„Deutsche Schüler – „Horde lernunwilliger, ungezogener, an Fernsehunterhaltung gewöhnter Bestien“, wie der Hamburger Bildungskritiker Dietrich Schwanitz sarkastisch meint? Zu unmotiviert, zu gelangweilt, zu abgelenkt, um sich für die Wissensgesellschaft des dritten Jahrtausends fit zu machen? Oder sind die Jungen und Mädchen einfach nur gut angepasst an eine Zeit, in der Wissen rasant verfällt, in der vom Werbespot bis zur Vorabendsoap der hedonistische Individualist den Ton angibt? Sind es deshalb vielleicht eher die Schulen mit ihren starren Lehrplänen, ihren großen Klassen und hergebrachten Unterrichtsmethoden, die dem Gesellschaftlichen Wandel nicht gewachsen sind und ihre kindliche Kundschaft allein lassen?“ (Der Spiegel, 23/2002)
Dieser Ausschnitt eines Artikels in dem Magazin „Spiegel“ spricht eine Thematik an, die ich in dieser Arbeit aufgreifen möchte. Kaum ein Begriff ist in der letzten Zeit so präsent gewesen, wie „Bildung“. Aufgrund des relativ schlechten Abschneidens Deutschlands in der PISA Studie, ist die Debatte um eine Bildungsreform so aktuell, wie seit den 60er Jahren nicht mehr. Alle Bildungsinstitutionen, vom Kindergarten bis zur Hochschule, werden beleuchtet und auch kritisiert.
Der Ruf nach einer schulpolitischen Reform wird immer lauter. Dennoch gehen die Meinungen von der Beibehaltung bzw. Verbesserung des bestehenden dreigliedrigen Systems bis hin zur Neureformierung der Schulformen weit auseinander.
Ich möchte in dieser Arbeit keine möglichen Reformierungsvorschläge anbieten, ich möchte die aktuelle Situation aufgreifen und hier Möglichkeiten aufzeigen, die (vielleicht) zu einer innerschulischen Verbesserung der Unterrichtsstrukturen führen können.
Im ersten Teil der Arbeit stelle ich den handlungsorientierten Unterrichtsansatz allgemein und, als eine mögliche Form dessen, die Projektarbeit, im speziellen, dar. Da eine komplette kritische Betrachtung in diesem Rahmen nicht möglich ist, konzentriere ich mich auf einige, für dieses System typische Elemente, um diese differenzierter darstellen zu können.
Mein Schwerpunkt liegt hierbei im System der Hauptschule und des Gymnasiums, als zwei schulpolitisch gegensätzliche Schulformen. Um eine einseitig literarische Sicht zu vermeiden, habe ich ein Interview mit einem Hauptschullehrer geführt, auf das ich mich im zweiten Teil beziehe.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Handlungsorientierter Unterricht mit dem Schwerpunkt Projektunterricht
