Die "Deutsche Gelehrtenrepublik" Friedrich Gottlieb Klopstocks. Rezeptionsgeschichte und Textanalyse


Hausarbeit, 2005

19 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorstellung und Begründung für die Wahl des Themas

2. Was ist eine Gelehrtenrepublik?

3. Zeitgenössischer Kontext und Rezeptionsgeschichte

4. Textanalyse

5. Agonale Gedanken bei Klopstock

6. Kulturpolitische Bestrebungen Klopstocks

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Vorstellung und Begründung für die Wahl des Themas

„Dichter sind keine Verschwörer“[i] – so Karl Mickel in seinem Essay aus dem Jahre 1976. In der Tat kann es in einer Arbeit zu Friedrich Gottlieb Klopstocks Gelehrtenrepublik nicht darum gehen, verschwörerische Tendenzen oder gar revolutionäre, auf einen Umsturz hinarbeitende Neigungen in den Worten des „grössten deutschen Dichters“ (so die Hamburger Grabinschrift[ii] ) zu suchen. Dies wäre absurd und zumindest literaturwissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Viel bedeutender ist die Frage, welche Absicht Klopstock mit seinem Werk verfolgte, welche Anregungen er gab und welche Forderungen er mittels dieses Entwurfs einer deutschen gelehrten Gesellschaft postulierte? Was waren die Vorbilder, wer die Gegner seiner Argumentation? Und vor allem: Welche Perspektiven eröffnet der Text an sich? Unbestritten ist zunächst einmal die Tatsache, dass das Werk auf Grund seiner Abstraktheit einen großen Interpretationsspielraum – sowohl für die Zeitgenossen des Dichters als auch für den heutigen Rezipienten – bereithält.

2. Was ist eine Gelehrtenrepublik?

Aus literarischer Sicht beschreibt der Terminus „Gelehrtenrepublik“ die Idee einer Vereinigung aller Gelehrten.[iii] Der Begriff kommt auf im Zusammenhang mit der Bildung von Akademien und gelehrten Gesellschaften, vor allem Sprachgesellschaften, die sich seit dem 17. Jahrhundert zum Dienste der neuen Wissenschaften und oft in Opposition zum Latein der scholastischen Universitäten zusammenschließen. Ihr Ziel ist es, theoretische Erkenntnisse zu suchen und diese im praktischen Leben anzuwenden und zu verbreiten. Unabhängig von der hier behandelten Schrift Klopstocks ist somit festzuhalten, dass die grundlegenden Vorstellungen einer Gelehrtenrepublik einen konkreten Praxisbezug beinhalteten. Auf der Basis nationaler gelehrter Gesellschaften entstand das Modell einer Gelehrtenrepublik als ein Zusammenschluss aller Intellektuellen, unabhängig von ihrer nationalen Herkunft (Leibniz, Lessing). Ein weiteres Kennzeichen ist somit die Internationalität einer solchen Gemeinschaft. Die Aufgaben einer sociétés littéraires (Duclos) bestünden darin, Methoden auszuarbeiten und Wege zu bahnen, die der gelehrten Arbeit Irrtümer ersparen und zur Wahrheit auf der kürzesten und sichersten Bahn führen.[iv] Die Forderung nach freier, gelehrter Diskussion wurde auch dem real existierenden Staat gegenüber vertreten und zugleich das eigene Selbstverständnis als eine Art Modellvorstellung auf die politischen Verhältnisse projiziert. Hierbei ist zu bemerken, dass der Begriff der Gelehrtenrepublik oftmals unpolitisch verwendet wird und somit eher als eine ironische Bezeichnung der wirklichkeitsfremden Selbstinszenierung akademischer Zirkel zu einem politischen Leitbild zu verstehen ist.

Vor allem in Spanien kommt es zu einer frühen Emanzipation des Gelehrten aus der scholastisch-theologischen Tradition, was eine Grundvoraussetzung für die mögliche Herausbildung einer „República Literaria“ (Don Diego de Saavedra). Dort wird der gelehrte Stadtstaat in einer der geistigen Welt bekannten Metaphorik als ein himmlisches Jerusalem beschrieben – die Mauern jedoch mit Gänsekielen bewehrt, die Burggräben voller Tinte. Saavedra karikiert und entlarvt die Gelehrtenrepublik als „Chimäre aus Eitelkeit und Mißgunst“.[v] Er fordert vor allem eine praxisnahe und politische Wissenschaft. Ein konkretes Vorbild von Saavedras Ideen ist nicht mit Sicherheit auszumachen. Sicherlich standen die utopische Grundkonzeption der „Politeia“ Platons und Thomas Morus´ „Utopia“ Pate. Zumindest in den näheren Umkreis gehören Campanellas „Civitas Solis“ (1602), Boccalinis „Ragguagli di Parnaso“ (1612/13) und Bacons „Nova Atlantis“ (1627). Während Saavedra einen eher kritischen Blick auf die gelehrte Republik wirft, fragte Bayle („Nouvelles de la République des Lettres“, 1684), wie sich die Gelehrten im Bewusstsein ihrer vorbildlichen Rolle zueinander verhalten. Diese République des Lettres wurde daraufhin zum idealen Musterstaat für aufgeklärte Hoffnungen.

