Interkulturelle Kompetenz und Trainingsmethoden

Konzeption, Gestaltung, Wirksamkeit


Bachelorarbeit, 2016

102 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Relevanz
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Kultur
2.1.1. Die Wahrnehmbarkeit von Kulturen
2.1.2. Kulturelle Unterscheidbarkeit
2.1.3. Kultur als kohäsives Konstrukt
2.1.4. Interkulturalität
2.2. Kommunikation
2.2.1. Kommunikationsmodelle
2.2.2. Interkulturelle Kommunikation
2.2.2.1. Probleme der verbalen Ebene
2.2.2.2. Probleme der nonverbalen Ebene
2.2.2.3. Probleme der paraverbalen Ebene
2.2.2.4. Probleme der extraverbalen Ebene

3. Interkulturelle Kompetenz
3.1. Elemente interkultureller Kompetenz
3.2. Dimensionen interkultureller Kompetenz
3.2.1. Kognitive Dimension
3.2.2. Affektive Dimension
3.2.3. Verhaltensorientierte Dimension
3.3. Prozessmodelle
3.4. Interkulturelles Lernen

4. Interkulturelle Trainings
4.1. Historische Entwicklung und Zielgruppen
4.2. Lernziele interkultureller Trainings
4.3. Klassifikation interkultureller Trainings
4.3.1. Kulturübergreifend- didaktische Trainings
4.3.2. Kulturspezifisch-didaktische Trainings
4.3.3. Kulturübergreifend-erfahrungsorientierte Trainings
4.3.4. Kulturspezifisch-erfahrungsorientierte Trainings
4.4. Diskursanalytische Trainings
4.5. On- the- Job- Maßnahmen
4.6. E- Learning und E- Coaching

5. Ausgewählte Übungsmethoden
5.1. Kulturassimilatoren
5.2. Simulationen
5.2.1. BaFa- BaFa
5.2.2. Feldsimulationen
5.3. Kommunikations- und diskursanalytische Methoden
5.3.1. Linguistic Awareness of Cultures
5.3.2. Die Simulation authentischer Fälle

6. Erfolgsfaktoren und Gestaltungsaspekte der Konzeption interkultureller Trainings

7. Evaluation interkultureller Trainings
7.1. Ziele, Funktionen und Ebenen der Evaluation
7.2. Forschungsstand und Designs
7.3. Das Evaluationsmodell von Kirckpatrick
7.4. Evaluationsergebnisse: Wirksamkeit interkultureller Trainings
7.5. Problembereiche effektiver Evaluationen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Wahrnehmbarkeit von Kulturen

Abbildung 2: Die vier Ebenen des Kommunikationssystems

Abbildung 3: Das integrative Prozessmodell interkultureller Kompetenz

Abbildung 4: Der Akkulturationsverlauf nach Grove/ Torbiörn (1985)

Abbildung 5: Der interkulturelle Lernzirkel

Abbildung 6: Faktoren bei methodischen Gestaltung interkultureller Trainings

Abbildung 7: Verlaufskonzept eines interkulturellen Trainingsplans nach Thomas

1. Einleitung

1.1. Relevanz

Mit der Weiterentwicklung der technischen Kommunikations- und Informationsmittel wie dem Internet und dem mobilen Smartphone, der Verbesserung des Transportwe-sens und der zunehmenden Internationalisierung der Märkte, ging eine rasante Be-schleunigung der Kommunikationsprozesse einher, wodurch die Menschen heutiger moderner und globalisierter Gesellschaftssysteme dazu in die Lage versetzt wurden, über nationale und geografische Grenzen hinweg unabhängig von Ort oder Zeit mitei-nander kommunizieren zu können und sich mobiler als je zuvor im globalen Feld be-wegen und dort das eigene Leben gestalten zu können. Damit stellt die fortschreitende Ausdehnung von Internationalisierung und Globalisierung auf nahezu alle gesellschaft-lichen Bereiche nicht mehr nur international agierende Topmanager1 vor die Aufgabe, mit den Mitgliedern fremder Kulturen erfolgreich handeln zu müssen. Interkulturalität ist vielmehr zur direkten Realität geworden, das „Fremde“ ist in unmittelbare Nähe ge-rückt und interkulturelle Begegnungen und Beziehungen sind Alltag geworden.

Somit stellt interkulturelle Kompetenz nicht mehr länger nur für Mitarbeiter des inter-nationalisierten Wirtschaftssektors eine Schlüsselfähigkeit des 21. Jahrhunderts dar. Vielmehr finden sich auch auf politischer und sozialer Ebene zahlreiche Handlungsfel-der: So stellen z.B. Entwicklungsprojekte die Helfer in höchstem Maße vor die Not-wendigkeit, interkulturell angemessen mit den Menschen der jeweiligen fremden Kul-tur zu kooperieren und verlangen von ihnen eine interkulturelle Sensibilität und Kom-petenz enormen Ausmaßes, um Konflikte innerhalb dieses hochsensiblen Kontextes und ein Scheitern der Zusammenarbeit zu verhindern. Ähnlich anspruchsvoll gestalten sich die Aufgabengebiete der Pädagogik und Sozialhilfe, innerhalb derer infolge zahl-reicher gesellschaftlicher Veränderungen, wie z.B. Migration, interkulturelle Kompe-tenz zunehmend gefragt ist: Dementsprechend weist laut einer Umfrage aus dem Jahr 2015 der pädagogische Bereich mit 72 Prozent die höchste Durchführungsanzahl in-terkultureller Trainings zur Vermittlung derartiger Kenntnisse im deutschsprachigen Raum auf, gefolgt von gemeinnützigen Organisationen mit 55 Prozent (vgl. Mazziotta/ Piper/ Rohmann 2016, S. 10 f.).

Auch das Zusammenwachsen Europas auf politischer Ebene sowie die Entwicklung multikultureller Gesellschaften in bislang unbekanntem Ausmaß offenbart die Not-wendigkeit jeder an der menschlichen Gemeinschaft teilhabenden Person, interkultu-relle Kompetenzen zu entwickeln, um mit fremdkulturell sozialisierten Mitgliedern in unterschiedlichsten sozialen Kontexten angemessen kommunizieren und handeln zu können. Es gilt somit heutzutage, „Menschen allgemein für das Leben in einer multi-bzw. transkulturellen Gesellschaft heranzubilden.“ (Ang- Stein 2015, S. 188).

