Das Jahr 1815 leitete eine neue Epoche im kriegsgeplagten Europa des langen 19. Jahrhunderts ein. Durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses wurden die außenpolitischen Beziehungen zwischen den europäischen Großmächten dergestalt reglementiert, dass eine bemerkenswert lange Phase der friedlichen Koexistenz zwischen den Mächten der Pentarchie möglich war. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Europa während dieser Phase frei von Konflikten und Krisen blieb. Denn trotz der Sicherung des allgemeinen europäischen Friedens traten auf dem alten Kontinent immer wieder jene revolutionären Bestrebungen zu Tage, welche die Großmächte durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses einzudämmen versuchten. So blieb die Generation nach 1815 zwar von großen, europäischen Kriegen verschont, allerdings blieb stets ein Konfliktpotenzial spürbar, welches Dieter Langewiesche treffend als "Entzündbarkeit der Sozietät" beschreibt. Ein Katalysator jener revolutionären Tendenzen war zweifelsohne der für diese Epoche typische Nationalgedanke. Keine europäische Großmacht konnte es sich leisten, diese neue und bedeutende Strömung des 19. Jahrhunderts zu ignorieren. Der Umgang mit ihr gestaltete sich jedoch von Land zu Land unterschiedlich und veränderte nicht nur innenpolitische, sondern auch außenpolitische Ansichten. Auf den folgenden Seiten soll daher untersucht werden, inwiefern nationale Bestrebungen die internationalen Beziehungen zwischen den Großmächten veränderten und warum gerade diese zur oben genannten „Entzündbarkeit“ beitrugen. Die Untersuchung soll dabei chronologisch erfolgen. Der zeitliche Rahmen umfasst die Jahre zwischen 1815 und 1871, da mit der deutschen Reichsgründung die Ordnung des Wiener Kongresses grundlegend verändert wurde und somit ein neuer Epochenabschnitt begann, in welchem das nationalstaatliche Prinzip endgültig in Mitteleuropa etabliert worden war. Im Fokus dieser Arbeit sollen der außenpolitische Umgang der Großmächte mit Nationalbestrebungen und die daraus resultierenden Veränderungen in deren Beziehungen stehen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Außenpolitik nach dem Wiener Kongress
1.1 Die Blockbildung innerhalb der europäischen Mächte
1.2 Nationalismus an der Grenze zum Krieg zwischen den Großmächten
2 Die Zäsur von 1848
2.1 Die Zurückhaltung Englands und Russlands
2.2 Zerfall der Wiener Ordnung und Veränderung der Außenpolitik
3 Die Machtpolitik nach 1848
3.1 Kriege im Zeichen des Nationalismus
3.2 Interessenpolitik im Zeichen des Nationalismus
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den außenpolitischen Umgang der europäischen Großmächte mit aufkommenden nationalen Bestrebungen im Zeitraum von 1815 bis 1871. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, inwiefern nationale Bewegungen die internationalen Beziehungen zwischen den Mächten veränderten und welche Rolle der Nationalismus als Instrument der Machtpolitik in diesem Prozess einnahm.
- Einfluss des Nationalgedankens auf die Diplomatie der europäischen Großmächte
- Transformation des Wiener Systems durch revolutionäre nationale Strömungen
- Vom ideologischen Prinzip zur machtpolitischen Instrumentalisierung des Nationalismus
- Vergleichende Analyse der Reaktionen konservativer und liberaler Mächte
- Bedeutung der Kriege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Neuordnung Europas
Auszug aus dem Buch
3.1 Kriege im Zeichen des Nationalismus
Das historisch erste Beispiel für die neu erwachte Kriegs- und Konfliktbereitschaft in Europa war sicherlich der Krimkrieg von 1853 bis 1856. Allerdings war dieser Konflikt weniger stark von nationalen Strömungen beeinflusst, so dass er hier nicht von großer Relevanz sein soll. Anders verhält es sich jedoch mit dem nächsten großen Krieg der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: dem französisch-österreichischem Krieg von 1859. Mit diesem Krieg beabsichtigten Frankreich und Sardinien die österreichische Vorherrschaft in Italien zu beenden. Im Gegensatz zum Krimkrieg und allen bisher dagewesenen militärischen Auseinandersetzungen wurde dieser Krieg offen mit dem Nationalitätsprinzip begründet. Bis zur Jahrhundertmitte war dies nicht möglich gewesen, da das Nationalitätsprinzip bis dahin als revolutionäres Prinzip galt. Dieses Novum machte deutlich, welchen instrumentellen Charakter das Konzept der Nation in den militärischen Auseinandersetzungen der kommenden Jahre annehmen wird. Napoleon III. berief sich nämlich nicht aufgrund seiner national-liberalen Gesinnung darauf, sondern nutzte es als Instrument, um durch Prestigegewinn seine innenpolitische Position zu festigen und das Wiener System zugunsten Frankreichs auflösen zu können.
