Bret Easton Ellis "Unter Null". Analyse eines untypischen Adoleszenzromans


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

ÄUßERER AUFBAU UND STILISTISCHE MITTEL

DIE DARSTELLUNG DER GEWALT IN UNTER NULL

DIE ROLLE DER FAMILIE

DIE ROLLE DER MEDIEN

AUSBLICK UND FAZIT

BIBLIOGRAPHIE

Einleitung

Bret Easton Ellis trifft mit seinem postmodernen pop- und untypischen Adoleszenzroman Unter Null, der im Jahre 1985 erstmals veröffentlicht wird, genau den Nerv der damaligen Zeit. Sexualität, Gewalt und der Einfluss der Medien in der Gesellschaft werden in dem Roman transparent dargestellt. Ellis Romandebüt entwickelt sich rasch zu einem kritisierten, aber auch viel gelobten Kultbuch, das von dem 20-Jährigen innerhalb eines Monats auf dem Fußboden seines Schlafzimmers für einen creative writing Kurs geschrieben wurde.[1] Er selbst ist in der Upperclass von L.A. aufgewachsen und vermittelt als Zeitzeuge einen Einblick in eine Spaßgeneration die mit Wertverfall, Verrohung, Abgestumpftheit und Rücksichtlosigkeit infiziert ist.[2]

Die Geschichte selbst spielt sich in einem kurzen Zeitraum über vier Wochen in den 1980er Jahren in Los Angeles ab.[3] Der Hauptprotagonist Clay studiert an der Ostküste in New Hampshire und reist über Weihnachten nach L.A. zu seinem Elternhaus, um dort seine Semesterferien zu verbringen. Während dieser Zeit trifft er seine alten Schulfreunde von der High-Society wieder. Clay und seine Freunde vertreiben sich ihre Zeit mit exzessivem Drogenkonsum, Experimenten auf bisexueller Basis, oberflächlichen Partys mit nichts sagenden Gesprächen und unsinniger Gewalt. Unbefriedigt suchen die jugendlichen Figuren im Roman immer wieder neue Wege, einen Kick zu bekommen, um der Langeweile zu entfliehen. Allerdings kennen sie schon alles und nichts kann ihnen mehr ein neues Erlebnis bieten. Folglich versinken sie in abgestumpfter Gleichgültigkeit und akzeptieren ein Leben in Monotonie. Es scheint, als wären sie das Demonstrativobjekt einer sinnentleerten Spaßgesellschaft geworden und könnten keine verbindlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen mehr eingehen.

Der Protagonist ist ein isolierter und depressiver Jugendlicher „[...] es fehlt ihm [Clay] die Bereitschaft zur Flucht, zur Veränderung, zur Abgrenzung von seiner Clique. Er akzeptiert dieses Leben in der Glitzerwelt von Unterhaltung und Konsum.“4 In den letzten Kapiteln wird deutlich, dass Clay in seinem Stupor, nur noch die Rückkehr nach New Hampshire bleibt, ohne eine neue Erkenntnis über das Erlebte gehabt zu haben. Anders als in einem typischen Adoleszenz Roman, entwickelt sich Clay nicht zu einem Individuum mit zunehmender Selbsterkenntnis. Der Roman endet schließlich mit seiner Rückkehr, welche eine „paralysierte Hoffnungslosigkeit"5 darstellen soll.

Beim Lesen des Romans entsteht der Eindruck, dass die Figuren die schrecklichen Erfahrungen in Gleichgültigkeit akzeptieren. Anhand einer systematischen Untersuchung der Sprache wird daher erörtert, welchen stilistischen und sprachlichen Mitteln Ellis sich bedient, um jene Emotionslosigkeit auch beim Leser hervorzurufen. Darüber hinaus werden die äußere Aufbauform und Auffälligkeiten, sowie versteckte Hinweise der Zeitstruktur geprüft. In einem zweiten Teil werden die verschiedenen, jedoch zusammenhängenden Aspekte wie, Gewalt, Familie, Sexualität und Medien im Roman untersucht und analysiert, um die soziokulturellen Zustände und ihre Auswirkungen auf die Figuren aufzuzeichnen.

