Die Bedeutung der Landwirtschaft für den Industrialisierungsprozess Deutschlands


Hausarbeit, 2015

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zeitliche und geographische Eingrenzung

3 Agrarreformen als Grundlage industrieller Entwicklung
3.1 Verfügbarmachung von Arbeitskräften
3.2 Steigerung der bäuerlichen Kaufkraft

4 Wachstumsimpulse der Landwirtschaft auf die Industrie
4.1 Wachstumsimpulse der Landwirtschaft auf die Chemieindustrie
4.2 Wachstumsimpulse der Landwirtschaft auf die Eisen- und Stahlindustrie
4.3 Wachstumsimpulse der Landwirtschaft auf den Maschinenbau

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gibt man das Wort Industrialisierung in eine der gängigen Internetsuchmaschinen ein, werden zahlreiche Bilder präsentiert, die in solcher oder ähnlicher Form schon seit Jahrzehnten als Ikonen dieser Epoche gelten: Rauchende Schlote, riesige Fabrikanlagen, Dampfmaschinen, Lokomotiven und Scharen von Arbeitern. Die gewählten Darstellungen sind auf den ersten Blick einleuchtend, da sie unverzichtbare und zentrale Elemente der Industrialisierung zeigen. Dem Betrachter wird dabei jedoch der Eindruck vermittelt, als könne man den Prozess der Industrialisierung nur auf eben diese Bereiche, die Industrie und die technologischen Neuerungen, reduzieren. Dass dies zu kurzgefasst ist, zeigt schon allein der Blick auf die Bevölkerungsstatistiken Deutschlands im 19. Jahrhundert. So arbeitete noch im Jahr 1882 fast die Hälfte der erwerbstätigen Personen in der Landwirtschaft.[1] Bedenkt man, dass in den Jahren zuvor, während der Frühphase der deutschen Industrialisierung, ein noch erheblich größerer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig gewesen sein muss, wird deutlich, dass diesem Wirtschaftszweig ein ebenso großes Gewicht bei der Betrachtung des Industrialisierungsprozesses zugesprochen werden müsste. Eine solche Ansicht wird beispielsweise von Hartmut Harnisch vertreten, welcher der Landwirtschaft „eine Schlüsselrolle im Prozeß [sic] des Übergangs von einem verstärkten wirtschaftlichen Wachstum im gewerblichen Sektor zur Industriellen Revolution“[2] zuspricht. Paul Bairoch geht sogar so weit, die Landwirtschaft als „conditio sine qua non für die Fortschritte in anderen Sektoren“[3] zu bezeichnen und sie somit zum bestimmenden Faktor im Industrialisierungsprozess zu machen.

In der vorliegenden Arbeit soll daher untersucht werden, welche Bedeutung die Landwirtschaft für den Industrialisierungsprozess in Deutschland hatte, welche Voraussetzungen sie schuf und welche Wachstumsimpulse sie auf die Industrie aussandte. Nach einer zeitlichen und regionalen Eingrenzung soll zunächst auf die Bedeutung der Agrarreformen für die Industrialisierung eingegangen werden. Im Fokus stehen dabei vor allem die Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse, das Arbeitskräftepotential und die Kaufkraft der bäuerlichen Schichten. Im zweiten Teil der

Arbeit soll die Bedeutung der Landwirtschaft für die Entwicklung spezieller Industriezweige in Deutschland untersucht werden. Dabei wird vor allem auf die Chemieindustrie, die Stahl- und Eisenindustrie sowie die Maschinenbauindustrie eingegangen.

