Kann durch die anhaltende Niedrigzinsphase und eine mögliche Bargeldabschaffung eine Ausdehnung der Staatsverschuldung erleichtert werden?


Bachelorarbeit, 2016

52 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Abkürzungsverzeichnis

B. Abbildungsverzeichnis

C. Symbolverzeichnis

1. Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Thema und Ziel der Arbeit

2. Ursachen von Staatsschuldenkrisen
2.1 Monetäre Staatsfinanzierung
2.2 Der irrationale Glaube an stetigem Wachstum

3. Auswirkungen der Finanzkrise 2007 / auf die deutsche Staatsverschuldung
3.1 Deutscher Schuldenstand nach der Finanzkrise
3.2 Ordnungspolitische Rückbesinnung nach Walter Eucken

4. Theoretische Grundlagen
4.1 Entstehung des Geldes
4.2 Bedeutung des Geldes
4.2.1 Funktionen des Geldes
4.2.2 Tauschmittelfunktion des Geldes nach Ludwig von Mises
4.2.2.1 Unterfunktion als Recheneinheit
4.2.2.2 Unterfunktion als Wertaufbewahrungsmittel
4.2.3 Erscheinungsformen des Geldes
4.3 Der Zins
4.3.1 Bedeutung des Zins
4.3.2 Begründung des Zins nach Böhm-Bawerk
4.3.3 Begründung des Zins nach Ludwig von Mises
4.3.4 Die keynesianische Zinstheorie
4.3.5 Die Liquiditätsfalle nach Keynes

5. Optionale Risiken einer Bargeldabschaffung
5.1 Motive einer Bargeldabschaffung
5.2 Autonomieverlust
5.3 Schuldenschnitt statt Bargeldabschaffung

6. Ursache und Wirkung der Niedrigzinsphase auf die deutsche Staatsverschuldung
6.1 Primäres Ziel der Europäischen Zentralbank
6.2 Ursachen niedriger Leitzinsen
6.3 Niedrigzinspolitik drückt Zinslastquote
6.4 Sinkende Schuldenquote trotz steigender Staatsverschuldung

7. Mögliche Einflussfaktoren, welche die Ausweitung der Staatsverschuldung durch die Niedrigzinsstrategie der EZB - in Anlehnung einer zunehmenden Abkehr von Bargeld, begünstigen
7.1 Notwendige Reformen zur Sicherung staatlicher Einnahmen
7.2 Niedrigzinspolitik reduziert Reformdruck
7.3 Bargeldabschaffung aus volkswirtschaftlicher Sicht

8. Schlussbetrachtung

9. Fazit

10. Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Fiskalpolitik in der Liquiditätsfalle nach Keynes

Abb. 2: Teuerungsrate in der Europäischen Union & der Eurozone in % p.a. im Zeitraum 2005 – 2015

Abb. 3: Entwicklung der Leitzinsen in % p.a. Leitzinsen der FED, der EZB und Bank of England

Abb.4: Staatsschuldenquote innerhalb der Europäischen Union & der Euro-Zone von 2010 – 2015 in % p.a.

Abb.5: Deutsche Zinslastquote im Zeitraum von 1992 – 2012 im 10 Jahres Rhytmus

Abb.6: Schuldenstand & Schuldenquote der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 2000 – 20014 unter Berücksichtigung der Maastricht-Abgrenzung

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

Als sich die US-Immobilienkrise im Frühjahr 2007 zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise entwickelte, schwappten die realwirtschaftlichen Folgen spätestens Ende des Jahres 2008 auf den europäischen Kontinent über.[1] Darauf folgten jedoch nicht nur die „gewöhnlichen“ wirtschaftlichen Herausforderungen die sich in Zeiten deflationärer Tendenzen einstellen: Perioden sinkenden Einkommens, steigende Arbeitslosigkeit und allen voran die wirtschaftliche Stagnation eines Staates. Sondern es kollabierten zudem reihenweise Banken, die selbst als Spekulanten in einem undurchsichtigen System auftraten[2] und zogen Staaten von Island über Irland bis hin zu Griechenland und Portugal an den Rand einer Staatspleite. Schnell wurde klar, dass diese schlimmste Krise seit der Nachkriegsgeschichte nicht mit einer monoton ausgerichteten und langweiligen geldpolitischen Maßnahme, durch konventionelle Schritte der Europäischen Zentralbank, begegnet werden können. Vielmehr rückten indes spektakuläre Rettungsaktionen, Rettungsschirme und Stabilitätsmechanismen in den Mittelpunkt, um Europa vor einem größeren wirtschaftlichen Schaden zu bewahren. Seither steht das Thema der staatlichen Verschuldung zunehmend im Zentrum vieler Diskussionen.

Die im Herbst 2008 eingeleitete Herabsetzung der Leitzinsen innerhalb eines Jahres von stolzen 4,25 Prozent auf schlichte 1 Prozent, genügten im weiteren Verlauf nicht um die wirtschaftliche Stabilität im Euroraum wieder gänzlich herzustellen. Es folgten neben der Liquiditätsschwämme weitere Leitzinssenkungen, dessen Wert seit März 2016 auf dem Nullpunkt persistiert. Das bedeutet einerseits, dass Geschäftsbanken von der EZB unbegrenzt Liquidität zum Nulltarif erhalten, anderseits wird diese unkonventionelle Vorgehensweise als fahrlässiges Eingreifen in ein fiskalpolitisches Gelände ausgelegt, da die wirtschaftlich angeschlagenen südeuropäischen Länder (PIGS-Staaten) außer Stande sind ihre Schulden über die Kapitalmärkte zu finanzieren sondern externe Hilfskredite aus der Staatengemeinschaft erhalten.[3] Auch das Absenken des Einlagenzinssatzes von 2 Prozent im Jahr 2009 auf schrittweise -0,40 Prozent im Jahr 2016, wodurch die Kreditvergabe an Privatkunden und die Vergabe von Krediten der Banken untereinander gestärkt werden soll wird deutlich, dass die unsichtbare Kraft der selbstregulierenden marktwirtschaftlichen Ordnungspolitik in weite Ferne rücken lässt.