Äußerer Aufbau und stilistische Mittel

Ellis erstes und sein als Hauptwerk geltendes Romandebüt Unter Null, enthält zahlreiche und unterschiedliche stilistische Mittel, die auf den ersten Blick nicht deutlich werden. Bei näherer Untersuchung jedoch, fällt auf, wie raffiniert er diese eingebaut hat. Zunächst aber ist der Handlungsverlauf ausschlaggebend, der sich in drei erkennbare Abschnitte aufteilen lässt: Der Rückkehr nach L.A., dem Aufenthalt in seiner Heimatstadt und die Abreise aus L.A.. Rückkehr und Abreise werden im Vergleich zum Aufenthalt sehr knapp gehalten und bilden den Rahmen um Clays Aufenthalt. Ellis übernimmt hier die strukturbildende Aufbauform des Initiationsreise-Romans.6 Von Anfang an wird deutlich gemacht, dass Clay nur vier Wochen in L.A. bleiben wird. Da sich bei seinem Aufenthalt und am Ende seiner Reise nichts zu verbessern scheint, gleichen die Erzählinhalte einer „kreisförmigen und zyklischen Schleifel"7

Der Aufenthalt in der Heimat bildet also den zentralen Abschnitt im Roman und lässt sich in zwei wesentliche, wichtige Handlungsstränge aufteilen. Ein zentrales Geschehen ist die Beziehung zwischen Clay und seiner Freundin Blair, die etappenweise auseinanderzubrechen droht und mit der Rückkehr Clays nach New Hampshire endet. Der zweite Handlungsstrang erzählt, die sich immer mehr verschlechternde Situation Julians, ein drogenabhängiger High-School Freund von Clay, dessen langsamer Untergang ebenso von Clay beobachtet wird und sich mit dem Tod Julians am Ende auflöst.

Insgesamt hat der Roman 108 Kapitel, die in sich geschlossen und nur selten miteinander verknüpfbar sind. Die Kapitel enthalten keinerlei Überschriften oder gar Nummerierungen. Davon sind 93 Kapitel des 180 - seitigen Romans, in der Gegenwart und in der Ich-Erzähl Form geschrieben. Diese durchgängige, in der Gegenwart geschriebene Handlung, vermittelt den Eindruck der Unmittelbarkeit und Dringlichkeit dieser Geschichte.[8]

Die Ausnahmen bestehen aus den zwölf Erinnerungssequenzen, die sich schon graphisch durch die kursive Schrift abheben, durch die die Handlung kurzzeitig unterbrochen wird.[9] Chronologisch geordnet zeigen sie teils positive, teils negative Erinnerungen auf. Man kann diese Zeitreise in die Vergangenheit als eine Flucht vor der Gegenwart und der aussichtlosen Zukunft interpretieren „Statt eines Aufbruchs zur Suche nach der eigenen Identität - einer Reise vorwärts -, reisen Ellis’ Figuren in Gedanken lieber zurück in die Kindheit.“[10]

Die Funktion dieser Erinnerungssequenzen ist unterschiedlich. An erster Stelle ist stets die Intention, dem Leser einen näheren Einblick in Clays Vergangenheit zu geben, in der sein Leben noch besser zu sein scheint. Des Weiteren dienen sie zur Strukturierung der Geschichte. Ebenfalls kennzeichnen sie sich auch durch den in der Vergangenheitsform (Präteritum) gewählten Tempus aus. Auffällig ist jedoch, dass Ellis im Erzähltempus des Romans kein Futur gebraucht, was eine potentielle Zukunftslosigkeit der Figuren erahnen lässt.11

Durch verschiedene, versteckte Eckdaten ist eine absolute Chronologie der Handlung zu erschließen. Diese Zeitfolge wird durch popmusikalische Bands, Poster, Videoclips, etc. erzielt.

Der Inhalt des Textes ist hauptsächlich einer dominant seriellen Erzählform zuzusprechen, die durch Wiederholungen und kohärente Alliterationen erzeugt wird. Dabei handelt es sich um eine Erzählform, welche inkohärent ist, also Zusammenhänge in der Handlung nicht zwingend erforderlich sind. Umgekehrt jedoch, bei der linearen Erzählform, die einen kohärenten Strang verfolgt und auf Zusammenhänge abzielt, zeigt sich am Ende eine Zustandsveränderung auf. Zu einer linearen Erzählhandlung gehört z. B. die Beziehung zwischen Clay und Blair oder Julian und Blair. Diese Relationen sind in sich zusammenhängend und der Prozess der Zustandsveränderung tritt bei beiden auf.