2 Zeitliche und geographische Eingrenzung

Die Periodisierung des Industrialisierungsprozesses in Deutschland lässt sich, wie so viele andere Abschnitte der Geschichte auch, nicht an eindeutigen Jahreszahlen festmachen, da die Datierung stets von den gewählten Kriterien abhängig und somit von Forscher zu Forscher verschieden ist. Daher werden in der Geschichtswissenschaft unterschiedliche Ausgangspunkte für die Industrialisierung gewählt. Beispiele hierfür sind die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834, die erste Eisenbahnstrecke 1835 oder der sogenannte Take-off nach 1850. Auch das Ende des Industrialisierungsprozesses betreffend, lassen sich unterschiedliche Datierung finden. Als Endpunkte werden beispielsweise die Überproduktionskrise im Jahr 1857, die Depression von 1873 oder der Beginn des ersten Weltkrieges genannt. Andere Autoren gehen wiederum davon aus, dass der Industrialisierungsprozess bis zum heutigen Tag anhalte. In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich auf die Periodisierung Kiesewetters beziehen, welcher den Industrialisierungsprozess Deutschlands im Jahr 1815 beginnen und im Jahr 1914 enden lässt.[4] Mit der Wahl dieses relativ frühen Startpunktes verknüpft Kiesewetter jedoch keineswegs die Behauptung, dass mit dem Ende des Wiener Kongresses eine sofortige und allumfassende Industrialisierung Deutschlands stattgefunden hätte. Der Sinn dieses weitgefassten Zeitrahmens bestehe vielmehr darin, „Industrialisierung [...] nicht mehr nur als technisch-wissenschaftlichen, wirtschaftliches Wachstum auslösenden Prozess [zu] betrachten, sondern auch politische und soziale Veränderungen, Reformen-, Rechts- und Eigentumsverhältnisse mitein[zu]beziehen“[5]. Somit werden auch die, für die hier behandelten Forschungsfragen relevanten, Agrarreformen Deutschlands als Teil des Industrialisierungsprozesses und nicht etwa als vorgelagerte Ereignisse verstanden. Außerdem wird bei dieser weiten zeitlichen Eingrenzung die Tatsache beachtet, dass die Industrialisierung ganz Deutschlands nicht an einem einzelnen, regionalen Ereignis, wie beispielsweise der Eröffnung einer Bahnstrecke, festgemacht werden kann, sondern vielmehr als Prozess verstanden werden muss, der regional zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlicher Intensität stattfand.

Spricht man von der Industrialisierung Deutschlands, so wird nämlich fast unweigerlich der Eindruck erweckt, als könne die Industrialisierung als ein Prozess verstanden werden, welcher in allen Landesteilen gleichermaßen, gleichschnell und gleichzeitig stattfand und somit als Resultat nationaler Bestrebungen angesehen werden müsste. Eine solche Ansicht wurde von den Vertretern des neoklassischen Wachstumsmodelles geteilt, welche einen integrierten, nationalen Wirtschaftsraum durch „Zolleinheit, zunehmende Harmonisierung des Steuer- und Wirtschaftsrechts sowie enorme Steigerung von Verkehr und Handel“[6] geschaffen sahen, in welchem regionale Unterschiede durch Faktorwanderungen ausgeglichen wurden. Die neuere Forschung hat jedoch gezeigt, dass der Industrialisierungsprozess nicht aus einer solchen, rein nationalen Perspektive betrachtet werden kann. Kiesewetter weist beispielsweise darauf hin, dass das Konzept des Nationalstaates als Grundlage für die Erforschung der Industrialisierung viel zu jung sei. Dies gelte besonders für Deutschland, welches mit dem Deutschen Zollverein von 1834 zwar begann, sich zu einem größeren Handels- und Wirtschaftsraum zusammenzuschließen. Zur Entstehung einer deutschen Nation und damit auch einer deutschen Nationalökonomie kam es jedoch erst zwischen 1866 und 1871 mit der Gründung des Deutschen Reiches. Der Prozess der Industrialisierung begann in einzelnen Regionen allerdings schon Jahre zuvor und könne daher nicht im nationalen Licht betrachtet werden[7]. Des Weiteren gibt Kiesewetter zu bedenken, dass die schiere Größe einer Nation einer solchen Betrachtungsweise im Weg stehe. Bei kleineren Nationen, wie Belgien oder den Niederlanden, könne man mitunter einen nationalen Ansatz wählen. Der Industrialisierungsprozess großer Nationen, wie beispielsweise Frankreichs, welches ca. das 20-fache der belgischen Fläche umspannte, könne jedoch nicht auf nationaler Ebene betrachtet werden, da die Differenzen der einzelnen Regionen viel zu groß seien um sie verallgemeinern zu können. Besonders deutlich werde dies auch im Falle der einzelnen Staaten, die am zeitlichen Beginn meiner Betrachtung zum Deutschen Bund gehörten. Die Unterschiede zwischen dem größten deutschen Staat Preußen und dem kleinsten Staat Hessen-Homburg beispielsweise seien bezüglich der Fläche und auch bezüglich der Einwohnerzahl so enorm, dass eine rein nationale Betrachtung in Form eines gemeinsamen Industrialisierungsprozesses schlichtweg unmöglich sei[8]. Dipper ergänzt diese Überlegungen, indem darauf verweist, dass die Industrialisierung in Deutschland „zunächst einmal einzelne Inseln gewerblicher Verdichtung und agrarischer Intensivierung“[9] der einzelnen Staaten in unterschiedlichen zeitlichen Abständen erfasst habe. Dadurch konnte kein national einheitlicher Industrialisierungsprozess stattfinden. Stattdessen erreichten die einzelnen Regionen die verschiedenen Phasen der Industrialisierung zeitlich stark versetzt und in unterschiedlichem Ausmaße, wodurch es zur Herausbildung von industriell führenden Gebieten auf der einen Seite und stagnierenden Gebieten auf der anderen Seite kam.[10] Stellvertretend dafür können beispielsweise das früh industrialisierende Sachsen und das erst spät beginnende Württemberg genannt werden.[11]