2.1 Zum Begriff „Handlungsorientierter Unterricht“
2.2 Zur Notwendigkeit handlungsorientierten Unterrichts
2.2.1 Veränderte Sozialisationsbedingungen der Gegenwart
2.2.2 Handlungsorientierter Unterricht als notwendige Alternative zum Frontalunterricht
2.3 Wesentliche handlungsorientierte Unterrichtsformen
2.4 Projektunterricht
2.4.1 Begriffserklärungen
2.4.2 Historischer Hintergrund des Projektunterrichts
2.4.3 Merkmale des Projektunterricht
3 Merkmal 1: Situationsbezug und Lebensweltorientierung
3.1 Merkmal 2: Orientierung an den Interessen der Beteiligten
3.2 Merkmal 3: Selbstorganisation und Selbstverantwortung
3.3 Merkmal 4: gesellschaftliche Praxisrelevanz
3.4 Merkmal 5: Zielgerichtete Projektplanung
3.5 Merkmal 6: Produktorientiert
3.6 Merkmal 7: Einbeziehung vieler Sinne
3.7 Merkmal 8: Soziales Lernen
3.8 Merkmal 9: Interdisziplinarität
3.9 Merkmal 10: Grenzen
4 Das deutsche Bildungssystem
4.1 Das deutsche Schulsystem
4.1.1 Aufbau
4.1.2 Historische Vergangenheit des deutschen Schulsystems
4.1.3 Die Dreigliedrigkeit und das Selektionsprinzip
4.1.4 Sozialökonomische Schülerstruktur
4.2 Die Hauptschule – Ein Abschied auf Raten?
4.2.1 Schülerstruktur
4.2.2 Erziehungs- und Bildungsziele
4.2.3 Aktuelle Situation
4.3 Das Gymnasium – die eigentliche Hauptschule?
4.3.1 Erziehungs- und Bildungsziele
4.3.2 Aktuelle Situation
5 Auswertung eines Gespräches mit einer Fokusgruppe
6 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten des handlungsorientierten Unterrichts, insbesondere der Projektarbeit, als Antwort auf die aktuellen Herausforderungen und strukturellen Probleme des deutschen Schulsystems. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, inwieweit durch projektorientierte Lehr- und Lernformen innerschulische Verbesserungen erzielt werden können, um den veränderten Sozialisationsbedingungen gerecht zu werden.
- Grundlagen des handlungsorientierten Unterrichts und der Projektarbeit
- Strukturanalyse des deutschen Bildungssystems mit Fokus auf Hauptschule und Gymnasium
- Kritische Beleuchtung des Selektionsprinzips und sozialökonomischer Auswirkungen
- Empirische Einblicke durch Experten- und Fokusgruppeninterviews
- Potenziale zur Kompensation schulischer Defizite durch Projektarbeit
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Veränderte Sozialisationsbedingungen der Gegenwart
Die Sozialisationsbedingungen der SchülerInnen wandeln sich ständig. Gerade die Aneignungsweise von Kultur bei Kindern und Jugendlichen verändert sich notwendigerweise permanent.
Bedingt durch diese wandelnden Sozialisationsbedingungen der Gegenwart, ergibt sich für die Lehrerschaft die Notwendigkeit, den Unterricht den veränderten Bedingungen der Kinder anzupassen.
Schüler wachsen heute oftmals in Familien auf, in denen Grundregeln des Zusammenlebens nicht eingeübt bzw. beachtet werden.
Der Wandel der Lebensbedingungen unserer Gesellschaft hat zu erheblichen Veränderungen der Erfahrungswelt der Kinder geführt. Die Bedeutung von Video, Computer und Fernseher nimmt bei Kindern und Jugendlichen immer mehr zu. Durch die auf Multimedia ausgerichtete Gesellschaft verschwindet zunehmend die „reale“ Wirklichkeit.
Aneignungsprozesse und Lernen vollziehen sich in virtuellen Welten und zunehmend nicht mehr durch die Wechselwirkung des Menschen mit der Welt durch menschliche Tätigkeit, sondern durch rezeptives Lernen durch moderne elektronische Medien. Selbständiges Planen und das Sammeln eigener Erfahrungen treten immer mehr in den Hintergrund. Somit werden vor allem visuelle Wahrnehmungskanäle zum Lernen genutzt, wobei andere Wahrnehmungskanäle ungenutzt bleiben. Der auf der Ganzheitlichkeit beruhenden Aneignung von Wissen und Können wird so ebenfalls Rechnung getragen. Sich verändernde Sozialisationsbedingungen in unserer Gesellschaft haben analog veränderte Aneignungsprozesse zu Folge, bei denen soziales Lernen, welches auf Interaktion und Kommunikation der Lernenden ausgerichtet sein muss, somit kaum möglich ist.
