichen zum filmischen Material vonstatten geht. Der häufig doch sehr plakativ genutzte Begriff des Medienwechsels wurde im Laufe der Jahre immer mehr durch Transposition bzw. Adaption ersetzt. Beide Begriffe enthalten jedoch nicht die Tatsache, dass Literatur eigentlich nicht verfilmt wird, sondern „ Literatur kann durch Film interpretiert werden, so wie ein Theaterst ü ck durch eine Theaterauff ü hrung interpretiert wird. “ 4 Medienwechsel in seiner eigentlichen Bedeutung ist dabei natürlich nicht nur auf Film und Buch beschränkt, sondern beschreibt im Allgemeinen die Umsetzung oder Realisierung eines Mediums A in ein Medium B. Im engen Zusammenhang mit dem Medienwechsel steht dabei die Intermedialität, welche von Rajewsky als „[...] Mediengrenzen ü berschreitende Ph ä nomene, die mindestens zwei konventionell als distinktiv wahrgenommene Medien involvieren5, bezeichnet wird. Nach Rajewsky existieren bei der Intermedialität drei Bereiche: Medienkombination, Medienwechsel und intermediale Bezüge, bei denen die Literaturverfilmung in den Bereich des Medienwechsels einzuordnen wäre, da hier die Struktur eines Textes in die eines Filmes transformiert wird, ohne dass diese Struktur materiell im Film präsent ist. Gerade in dieser Transformation eines Textes in einen Film spielt das Thema der Visualität eine große Rolle. Visualität ist in der literaturwissenschaftlichen Forschung ein relativ junger Begriff. Er beschreibt insbesondere die visuelle Darstellungsweise im Text. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen der schriftsprachlichen Darstellung visueller Wahrnehmung, aus der Beschreibung von Räumen und darin befindlichen Objekten hervorgehend, wodurch zunächst eine Darstellung des fiktionalen Raumes geschaffen wird und der Sinnerzeugung und Bedeutungsvermittlung, welche mit ersterer einhergeht. Im Film erscheint die Erklärung von Visualität zunächst paradox, da der Film schließlich offensichtlich mit Bildern arbeitet, dennoch kann hier ähnlich wie in der Literatur Visualität zunächst als äußerliche Gestaltung der fiktionalen Welt gesehen werden, z.B. das Aussehen der Schauspieler, deren Kostüme und die Requisite. Zusätzlich arbeitet der Film außerdem mit Kameraeinstellungen, Beleuchtungen, sowie farblichen Effekten. Interessant dabei ist, dass hier je nach Gestaltung des Filmes, Räume und deren Gestaltung, aber auch Requisiten oder Kostüme gezielt in den Vorder- oder Hintergrund gestellt werden können.

b. Arten der Transformation

Bei der Übertragung von Literatur in Film kann die Transformation in verschiedenen Formen auftreten, welche in fließenden Abstufungen zueinander stehen. Hauptaugenmerk dieser verschiedenen Formen der Transformation ist die Umsetzung des literarischen zum filmischen Stoff und dabei die Frage, wie nah oder fern ein Film sich am literarischen Werk orientiert. Dabei können nach Hagenbüchle und Kreuzer fünf Formen der Transformation unterschieden werden. Bei der stofforientierten Transformation übernimmt der Film nur die Handlung (Story) aus der textlichen Vorlage. Im speziellen Fall wird auch nur das Thema übernommen, wodurch nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen literarischem Stoff und der Verfilmung bestehen. Daneben existiert die handlungsorientierte Transformation, welche sowohl die Story des literarischen Textes, als auch die Figuren und den Rahmen der Handlung in enger Anlehnung übernimmt. Dabei geht es in erster Linie um die erzählte Handlung und nicht um die Erzählsituation oder den Stil, welcher oft von der Vorlage abweicht. Die besondere Erzählweise des Textes wird in der analogen Transformation zusätzlich mit umgesetzt, wodurch sich literarischen Vorlage und filmische Umsetzung sehr stark annähern. Der vierte Typ der Transformation ähnelt der analogen Transformation in der Weise, dass sie Story, Figuren, Erzählsituation, sowie stilistische Merkmale übernimmt, jedoch eine eigene Interpretation der Textvorlage verwendet. Dabei ist zu beachten, dass jede Art der Transformation interpretierende Schritte enthält. In der interpretierenden Transformation nimmt sie aber eine bestimmende Rolle ein. Der letzte Typ der Transformation ist die freie Transformation. Hier entsteht durch die Veränderung der Figurenkonstellation und Handlung eine große Distanz zwischen Film und Text.

c. Vergleich filmischer und literarischer Ausdrucksmittel

In dem Wissen, dass Literatur und Film im Punkt der Visualität wesentliche Merkmale miteinander teilen, können im Folgenden gerade die verwendeten Ausdrucksmittel miteinander verglichen werden. Dazu soll hier im Wesentlichen auf das Mittel der Beschreibung eingegangen werden, da dies ebenfalls einen wesentlichen Bestandteil der späteren Analyse von Kafkas Werk und dessen Verfilmung durch Orson Welles darstellt.