Aus diesen Gründen ist es notwendig, die Industrialisierungsprozesse einzelner Regionen zusätzlich zu denen einer ganzen Nation zu betrachten und einen möglichst weiten, zeitlichen Rahmen zu wählen. Ein solcher Ansatz soll im vorliegenden Text verfolgt werden, indem die landwirtschaftlichen Besonderheiten einzelner Regionen im Zusammenhang mit dem Industrialisierungsprozess dieser Region untersucht werden. Dabei soll aber auch die Gesamtperspektive der Nation nicht außer Acht gelassen werden. Aus der regionalen Betrachtung allein lassen sich im Umkehrschluss natürlich keine allgemeingültigen und allumfassenden Schlüsse über die Bedeutung der Landwirtschaft für die Industrialisierung des gesamten geografischen Raumes Deutschlands ziehen. Dies ist auch nicht die Absicht. Vielmehr soll anhand von regionalen Beispielen gezeigt werden, welche Impulse die Landwirtschaft für die industrielle Entwicklung einzelner Region aussenden konnte und welche Bedingungen dafür notwendig waren.

3 Agrarreformen als Grundlage industrieller Entwicklung

Die Durchführung von Agrarreformen und die damit einhergehende Aufhebung des bäuerlichen Untertänigkeitsverhältnisses werden von Kiesewetter als „notwendige Bedingungen] und Voraussetzung für Industrialisierung“[12] gewertet und auch Bairoch sieht in der Industriellen Revolution „zuerst und vor allem eine Agrarrevolution, die [...] die beispiellose Entwicklung von Industrie und Bergbau erst möglich gemacht und gefördert hat.“[13] In diesem Abschnitt soll untersucht werden, inwieweit diese Äußerungen auf Deutschland zutreffen und welche Auswirkungen die Agrarreformen auf den Industrialisierungsprozess im Allgemeinen hatten. Zum besseren Verständnis sollen zunächst die Agrarreformen kurz zeitlich eingegrenzt und aufgelistet werden.

Die ersten Anfänge der Bauernbefreiung lagen an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in Form von beginnender Verkopplung in Schleswig-Holstein und Bemühungen um Verleihung der bürgerlichen Freiheit in Ostpreußen. Allerdings scheiterten vor allem die ostpreußischen Versuche zu jener Zeit, sodass man die Hauptphase der Reformmaßnahmen zwischen 1765 und 1850 verorten muss.[14] Ursächlich dafür war eine Strukturkrise der ländlichen Gesellschaft, bei der „soziale Spannungen und die immer deutlicher spürbar werdenden ökonomischen Behinderungen für eine Weiterentwicklung der Landwirtschaft zu einem wachsenden Konfliktpotential ineinanderflossen“.[15] So behinderte die überkommene Agrarverfassung vor allem eine aufgrund der Bevölkerungszunahme notwendig gewordene Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion.[16] Allerdings waren die Grundvoraussetzungen für die Reformen von Region zu Region verschieden. Grob gesagt waren die östlichen Gebiete vor allem von gutsherrschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen geprägt, während in den nordwestlichen Gebieten eher grundherrschaftliche Verhältnisse und somit weniger persönliche Unfreiheiten vorherrschend waren.[17] Aufgrund dieser regionalen Unterschiede kann man die Bauernbefreiung in Deutschland nicht mit einem Stichtag beginnen lassen, sondern muss sie als Prozess verstehen, welcher je nach Region unterschiedliche Zeitspannen umfasste.