Die Notwendigkeit einer erneuten Betrachtung des Konzeptes der interkulturellen Kompetenz sowie einer Beantwortung der Frage, inwieweit diese gezielt durch Trai-nings zu fördern sind, gewinnt dabei durch zahlreiche Veränderung im beruflichen Handlungsfeld an zusätzlicher Brisanz: Im Zuge der umfassenden technischen und so-zialen Veränderungen hat sich eine wachsende Bedeutung virtueller Kooperationen und Arbeitsformen ergeben und dazu geführt, dass eine Auslandsentsendung nicht län-ger als unabdingbar für ein internationales Arbeitsleben erachtet wird, sondern sowohl Topmanager als auch Angestellte problemlos vom Heimatland aus mit Mitgliedern fremder Kulturen zusammen arbeiten können. Auch scheint eine Zunahme der Anzahl von Pendlern und Vielfliegern für die Zukunft des international verknüpften Arbeits-marktes eine absehbare Entwicklung (vgl. Bolten 2015, S. 182), weshalb sich als Folge all dieser Veränderungen eine tendenzielle Abkehr der Unternehmen von längerfristi-gen Auslandsentsendungen hin zu kurzen Aufenthalten in Form von Talentmanage-mentstrategien und virtuellen Kooperationen feststellen lässt, was von nahezu jedem Mitarbeiter eines Unternehmens interkulturelle Kompetenz erfordert (vgl. ECA Inter-national 2016; Mercer 2015)2.

Analog zu der Popularität der Annahme, dass interkulturelle Konflikte innerhalb dieser verschiedenen Kontexte vor allem auf kulturbedingten Verhaltens- und Einstellungs-differenzen der Beteiligten sowie auf einem defizitären Verständnis um die diesbezüg-liche Problematik beruhen, findet sich eine wachsende Nachfrage nach effektiven in-terkulturellen Trainings zur Vermittlung interkultureller Kenntnisse und Einstellungen, um Personen so auf die Herausforderungen einer interkulturellen Begegnung vorzube- reiten und dem stetig wachsenden Bedarf interkulturell kompetenten Personals nach- zukommen. Dementsprechend seien 36 Prozent der von ECA International befragten Führungspersonen von Großkonzernen ihren im Ausland arbeitenden Angestellten ge-willt, entsprechende Schulungsprogramme zu finanzieren (vgl. Expat News 2012, o.S.).Die daraus resultierende wachsende Nachfrage nach interkulturellen Trainings of-fenbart die Notwendigkeit einer erneuten Betrachtung, inwieweit interkulturelle Kom-petenz gezielt durch derartige Weiterbildungsmaßnahmen wirkungsvoll entwickelt werden kann, um Missverständnissen bei der alltäglichen unternehmensinternen Kom-munikation sowie der Zusammenarbeit mit Angehörigen fremder Kulturen vorbeugen zu können. Unabdingbar ist ebenso eine Auseinandersetzung mit der Frage, welche Formen interkultureller Trainings den neuartigen Anforderungen multikultureller und vernetzter Gesellschaften gerecht werden können.

1.2. Aufbau der Arbeit

Zentraler Begriff der vorliegenden Arbeit ist der des interkulturellen Trainings, welche im Allgemeinen als geeignete Maßnahme zur Förderung interkultureller Kompetenz betrachtet werden. Um aufzeigen zu können, auf welche Art und Weise diese gezielt entwickelt werden kann, sollen im ersten Teil der Arbeit die theoretischen Grundlagen und Begrifflichkeiten erläutert werden, wobei dabei besondere Bedeutung dem Begriff der „Kultur“ zukommt, deren Definition das Verständnis der beiden essentiellen Be-griffspaare der „interkulturellen Kompetenz“ und des „interkulturellen Trainings“ ent-scheidend prägt. Daher soll der Fokus des ersten Arbeitsschrittes darin bestehen, vor allem einige für die vorliegende Arbeit relevante Kulturverständnisse vorzustellen, kri-tisch zu reflektieren sowie darauf aufbauend das vorliegende Kulturverständnis darzu-stellen.

Da innerhalb dessen der wechselseitigen Beziehung zwischen Kommunikationspro-zessen und der menschlichen Lebenswelt eine große Bedeutung zukommt, soll zudem eine Erläuterung dieses engen Zusammenhangs hinsichtlich seiner Relevanz für den Kontext interkulturell erfolgreicher Zusammenarbeit erfolgen, um so eine Sensibilisie-rung für die Bedeutung der verschiedenen Kommunikationsebenen und kommunika-tiven Ausdrucksformen für das Zustandekommen interkultureller Konflikte zu schaf-fen. Auch soll daran anknüpfend das zentrale Konzept der interkulturellen Kompetenz erörtert werden mit der Absicht, diejenigen konkreten Persönlichkeitsmerkmale her-auszustellen, die eine Person forschungswissenschaftlicher Ansichten zufolge zu inter-kulturell angemessenem und erfolgreichem Handeln befähigen, sowie um darzulegen, auf welche Weise derartige persönliche Kompetenzen natürlich aufgebaut oder gezielt entwickelt werden können.

Der anschließende Abschnitt widmet sich dem Konzept des interkulturellen Trainings als zweitem Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit, wobei zu Beginn eine kurze Dar-stellung von dessen historischer Auseinandersetzung im gesellschaftlichen und for-schungswissenschaftlichen Kontext geschehen soll, um anschließend relevante gesell-schaftliche Zielgruppen und Kontexte aufzuzeigen, deren Entwicklung starke Bezüge auf die jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte und historischen Umstände aufweist. Auch sollen im Zuge dessen die konkreten Lernziele erläutert werden um aufzeigen zu können, wie diese die Trainingsteilnehmer bei der Entwicklung interkultureller Kom-petenzen zur Optimierung des eigenen Handelns im Kontakt mit Angehörigen einer fremden Kultur unterstützen können.