1.1 Problemstellung

Mit dieser Entwicklung geht zum einen ein Neubeginn einer geldpolitischen Zeitrechnung einher, wodurch ein in Beton gegossen geglaubtes ökonomisches Prinzip ins Gegenteil verkehrt wird. Zum anderen eröffnet es die Frage, wie hoch die Dosierung der negativen Zinsen sukzessive unter null fallen dürfen, ehe die Flucht der Sparer um die nur noch geringfügige, im gesamten Euroraum befindliche Geldmenge beginnt, sodass keine massiven Zinsnachteile erleidet werden müssen.[4] Durch die Abschaffung von Bargeld, so die Theorie mancher Ökonomen, könne der Handlungsspielraum der Geldpolitik neue Optionen schaffen, glorreiche Wirtschaftsaufschwünge[5] erzielt und Sparer schließlich unbegrenzt enteignet werden. Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sarah Wagenknecht, äußerte sich kritisch gegen dieses Vorhaben und lehnt eine solche Strategie nicht nur vehement ab, sondern animiert den Sparer dazu, das Guthaben bei den Großbanken vollständig abzuziehen.[6] Mit solch einem Novum könne auch von Seiten des Sparers eine Schieflage im Finanzsystem erzeugt werden.[7]

In einem Niedrigzinsumfeld sind die Profiteure bei fallenden Zinsen ohne Zweifel die Schuldner, denn dadurch können teure Kredite zu günstigeren Konditionen umgeschuldet werden. So weisen die deutschen Verbindlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland von über 2.000 Milliarden Euro, insbesondere nach der Krise, neue Dimensionen auf. Hieraus ergeben sich allein durch die Zinssenkung in den Jahren 2008 bis 2014, Brutto-Zinseinsparungen in Höhe von rund 100 Milliarden Euro.[8] Diese Einsparungen eröffnen die Möglichkeit Staatsschulden zu tilgen. Jedoch zeigt sich aus den früheren Entwicklungen, dass staatliche Verbindlichkeiten in guten Zeiten nicht zwangsläufig zurückgeführt werden. Somit könnte sich durch die derzeit günstige Position des Staates, in der Rolle des Schuldners, eine gewisse Selbstverständlichkeit einspielen und die Regierungen dazu verleiten, notwendige strukturelle Reformen in die Zukunft zu verschieben. Das Vertrauen auf fiskalische Entlastungen durch die Notenbank kann dadurch zukünftig leichter zu einer Ausweitung der Staatsverschuldung führen.

1.2 Thema und Ziel der Arbeit

Die vorliegende Arbeit nimmt sich dem aktuellen Thema an und untersucht dezidiert ihre verschiedensten Auswirkungen. Vor allem soll geklärt werden, welche Wirkungskanäle durch die Umverteilung niedriger Zinsen aufgezeigt werden können. Unter Berücksichtigung einer möglichen Abkehr von Bargeld, werden ferner die im Bereich des niedrigen Zinsumfeld befördernden Ungleichheiten vorangestellt, um festzustellen, ob dadurch eine Ausdehnung der Staatsverschuldung erleichtert werden kann.

Kapitel 2 eröffnet zunächst zwei unterschiedliche Ausprägungen für das Zustandekommen einer Krise, wobei deutlich hervorgehoben werden soll, dass zum einen das Primat der Politik über ökonomische Gesetze zu wirtschaftlichen Konsequenzen führen kann, zum anderen wird in der zweiten Krisendarstellung das Verhalten der Menschen als Mitursache von Finanzkrisen angegeben und übergreifend auf Kapitel 3 in Bezug zur Finanzkrise mit ethischen Aspekten widergespiegelt. Kapitel 4 illustriert wichtige theoretische Erkenntnisse makroökonomischer Größen sowie geldpolitische Grundlagen und integriert anhand der wirtschaftstheoretischen neoklassischen Sichtweise die keynesianische Sichtweise in die Denkschule mit ein. In Kapitel 5 wird die Abgrenzung des Phänomens Bargeldabschaffung diskutiert, wobei implementiert wird, dass diese nicht nur auf eine eindimensionale Betrachtungsweise beschränkt werden darf. Nachdem die Analyse von Ursachen und Wirkungen der Niedrigzinsphase auf die deutsche Staatsverschuldung in Kapitel 6 abgeschlossen ist, werden in Kapitel 7 die im Vorfeld ausgearbeiteten Erkenntnisse in die Fragestellung: Kann durch die anhaltende Niedrigzinsphase ergänzt durch eine mögliche Bargeldabschaffung eine Ausdehnung der Staatsverschuldung erleichtert werden, integriert und die Einflussfaktoren verschiedener Umverteilungswirkungen dargestellt. So spannt die Arbeit einen Bogen von der allgemeinen Analyse zurückliegender Entwicklungen über die Herausforderung gegenwärtiger Phänomene bis hin zur Untersuchung künftiger Effekte.

2. Ursachen von Staatsschuldenkrisen

2.1 Monetäre Staatsfinanzierung

Krisen stellen keineswegs ein seltenes Phänomen dar.[9] Ein Rückblick in die europäische Geschichtswissenschaft erlaubt es die österreichische Monarchie, bekannt unter dem Begriff der Habsburger Beweise darüber aufzuzeigen, dass ökonomische Gesetze nicht einfach ignoriert werden können. Sie sind freilich dehnbar, nehmen Abzweigungen und lassen sich lange nach hinten hinauszögern, doch irgendwann treten sie spottend empor und kehren umso heftiger zur Tagesordnung zurück, je länger man versucht die Realität als Schimäre zu verkaufen. Die Staatspleiten Spaniens, seinerzeit regiert von der Obrigkeit der Habsburger, wurden durch die immer wiederkehrenden Verschuldungen bis zum Jahre 1700 mehrfach bestätigt. Bis zum 18. Jahrhundert zählte die Wirtschaftsprofessorin Carmen Reinhart zusammen mit dem früheren IWF Chefökonom Kenneth Rogoff in einer empirischen Studie sechs Staatspleiten während der Dynastie der Habsburger.[10] Wenn auch die damaligen Auswirkungen aus den staatlichen Insolvenzen durch ihre territoriale Größe und ihrer Wirtschaftsleistung, mit heute nicht zu vergleichen sind, so trug, um eine Reformpolitik zu finanzieren, der Gewinn dieser Geldschöpfung (Seniorage) zu einem ökonomischen Ungleichgewicht bei und inflationierte - mathematisch zuverlässig - in einen Staatsbankrott.[11] Der bekannte US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Ökonom Milton Friedmann untermauerte mit seiner These „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen“[12] die empirischen ökonomischen Gesetze, wodurch die Ausweitung der Geldmenge -im Rahmen der Quantitätstheorie- eine Steigerung der Inflationsrate als Kernbotschaft darstellt.[13]