Wichtig ist, dass die zeitgenössischen Autoren stets die wesentlichen Unterschiede zwischen Gelehrtenrepublik und dem politischen Staat aufzeigten. Vielmehr kam es zu einer bewussten Abgrenzung vom Staate dergestalt, dass man als eine Art moralische Instanz, als Gerichtshof der Vernunft auftrat, um sich so den Staat untertänig zu machen. Aus dieser Spannung zwischen der Herrschaft des Staates und seiner kritisch intellektuellen Opposition resultierte eine Neubestimmung der Kategorien „öffentlich“ und „privat“. Mitte des 18. Jahrhunderts rückte der Begriff der Vernunft ins Zentrum der Gelehrten. Lessing schreibt: „Die Vernunft ist die einzige Religion der Gelehrten – als Gelehrten – und Heiden, Mohammedaner, Juden, Christen sind dort zusammen“. Erneut wird hier der internationale Charakter einer solchen Gemeinschaft betont. Im „Jungen Gelehrten“ Lessings heißt es dazu: „Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt, er ist ein Kosmopolit…“[vi] Dem entgegen stand die Auffassung Klopstocks, der in seiner Schrift das nationale Wesen des Gelehrtentums betont. Es schlossen sich wieder die „Tore“ der längst weltbürgerlich geöffneten Gelehrtenrepublik. Bei ihm wurde sie zum Motto eines kulturpolitischen Programms. Der Stellenwert des Begriffs veränderte sich und das Modell einer gelehrten Republik wird den existierenden, in der Regel Akademien genannten Gesellschaften in kritischer Distanz gegenübergestellt. Die Realität wurde durch eine Fiktion, ein Programm ersetzt. Höchstens im freimaurerischen Logenwesen deckten sich Fiktion und Realität annäherungsweise.