Daran anknüpfend soll zum besseren Verständnis ein populäres Klassifikationsschema interkultureller Trainings vorgestellt werden, doch soll zusätzlich zu diesem Ansatz exemplarisch ein linguistisch fundiertes Konzept vorgestellt werden, um die enorme Relevanz interkultureller Kommunikationskompetenz für erfolgreiche Zusammenar-beit und Handeln im interkulturellen Feld aufzeigen und darzulegen, inwieweit derart konzipierte Trainings den Trainees dazu dienlich sind, interkulturelle Kompetenz zu erlangen.

Da die vorliegende Arbeit ein holistisches Verständnis interkultureller Trainings ver-tritt, welche nicht lediglich Akteure des Wirtschaftssektors bei akut auftretendem Be-darf schnell und über punktuelles Training für den interkulturellen Kontakt ausbilden sollen, sollen zudem zwei weitere Trainingsansätze vorgestellt werden, die vor allem auch den neuesten gesellschaftlichen und informationstechnologischen Entwicklung Rechnung tragen. Schließlich sollen im Anschluss daran exemplarisch einige Übungs-methoden, wie sie in der Praxis interkultureller Trainings häufig ihre Anwendung fin-den, dargestellt und diskutiert werden, um aufbauend auf den im vorangehenden Teil der Arbeit gewonnenen Kenntnissen einige wichtige Aspekte aufzuzeigen, welche bei der Gestaltung eines effektiven, auf den Kontext global vernetzter Gesellschaftssys-teme bezogenes, Trainings zu berücksichtigen sind.

Im darauffolgenden Kapitel wird im Rahmen der Fragestellung, inwieweit interkultu-relle Trainings tatsächlich dazu in der Lage sind, interkulturelle Kompetenzen zu ver-mitteln und die Trainees zu zufriedenstellendem Verhalten im Umgang mit fremdkul- turellen Handlungspartnern zu befähigen, ein Überblick über die Evaluationspraxis in- terkultureller Trainings erfolgen. Grundlage dafür bildet eine kurze Betrachtung der all-gemeinen Evaluationsziele und -funktionen, sowie der Ebenen, auf die sich die Evalu-ation eines Untersuchungsgegenstandes erstreckt. Auch sollen die Fragen beantwortet, wie eine wirksame Evaluation zu gestalten ist, welche theoretischen Ansätze diesbe-züglich existieren und welche Vorteile die jeweiligen Perspektiven bieten. Zudem soll ein in der Evaluationspraxis interkultureller Trainings populäres Modell exemplarisch vorgestellt werden, ebenso wie auf einige Problembereiche bei der Wirksamkeitsüber-prüfung hingewiesen werden wird. Abschließender Schritt stellt die Zusammenfassung zentraler Erkenntnisse für die Gestaltung wirksamer Trainings zur Vermittlung inter-kultureller Kompetenz dar.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Kultur

Einer Untersuchung, inwiefern interkultureller Handlungserfolg spezielle Kompeten-zen bei den Interaktionspartnern voraussetzt, sowie ob derartige Fähigkeiten einer ge-zielten Förderung und Entwicklung durch spezielle interkulturelle Trainings bedürfen, muss eine Klärung des Grundbegriffes „Kultur“ vorausgehen, da ein Verständnis um das Konzept der interkulturellen Kompetenz letztendlich von dem jeweiligen For-schungskontext und dessen Kulturverständnis bedingt wird. Dabei offenbart sich be-reits bei einer oberflächlichen Betrachtung von Publikationen zu diesem Thema die Problematik, dass es an innerhalb der Kulturforschung einer eindeutigen Definition scheinbar mangelt, was eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thema-tik erheblich erschwert3.

Daher empfiehlt es sich zunächst, eine Kategorisierung des Kulturbegriffes anhand zweier Ansätze vorzunehmen: Der enge Kulturbegriff versteht Kultur als Inbegriff des „Schönen, Wahren und Guten“ (Bolten 2013, S. 22) und weist damit eine große Nähe zum alltäglichen Wortgebrauch im Sinne einer Geisteskultur und den unterschiedlichen Ausprägungen von Kunst auf, ist jedoch für die vorliegende Arbeit nicht von Relevanz, da er die Bedeutung von Kultur auf Phänomene einer Hochkultur reduziert und dem-entsprechend einengt.

Hingegen soll im weiteren Verlauf der Arbeit Kultur im Sinne eines erweiterten Kul- turbegriffs verstanden werden, demzufolge Kultur die unterschiedlichen Manifestatio-nen menschlichen Handelns in seiner Lebensumwelt darstellt. Dies umfasst sowohl materielle, als auch immaterielle Ausprägungen in den verschiedenen Lebensbereichen von Religion, Ethik, Recht, Technik, Kunst und Bildung, wobei diese das Resultat des bisherigen menschlichen Schaffens im gesellschaftlichen Zusammenleben darstellen. Zum besseren Verständnis dieses Kulturbegriffes soll im Folgenden ein Kulturmodell vorgestellt werden, welches von besonderer Relevanz für interkulturell erfolgreiches Handeln ist, indem es die fragliche Wahrnehmbarkeit kultureller Eigenheiten themati-siert, sowie das hohe Konfliktpotenzial interkultureller Begegnungen veranschaulicht.

2.1.1. Die Wahrnehmbarkeit von Kulturen

Die besondere Leistung, die dem vorgestellten Modell zukommt, liegt darin, das Be-wusstsein dafür zu schärfen, dass sich die Wahrnehmbarkeit kultureller Charakteristika auf die Oberfläche der sozialen und materiellen Dimension von Kultur beschränkt, z.B. auf die Sprache, Kleidung oder die sozialen Umgangsformen, jedoch nicht auf die zu-grundeliegenden mentalen Einstellungen erstreckt. Letztere werden Bolten folgend als „perceptas“ bezeichnet und verweisen als Zeichen auf die zugrundeliegenden kultur-spezifischen Denk- und Handlungskonzepte, hier „conceptas“ genannt, z.B. die gesell-schaftlichen Werte und Normen oder die vom Kollektiv als richtig empfundenen Ver-haltensweisen. Dementsprechend stellt die Ebene der „perceptas“ im vorliegenden Mo-dell die Rituale, Sitten und materiellen Ausprägungen einer Kultur dar, während die tieferliegende Ebene die Gründe und Ursachen für deren Entstehung liefert (vgl. Bolten 2003, zit. Nach: Erll/ Gymnich 2010, S. 24f.).