Seit Gründung der Bundesrepublik wurden die Zentralbanken zunehmend autonom, um die Stabilität der Währung zu schützen. Dadurch wird verhindert, dass eine hohe Staatsverschuldung nicht durch das Drucken aus der Notenpresse gelöst werden kann. Entsprechen wurde, gemäß Artikel 123 des EU-Vertrages, eine Geldmengenausweitung in dieser Form innerhalb der Europäischen Union verboten.[14]

2.2 Der irrationale Glaube an stetigem Wachstum

In der gleichen Epoche, nur etwas nördlich gelegen, nahm das Platzen der Tulpenmanie und den folglich ersten Börsencrash um 1630 in der niederländischen Finanzgeschichte, einen historischen Platz ein. Die Misere begann damit, dass die in Mode gekommene, luxuriöse und seltene Tulpenzwiebel sich zu einem Spekulationsgeschäft entwickelte. Die Vorstellung - nach großem Reichtum ohne Arbeit zu streben – infizierten sich die Investoren gegenseitig und berauschten sich an dem Irrglauben des stetigem Wachstums.[15] Infolgedessen beflügelten sich die Kurse in Spitzenzeiten umgerechnet auf einen Preis in Höhe von 87.000 Euro. Dieser irrationale „Knappheitsindikator“ konnte dem fundamentalen Wert der spekulationsgetriebenen Tulpenzwiebel in keinster Weise Rechnung tragen und motivierte, zunächst einzelne Marktteilnehmer dazu, sukzessive mit dem Verkauf ihrer Futures zu beginnen. Die allgemein bekannte psychologische Panik setzte an der Stelle an, indem anderen Marktteilnehmern höhere Kenntnisse unterstellt werden.[16] Innerhalb kürzester Zeit stand dem Angebot faktisch keine Nachfrage mehr gegenüber. Die Vermögenswerte rutschten massiv ab, verursachten einen Dominoeffekt und katapultierten den Markt in den Abgrund.[17] Der „Börsencrash“ erschütterte Hollands Wirtschaft massiv und lässt sich in seiner Entwicklung und seinen Beweggründen nahezu mit dem Platzen der spekulativen Preisblase aus der US-Finanzkrise 2007 / 2008 als ein Dèjá-vu Erlebnis heranziehen.[18]

3. Auswirkungen der Finanzkrise 2007 / 2008 auf die deutsche Staatsverschuldung

3.1 Deutscher Schuldenstand nach der Finanzkrise

Aus ökonomischer Sicht stellt sich die Peripetie wie folgt dar: Das Übergreifen der US-Finanzkrise auf die europäische Realwirtschaft nahm zunächst durch die Illiquidität der kalifornischen Hypothekenbank -New Century Financial Corporation- im Jahr 2007, ehe sie anschließend mit dem darauffolgenden massivem Kollaps der viertgrößten US- Investmentbank Lehmann Brothers ein Jahr später gegipfelt wurde, ihren Lauf.[19] Die prekäre Situation der US-Immobilienkrise mündete unaufhaltsam in die Realwirtschaft und entlud sich daraufhin als globale Finanz- und Wirtschaftskrise mit voller Wucht auf die Europäische Union. Wirtschaftsbeziehungen gerieten aus dem Gleichgewicht, der Interbankenhandel fror ein und verursachte eine noch nie dagewesene tiefe politische und ökonomische Vertrauenskrise. Rund um den Globus setzten sich innerhalb kürzester Zeit sämtliche Nationen mit rasant steigenden Veränderungen wie Staatsverschuldungen, konjunkturellen Abschwüngen und steigenden Arbeitslosenzahlen auseinander und zwangen die Regierungen nationale Förderungsprogramme zu entwickeln sowie etliche Milliarden zu mobilisieren.[20] Hinsichtlich dieser Zäsur brachen die staatlichen Einnahmen beinahe aller europäischen Länder ein und trieb Europa sowie alle anderen Kontinente in eine schwere Rezession. Mit dieser Schuldenproblematik hat sich europaweit eine kollektive wirtschaftliche Herausforderung seit Bestehen der Währungsunion herausgebildet und schiebt den europäischen Exportmeister die Bundesrepublik Deutschland, mit einem öffentlichen Haushaltsdefizit von rund 2.012 Milliarden Euro - Stand 2010 -,[21] in das Licht einer enormen Schuldenlast.

