Bei der Lektüre des "Wigalois" von Wirnt von Grafenberg ist das Motiv der Vatersuche besonders auffällig. Darum soll in der folgenden Arbeit das Vater-Sohn-Motiv erläutert und anschließend in Bezug auf den "Wigalois" analysiert werden. Dazu soll zunächst das Motiv der Vatersuche in der Literatur aus allgemeiner Perspektive beleuchtet werden. Anschließend sollen die auffälligen Passagen im "Wigalois" dargelegt werden, um sie schließlich zu analysieren, um die Funktion des Motivs herauszuarbeiten.
In der höfischen Erziehung, die Wigalois ohne seinen Vater Gawein am Hofe seiner Mutter Florie erfährt, wird ihm viel von „sînes vater vrümichheit“ berichtet. Und so ist auch Wigalois' Motivation bei dem Aufbruch vom Hofe seiner Mutter das Streben nach dem Vorbild der unbekannten Vaterfigur und das Finden seines Vaters:
ich wil den suochen von dem mir ie
tugent unde manheit
allez mîn leben ist geseit;
daz ist mîn vater, her Gâwein. (V. 1302 ff.)
Doch als Wigalois an den Artushof kommt, wo er seinen Vater auf Bitten der Königin sogar als Erzieher zur Seite gestellt bekommt, erkennt er ihn nicht. Erst viel später erfährt Wigalois eher beiläufig, dass es sich bei seinem Erzieher Gawein auch um seinen Vater Gawein handelt (V. 4792 ff.).
Das Motiv der Vatersuche und später der Vater-Sohn-Beziehung dient als „kompositionelle Klammer für den ganzen Roman“, jedoch ist der entscheidende Schlüsselmoment, die Enthüllung Gaweins als Wigalois' Vater, in der Situation scheinbar vollkommen unmotiviert und auch das Nicht-Erkennen von Vater und Sohn am Artushof wirft Fragen auf.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Das Motiv der Vatersuche
Die Vatersuche im Wigalois
Das Nicht-Erkennen des Vaters am Artushof
Konfliktpotenzial in der Vater-Sohn-Beziehung
Die Vaterfunktion Gaweins
Vatersuche – Identitätssuche
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Motiv der Vatersuche in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois" und analysiert dessen erzähltechnische sowie inhaltliche Funktion im Kontext der Identitätsfindung des Helden. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, weshalb der Protagonist seinen Vater Gawein am Artushof nicht erkennt und wie dieses Motiv die Vater-Sohn-Beziehung sowie die ritterliche Erziehung des Wigalois strukturiert.
- Analyse des literarischen Motivs der Vatersuche im mittelalterlichen Epos
- Untersuchung der Vater-Sohn-Beziehung zwischen Wigalois und Gawein
- Bewertung der Identitätssuche als zentrales Element der Heldenreise
- Rezeption und Funktion der "kompositionellen Klammer" im Roman
Auszug aus dem Buch
Das Motiv der Vatersuche
Das Motiv der Vatersuche tritt in der Literatur häufig auf. Es gliedert den häufig Aufbau der Texte, da die Suche nach dem Vater die Handlung des Protagonisten bestimmt. Das Grundschema der Handlung bezieht meist einen Bericht über den Vater – oft eine Figur mit Vorbildfunktion, z.B. ein Ritter – mit ein. Es wird erzählt wie er sich in einem fremden Land in eine Frau verliebt, mit ihr einen Sohn zeugt und anschließend aus verschiedenen Gründen das Land verlassen muss. Bei seinem Abschied hinterlässt der Vater dem Sohn ein Erkennungszeichen (sog. Gnorisma) und sobald der Sohn erwachsen ist, begibt sich dieser – ausgestattet mit dem Gnorisma – auf die Suche nach seinem Vater. Dabei ist ihm seine Abkunft bekannt beziehungsweise erfährt er diese auf der Fahrt.