Aber auch auf Seiten des Verbündeten Frankreichs kann nicht die Schaffung eines einheitlichen italienischen Nationalstaates als elementares Ziel dieses Krieges gesehen werden. Die zentrale Figur auf Seiten Italiens war der Ministerpräsident Sardiniens, Camillo Benso Conte di Cavour. Cavour hatte sich nach der Revolution von 1848/49 zum Anführer des gemäßigten Armes im Risorgimento entwickelt. Dies war eine italienische Einigungsbewegung, welche zwischen 1815 und 1870 existierte und sich größtenteils aus Intelektuellen, Schriftstellern, Dichtern, Historikern und Geheimgesellschaftlern zusammensetzte. Im Krieg gegen Österreich stand diese Vereinigung hinter Cavour, doch er wusste auch, dass er zur Vertreibung Habsburgs weiterer Unterstützung bedurfte. Diese fand er in Form seines französischen Nachbarn Napoleon III., welcher als Gegenleistung die Annexion Savoyens und Nizzas forderte. Wie bereits erwähnt ging es Cavour nicht primär um die nationale Einigung Italiens, sondern um die Machtsteigerung des Königreichs Sardinien. Auch er nutzte den Nationalismus lediglich als außenpolitisches Instrument zur Verwirklichung seiner eigenen Ziele.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird der zeitliche Rahmen von 1815 bis 1871 abgesteckt und dargelegt, wie nationale Bestrebungen die friedliche Koexistenz nach dem Wiener Kongress herausforderten.
1 Die Außenpolitik nach dem Wiener Kongress: Dieses Kapitel analysiert die Bemühungen der Mächte zur Eindämmung revolutionärer Tendenzen und die Entstehung ideologischer Blöcke.
1.1 Die Blockbildung innerhalb der europäischen Mächte: Es wird untersucht, wie Österreich und Russland versuchten, den Status quo durch konservative Bündnisse gegen den Nationalismus zu sichern.
1.2 Nationalismus an der Grenze zum Krieg zwischen den Großmächten: Hier wird anhand von Konflikten wie der „Orientalischen Frage“ die Gefahr nationalistisch aufgeladener Interessenkonflikte aufgezeigt.
2 Die Zäsur von 1848: Dieses Kapitel behandelt die Auswirkungen der europäischen Revolutionen auf das internationale Gefüge und den schleichenden Zerfall der Wiener Ordnung.
2.1 Die Zurückhaltung Englands und Russlands: Es wird die defensive Haltung der Flügelmächte während der Revolutionsjahre beleuchtet.
2.2 Zerfall der Wiener Ordnung und Veränderung der Außenpolitik: Die Analyse konzentriert sich auf den Wandel zur Realpolitik und den Verlust der gemeinsamen diplomatischer Basis.
3 Die Machtpolitik nach 1848: Dieses Kapitel beschreibt die Rückkehr kriegerischer Mittel und die Instrumentalisierung des Nationalismus durch Staatsmänner.
3.1 Kriege im Zeichen des Nationalismus: Anhand des italienischen Einigungskrieges wird verdeutlicht, wie nationale Ziele machtpolitischen Interessen untergeordnet wurden.
3.2 Interessenpolitik im Zeichen des Nationalismus: Es wird die englische Außenpolitik gegenüber kontinentaleuropäischen Nationalstaatsbestrebungen nach 1848 dargestellt.
4 Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Untersuchung werden reflektiert und die Transformation des Nationalismus vom Bedrohungsszenario zum diplomatischen Instrument hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Wiener Kongress, Nationalismus, Außenpolitik, Großmächte, Pentarchie, Nationalstaat, Machtpolitik, Realpolitik, 1848, Revolution, Diplomatie, Bündnissystem, territoriale Ordnung, europäisches Gleichgewicht, Instrumentalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie die europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert auf das aufkommende Phänomen des Nationalismus reagierten und wie dies ihre außenpolitischen Strategien beeinflusste.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des europäischen Mächtesystems nach 1815, die Rolle der Revolutionen von 1848 sowie der Übergang von einer ideologisch geprägten Friedenssicherung zur machtpolitisch orientierten Realpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie nationale Bestrebungen die internationale Ordnung untergruben und von den Staatsmännern zunehmend als Mittel zur Stärkung der eigenen Vormachtstellung instrumentalisiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt einen chronologischen Ansatz, um die Entwicklung von der Restauration über die Revolutionsjahre bis zur nationalstaatlichen Neuordnung Europas nach 1871 nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Blockbildungen nach 1815, die Zäsur durch die 1848er-Revolutionen und die Ära der Machtpolitik, in der Kriege zunehmend unter dem Vorzeichen nationaler Einigungsbestrebungen geführt wurden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Wiener Kongress, Nationalismus, Machtpolitik, Realpolitik, das europäische Gleichgewicht (Pentarchie) sowie der Wandel der diplomatischen Beziehungen zwischen 1815 und 1871.
Warum konnte das Wiener System den Ansturm der Nationalbewegungen nicht dauerhaft abwehren?
Das System beruhte auf einer gemeinsamen repressiven Haltung gegen revolutionäre Bewegungen; als jedoch die Großmächte anfingen, nationale Bestrebungen für eigene Zwecke zu nutzen, verlor die gemeinsame vertragliche Grundlage ihre Bindungskraft.
Inwiefern unterschied sich die englische Außenpolitik von der der übrigen Großmächte?
England zeigte sich nationalen Tendenzen gegenüber offener, da es diese als Chance für eine aktivere Machtpolitik in Europa begriff, anstatt krampfhaft am veralteten Status quo festzuhalten.
Welche Rolle spielte der Krimkrieg in der Argumentation des Autors?
Der Krimkrieg wird als ein Beispiel genannt, das zwar militärisch bedeutend war, aber in der Analyse der nationalen Instrumentalisierung weniger relevant ist als etwa der französisch-österreichische Krieg von 1859.
- Citation du texte
- Sebastian Flock (Auteur), 2014, Der Einfluss des Nationalgedankens auf die Außenpolitik der europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346870