3.2 Ordnungspolitische Rückbesinnung nach Walter Eucken

Die Auswirkungen der Finanzkrise zeigten eine signifikante Erhöhung der Schuldenquote in vielen europäischen Staaten und wurden durch eine Vielzahl an kontrovers geführten Diskussionen im Euroraum begleitet. Die Kritiken richteten sich primär an die Parallelstrukturen von Großbanken und deren Manager, welche die Klassifizierung „too big to fail“[22] genießen durften. Breite Diskussionen wurden entfacht und als leichtfertiges und verantwortungsloses Verhalten gegenüber der Solidargemeinschaft ausgelegt und in der Öffentlichkeit stark verurteilt. Zu nennen ist an dieser Stelle die sogenannte No-Bailout-Klausel der EWWU und darin gekennzeichnet, dass das Netz der öffentlichen Mittel den harten Aufprall einer Insolvenz verhindert und somit zu einer Ausweitung erhöhter staatlicher Verbindlichkeiten[23] beiträgt, respektive „zu einer Erpressbarkeit der Politik“[24] führt. Des Weiteren werden einerseits überbordende Staatsschulden „als Folge verantwortungslosen Handelns von Politikern, die die Finanzkrise als Vorwand nutzen, um exzessiv hohe Staatsausgaben durchzusetzen und deren Finanzierung zu Lasten zukünftiger Generationen in die Zukunft zu verschieben“[25] dargelegt. Andererseits stufen viele Verfechter in Zeiten der Krise die staatliche Last als höchst kritisch ein und fordern vehement eine konsequente Haushaltskonsolidierung nach dem zentralen Regelwerk, die Ausgaben der Neuverschuldung nicht höher als die Investitionsausgaben nach Artikel §115 des GG durchzusetzen. Ein weiterer zentraler Punkt ist „die Substitution privater in staatlicher Verschuldung“, da fehlgeleitete Anreizsysteme unter dem Aspekt des Moral Hazard vordergründig den nationalen und internationalen Finanzmarktsektor zum Einsturz brachten.[26]

Zum anderen wird nicht mehr, sondern die richtige Regulierung als Konsequenz der Finanzkrise gefordert und verstärkt auf das Haftungsprinzip aus den „Grundsätzen der Wirtschaftspolitik“[27] verwiesen. Der deutsche Ökonom und Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft Walter Eucken schuf mit seinen Überlegungen zur Errichtung einer Wettbewerbsordnung, die theoretischen Grundlagen zur sozialen Marktwirtschaft in Deutschland nach 1945.

Um die Verletzung dieser ordnungspolitischen Grundprinzipien näher zu illustrieren, ist an dieser Stelle das rückblickende Eintauchen in die innerstaatliche Perspektive erforderlich. So sind ausreichend Verstöße bereits vor der Krise gegen die sieben konstituierenden Prinzipien der Ordnungspolitik zu nennen.[28] Alle Prinzipien müssen gebündelt werden, indem die Wirtschaftspolitik konsequent nach ihnen handelt. Folglich wird eine Wettbewerbsordnung aufgebaut und funktionsfähig gemacht. Als eine zentrale Ursache wird das Auseinanderfallen von Entscheidungsbefugnis und Haftung diskutiert.[29] Haftung ist die Voraussetzung einer Gesellschaftsordnung, die auf den Prinzipien Freiheit und Eigenverantwortung beruht. Jeder Marktakteur hat die Folgen seiner ökonomischen Handlungen selber zu tragen. „Wer den Nutzen hat, trägt auch den Schaden“ (Walter Eucken). Ferner hat die Haftung im Aufbau einer wirtschaftlichen Gesamtordnung große Funktionen, wenn die Gesamtordnung eine Wettbewerbsordnung sein soll. Denn erfolgt die Disposition des Kapitals vorsichtig, werden Investitionen sorgfältiger geprüft je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet.

Diese prophylaktische Wirkung gegen eine Verschleuderung von Kapital „zwingt“ zur Vorsicht. Auch konnten Verbriefungen von Hypothekenkrediten locker an Investoren transportiert werden, da keine Sicherheitsstandards erforderlich waren. Somit konnten Abschreibungen auf dem Kapitalmarkt ungehindert weitergereicht werden. Ein weiterer Brennstoff auf die Krise wurde durch das sozialpolitisch richtige Ziel – die Förderung des Wohneigentums breiter Bevölkerungsschichten – jedoch mit falschen Instrumenten angeheizt. Durch eine künstliche Absenkung der Preise für Hypotheken wurde das funktionierende Preissystem ausgehebelt. Schließlich wurde die Krise auch durch die mangelhaft staatliche Wirtschaftspolitik mit verursacht. Die über Jahre hinaus anhaltende und stark expansive Geldpolitik der amerikanischen FED führte dazu, Wachstum künstlich zu stimulieren. Auch hier wurde der „Primat der Währungspolitik“, also die stabilitätsorientierte Geldpolitik, bewusst verletzt. Ein Konvergenzkriterium im Hinblick auf die Wirksamkeit der Regulierungsinstrumente auf den Internationalen Finanzmärkten wäre das Zusammenlegen von Entscheidung und Risiko mit der entsprechenden Haftung. Somit hätten bspw. die Rating Agenturen keine unverbindlichen Bewertungen veröffentlichen können, sondern hätten die Ausfallszenarien wesentlich genauer darstellen müssen. Weitere Regulierungsansätze wären beispielsweise:[30]

– Vereinheitlichung von Entscheidung und Haftung (Eigenkapitalgeber von Finanzinstitutionen müssen verstärkt haften)
– Verhinderung von Marktmacht (Politiker müssen Finanzakteure besser überwachen)
– Bilanzierung (Einführung von stillen Reserven)
– Größenbeschränkung (Banken dürfen keine Größe erreichen, woraus bei Schieflage ein volkswirtschaftlicher Schaden hervorgeht)
– Einlagensicherung (zum Schutz der Bankguthaben von Kunden bei Kreditinstituten im Falle einer Insolvenz)
– Errichtung einer europäischen Ratingagentur.[31]

Im Hinblick auf die Staatsschuldenkrise im Euroland ist diese nur in einer Übertragung möglich, da die konstituierenden Prinzipien sich auf die innerstaatliche Wettbewerbsordnung beziehen und nicht auf zwischenstaatliche Reglements einer Währungsunion.

4. Theoretische Grundlagen

Das folgende Kapitel eröffnet grundlegende Begrifflichkeiten zum Thema Geld und Zins. Es werden wichtige ökonomische Größen aufgezeigt und im Einzelnen näher beleuchtet. Diese sind nicht nur im Bezug zu der Problemstellung auf die Arbeit sinnvoll, sondern erleichtern auch das Verständnis der darauffolgenden Kapitel.