So fand die Bauernbefreiung im ostelbischen Preußen hauptsächlich in den späten 1820ern und 1830ern statt. In den Staaten Württemberg und Sachsen hingegen, welche für die süd- und mitteldeutschen Staaten als repräsentativ gelten, war die vollständige Befreiung erst 1850er und 1860er Jahren abgeschlossen, obwohl die rechtlichen Grundlagen dafür schon in den 1830ern geschaffen wurden.[18] Allerdings waren die bäuerlichen Schichten in diesen Regionen schon vor Beginn der Reformen freier als in den östlichen Landesteilen.

Inhaltlich lassen sich die Reformen zu fünf zentralen Maßnahmen verdichten, die in den verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, in unterschiedlicher Abfolge, teils nacheinander und teils parallel eingeführt wurden.[19] Dazu gehören: 1. die Aufhebung der persönlichen Bindungen wie Leibeigenschaft, Erbuntertänigkeit und Eigenbehörigkeit; 2. die Umwandlung von Diensten und anderer Naturalleistungen in Geldleistungen; 3. die Übergabe des Eigentums an Boden, Gebäuden und Inventar an die Bauern in Verbindung mit Ablösungsverpflichtungen; 4. die Auflösung von Gemeinheiten und Gemengelagen und 5. die Aufhebung der guts- und gerichtsherrlichen Patrimonialgerichtsbarkeit sowie Polizeigewalt. Wie bereits erwähnt, waren landwirtschaftliche Reformen und Reformversuche keine Neuentwicklungen des 19. Jahrhunderts. Schon im 18. Jahrhundert gab es in Preußen Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Bauern und in anderen Regionen, wie beispielweise in Sachsen, genossen die Bauern schon länger deutlich mehr Freiheiten. Die hier behandelten Reformen waren jedoch insofern neu, als dass sie dem sozialökonomischen Charakter nach kapitalistische Agrarreformen waren. Durch sie wurde die feudale Rechtsform überwunden, wodurch alle juristischen und ökonomischen Bindungen zwischen Bauern und Herren aufgelöst wurden.[20] Dadurch wurde die Grundlage für die Herausbildung einer unabhängigen und nur durch öffentliche Abgaben belasteten Bauernschaft gebildet, welche kapitalistisch wirtschaften konnte. Erst dadurch sei die Entwicklung einer produktiveren, rationelleren und somit auch ertragreicheren Landwirtschaft möglich gewesen, welche einen wichtigen Grundstein für den Industrialisierungsprozess legte.[21] In den folgenden zwei Kapiteln soll untersucht werden, welchen Einfluss die nun kapitalistisch arbeitenden Landwirtschaft auf das Bevölkerungswachstum und somit auf die Bereitstellung von Arbeitskräften hatte und welchen Einfluss die gestiegene Kaufkraft der nun freien Bauern auf den Prozess der Industrialisierung hatte.

3.1 Verfügbarmachung von Arbeitskräften

Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts war im Untersuchungsraum ein deutliches Bevölkerungswachstum festzustellen.[22] Durch die aufgrund der Agrarreformen intensivierte Landwirtschaft konnte dieses Wachstum weiter stimuliert werden. Entscheidend war hierbei vor allem die Auflösung der Gemeinheiten und die Beseitigung der Gemengelage. Durch die Überführung der bisher gemeinschaftlich genutzten Flächen in individuelle Nutzung wurden nicht nur die herrschaftlichen Huterechte an den bäuerlichen Nutzflächen abgeschafft, so dass diese von den Bauern intensiver genutzt werden konnten. Hinzu kam, dass die einzelnen Bauern durch die Zusammenlegung der Nutzflächen der Höfe sowie durch die Beseitigung der Überfahrts- und Weiderechte ihr Land nun intensiver und ohne Rücksicht auf Nachbarn bearbeiten konnten. In Kombination mit Bebauungen von Brachen und der Urbarmachung bisher ungenutzten Bodens führte dies zwischen 1835 und 1860 zu einer Verdopplung der genutzten Ackerfläche. Außerdem wurde der Ertrag durch veränderte Produktionsmethoden, wie verbesserter Dreifelderwirtschaft oder Fruchtwechselwirtschaft gesteigert.[23] Für das erste Drittel des 19. Jahrhunderts lassen sich dafür leider keine Zahlen finden, allerdings lässt sich Statistiken entnehmen, dass die landwirtschaftliche Produktion zwischen 1840 und 1900 in Deutschland um 190 % anstieg.[24]