Auch Schein verweist in seinem Kulturverständnis auf die Probleme, die sich bezüglich der Wahrnehmbarkeit mentaler kulturspezifischer Handlungs- und Denksysteme erge-ben, indem er Kultur in drei hierarchisch aufeinander aufbauende Ebenen untergliedert, deren Wahrnehmbarkeit und Bewusstseinsfähigkeit von der obersten zur untersten Ebene hin stetig abnimmt, sodass die unterste Dimension gänzlich im Unterbewusst-sein der Mitglieder einer Kultur verankert ist und dementsprechend nicht bewusstseins-fähig ist (vgl. Schein 1985, zit. Nach: Podsiadlowski 2004, S. 7 f.). Bringt man die bei-den genannten Vorstellungen nun in Zusammenhang miteinander, so ergibt sich fol-gende modellhafte Darstellung der Wahrnehmbarkeit kultureller Eigenheiten:

Abbildung 1: Die Wahrnehmbarkeit von Kulturen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Bolten 2003, zit. nach: Erll/ Gymnich 2010, S. 24 ff.; Schein 1985, zit. Nach: Podsiadlowski 2004, S. 7 f.

Dabei verweist die hierarchische Anordnung der unterschiedlichen Dimensionen in-nerhalb der pyramidenhaften Darstellung auf die Schwierigkeiten hin, die sich bezüg-lich der Wahrnehmbarkeit kultureller Muster ergeben: Indem die sichtbaren Elemente einer Kultur lediglich den kleinsten Teil einer Kultur ausmachen, der größte Teil jedoch verborgen und im Unterbewusstsein vorliegt, können sich enorme Schwierigkeiten bei der interkulturellen Zusammenarbeit ergeben. Podsiadlowski veranschaulicht dies fol-gendermaßen: Versteht man die Kulturpyramide als Eisberg, so wird offensichtlich, dass die zugrundeliegenden kulturspezifischen Denk- und Handlungsmuster, d.h. die „conceptas“ als unter Wasser zu lokalisierendes Fundament des Eisberges mit den „conceptas“ einer anderen Kultur zusammenstoßen können, ohne dass auf der sichtba-ren Ebene der „perceptas“ erkennbar würde, was die Ursachen dieses Zusammenstoßes sind (vgl. Podsiadlowski 2004, S. 7 f.).

Die Problematik in der interkulturellen Interaktion ergibt sich nun daraus, dass die „per-ceptas“ als wahrnehmbare Manifestationen der kulturbedingten Basisannahmen bei-spielsweise als kulturspezifische Verhaltensweisen je nach Kultur auf unterschiedliche zugrundeliegende Muster verweisen können und die „conceptas“ ebenso kulturspezi-fische Ausdrücke haben können, sodass sich diesbezüglich eine große Variations- und Deutungsvielfalt in unterschiedlichen Kulturen ergibt. Es sind nun eben diese enormen kulturellen Differenzen hinsichtlich der Interpretationsmöglichkeiten der „perceptas“, aus welchen Konflikte resultieren können, da der Mensch in der Interaktion mit Ange- hörigen einer fremden Kultur aufgrund der eigenen zugrundeliegenden „conceptas“ aus den „perceptas“ seines Interaktionspartners Rückschlüsse auf die zugrundeliegende Handlungsintention zieht und das Verhalten seines Gegenübers dementsprechend in-terpretiert. Doch ist es für interkulturell erfolgreiche Kooperation und Kommunikation vonnöten, dass in Anschluss an die spontane Deutung der „perceptas“ auf Basis der eigenen Interpretationsperspektive darüber hinaus eine Reflexion über die Zusammen-hänge und den jeweiligen kulturellen Kontext geschieht und das eigene Verhalten die-sem entsprechend angepasst wird.

Ein solches Kulturverständnis soll ein erhöhtes Bewusstsein für die Kulturgebunden-heit menschlichen Verhaltens ermöglichen und zur Reflexion über die Bedeutung kul-tureller Eigenheiten für interkulturelle Interaktionen und Kommunikationsprozesse an-regen. Doch darf dieses Modell nicht zu einem Verständnis von Kulturen als homogene Gebilde führen, die sich anhand ihrer wahrnehmbaren Oberflächenstruktur in Form von Sprache, Gebäuden und Ritualen klar und eindeutig voneinander differenzieren lassen und als statische Konstrukte das Handeln ihrer Mitglieder vorherbestimmen. Vielmehr soll es dazu dienen, Kulturen hinsichtlich ihres zusammenhaltstiftenden Po-tenzials zu begreifen, indem sie ihren Mitgliedern einen gemeinsamen Orientierungs-raum mit gewissen Verhaltens- und Denkregeln bieten, sowie ein erhöhtes Bewusstsein für die Kulturgebundenheit menschlichen Handelns zu ermöglichen und zur Reflexion über die Bedeutung kultureller Eigenheiten für interkulturelle Interaktionen anzuregen.

2.1.2. Kulturelle Unterscheidbarkeit

Innerhalb des erweiterten Kulturbegriffes kommt dem Verständnis von Kultur als „kol-lektive Programmierung des Geistes, welche die Mitglieder einer Gruppe oder Katego-rie von Menschen von anderen unterscheidet“ (Hofstede 1993, zit. Nach: Lüsebrink 2012, S. 11) eine große Bedeutung zu, wonach Kultur ein durch national- ethnische-Zugehörigkeit bestimmtes, und durch geteilte Verhaltens- und Denksysteme ausge-zeichnetes, Kollektiv darstellt. Damit versteht Hofstede Kulturen als statische und ho-mogene Gebilde, deren materiellen und nicht- materiellen Ausdrucksformen be-stimmte kulturspezifische Muster im Sinne kollektiv geteilter Werte und Einstellungen zugrunde liegen, deren Ursprünge Hofstede im Sozialisationsprozess des Individuums in seiner Lebensumwelt (vgl. Hofstede 2010, S. 5) sieht, wodurch das Verhalten und das Denker der Mitglieder einer Kultur kulturell geprägt werden. Dementsprechend schreibt er Kulturen eine gewisse Kohärenz und damit klare Unterscheidbarkeit von anderen Kulturen anhand von ursprünglich vier, eindeutig deduzierbaren Kulturdimen- sionen zu, die er in späteren Schriften um eine fünfte erweitert und deren empirische Grundlage eine von ihm Anfang der 1970er Jahre durchgeführten Studie für IBM bil-det.