4.1 Entstehung des Geldes

Bereits zu Beginn der neolithischen Revolution, entsprang in der Menschheitsgeschichte ein ökonomisches Verhaltensmuster. Das Organisationsprinzip in Form von Arbeitsteilung bildet die elementare Grundstruktur zur Verbesserung der Faktorproduktivität durch die Produktionsfaktoren und weckt das verstärkte Bedürfnis eines Tauschgeschäfts, wodurch eine leistungssteigernde Spezialisierung ermöglicht wird.[32] Arbeitsteilung schafft folglich eine höhere Ergiebigkeit und stiftet Nutzen für die Allgemeinheit. Mit wirtschaftlichem Fortschreiten und dem Wunsch nach differenzierter Bedürfnisbefriedigung steigt in dem Maße die Notwendigkeit, die Grenzen des naturalen Tausches „Gut gegen Gut“ zu überwinden.[33] Die Weiterentwicklung zu jener Zeit, als der indirekte Tausch seinen Ursprung fand, liefert dieser Zeitpunkt den wichtigsten wissenschaftlichen Baustein für die Entstehung des Geldes (Carl Menger).

Der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises, bekräftigt in seiner Theorie, dass Geld auf Grund seiner nicht monetären Größe, dass ein Gut welches bereits vor dem Geld verwendet wurde, einen Preis haben musste und somit aus einem Sachgut entstanden sein muss.[34] Die Geldentstehung benötigte zudem auch keinerlei staatliche Hilfestellung. Die Kraft des Geldes erfordert lediglich eine wirtschaftliche Grundordnung, welche sich spontan aus den freien Marktkräften herausgebildet hat[35] (Adam Smith).

4.2 Bedeutung des Geldes

Welche Funktionen erfüllt es? Ist es ein soziales Konstrukt oder schlicht ein Medium? Diese Fragen klingen zunächst trivial, sind jedoch geldtheoretisch von großer Bedeutung. Der Mainstream-Ökonom und Vertreter der österreichischen Nationalökonomie Ludwig von Mises, illustrierte bereits 1912 in seinem Werk „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ wichtige Erkenntnisse darüber, wie das Wesen und die Wirkung des Geldes in einer arbeitsteilig, organisierten Volkswirtschaft eingegliedert ist.[36] Ludwig von Mises stellt in seiner Habilitationsschrift eine klare Definition über das Gut Geld dar. Es sei das marktfähigste Gut und spezifiziert sich - neben dem Konsum- und Produktionsgut - als eine eigenständige Güterkategorie.[37] Die Besonderheit des Geldes liegt in der Betrachtung, dass Geld am einfachsten gegen ein anderes Gut einzutauschen ist. Anhand dessen, entwickelt sich das Gut zu einem marktfähigen und ökonomisch effizienten Medium und kann eine problemlose und rapide Durchführung von Transaktionen bewerkstelligen.[38]

4.2.1 Funktionen des Geldes

Der Tauschhandel ermöglicht einerseits den Bedarf und die Nachfrage auf einfacher Art und Weise zu decken, andererseits weist diese Methodik, wie oben beschrieben, jedoch starke Beschränkungen auf und stößt schnell an seine Grenzen. In der sogenannten Naturaltauschwirtschaft ist eine „Doppelkoinzidenz von Bedürfnissen erforderlich“[39] – also das höchst unwahrscheinliche Ereignis, dass zwei Wirtschaftssubjekte jeweils gerade das Gut zur rechten Zeit und am richtigen Platz vorfinden, das der andere zu tauschen bereit ist - um davon zu profitieren.[40] Der Einsatz eines allgemein akzeptierten Tauschmediums, welcher beliebig teilbar und über Generationen hinweg nicht verderblich ist, kann eine Verteilung knapper Ressourcen in einer modernen Wirtschaft adäquat überwinden. Geld ermöglicht den unverzichtbaren Vorgang des einfachen Tauschhandels und kann „quasi zwischen die getauschten Güter geschoben“[41] werden. Es ermöglicht - in einem Geflecht des Tauschaktes - komplexere Transaktionen zu bewerkstelligen. Aus dieser Verkettung heraus steigert dieses Prinzip die ökonomische Wohlfahrt und führt zu einer Verbesserung der Allokation von Güter und Dienstleistungen, hin in einem komparativen Vorteil einer Volkswirtschaft.[42] In der ökonomischen Definition findet sich der Ursprung darin begründet, das Geld als allgemeines, akzeptiertes Tauschmittel herangezogen wird, beliebig teilbar ist und somit Ware gegen Geld und umgekehrt eingetauscht werden kann.[43]

4.2.2 Tauschmittelfunktion des Geldes nach Ludwig von Mises

In der klassischen Theorie stellt in einem weiteren Gedankenschritt Geld ein Knappheitsindikator dar und übt in einer Volkswirtschaft drei Funktionen aus: Die Tausch- und Zahlungsmittelfunktion, die Recheneinheitsfunktion und die Wertaufbewahrungsmittelfunktion.[44] Die österreichische Ökonomie hingegen lehrt, dass Geld lediglich die einzige Funktion des Tauschmittels darstellt. Um einen Wert auszudrücken liefert Geld die Funktion als Recheneinheit. Um Transaktionen der heutigen Kaufkraft in die Zukunft verschieben zu können, dient diese Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel. „Geld nimmt im Tauschverkehr des Marktes seine Stellung als allgemein gebräuchliches Tauschmittel ein“.[45] Bei genauerer Betrachtung zeigt Ludwig von Mises auf, dass beide Funktionen lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion darstellen und sind Teil des vor uns liegenden Abschnitts.