In Verbindung mit einer stark gesunkene Sterblichkeitsrate und einer hohen Geburtenrate führte diese enorm verbesserte Ernährungslage zum ersten Mal in der Geschichte zu einem deutlichen Bevölkerungszuwachs.[25] Zwischen 1816 und 1910 nahm die deutsche Bevölkerung im Durchschnitt um 161,5 % zu. Aus regionaler Perspektive betrachtet zeigen sich allerdings auch hier deutliche Unterschiede auf. Den stärksten Zuwachs verzeichnet Hamburg mit 559,5 %, den schwächsten Zuwachs die hessische Gemeinde Waldeck mit nur 17,4 %.[26] In Bezug auf die Bevölkerungsdichte, welche als Indikator für den Grad der Industrialisierung benutzt werden kann,[27] ergibt sich wiederum ein sehr differenziertes Bild. So zeichnen sich das Rheinland, Westfahlen, Schlesien und Sachsen als die am dichtesten bevölkerten Regionen aus. Am geringsten bevölkert waren hingegen Posen, Westpreußen, Pommern und Ostpreußen. Hier zeigt sich, dass eine gesteigerte Nahrungsmittelproduktion allein kein Garant für industrielles Wachstum ist. Vielmehr ist eine, sich schon im Beginn befindliche, Industrialisierungstendenz notwendig, die dann durch die gesteigerte Nahrungsmittelproduktion und die dadurch wachsende Bevölkerung noch verstärkt wird. Dennoch lässt sich auch in diesen dünn besiedelten Gebieten ein Bevölkerungszuwachs zwischen 132,9 und 198,3 % feststellen, der durch die gesteigerte Nahrungsmittelproduktion getragen wurde. Durch Abwanderung in die oben genannten, dichter besiedelten Regionen kamen auch diese Arbeitskräfte dem Industrialisierungsprozess Deutschlands zugute.[28]

Die durch die Agrarreformen initiierte Zunahme in der Nahrungsmittelproduktion spielte also eine tragende Rolle im Industrialisierungsprozess Deutschlands. Nur durch die gesteigerte Produktivität in der Landwirtschaft war es möglich, die stark gewachsene Bevölkerung zu ernähren.[29] Für eine sich industrialisierende Region ist ein solches Bevölkerungswachstum wiederum dringend notwendig, da nur dadurch ein ausreichendes Arbeitskräfteangebot sichergestellt werden kann.[30] Doch die gesteigerte Lebensmittelproduktion war nicht die einzige, dem Industrialisierungsprozess Deutschlands zugutekommende Folge der Agrarreformen. In Bezug auf die Bereitstellung von Industriearbeitern aus der Landwirtschaft argumentiert Müller, dass der für die Industrialisierung wohl entscheidendste Akt der preußischen Agrarreformen die Aufhebung der Erbuntertänigkeit gewesen sei. Diese rechtliche Änderung sicherte nicht die Freizügigkeit der zu dieser Zeit erwerbstätigen Landbevölkerung, sondern die ihrer Nachkommen. Nur so konnte aus deren Reihen der größte Teil des industriellen Arbeitskräftepotentials abgezogen werden.[31]

[...]


[1] Vgl. Bairoch, Paul: Die Landwirtschaft und die Industrielle Revolution. In: Knut Borchardt (Hrsg.): Europäische Wirtschaftsgeschichte. Stuttgart [u.a.] 1976, 297-332, 308.

[2] Harnisch, Hartmut: Die Agrarreform in Preußen und ihr Einfluß auf das Wachstum der Wirtschaft. In: Toni Pierenkemper (Hrsg.): Landwirtschaft und industrielle Entwicklung. Stuttgart 1989, 27-40, 40.