Einen ähnlich kulturalistischen Ansatz vertritt Alexander Thomas mit dem von ihm entwickelten Konzept der „Kulturstandards“, welche er als kulturspezifische Orientie-rungssysteme versteht, die von der Mehrheit einer Kultur oder Gruppe als typisch be-trachtet werden und dementsprechend, sofern das Individuum konform mit diesen han-delt, die Mitglieder zu gesellschaftliche akzeptiertem Handeln miteinander befähigen. Der Mensch erlernt Kultur demnach im Lauf seines Lebens und wird durch die Aneig-nung kulturspezifischer Handlungsmuster in seinem Verhalten entscheidend geprägt, was bei interkulturellen Interaktionen wiederholt zu Missverständnissen führen kann (vgl. Bosse 2011, S. 37), da kulturelle Verhaltensdifferenzen Thomas zufolge natürlich sind und unweigerlich zu Konflikten führen müssen.

Beide kulturkontrastierenden Ansätze haben im Kontext der interkulturellen Kommu-nikation und bei der Entwicklung interkultureller Trainingskonzepte und -methoden eine bedeutende Rolle gespielt, indem sie suggerieren, dass klar ableitbare, kulturspe-zifische Muster als psychologische Prämissen beim Aufeinandertreffen von Mitglie-dern unterschiedlicher Kulturen in die interkulturelle Interaktionssituation eintreten und deren weiteren Verlauf klar antizipierbar machen, indem die jeweiligen Kultursysteme handlungswirksame Elemente direkt in die Situation miteinbringen. Demnach könnten interkulturelle Missverständnisse anhand solcher systematisch erarbeiteten, kulturspe-zifischen und psychologischen Interaktionsvoraussetzungen erklärt und auf kulturelle Differenzen zurückgeführt werden, um auf Basis der identifizierten Muster entspre-chende Trainingsmaßnahmen zur Vermeidung interkultureller Konflikte gestalten zu können.

Aus dieser vereinfachenden und stark funktionalistischen Sichtweise auf das Phäno-men Kultur als einer Reihe kulturspezifischer Muster, sowie aus der Annahme, klare Handlungsmaximen für die Optimierung des eigenen Verhaltens in interkulturellen Be-gegnungen bereitstellen zu können4, ergibt sich die große Popularität solcher Kultur-konzepte bei der Entwicklung interkultureller Trainingsprogramme, da diese Ansätze eine entsprechend große Operationalisierbarkeit aufweisen.

Doch scheint das Verständnis von Kultur als einem auf Nationalstaatlichkeit beruhenden Konstrukt angesichts der zunehmenden Komplexität moderner Gesellschaftssysteme veraltet. Zudem muss berücksichtigt werden, dass die Handlungen eines Individuums keinesfalls durch kulturelle Prägung eindeutig determiniert sind und dass auch innerhalb möglicherweise festzustellender kultureller Verhaltensmittelwerte das Verhalten des Individuums von solchen abweichen kann, denn „…culture is as much an individual, psychological construct as it is a social construct. [...] Individual differences in culture can be observed among people in the degree to which they adopt and engage in the attitudes, values, beliefs, and behaviors that, by consensus, constitute their culture.“ (Matsumoto 1996, S. 18).

Das bloße Wissen um solch fremdkulturellen Verhaltensmittelwerte bietet daher keine klare Vorhersagbarkeit fremdkulturellen Handelns, da dies eine Generalisierung dar-stellen würde, welche der Komplexität kultureller Phänomene, z.B. dem heterogenen und wandlungsfähigen Charakter von Kulturen, sowie dem Einfluss der individuellen Persönlichkeit auf die eigene Verhaltensweise nicht gerecht werden würde. Die An-nahme von statischen kulturspezifischen Handlungsstandards fördert zudem die Ent-wicklung kultureller Stereotype, indem Konflikte auf kulturelle Differenzen zurückge-führt werden, eine tiefergehende Problemursachenergründung nach eventuell abwei-chenden Erklärungsansätzen, z.B. hinsichtlich linguistischer Aspekte, persönlicher Be-dingungselemente oder externer Umweltfaktoren5, jedoch zumeist ausbleibt. Die dar-aus resultierenden Vorurteile gehen wiederum als mentale Voraussetzungen und Er-wartungen der Teilnehmer interkultureller Trainings in künftige Kommunikationspro-zesse mit fremdkulturellen Handlungspartnern ein und prägen deren weiteren Verlauf entscheidend mit.

Große Bedeutung kommt im Kontext solcher Ansätze, welche verschiedenen Kulturen eine gewisse Kohärenz und Verhaltensvorhersagbarkeit zuschreiben, auch der umfassenden Kulturdefinition von Kroeber und Kluckhohn zu, deren Nutzen im Kontext der interkulturellen Kommunikation sich jedoch aus dem Zusammenhang erschließt, den sie zwischen Kultur und menschlichem Verhalten herstellt:

„Culture consists of patterns, explicit and implicit, of and for behaviour acquired and trans- mitted by symbols, constituting the distinctive achievements of human groups, including their embodiments in artefacts; [...] culture systems may, on the one hand, be considered as products of action, on the other as conditioning elements of further action.“ (Kroeber/ Kluckhohn 1952, zit. Nach Ehnert, 2004 S. 8).

Diese Definition verdeutlicht jedoch vor allem die Tatsache, dass es sich bei Kulturen um vom Menschen geschaffene Konstrukte handelt und damit zugleich als Ergebnis und Voraussetzung menschlichen Handelns gelten: Kultur und Mensch befinden sich in einer durch Wechselseitigkeit gekennzeichneten Beziehung zueinander. Zudem ver-weisen Kroeber und Kluckhohn damit auf die Tatsache, dass Kultur der Organisation menschlichen Handelns dient und somit wiederkehrende Handlungsroutinen bietet, die bei der Interaktion angewandt und die als wahrnehmbare Manifestation kultureller Sys-teme durch den Interaktionspartner unbewusst interpretiert werden.