4.2.2.1 Unterfunktion als Recheneinheit

Diese allgemeine Bezugsgröße stellt Waren und Dienstleistungen sowie monetäre Werte auf vergleichbaren Ebenen dar. Als Recheneinheit befähigt sie Waren mit Euro und Cent auszudrücken und nicht Ware gegen Ware. Folgen wir Ludwig von Mises, dann ergibt sich aus dem Erwerb von Gütern eine Tauschrelation, ausgedrückt in Geldeinheiten. Diese schlichte Darstellung beinhaltet, dass nur Geld Ausdruck einer Tauschmittelfunktion ist. Die Recheneinheitsfunktion ordnet die österreichische Schule in eine Unterfunktion an und nicht als eine eigene Funktion, wie sie in klassischen makroökonomischen Lehrbüchern zu Teil ist.[46] Die mikroökonomische Sichtweise lehrt darüber hinaus, dass die Ressourcenverteilung in einer Volkswirtschaft über relative Preise in Relation zu anderen Preisen ausgedrückt wird und verhindert die Fehlallokation knapper Güter .[47]

4.2.2.2 Unterfunktion als Wertaufbewahrungsmittel

In seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel stellt Geld einen Speicher dar, dessen Transfer in die Zukunft verlagert werden kann. Geld bietet den Vorteil, den Kauf oder Verkauf von Güter und Investitionen auf der Zeitachse zu verschieben. Das Geld hat somit eine Wertaufbewahrungsfunktion.[48] Wird eine Volkswirtschaft mit einer kontinuierlichen, wenn auch nur geringen Inflation begleitet, so nimmt der reale Wert des Geldes ab. Dennoch halten Menschen Geld, um den Konsum zu irgendeinem späteren Zeitpunkt eintauschen zu können.

4.2.3 Erscheinungsformen des Geldes

Das allgemein akzeptierte und gesetzliche Zahlungsmittel bekannt auch unter dem englischen Begriff fiat money, ist das Nominalgeld. Das auf Baumwolle „ungedeckte“ bedruckte Papier, weist im Gegensatz zu Warengeld keinen inneren Wert auf. Ein bekanntes und etabliertes Charakteristikum für Warengeld, welches einen immanenten Wert aufweist, ist Gold.[49] In den frühen Anfängen der Geldwirtschaft wurden zunächst seltene und begehrte Güter wie Muscheln, Salz oder Vieh eingesetzt.[50] Im Laufe der Zeit übernahmen Tabak, Reis, Gold und Silber diese Aufgaben. Nutzt eine Volkswirtschaft Gold als Geld oder Banknoten, für die zur Erleichterung von Goldmünzen eine gedeckte Eintauschpflicht besteht, spricht man in dieser Wirtschaft von einem Goldstandard.[51] Diese Verankerung gewährleistet dem Besitzer jederzeit den Schein (Banknote) gegen physisches Gold umzutauschen, welches zuvor etwa aus beschwerlichen Gründen eingelagert wurde.[52] Nur wenn gewährleistet wird, dass eine hundertprozentige Deckung gegen eine bestimmte Menge Gold eingelöst werden kann, ist der Ausdruck eines Goldzertifikats gerechtfertigt. Rückblickend auf die geldgeschichtliche Entwicklung, ist aus der österreichischen Nationalökonomie zu entnehmen, dass weder während der Weimarer Republik (1918 – 1933) noch in der späteren Entwicklung des System von Bretton Woods (1944 - 1973), es zu keiner Zeit einen reinen Goldstandard gegeben habe.[53] Die sogenannte „Volldeckung“ war jedoch durch das Vertrauen, welche die Bürger gegenüber den Banken und der Staatskasse entgegen brachten, auch nicht mehr zwingend notwendig. Schließlich wurden Zertifikate genauso wertvoll wie das Gold selbst. Hier eröffnet sich jedoch zugleich für den Staat die Gelegenheit seine vitale Macht einzusetzen, indem der Wert des Goldes durch eine Aufwertung korrigiert wird.[54] Franklin Delano Roosevelt steckte 1933 in einer der schwersten Depressionen, nachdem der Börsencrash im Jahre 1929 die US-Wirtschaft zusammenbrechen lies.[55] Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten griff daraufhin in die öffentlichen Kassen, indem er 1934 den Preis von 20,67 $ pro Feinunze Gold auf runde 35$ pro Feinunze erhöhte.[56] Die heutige Medizin unterscheidet sich im Gegensatz zu damals nur durch niedrige Leitzinsen der Nationalbanken.

4.3 Der Zins

4.3.1 Bedeutung des Zins

Der Zins ist nicht etwa der Preis des Geldes, sondern das Entgelt, das der Schuldner dem Gläubiger leihweise oder über einen gewissen Zeitraum für das überlassene Kapital zahlt.[57] Es trägt im Kern für den vorgezogenen Konsum Rechnung, die die Gegenwart mit der Zukunft auf der Zeitachse verschieben lassen. Die rechtlichen Grundlagen bieten hierzu Gesetze und Verträge (Darlehensvertrag).[58] In einer Marktwirtschaft bestimmen Angebot und Nachfrage die Höhe des Zinses und sind in der Ökonomie Bestandteil wichtiger Variablen. Sie zeigen auf, dass sich der Zinssatz so anpasst, das Sparen (=Kreditangebot) und gewünschte Investitionen (=Kreditnachfrage) übereinstimmen.[59] Ferner wird zwischen realem und nominalem Zinssatz unterschieden. Der Realzins wird hierbei als inflationsbereinigten Zins bezeichnet und lässt sich durch folgende Gleichung ausdrücken:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vereinfacht kann gesagt werden: „Der Realzins[60] ist die Differenz zwischen Nominalzinssatz und Inflationsrate“.[61]

Die Ökonomie befasst sich allerdings mit einer Vielzahl an Zinssätzen, um zukünftige Entwicklungen der Finanzmärkte und der Wirtschaft besser abzuschätzen. So wird die sogenannte Zinsstruktur als eine mögliche geldpolitische Verhältnisgröße herangezogen und bringt zum Ausdruck, wie die Marktrenditen festverzinslicher Wertpapiere, in Bezug zur konkreten Bindungsdauer oder Laufzeit, aufgezeigt werden können.[62] Im allgemeinen hängen Zinssätze von Risiken, steuerlichen Gegebenheiten und von Laufzeiten ab. Vor allem erfolgt bei der Zinsstruktur der Vergleich zwischen einem langfristigen (Zins einer 10-jährigen Staatsanleihe) und einem kurzfristigen Zins (bis zu einem Jahr).[63] Die Differenz drückt den Zinsspread aus. Eine grafische Darstellung lässt sich durch die Zinskurve illustrieren. Von einer normalen Zinsstruktur ist die Rede, wenn die langfristigen Zinsen über den kurzfristigen liegen. Im Gegensatz wird von einer inversen Zinsstruktur gesprochen und stellt eher eine Ausnahmesituation dar.[64]