Schule sollte die Entwicklung des Kindes im ökologischen Zusammenhang betrachten, d.h. das Kind als Ganzheit im Verhältnis zu seiner Umwelt, entstandene Defizite aus ungünstigen Sozialisationsbedingungen erkennen und Lernformen zur Kompensation finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der Problematik des deutschen Bildungssystems im Kontext der PISA-Debatte und Einführung in das Ziel der Arbeit, Projektarbeit als Ansatz zur Unterrichtsverbesserung zu prüfen.
2 Handlungsorientierter Unterricht mit dem Schwerpunkt Projektunterricht: Theoretische Herleitung handlungsorientierter Prinzipien und Definition des Projektunterrichts unter Berücksichtigung historischer Wurzeln und zentraler Merkmale.
3 Merkmal 1: Situationsbezug und Lebensweltorientierung: Detaillierte Analyse der zehn zentralen Merkmale des Projektunterrichts, von der Interessenorientierung bis hin zu den Grenzen des Konzepts.
4 Das deutsche Bildungssystem: Kritische Untersuchung der Struktur des deutschen Schulwesens, insbesondere der Selektionsmechanismen, der Situation an Hauptschulen und Gymnasien sowie der Rolle sozialer Herkunft.
5 Auswertung eines Gespräches mit einer Fokusgruppe: Analyse einer empirischen Befragung einer zehnten Klasse eines Gymnasiums, die die Diskrepanz zwischen Wunsch nach Projektarbeit und realem Schulalltag aufzeigt.
6 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Potenziale von Projektarbeit als Mittel zur Kompensation bildungssystemischer Defizite und Plädoyer für einen handlungsorientierten Unterrichtsansatz.
Schlüsselwörter
Handlungsorientierter Unterricht, Projektarbeit, Schulsystem, PISA-Studie, Selektionsprinzip, Hauptschule, Gymnasium, Sozialisationsbedingungen, Bildungsreform, Schlüsselqualifikationen, Projektunterricht, Pädagogik, Schülerstruktur, Lernprozesse, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, Projektarbeit als handlungsorientierte Unterrichtsmethode in das bestehende deutsche Schulsystem zu integrieren, um auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der handlungsorientierte Unterricht, die Analyse der Strukturprobleme des dreigliedrigen deutschen Schulsystems sowie die Rolle von Projektwochen und Projektunterricht an Hauptschulen und Gymnasien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Projektarbeit dazu beitragen kann, den Unterrichtsalltag innerschulisch zu verbessern und dabei auf aktuelle pädagogische und gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren, ohne dabei Reformvorschläge für das gesamte System zu entwerfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse zu pädagogischen Konzepten und zum deutschen Bildungssystem sowie eine qualitative Auswertung, basierend auf einem Lehrerinterview und einer Fokusgruppenbefragung mit Schülern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Darstellung handlungsorientierter Unterrichtsformen und eine kritische Auseinandersetzung mit der Selektionsstruktur sowie den Bildungszielen von Hauptschulen und Gymnasien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Handlungsorientierung, Projektarbeit, deutsche Schulstruktur, Selektionsprinzip, Hauptschule und Gymnasium.
Welche besonderen Schwierigkeiten nennt der Hauptschullehrer im Interview?
Der Lehrer nennt insbesondere die soziale Problematik der Schülerschaft, unvollständige Familienverhältnisse, Sprachbarrieren bei Migrations- und Aussiedlerkindern sowie die zu großen Klassenstärken als zentrale Hindernisse für einen individuellen Unterricht.
Wie bewerten Gymnasiasten aus der Fokusgruppe ihren Schulalltag?
Die befragten Schüler zeigen ein Interesse an projektorientiertem Arbeiten, stellen jedoch fest, dass Projektwochen auf die Unterstufe beschränkt sind und der reguläre Unterricht stark durch das Selektionsprinzip und ein starres Kurssystem geprägt ist.
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- Susanne Koch (Author), 2003, Projektarbeit im deutschen Schulsystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34712