Clay ist nicht nur der Hauptprotagonist, sondern auch die autodiegetische Erzählerfigur. Also eine Figur, die nicht nur Teil der erzählten und erlebten Welt ist, sondern auch in einer Ich-Form die Handlung wiedergibt. Es ist festzuhalten, dass die erlebte Figur nicht identisch mit der Erzählerfigur ist, aus dem Grund, da das Erlebnis nicht darüber entscheidet wie etwas dargestellt wird.[12] Eine Wertung der Geschehnisse wird absichtlich weggelassen, was auf eine nicht Axiologische Instanz[13] verweist und die Beurteilung der Werte dem Leser überlassen werden. Die bewusst weggelassenen Adjektive, die zur Beschreibung der emotionalen Lage dienen, werden nur bei spezifischen Themen wie Sex und Gewalt öfter benutzt, um Detailgenauigkeit wiederzugeben. Ansonsten unterstreicht die Abwesenheit der Adjektive die Abgestumpfte Gefühlslage der Protagonisten.

Ellis zielt bei dem Sprachstil auf den mündlichen Jugend-Jargon ab, der den Wirklichkeitsbezug im Roman darstellen soll.[14] In Unter Null wird viel gesprochen, was aber nicht bedeutet, dass die Figuren sich untereinander über ihre Befindlichkeiten austauschen. Der Erzähler beschränkt sich beim Erzählen auf oberflächliche Details und dem Leser fehlen die inneren Befindlichkeiten, die so auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind.

[...]


[1] Vgl. Freese, Peter: Bret Easton Ellis, Less Than Zero. Entropy in the „MTV Novel?“ In: Modes of Narrative. Approaches to American Canadian and British Fiction. Hg.: Reingard M. Nischik and Barbara Korte. Würzburg, 1990. S. 68.

[2] Ellis, Bret Easton: Unter Null. Köln, 2013. S. 3. Der Text wird künftig unter der Sigle (Ellis 2013) mit der Angabe der Seitenzahl zitiert.

[3] Wagner, Annette: Postmoderne Im Adoleszenzroman Der Gegenwart: Studien Zu Bret Easton Ellis, Douglas Coupland, Benjamin Von Stuckrad-Barre Und Alexa Hennig Von Lange. Frankfurt am Main 2007. S. 209.

[4] Steur, Horst: Der Schein und das Nichts: Bret Easton Ellis’ Roman Less Than Zero. Essen,1995. S. 31.

[5] Ebd., S. 33.

[6] Ebd., S. 30.

[7] Vgl. Wagner Annette: Postmoderne Im Adoleszenzroman Der Gegenwart, S. 217.

[8] Steur, Steur, Horst: Der Schein und das Nichts, S. 35 - 36.

[9] Vgl. Ellis: Unter Null, S. 42f., S. 56f, S. 65f, S. 72f., S. 100f, S. 117f, S. 125f., S. 130f., S. 137,

S. 146., S. 147., S. 153f., S. 188f.

[10] Vgl. Wagner Annette: Postmoderne Im Adoleszenzroman Der Gegenwart, S. 289.

[11] Ebd., S. 222.

[12] Autodiagetischer Erzähler: „Der Ich-Erzähler ist zugleich auch die Hauptfigur.“ http ://www. jungeforschung.de/grundkurs/erzaehlen2.pdf (Zugriff am 20.08.2016).

[13] Axiologie: „Wertelehre“ http : //www.duden.de/rechtschreibung/Axiologie (Zugriff am 20.08.2016).

[14] Vgl. Wagner Annette: Postmoderne Im Adoleszenzroman Der Gegenwart, S. 226-227.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Bret Easton Ellis "Unter Null". Analyse eines untypischen Adoleszenzromans
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Philosophisches Intitut)
Veranstaltung
Neuere Deutsche Literaturwissenschaften
Note
1,5
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V347162
ISBN (eBook)
9783668364578
ISBN (Buch)
9783668364585
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ellis, Unter Null, Bret Easton Ellis, Germanistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaftz, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Postmoderne, Adoleszensroman, Roman, 80er, Medien, Werteverfall, Drogenkonsum, Los Angeles, Kreatives Schreiben, Deutsch, Hausarbeit, American Psycho
Arbeit zitieren
Zümeyran Berfin Sarica (Autor), 2016, Bret Easton Ellis "Unter Null". Analyse eines untypischen Adoleszenzromans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347162

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