4.3.2 Begründung des Zins nach Böhm-Bawerk

Der österreichische Ökonom Eugen von Böhm Bawerk (1851 – 1914) setzte durch seine Zinstheorie einen Meilenstein, indem er unter dem Begriff der „Zeitpräferenz“ diese zueinander in Beziehung setzt.[65] Es ist der Zins, der sich ohne Zinsmanipulation einer Zentralbank am Markt einpendelt und speist sich aus dem Gedankengut, dass der Gläubiger gegenüber dem Schuldner seinen Konsum zügeln und somit entlohnen muss. Böhm-Bawerk setzte mit der Interpretation seiner Zinstheorie einen eigenen Charakter und stemmt sich gegen die Marxistische Betrachtung, „wonach der Zins Teil des Mehrwerts ist, der wiederum durch Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten gewonnen wird“.[66] Nach Beobachtungen von Böhm-Bawerk gibt es drei Bestimmungsgründe für die Höhe des Zinses. Erstens, neigen Konsumenten aus Gründen der Ungeduld dazu, den heutigen Konsum gegenüber den zukünftigen Konsum vorzuziehen („Gegenwartspräferenz“)[67]. Hieraus impliziert sich, dass der Sparer für seine Geduld „entschädigt“ wird. Zweitens, steigen die Einkommen im Zeitverlauf und für das heute verliehene Geld wird ein höherer Betrag in Zukunft zurückerwartet.[68] Der entgangene Nutzenzuwachs (Grenznutzen) erklärt die Bereitschaft des Sparens und drückt die Veränderung des Gesamtnutzens durch eine zusätzliche Einheit aus.[69] Dieses „Element des Konsumverzichts“[70] geht auf Nassau William Senior (1790 – 1864), zurück und findet in der klassischen Abstinenztheorie seinen Ursprung.[71] Drittens, lassen sich durch die „Mehrergiebigkeit der Produktionsumwege“[72] in Zukunft höhere Erträge erwirtschaften. Diese kann anhand der Produktionsfunktion dargestellt werden, „wobei sich mit einer Einheit Gegenwartsgüter 1 + r Einheiten Zukunftsgüter produzieren lassen“.[73] Eine Weiterentwicklung schafft somit höhere Effizienz und verändert die Produktionsfunktion.

4.3.3 Begründung des Zins nach Ludwig von Mises

Als einer der wichtigsten Vertreter der österreichischen Schule integrierte Ludwig von Mises (1881 – 1973) den Faktor Zeit in die Theorie des Zinses und knüpft an die Arbeiten von Knut Wicksells „originären Zins“ (1851 – 1926) an.[74] Er erklärt darin, dass jedes Individuum gegenwärtige Güter höher schätzt als zukünftige Güter gleicher Art und Zahl.[75] Ein bestimmtes Genussgut (Apfel = 1€) gegenwärtig zu besitzen, schätzt jedes Individuum höher ein als ein bestimmtes Genussgut (Apfel = 1€) in Zukunft zu besitzen. Aus dieser Beobachtung heraus kann es einem Individuum nicht egal sein, wann er konsumiert. Wenn dies so wäre, könnten sich Konsumenten zu keiner Zeit für eine Bedürfnisbefriedigung entscheiden.[76] Der logischen Interpretationskette Ludwig von Mises zufolge, ergibt sich eine höhere Bewertung von gegenwärtigen Gütern gegenüber zukünftigen Gütern.[77] In einer weiteren Betrachtung bedarf es einer Kompensation für den Aufschub jeglicher Bedürfnisbefriedigung. Setzt man eine tägliche Zeitpräferenzrate in Höhe von 20 Prozent an, errechnet sich daraus ( 1 / 1,2 = 0,833). Diesen „Preisabschlag“ bezeichnet Ludwig von Mises als den Urzins (natürlichen Zins). Er ist Bestandteil eines jeden Individuums, wodurch sich die „Logik des menschlichen Handelns“ erschließen lässt und zudem Ausdruck einer „Wertdifferenz“, der besagt, „dass der handelnde Mensch eine frühere Erreichung seiner Ziele einer späteren vorzieht“[78]

Unter der allgemeinen Theorie des Handelns (Praxeologie) ist die Zeitpräferenz und der Urzins stets positiv und kann weder heute noch zukünftig negativ oder null sein.[79] Einer rein hypothetischen Annahme zufolge, der Urzins könne negativ werden, würde der Handelnde seine Bedürfnisse permanent in die Zukunft verschieben. Er würde quasi nie mehr konsumieren, sondern ausschließlich sparen. Und, in letzter Konsequenz, sich selbst vernichten.[80]

[...]


[1] Vgl. Farmer, K., Mestel R. (2011), S. 23.

[2] Vgl. Herrmann, U. (2015), S. 207.

[3] Vgl. Sinn, H.-W. (2015), S. 9.

[4] Vgl. Horstmann U., Mann, G. (2015), S. 13.

[5] Vgl. Horstmann U., Mann, G. (2015), S. 13.

[6] Vgl. Horstmann U., Mann, G. (2015), S. 13. f.

[7] Vgl. Horstmann U., Mann, G. (2015), S. 37. ff.

[8] Statista (2015): Kriesenprofiteur Deutschland. Abruf am 02.09.2016

[9] Vgl. Illing, Gerhard (2012): Staatsverschuldung und Finanzkrise – Wechselwirkungen und Krisenpotenziale S. 17, Abruf am 12.08.2016

[10] Vgl. Gasser, F., Müller S. (2016): Bankrott aus Staatsräson. S. 1, Abruf am 02.08.2016

[11] Vgl. Gasser, F., Müller S. (2016): Bankrott aus Staatsräson. S. 1, Abruf am 02.08.2016

[12] Vgl. Mankiw N. G. (2003), S. 105.