Doch können die vorgestellten kulturkontrastierenden Ansätze für die Deutung inter-kultureller Missverständnisse nur eingeschränkte Bedeutung haben: Ihr Vorteil im Kontext der Konzeption interkultureller Trainings besteht vor allem in der Übersicht-lichkeit, welche eine solche Vereinfachung kultureller Differenzen bietet, sowie in dem Bereitstellen von kulturspezifischen Verhaltensmittelwerten, aus denen heraus mögli-che Hypothesen zur Interpretation sowie kulturadäquate Normalitätserwartungen für fremdkulturelles Handeln abgeleitet werden können. Demnach kann die Kenntnis um solche vom Kollektiv geteilten kulturspezifischen Muster die Interagierenden dabei un-terstützen, das fremde Verhalten verstehen und entsprechend reagieren zu können, je-doch müssen dabei stets der dynamische Charakter von Kultur und der einzelnen Kom-munikationsprozesse berücksichtigt werden, innerhalb derer die verschiedenen Inter-aktionspartner ihr Handeln realisieren und den Umständen einer Situation entsprechend aktualisieren.

2.1.3. Kultur als kohäsives Konstrukt

Dementsprechend soll Kultur im weiteren Verlauf dieser Arbeit verstanden werden als wandelbares, heterogenes und von den Menschen einer Gemeinschaft geschaffenes Konstrukt, weshalb hier in Abgrenzung zu den kulturkontrastierenden Ansätzen Hof-stedes und Thomas‘ ein Kulturverständnis dargestellt werden soll, welches in Anleh-nung an Hansen entwickelt wurde und vor allem für eine Betrachtung der innerhalb der Interaktion stattfindenden Prozesse interkultureller Missverständnisse von großer Be- deutung ist. Diesem Verständnis zufolge bietet Kultur weniger gleichförmige und sta- tische Orientierungs- und Verhaltensmuster, als vielmehr ein gemeinsames „‘kulturelles Gedächtnis‘“ (Erll/ Gymnich 2010, S. 29), welches den Mitgliedern einer Kultur gewisse Handlungsräume und Realisierungsspektren liefert, innerhalb derer sich jedoch große individuelle Variationen finden, die die „vielfältigen Realisierungen eines geteilten Möglichkeitsraums“ (ebd., S. 30) bilden.

Dementsprechend würden Kulturen durch das vom Kollektiv geteilte Wissen um der-artige Möglichkeitsräume sowie die Vertrautheit mit den verschiedenen individuellen Ausprägungsmöglichkeiten und individuellen Standpunktdifferenzen zusammenge-halten. Hansen schreibt diesbezüglich: „Wir kennen diese Standpunkte, und wenn wir sie hören, wissen wir, dass wir zu Hause sind.“ (Hansen 2003, zit. Nach: ebd., S. 31). Ebenso wird dem Phänomen der Standardisierung wird dabei durch Hansens Defini-tion Rechnung getragen, indem er Kultur als Resultat von Gewohnheitsbildung be-trachtet, die sich auf die Bereiche der Kommunikation, des individuellen Denkens, der Emotionen und des Verhaltens und Handelns erstreckt (vgl. ebd., S. 20).

Aus diesem Grund soll dieser Arbeit das soeben erläuterte kohäsionsorientierte Kultur-verständnis zugrunde liegen, da dieses zum einen zwar die Heterogenität moderner Ge-sellschaften berücksichtigt, zudem jedoch die Tatsache kulturell bedingter Gewohnhei-ten und Normalitätserwartungen in Kollektiven zu erklären vermag. Für die Planung interkultureller Schulungsprogramme ist dieses Verständnis besonders wertvoll, indem es den Trainees über Beschreibungen von kollektiv geteilten Denkmustern einen Ori-entierungsrahmen bietet, jedoch unter Berücksichtigung des Aspektes, dass innerhalb dessen eine große Variation an individuellen Identitäten und Variationen vorzufinden ist.

2.1.4. Interkulturalität

Häufig finden sich in Literatur und Alltagsgebrauch eine synonyme Verwendung der Begriffe „Interkulturalität“ und „Multikulturalität“, doch während Multikulturalität sich lediglich auf die gegebene Tatsache bezieht, dass Gesellschaften, und in besonderem Maße moderne Gesellschaften, aus Mitgliedern verschiedener Kulturen bestehen, wel-che unabhängig voneinander und ohne stattfindende Interdependenzen existieren, be-schreibt Interkulturalität die Resultate und Konsequenzen von Kommunikationspro-zessen und muss daher erst durch bestimmte Verhaltensweisen erreicht werden.

Dabei verweist bereits die Wortbedeutung des lat. „inter“, zwischen, auf den intersub- jektiven und dynamischen Charakter des Begriffes „Interkulturalität“, indem dieser das Aufeinandertreffen von Mitgliedern unterschiedlicher Lebenswelten beschreibt, denen die Regeln der interkulturellen Begegnung sowie mögliche kulturelle Unterschiede zu-meist unklar sind, wobei sich die Handlungspartner im Wechselspiel gegenseitig be-einflussen. Demnach wird Interkulturalität ebenso wie Kultur im Interaktionsprozess von Menschen ständig neu erzeugt und verändert, sie entsteht als Resultat der gegen-seitigen Beeinflussung in der Beziehung dieser Interaktionspartner mit divergierenden kulturellen Hintergründen als ein „Drittes“, also als eine Zwischenlebenswelt, die kei-ner der beteiligten Lebenswelten vollkommen gleich ist. Dementsprechend werden als interkulturell „alle Beziehungen verstanden, in denen die Beteiligten nicht ausschließlich auf ihre eige-nen Kodes, Konventionen, Einstellungen und Verhaltensformen zurückgreifen, sondern in denen andere Kodes, Konventionen, Einstellungen und Alltagsverhaltensweisen erfahren werden. Dabei werden diese als fremd erlebt und/ oder definiert.“ (Bruck 1994, zit. nach: Lüsebrink 2012, S. 7).

