„Ein gemeinsames Interesse verbindet sie und macht sie zu Lehrstücken von literarischem Gewicht: das Interesse an der Symmetrie legaler und illegaler Handlungen.“ So formuliert es Jürgen Habermas, wenn er in seiner Rezension von Hans Magnus Enzensbergers Essaysammlung Politik und Verbrechen aus dem Jahre 1964 über die dort besprochenen Kriminalfälle der Geschichte urteilt. Vor allem der zweite Teil des Zitats soll als Prämisse dieser Arbeit zugrunde liegen. Bei näherer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die beiden eigentlich konträr gegenüber stehenden Begriffe Politik und Verbrechen einer auffällig parallelen Struktur folgen, die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung aufgedeckt werden sollen. Dabei wird verdeutlicht, wie das Funktionieren des einen die Existenz des anderen voraussetzt bzw. das Auftreten des einen Phänomens erst das Reagieren des anderen herausfordert. Bereits an dieser Stelle sei auf die unerhört enge Verbindung beider Abstrakta hingewiesen.
Als Quelle der Arbeit diente vor allem Hans Magnus Enzensbergers Schrift, in deren Einleitungsbeitrag Reflexionen vor einem Glaskasten der Autor anschauliche und überaus einleuchtende Erklärungen zum Verhältnis von Politik und Verbrechen liefert, die dem Leser eine neue Perspektive ermöglichen, sich der Thematik zu nähern. Wie entsteht das Verbrechen? Was erfüllt eigentlich den Tatbestand eines Verbrechens? Und welche Rolle spielt dabei der Staat? Begeht die Politik Verbrechen und – wenn ja – wie äußern sich diese Verbrechen und welche Folgen haben sie? All diesen Fragen wird das dritte Kapitel, welches eine kritisch zusammenfassende Reflexion von Enzensbergers Überlegungen darstellt, nachgehen und damit den Kern der Untersuchung bilden. Zur Sprache kommen sollen außerdem unklare Textpassagen, in denen Enzensberger unklar und meines Erachtens unschlüssig argumentiert. Im sich daran anschließenden Teil sollen die Erkenntnisse anhand des Beispieltextes Der Geisterseher (1789) von Friedrich Schiller aufgezeigt und ansatzweise interpretiert werden. Zunächst soll jedoch mit der Kolportage ein stilistisches Kennzeichen von kriminalistischer Literatur näher vorgestellt werden. Da der vorliegende Beleg im Rahmen eines fachdidaktischen Hauptseminars entstand, entwickelt das abschließende Kapitel die verschiedenen Möglichkeiten der praktischen Umsetzung im Deutschunterricht.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Ziel der Darstellung
2. Kolportage - Verzauberung von Geschichte
2.1. Zur Begriffsgeschichte
2.2. Kolportageliteratur
2.3. Kolportage als stilistisches Mittel
3. Zu den Begriffen Politik und Verbrechen
3.1. Politik
3.2. Verbrechen
4. Enzensbergers Essaysammlung Politik und Verbrechen (1964)
4.1. Zur Struktur der Sammlung
4.2. Reflexionen vor einem Glaskasten
4.3. Die übrigen Essays
5. Beispieltext: Friedrich Schillers Der Geisterseher (1789)
5.1. Zum Inhalt
5.2. Zum Hintergrund und zur literarischen Gestaltung
6. Didaktisches Potenzial im Deutschunterricht
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die strukturellen Parallelen zwischen den Begriffen Politik und Verbrechen sowie deren wechselseitigen Einfluss aufeinander, wobei Hans Magnus Enzensbergers Essaysammlung als theoretische Grundlage dient und Friedrich Schillers Der Geisterseher als literarisches Beispiel für die fachdidaktische Umsetzung im Deutschunterricht herangezogen wird.
- Analyse der Begriffsgeschichte und Definitionen von Politik und Verbrechen.
- Untersuchung von Enzensbergers Thesen zur Symmetrie legaler und illegaler Handlungen.
- Literarische Interpretation von Schillers Der Geisterseher vor dem Hintergrund des Spannungsfeldes von Politik und Verbrechen.