[13] Vgl. Mankiw N. G. (2003), S. 105.

[14] Dejure.org (2016): Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union. S. 1, Abruf am 13.08.2016

[15] Vgl. Sinn, H-W. (2015), S. 97.

[16] Vgl. Farmer, K., Mestel R. (2011), S. 26.

[17] Vgl. Farmer, K., Mestel R. (2011), S. 25.

[18] Vgl. Farmer, K., Mestel R. (2011), S. 26.

[19] Vgl. Farmer, K., Mestel R. (2011), S. 23.

[20] Vgl. Farmer, K., Mestel R. (2011), S. 23.

[21] Statista (2016): Entwicklung der Staatsverschuldung Deutschland. Abruf am 02.09.2016

[22] Vgl. Mann, G. (2011), S. 86. f.

[23] Vgl. Görgens, E., Ruckriegel, K., Seitz F. (2013), S. 353.

[24] Mann, G. (2011), S. 86.

[25] Vgl. Illing, Gerhard (2012): Staatsverschuldung und Finanzkrise – Wechselwirkungen und Krisenpotenziale S. 16, Abruf am 12.08.2016

[26] Vgl. Mann, G. (2011), S. 78. f

[27] Mann, G. (2011), S. 86.

[28] Vgl. Mann, G. (2011), S. 79. ff.

[29] Vgl. Mann, G. (2011), S. 83. ff.

[30] Vgl. Mann, G. (2011), S. 83.

[31] Vgl. Mann, G. (2011), S. 83.

[32] Vgl. Mussel, G. (2011), S. 17

[33] Vgl. Polleit. T. (2012): Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. Abruf am 13.09.2016

[34] Vgl. Polleit. T. (2012): Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. Abruf am 13.09.2016

[35] Vgl. Polleit. T. (2012): Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. Abruf am 13.09.2016

[36] Vgl. Polleit. T. (2012): Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. Abruf am 13.09.2016

[37] Vgl. Polleit. T. (2012): Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. Abruf am 13.09.2016

[38] von Mises, L. (1912), S. 6.

[39] Mankiw N.-G. (2003), S. 95.

[40] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 682.

[41] Vgl. Mussel, G. (2011), S. 17.

[42] Vgl. Mussel, G. (2011), S. 17.

[43] Vgl. Mussel, G. (2011), S. 17.

[44] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 94.

[45] von Mises, L. (1912), S. 3.

[46] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 94.

[47] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 718.

[48] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 94.

[49] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 94.

[50] Vgl. Mussel, G. (2011), S. 20.

[51] Vgl. Mankiw N.-G. (2003), S. 95.

[52] Vgl. Polleit T. (2015): Ludwig von Mises Seminar 2015. Abruf am 13.08.2016

[53] Vgl. Polleit T. (2015): Ludwig von Mises Seminar 2015. Abruf am 13.08.2016

[54] Vgl. Polleit T. (2015): Ludwig von Mises Seminar 2015. Abruf am 13.08.2016

[55] Vgl. Polleit T. (2015): Ludwig von Mises Seminar 2015. Abruf am 13.08.2016

[56] Vgl. Polleit T. (2015): Ludwig von Mises Seminar 2015. Abruf am 13.08.2016

[57] Mann G. (2015) Skript GKW. S. 13

[58] Mann G. (2015) Skript GKW. S. 13

[59] Vgl. Mankiw N. G. (2003), S. 108.

[60] Mankiw N. G. (2003), S. 108.

[61] Vgl. Mankiw N. G. (2003), S. 108.

[62] Deutsche Bundesbank, (2015): Die Zinsstrukturkurve. Abruf am 19.08.2016

[63] Vgl. Görgens, E., Ruckriegel, K., Seitz F. (2013), S. 143.

[64] Vgl. Görgens, E., Ruckriegel, K., Seitz F. (2013), S. 143.

[65] Vgl. Anderegg, R. (2007), S. 99.

[66] Vgl. Mann G. (2015) Skript GKW. S. 13

[67] Vgl. Mann G. (2015) Skript GKW. S. 13

[68] Vgl. Mann G. (2015) Skript GKW. S. 13

[69] Vgl. Pöllmann, G. (2014), S. 14

[70] Vgl. Anderegg, R. (2007), S. 99.

[71] Vgl. Anderegg, R. (2007), S. 99.

[72] Vgl. Anderegg, R. (2007), S. 99.

[73] Vgl. Anderegg, R. (2007), S. 99

[74] Vgl. Polleit, T. (2015), Mises Seminar

[75] Vgl. Polleit, T. (2015), Mises Seminar

[76] Vgl. Polleit, T. (2015), Mises Seminar

[77] Vgl. von Mises, L. (1940), S. 476.

[78] Vgl. Polleit, T. (2015), Mises Seminar

[79] Vgl. Polleit, T. (2015), Mises Seminar

[80] Vgl. Polleit, T. (2015), Mises Seminar

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Kann durch die anhaltende Niedrigzinsphase und eine mögliche Bargeldabschaffung eine Ausdehnung der Staatsverschuldung erleichtert werden?
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, München früher Fachhochschule
Veranstaltung
Makroökonomie
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
52
Katalognummer
V346927
ISBN (eBook)
9783668380486
ISBN (Buch)
9783668380493
Dateigröße
1350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niedrigzinsstrategie, Bargeldabschaffung, Staatsverschuldung, Zinsen, Geld, Ludwig von Mises, EZB, Österreichische Ökonomie, Finanzielle Repression, Enteignung der Sparer, Marktwirtschaftliche Ordnungspolitik, Walter Eucken, Hayek, Urzins, Negativzins, Schuldenquote, Expansive Fiskalpolitik, Liquiditätsfalle nach Keynes
Arbeit zitieren
Sascha Braun (Autor), 2016, Kann durch die anhaltende Niedrigzinsphase und eine mögliche Bargeldabschaffung eine Ausdehnung der Staatsverschuldung erleichtert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346927

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