Dabei ermöglicht die wechselseitige Beziehung und Kommunikation zwischen den Angehörigen von mindestens zwei unterschiedlichen Kulturen ein gegenseitiges Ver-ständnis um die Differenzen und Gemeinsamkeiten der beiden Kulturen, wobei über persönliche Reflexion der eigen- und fremdkulturellen Muster in Wechselbeziehung mit dem Interaktionspartner eine neue Qualität erreicht werden kann. Dementspre-chend birgt Interkulturalität hohes synergetisches Potenzial, doch kann es ebenfalls in-nerhalb der interkulturellen Beziehung und den Interaktionsprozessen häufig zu Miss-verständnissen kommen. Da sich diese Konflikte häufig auf der Ebene der verbalen Kommunikation zeigen, bzw. aus kommunikativen Missverständnissen resultieren, soll im Folgenden der Begriff der „Kommunikation“ näher erläutert werden.

2.2. Kommunikation

Eine Sensibilisierung um den Einfluss kulturspezifischer Muster auf den Verlauf und das Ergebnis einer interkulturellen Begegnung gilt zentrales Element eines interkultu-rellen Trainings, doch muss darüber hinaus die Bedeutung kultureller Faktoren als Konfliktursache relativiert und um eine linguistische Perspektive erweitert werden, welche kritische Interaktionssituationen nicht bloß auf kulturelle Differenzen, sondern darüber hinaus auch u.a. auf verbale, nonverbale und paraverbale Aspekte des Miss-verständnisses hin untersucht. Dies beugt der Gefahr einer rein auf psychologischen Interaktionsprämissen beschränkten Problemerfassung interkultureller Kommunikati- onssituationen vor und ermöglicht es den Teilnehmern derartig konzipierter Trainings, die Gründe der kommunikativen Handlungen des fremdkulturellen Partners nicht le-diglich in den kulturbedingten Differenzen zu suchen, sondern zudem auch hinsichtlich sprachlicher Aspekte einschätzen zu lernen und dementsprechende Handlungsoptio-nen zu entwickeln.

Da folglich die interkulturelle Kommunikationsfähigkeit als zentraler Bestandteil der interkulturellen Handlungskompetenz betrachtet wird, sowie um das enge Wechselver-hältnis von Kommunikation und Kultur verdeutlichen zu können, soll nun eine kurze Darstellung und Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kommunikation und der einzelnen Kommunikationsprozesse erfolgen. So finden sich in der wissenschaftlichen Literatur zahlreiche Definitionsangebote des Begriffes „Kommunikation“, dement-sprechend kommt jede Forschungsdisziplin ihrem jeweiligen Erkenntnisinteresse fol-gend zu einem anderen Ergebnis: Während die Sprachwissenschaften inhaltliche As-pekte der Kommunikation fokussieren, untersuchen Psychologen und Marketingex-perten hingegen die Art und Weise sowie das Ziel von Kommunikationsprozessen (vgl. Bolten 2015, S. 11).

Allgemein empfiehlt es sich daher, zunächst Kommunikation aus etymologischer Perspektive heraus zu betrachten. Dabei verweist die Wortbedeutung des lat. „communicare,“ etwas gemeinsam machen (vgl. Bolten 2013, S. 43), sowohl bereits auf den interpersonalen Aspekt des Kommunikationsprozesses als auch auf die hohe Relevanz, welche Kommunikation als Wirklichkeit konstruierendes Element im Zusammenhang mit dem Entstehen und der Wandelbarkeit von Kulturen zukommt.

Dabei soll hier ein Kommunikationsverständnis zugrunde gelegt werden, welches sich vor allem auf die direkte interpersonale Face- to- Face- Kommunikation mindestens zweier Kommunikationspartner bezieht, deren Sprachhandlungen als zielgerichtet und aufeinander eingestellt zu verstehen sind. Basis dessen bildet die Annahme, dass Kom-munikation als Sprachhandlung, d.h. zielgerichtetes Verhalten zu verstehen ist: Jede kommunikative Handlung stellt den Versuch von Menschen dar, anderen etwas Be-stimmtes mitteilen zu wollen, um eine gemeinsame Basis geteilter Bedeutungen zu schaffen und so eine tatsächliche Verständigung zu erzielen (vgl. Burkart 2002, S. 26 ff.). In diesem Zusammenhang kommt Sprache als zentralem Kommunikationsme-dium eine elementare Rolle innerhalb der interpersonalen Kommunikationsprozesse zu, doch machen verbale Ausdrücke bei Gesprächen und Verhandlungen lediglich höchstens 20 Prozent dessen aus, was wir als Nachricht zu vermitteln versuchen (vgl. Baumer 2004, S. 29). Bolten unterscheidet daher im Sinne eines weiten Kommunikationsbegriffes, welcher sich nicht auf die verbalkommunikativen Aspekte beschränkt, zwischen vier Ebenen der Kommunikation, welche als verbale, nonverbale, paraverbale und extraverbale Kommunikationsausdrücke im Zusammenspiel miteinander das Kommunikationssystem einer bestimmten Situation bilden:

Abbildung 2: Die vier Ebenen des Kommunikationssystems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: vgl. Bolten 2015, S. 21 ff.; Erll/ Gymnich 2010, S. 84.

Innerhalb der so konstituierten Kommunikationssituation bilden die verschiedenen Ausdrucksmittel die Zeichen, welche auf die vom Sender intendierte Bedeutung der Nachricht hinweisen und die von den jeweiligen Kommunikationspartnern auf Basis der eigenen „Zeichenschätze“ interpretiert werden und infolgedessen den Charakter und weiteren Verlauf des Kommunikationsprozesses prägen. Dabei kann Bedeutung sowohl über verbale, als auch nonverbale Zeichenvermittlung erzeugt werden, weshalb diese beiden kommunikativen Elemente grundsätzlich als unabhängig voneinander ge-dacht werden können, doch stehen jene vier Ebenen der Kommunikation im Allgemei-nen in einem engen Wechselverhältnis zu einander und ergänzen und verstärken sich gegenseitig: So gewinnen verbal geäußerte Nachrichten durch entsprechende Mimik oder Gestik zusätzlich an Bedeutung. Zeigt sich allerdings eine scheinbare Diskrepanz zwischen verbaler und nonverbaler Nachricht, führt dies häufig zu Irritationen und Missverständnissen, da der Empfänger sich Schwierigkeiten bei der eindeutigen und korrekten Interpretation gegenübersieht (vgl. Erll/ Gymnich 2010, S. 85), was vor allem im Kontext interkultureller Kommunikation enorm an Gewicht gewinnt.