- Entwicklung von didaktischen Strategien zur Behandlung dieser Themen in der Sekundarstufe II.
Auszug aus dem Buch
1. Gegenstand und Ziel der Darstellung
„Ein gemeinsames Interesse verbindet sie und macht sie zu Lehrstücken von literarischem Gewicht: das Interesse an der Symmetrie legaler und illegaler Handlungen.“ So formuliert es Jürgen Habermas, wenn er in seiner Rezension von Hans Magnus Enzensbergers Essaysammlung Politik und Verbrechen aus dem Jahre 1964 über die dort besprochenen Kriminalfälle der Geschichte urteilt. Vor allem der zweite Teil des Zitats soll als Prämisse dieser Arbeit zugrunde liegen. Bei näherer Betrachtung fällt nämlich auf, dass die beiden eigentlich konträr gegenüber stehenden Begriffe Politik und Verbrechen einer auffällig parallelen Struktur folgen, die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung aufgedeckt werden sollen. Dabei wird verdeutlicht, wie das Funktionieren des einen die Existenz des anderen voraussetzt bzw. das Auftreten des einen Phänomens erst das Reagieren des anderen herausfordert. Bereits an dieser Stelle sei auf die unerhört enge Verbindung beider Abstrakta hingewiesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Ziel der Darstellung: Einführung in die Forschungsfrage und die theoretische Prämisse der Symmetrie zwischen Politik und Verbrechen.
2. Kolportage - Verzauberung von Geschichte: Erläuterung der Vertriebsform und des stilistischen Mittels der Kolportage als literarisches Kennzeichen.
3. Zu den Begriffen Politik und Verbrechen: Definitorische Annäherung an die zentralen Begriffe und deren Dimensionen im gesellschaftlichen Kontext.
4. Enzensbergers Essaysammlung Politik und Verbrechen (1964): Kritische Auseinandersetzung mit Enzensbergers Thesen, insbesondere im Hinblick auf den Glaskasten und die Rolle des Verbrechers.
5. Beispieltext: Friedrich Schillers Der Geisterseher (1789): Analyse des Romans als literarische Umsetzung des Spannungsfeldes zwischen politischer Intrige und Verbrechen.
6. Didaktisches Potenzial im Deutschunterricht: Darstellung konkreter unterrichtspraktischer Möglichkeiten zur Behandlung des Themas in der Sekundarstufe II.
Schlüsselwörter
Politik, Verbrechen, Enzensberger, Kolportage, Schillers Der Geisterseher, Literaturdidaktik, Macht, Gewaltmonopol, Rechtsordnung, Kriminalroman, Aufklärung, Intrige, Gesellschaftskritik, Sekundarstufe II, Staat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen und strukturellen Verbindungen zwischen Politik und Verbrechen anhand literarischer und essayistischer Texte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Definitionen von Politik und Verbrechen, die Analyse der Kolportageliteratur sowie deren didaktische Anwendung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Symmetrie zwischen politischem Machtgebrauch und kriminellen Handlungen aufzuzeigen und deren Relevanz für den Literaturunterricht zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Enzensbergers Essays und Schillers Roman durchgeführt, ergänzt durch eine fachdidaktische Reflexion.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Enzensbergers Thesen zu Politik und Verbrechen sowie deren exemplifizierte Umsetzung in Schillers Geisterseher.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Politik, Verbrechen, Macht, Kolportage und Didaktik sind die zentralen Begriffe.
Welche Bedeutung hat der „Glaskasten“ bei Enzensberger?
Der Glaskasten dient Enzensberger als Symbol sowohl für den transparenten Rechtsstaat als auch für das „bestialische Wesen“ des Täters, illustriert am Beispiel des Eichmann-Prozesses.
Warum eignet sich Der Geisterseher für dieses Thema?
Schillers Werk verbindet auf komplexe Weise politische Intrigen mit Elementen des Schauerromans und der Kolportage, was eine kritische Auseinandersetzung mit Aufklärung und Macht ermöglicht.
- Citation du texte
- Marc Andre Ziegler (Auteur), 2007, Politik und Verbrechen. Eine Untersuchung zu den strukturellen Parallelen und dem Einfluss beider Abstrakta aufeinander, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347149