Gegenst ä nde nicht nur zu benennen, sondern mit Mitteln der Beschreibung und der bildlichen Rede zu suggerieren [ ... ] das ist der elementare Akt von gestaltendem Umgang mit Sprache [ ... ] . “

Ein Hauptpunkt der sowohl in der Literatur, als auch im Film entscheidend ist und über den sowohl Literaturwissenschaftler als auch Filmwissenschaftlicher sich oft nicht einig sind, ist die Trennung von Narration und Beschreibung (oder Deskription). In der Literatur wesentlich ist, dass die Beschreibung nie unabhängig von der Handlung steht, während diese nie ohne eine Beschreibung der Figuren und Objekte auskommt. Auch die Beschreibung kommt selten ohne Handlung aus. Die enge Verknüpfung ist also deutlich. Beim Film fällt diese Unterscheidung sogar noch schwerer aus, da generell in Frage gestellt werden kann, ob der Film überhaupt beschreiben kann, da er automatisch in jedem Bild bereits Räume, Figuren, Kostüme etc. zeigt. Es kann also keine Narration ohne Deskription geben. Oft fallen sie deshalb zusammen. Ähnlich wie in der Literatur kann dennoch gesagt werden, dass auch beim Film durch die Deskription ein Zustand und durch die Narration ein zeitlich ablaufendes Ereignis, also eine Handlung geschildert wird. Wichtig am Film ist demnach die simultane Beschreibung, da jede Filmszene eine Fülle an Informationen über den fiktional erzeugten Raum bietet. Unterschieden werden kann hier noch die inszenierte Beschreibung, bei der die deskriptiven Elemente einer filmischen Einstellung in den Vordergrund gestellt werden, so z.B. bestimmte Elemente des Raumes, während die Handlung der Personen nur schemenhaft oder am Rand erkennbar ist, wodurch häufig die Atmosphäre der Szene bzw. auch die Stimmung der Figuren beschrieben wird. Außerdem existiert noch die fokussierende Beschreibung, welche gar keine narrativen Elemente aufweist.

Auch in der Literatur können unterschiedliche Arten der Beschreibung gefunden werden. Dabei unterscheidet man die reine Beschreibung, wenn ein Text ausschließlich deskriptive Elemente enthält (ähnlich der fokussierenden Beschreibung des Films), die dominante Beschreibung, bei der überwiegend deskriptive Elemente vorhanden sind (ähnlich der inszenierten Beschreibung im Film) und die punktuelle Beschreibung, bei der die Narration, also die Handlung im Vordergrund steht. Es zeigt sich also, dass die Beschreibungen im Text immer auch ein ähnliches Pendant im Film aufweisen.

Kurz sollen hier noch die stilistischen Figuren angesprochen werden, welche sowohl in der Literatur, als auch im Film Eingang finden. Die klassischen Stilmittel, wie Metaphern, Symbole und Metonymien bilden dabei in den meisten Texten Grundstrukturen für die Erzeugung literarischer Visualität. Im Film ist dies schon schwieriger, da viele Literaturwissenschaftler der Meinung sind, dass die erzeugten Stilfiguren doch sehr stark vom Stil des jeweiligen Regisseurs abhängig sind, wodurch keine allgemeine Definition für eingesetzte Stilfiguren gefunden werden kann.

[...]


1 Neuhaus, Stefan: Literatur im Film - Beispiele einer Medienbeziehung, S.12

2 Neuhaus, Stefan: Literatur im Film - Beispiele einer Medienbeziehung, S.13

3 Bohnenkamp, Anne: Literaturverfilmungen, S.10

4 Neuhaus, Stefan: Literatur im Film - Beispiele einer Medienbeziehung, S.14

5 Poppe, Sandra: Visualität in Literatur und Film. Eine medienkomparistische Untersuchung moderner Erzähltexte und ihrer Verfilmungen. S.22

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Literaturverfilmungen im Deutschunterricht
Untertitel
Visualisierung eines literarischen Stoffes am Beispiel von Franz Kafkas „Der Prozess“ und dessen Verfilmung durch Orson Welles
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V346831
ISBN (eBook)
9783668362727
ISBN (Buch)
9783668362734
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturverfilmungen, FranzKafka, Kafka, Prozess, Literaturadaptionen, DerProzess, Trial, Welles, Orson, OrsonWelles, Unterricht, Deutsch
Arbeit zitieren
Sebastian Mädge (Autor), 2016, Literaturverfilmungen im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346831

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