[3] Bairoch, Paul: Die Landwirtschaft, der für die Einleitung der Entwicklung bestimmende Faktor. In: Hermann Kellenbenz; Jürgen Schneider und Rainer Gömmel (Hrsg.): Wirtschaftliches Wachstum im Spiegel der Wirtschaftsgeschichte. Darmstadt 1978, 83-99, 83.

[4] Vgl. Kiesewetter, Hubert: Industrielle Revolution in Deutschland. Regionen als Wachstumsmotoren. Stuttgart 2004, 19ff.

[5] ebd., 21.

[6] Megerle, Klaus: Regionale Differenzierung des Industrialisierungsprozesses. Überlegungen am Beispiel Württembergs. In: Rainer Fremdling und Richard H. Tilly (Hrsg.): Industrialisierung und Raum. Stuttgart 1979, 105-132, 111.

[7] Vgl. Kiesewetter, Hubert: Das einzigartige Europa. Zufällige und notwendige Faktoren der Industrialisierung. Göttingen 1996, 29.

[8] Vgl. Kiesewetter, Hubert: Industrialisierung und ausgebliebene Industrialisierung in Preußen. In: Thomas Stamm-Kuhlmann (Hrsg.): Pommern im 19. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien 2007a, 233-252, 233f.

[9] Dipper, Christof: Bauernbefreiung, landwirtschaftliche Entwicklung und Industrialisierung in Deutschland. Die nichtpreussischen Staaten. In: Toni Pierenkemper (Hrsg.): Landwirtschaft und industrielle Entwicklung. Stuttgart 1989, 63-75, 66.

[10] Vgl. Fremdling, Rainer; Pierenkemper, Toni und Tilly, Richard H.: Regionale Differenzierung in Deutschland als Schwerpunkt wirtschaftshistorischer Forschung. In: Rainer Fremdling und Richard H. Tilly (Hrsg.): Industrialisierung und Raum. Stuttgart 1979, 9-26, 9; Hoffmann, Walther G.: The Take-Off in Germany. In: W. W. Rostow (Hrsg.): The Economics of Take-Off into Sustained Growth. New York 1963, 95-118, 96.

[11] Vgl. Dipper 1989, 66.

[12] Kiesewetter, Hubert: Die Industrialisierung Sachsens. Ein regional-vergleichendes Erklärungsmodell. Stuttgart 2007b, 27.

[13] Bairoch 1976, 297.

[14] Vgl. Henning, Friedrich-Wilhelm: Die Industrialisierung in Deutschland. 1800 bis 1914. Paderborn, München 1993, 42 f.

[15] Harnisch 1989, 28.

[16] Vgl. Henning 1993, 41.

[17] Vgl. Boserup, Mogens: Agrarian Structure and Take-Off. In: W. W. Rostow (Hrsg.): The Economics of Take-Off into Sustained Growth. New York 1963, 209 ff.

[18] Vgl. Dipper 1989, 66 f.

[19] Vgl. Henning 1993, 42.

[20] Vgl. Harnisch 1989, 34.

[21] Vgl. Kiesewetter 2007b, 116.

[22] Vgl. Bairoch 1976, 317.

[23] Vgl. Henning 1993, 47 f.

[24] Vgl. Bairoch 1976, 319.

[25] Vgl. ebd., 317.

[26] Vgl. Kiesewetter 2004, 126.

[27] Vgl. ebd., 125, n5.

[28] Vgl. ebd., 134.

[29] Vgl. Bairoch 1976, 318; Harnisch 1989, 35 ff.

[30] Vgl. Kiesewetter 2004, 125.

[31] Vgl. Müller, Hans-Heinrich: Landwirtschaft und industrielle Revolution - am Beispiel der Magdeburger Börde. In: Toni Pierenkemper (Hrsg.): Landwirtschaft und industrielle Entwicklung. Stuttgart 1989, 45-57, 47.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Landwirtschaft für den Industrialisierungsprozess Deutschlands
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Agrarischer Kapitalismus und sozialer Wandel in West- und Südeuropa (18. bis 20. Jahrhundert). Die ländliche Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne.
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V346926
ISBN (eBook)
9783668361270
ISBN (Buch)
9783668361287
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrialisierung, Landwirtschaft, Chemieindustrie, Eisenindustrie, Maschinenbauindustrie
Arbeit zitieren
Sebastian Flock (Autor), 2015, Die Bedeutung der Landwirtschaft für den Industrialisierungsprozess Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346926

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