Bei der Vatersuche kann es durchaus zu einem Vater-Sohn-Konflikt kommen, einhergehend mit dem unterdrückten Herrschaftsanspruchs des Sohnes und der Furcht des Vaters, seine Vormachtstellung zu verlieren. Die Auflösung der Vatersuche ist häufig dramatisch, Daemmerich und Daemmerich unterscheiden hier zwischen einer freudigen Szene der Vereinigung oder einem tödlichen Zweikampf zwischen Vater und Sohn. Bei einer Auflösung durch einen Zweikampf fordert der Sohn häufig den berühmten Fremden (bei dem es sich um den Vater handelt) heraus, um durch den Kampf Ruhm zu erlangen. Dabei kann der Zweikampf eine noch tragischere Dimension erlangen, indem der Vater den Sohn erkennt und den Kampf vermeiden möchte. Nachdem jedoch die Ehre des Vaters angezweifelt worden ist, nimmt er die Herausforderung an und tötet den Sohn.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Vatersuche im "Wigalois" und Darstellung der zentralen Problemstellung, insbesondere des Nicht-Erkennens des Vaters durch den Sohn am Artushof.
Das Motiv der Vatersuche: Allgemeine literaturwissenschaftliche Herleitung des Motivs, inklusive der Bedeutung von Gnorisma und dem Konfliktpotenzial in Vater-Sohn-Beziehungen.
Die Vatersuche im Wigalois: Konkrete Analyse der Vatersuche im Werk, beginnend beim Aufbruch des Helden bis hin zur Enthüllung durch den Geist des toten Königs Lar.
Das Nicht-Erkennen des Vaters am Artushof: Untersuchung der spezifischen Situation am Artushof, in der Wigalois trotz offensichtlicher Ähnlichkeiten und Hinweisen seinen Vater Gawein nicht erkennt.
Konfliktpotenzial in der Vater-Sohn-Beziehung: Diskussion der Vorbildfunktion Gaweins und der teils konkurrierenden Tugendhaftigkeit zwischen Vater und Sohn.
Die Vaterfunktion Gaweins: Analyse der Rolle Gaweins als Mentor und leiblicher Vater nach der Auflösung der Vatersuche sowie dessen Integration in die höfische Welt des Sohnes.
Vatersuche – Identitätssuche: Interpretation der Vatersuche als dreiphasiger Prozess der Identitätsbildung des Protagonisten im mittelalterlichen Kontext.
Fazit: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse zur Funktion des Vatersuch-Motivs als strukturierendes Element des Romans.
Schlüsselwörter
Wigalois, Wirnt von Grafenberg, Vatersuche, Gawein, Artusroman, Identitätssuche, Vater-Sohn-Beziehung, Rittertum, Mittelalter, Höfische Erziehung, Gnorisma, Motivik, Tugendhaftigkeit, Aventiure, Kompositionelle Klammer
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem literarischen Motiv der Vatersuche im Artusroman "Wigalois" von Wirnt von Grafenberg und analysiert dessen Bedeutung für die Entwicklung des Titelhelden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Wigalois und Gawein, die ritterliche Identitätsfindung sowie die erzähltheoretische Funktion der Vatersuche als strukturierendes Element des Romans.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Motiv der Vatersuche eingesetzt wird, um Spannung zu erzeugen, und warum der Autor das Erkennen zwischen Vater und Sohn bewusst hinauszögert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von Forschungsliteratur, um Textstellen (Verse) des Epos im Kontext mittelalterlicher Motive und genealogischer Systeme zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des allgemeinen Motivs der Vatersuche, die spezifische Analyse der Szenen im Wigalois, die Rolle von Identitätskrisen und die Vaterfunktion Gaweins.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wigalois, Vatersuche, Gawein, Artusritter, Identitätsbildung, Motivik und höfische Erziehung sind die zentralen Begriffe.
Warum erkennt Wigalois seinen Vater am Artushof nicht?
Laut der Argumentation der Arbeit dient dieses Nicht-Erkennen dazu, die Suche und somit die "kompositionelle Klammer" des Romans aufrechtzuerhalten, da eine frühzeitige Vereinigung das Ziel der Reise vorzeitig beenden würde.
Welche Rolle spielt das Gnorisma im "Wigalois"?
Das Gnorisma – in Form von Siegel und Zaubergürtel – fungiert als Erkennungsmerkmal, wobei die Arbeit kritisch anmerkt, dass das Siegel erst spät seine Funktion als Identifikationshilfe erhält.
Übertrifft Wigalois seinen Vater Gawein?
Ja, durch das Bestehen der Tugendprobe auf dem "Tugendstein" und seine Rolle als eigenständiger Herrscher über Korntin und Jeraphin zeigt der Text, dass der Sohn in Tugendhaftigkeit und Erfolg das Vorbild des Vaters übersteigt.
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- Lisa Bläse (Author), 2014, Das literarische Motiv der Vatersuche in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346969