3. Zeitgenössischer Kontext und Rezeptionsgeschichte

„Die Professores schrien in Collegiis dawider“ schrieb Johann Heinrich Voß, der Übersetzer der Ilias und der Odyssee, am 12. Juni 1774 an Boie und nahm damit Bezug auf die ablehnende Haltung des Publikums gegenüber dem gerade erschienenen Werk Klopstocks. Im Gegensatz dazu begrüßte die junge Dichtergeneration um Goethe die deutsche Gelehrtenrepublik als „Die Einzige Poetick aller Zeiten und Völcker“ (Goethe an Schönborn, 10. Juni 1776). Dabei entstammen Klopstocks Gedanken nicht einem einzelnen Geniestreich. Schon 1765 schrieb der Publizist und Erzähler Friedrich Nicolai an den Dramatiker Heinrich-Wilhelm Gerstenberg: „Die besten Köpfe in Deutschland machen der weiten Entlegenheit ohnerachtet, zusammen eine Art von kleiner Republik aus.“ (Brief vom 9. Juli 1765) Klopstock stellt sich mit seiner Schrift in den traditionellen Zusammenhang groß angelegter enzyklopädischer Bestrebungen, „die sich in der Schaffung von Akademien und Sprachgesellschaften konzentrierten und – besonders durch Leibniz – noch das 18. Jahrhundert prägten.“[vii] Richelieu hatte mit der Gründung seiner Académie Française bewiesen, dass der Einigung von nationalen Kulturbestrebungen auch politische Schlagkraft zukommt. Die reale politische Lage im deutschen reich war klar: Das Land war zerrüttet. Es bestand keine einheitliche Politik. Einzelne Mini-Staaten verwalteten sich selbst und der Bevölkerung ging es oftmals nicht gut. In dieser Zeit entstand die Sehnsucht nach einem geeinten Staat, einer zentralen Autorität, die den Ton angibt, die für eine bessere Zukunft sorgt. Der Nationalgedanke wuchs, konnte jedoch bis auf weiteres nicht realisiert werden. Die Sehnsucht, in einem geeinten und starken Deutschland zu leben, wurde nicht befriedigt. Da stellte die Literatur und damit das kulturelle Leben die Möglichkeit dar, die Einigung zumindest auf intellektueller Ebene zu erreichen. Ein Land, ein Staat im Geiste. Die Frage nach kultureller Identität wurde offen gestellt und diskutiert. Erneut ist zu betonen, dass der überaus starke Patriotismus der damaligen Zeit in keinster Weise aggressiv oder feindselig gegenüber den Nachbarstaaten zu verstehen ist, sondern lediglich der Sehnsucht nach nationaler Identifikation entsprang. Neidisch blickte man nach Frankreich und England. Für Klopstock stand der Genius des Individuellen im Mittelpunkt und seine Gelehrtenrepublik erscheint als eine einzige Anklage gegen die Rang vernichtenden Kräfte seines Zeitalters, gegen das von bleierner Mittelmäßigkeit getragene, gleichmacherische Kulturprogramm der gemeinen Aufklärung. Die Klugschwätzer und Schönredner, die Sophisten und philologischen Kleinkrämer, all das ganze unproduktive Gezwerg und Gewürm drohte in Klopstocks Augen die eigene Kultur zu ersticken und den Genius zu zermürben. Daher ist seine Gelehrtenrepublik streng hierarchisch, „aristokratisch“ strukturiert, sodass kein Laie am Entscheidungsprozess teilhaben und ihn somit stören oder gar stoppen kann. Die Aufklärung buhlte um den Beifall des Tages – Klopstock rang um den Kranz der Jahrhunderte.[viii] Das Publikum der Aufklärer litt unter dem Halbwissen ihrer Lehrer. Klopstock sammelte indes eine Elite von Verschworenen, einen Bund um sich, der – zumindest im Geiste – entschlossen war, durch einmalige, überragende Leistungen dem deutschen Namen in alle Zukunft Dauer zu verleihen. Mit seiner Kultur- und Literatursatire knüpft der Verfasser an Vorbilder wie Addison, Swift oder Pope an. In der Tat muss dem zeitgenössischen Leser das Werk sehr diffus vorgekommen sein. Aber genau hierin besteht ja Klopstocks Intention. Der Kulturkritiker offenbarte mit seiner Schrift sein eigenes Anliegen und diffamierte gleichzeitig die seiner Meinung nach Schuldigen. Nochmals zur direkten Rezeption des Werkes. Im bereits oben zitierten Brief Goethes an Schönborn nennt der Autor die Schrift ein „Herrliches Werk“, das ihm „neues Leben in die Adern gegossen“ habe. Alles sei darin „aus dem tiefsten Herzen, eigenster Erfahrung mit einer bezaubernden Simplizität hingeschrieben“. Für Goethe mag dies an Einfachheit kaum zu überbieten gewesen sein – für Siegeln. Nietzsche bedauerte deshalb auch, daß „das nachdenkliche Buch […] wohl bis heutigen Tag von niemandem ernst genommen worden“ sei.[ix] Das der Dichter nicht zum gefährlichen Verschwörer mutieren würde war spätestens dann klar, als er 3.600 Exemplare seines Werks an vermeintliche Mitstreiter ausliefern ließ. Klopstock wollte keine revolutionären Umbrüche, keine geheimen Pläne. Aus praktischer Sicht schien sein Vorhaben lächerlich. Dazu ein Zitat aus einem Brief von Merck an Nicolai vom November 1778: „Ich denke alle die schiefe Kerls von Mr. Klopstocks Suite werden zusammt dem Wesentl.en ihrer Religion in 20 Jahren verstäubt seyn, daß man sich einander wird ins Ohr erklären müssen, was das vor eine Art von Poesie war. Ehemals beim Arminius u. Zieglers Leben wars Worte Schwulst, jetzt ists GedankenSchwulst, den sie gerne in ThatenSchwulst poussieren wolten. Aber dafür bedankt sich die Welt. Ihre Deutschheit soll hoffentl. Nur in groß 8vo auf ungeleimtes Papier zu stehen kommen, u. weiter nicht.“

Festzuhalten ist, dass Klopstock als Vater der deutschen Klassik seinem Vaterland ein Stück geistiger Kultur, geistiger Einheit beschert hat. Er proklamierte eine völlig unabhängige, reindeutsche Literatur, nicht um „einem deutschtümelnden Naturalismus und Expressionismus das Wort zu reden“, sondern um die nationale Literatur und Dichtung als Norm für die europäischen Nachbarn zu etablieren. Karl Kindt wünscht in seinem Buch über Klopstock, dass „die Gelehrtenrepublik […] für unsere Zeit und unser Geschlecht in der Sprache unserer Tage neu geschrieben“ werde. Sinniger Weise stellt er aber zugleich die Frage nach der Möglichkeit: „Doch wer könnte das? Wer wäre unter uns, der an barockem Humor, an tiefer Gelehrsamkeit, an untrüglichem künstlerischen Urteil, an entscheidungsfreundlichem Mute, an glühender Vaterlandsliebe es mit Klopstock aufnähme?“

[...]


[i] Vgl. Mickel, S. 37.

[ii] Vgl. Kindt, S. 533.

[iii] Vgl. Ritter / Gründer, S. 226ff.

[iv] Ebd.

[v] Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 227.

[vi] Ebd., S. 230.

[vii] Vgl. Kohl, S. 114ff.

[viii] Vgl. Kindt, S. 492.

[ix] Ebd., S. 497f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die "Deutsche Gelehrtenrepublik" Friedrich Gottlieb Klopstocks. Rezeptionsgeschichte und Textanalyse
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V347152
ISBN (eBook)
9783668366381
ISBN (Buch)
9783668366398
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche, gelehrtenrepublik, friedrich, gottlieb, klopstocks, rezeptionsgeschichte, textanalyse
Arbeit zitieren
M. A. Marc Andre Ziegler (Autor), 2005, Die "Deutsche Gelehrtenrepublik" Friedrich Gottlieb Klopstocks. Rezeptionsgeschichte und Textanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347152

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