2.2.1. Kommunikationsmodelle

Um den komplexen Ablauf von Kommunikationsprozessen veranschaulichen zu kön-nen wurden zahlreiche Modelle entworfen, welche sich auf den bereits angedeuteten interpersonalen Aspekt von Kommunikation konzentrieren, bei denen sich jedoch oft-mals eine starke Fokussierung der notwendigen Faktoren einer störfreien Weitergabe von Sachinformationen einer Person an einen oder mehrere Kommunikationspartner feststellen lässt.

Exemplarisch für ein solches Verständnis soll hier das populäre „Sender- Empfänger-Modell“ genannt werden, welches vor allem die Optimierung der technischen Rah-menbedingungen des Kommunikationsprozesses in den Fokus stellt. Diesem Modell zufolge bedeutet Kommunikation die Übertragung einer Nachricht oder eines Zeichens von einem Sender an einen Empfänger, indem der Sender eine Nachricht bestimmten Inhaltes in Form von Symbolen, z.B. phonetische Laute, kodiert. Über einen Kanal wird dieses Signal an den Empfänger weitergeleitet, dem nun die Aufgabe zukommt, die empfangenen Daten zu dekodieren. Dementsprechend ist Kommunikation zielge-richtet, sie dient der Übermittlung einer Nachricht mit bestimmtem Inhalt.

Für den Kontext der interkulturellen Kommunikation bedeutsam ist dieses Modell vor allem durch sein Potenzial zur Sensibilisierung für die Störanfälligkeit kommunikativer Prozesse geworden: So kann es auf dem Übertragungsweg zwischen Sender und Emp-fänger zu erheblichen Beeinträchtigungen und einer Veränderung des gesendeten Sig-nals kommen, sodass bei der anschließend zu erfolgenden Dekodierung dessen durch den Empfänger Fehler und dementsprechend Missverständnisse im Kommunikations-prozess entstehen können.

Die enorme Popularität dieses Kommunikationsmodells ergibt sich vor allem aus sei-ner stark vereinfachenden, die technisch- kommunikativen Prämissen von Kommuni-kationsprozessen fokussierenden Perspektive. Doch berücksichtigt ein solch informa-tionstheoretisches Kommunikationsmodell in seiner ursprünglichen Form nicht, dass beim Kodieren und Dekodieren einer Nachricht bei Sender und Empfänger unter-schiedliche Sprachhandlungskonventionen, Zeichensysteme oder Sprachkenntnisse zugrunde liegen können, was bereits in der intrakulturellen Begegnung zu Konflikten führen kann, jedoch im Kontext der interkulturellen Kommunikationssituation zusätz- lich an Konfliktpotenzial gewinnt und dementsprechend Ursprung zahlreicher interkul- tureller Missverständnisse bildet, indem voneinander abweichende Zeichensysteme zu einer kulturinadäquaten Dekodierung der Botschaft führen können.

Zudem birgt ein solches Verständnis die Gefahr, dem im allgemeinen gesellschaftli-chen Diskurs vorherrschenden Verständnis von Kommunikation als bloßem Aus-tausch von Information mit Hilfe von Worten weiter an Kraft zu verleihen, doch findet Kommunikation nie lediglich auf einer sachorientierten Ebene statt: Vielmehr ist sie als bedeutende zwischenmenschliche Handlung zu begreifen, in welcher die Menschen auf die Signale ihres jeweiligen Gegenübers reagieren, Emotionen hervorgerufen und persönliche Beziehungen aufgebaut und verändert werden. Daher lassen sich zwei Ebe-nen von Kommunikation ausmachen: „Eine sachlich- rationale und eine emotional-hermeneutische Ebene.“ (Yousefi 2014, S. 19). Aus diesem Grund soll nun kurz das Kommunikationsmodell von Schulz- von- Thun dargestellt werden, welches ein Be-wusstsein für diese verschiedenen Wirkungsebenen von Kommunikationsprozessen zu schaffen vermag.

Schulz- von- Thuns Modell zufolge erstreckt sich eine Äußerung auf vier Ebenen: So umfasst sie neben einer Sachaussage häufig zudem einen Appell, eine Selbstkundgabe sowie eine Beziehungsbotschaft. Dabei steht jeder dieser Aspekte in einem engen Ver-hältnis zur Intention der Sprachhandlung, indem beispielsweise bei einer Begrüßungs-formel die Herstellung oder Verbesserung einer Beziehung zum Kommunikations-partner im Vordergrund steht, wohingegen die sachorientierte Ebene dabei kaum Be-rücksichtigung findet. Auf welche Ebene sich eine Äußerung erstreckt und welche re-lative Bedeutung den vier einzelnen Komponenten zukommt, ist stark in kulturelle Kontexte eingebettet, indem jede Kultur voneinander abweichende Muster hinsichtlich der Gestaltung dieser vier Elemente hat, woraus in der interkulturellen Praxis zahlreiche Missverständnisse resultieren können6 (vgl. Schulz- von Thun 2006, zit. nach: Erll/ Gymnich 2010, S. 90 ff.).

Im Kontext eines solchen mehrdimensionalen Kommunikationsverständnisses, ist es vor allem das Kommunikationsmodell einer Forschergruppe um Paul Watzlawik, wel- ches für die interkulturelle Kommunikation und Handlungskompetenz enorm an Bedeutung gewinnt, indem es vor allem einen für die Praxis nutzbaren Ansatz liefert, um anhand von kommunikativen Grundsätzen Empfehlungen für eine gelingende Kommunikation aufzustellen. Diese fünf Grundsätze formuliert Watzlawik als folgende Axiome (vgl. Watzlawik 1969, zit. nach: Heringer 2014 S. 18ff.):

1) Man kann nicht nicht kommunizieren.
2) Beziehung bestimmt inhaltliche Bedeutung.
3) Interpunktion bedingt Kommunikationsablauf.
4) Menschliche Kommunikation vollzieht sich digital und analog.
5) Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär.

Diese Axiome dienen Watzlawik der Erklärung der komplexen Funktionsweise von Kommunikationsprozessen und sollen im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit noch hinsichtlich ihrer Bedeutung in der interkulturellen Kommunikation kurz ange-führt werden.

2.2.2. Interkulturelle Kommunikation

Nachdem nun die zentralen Begrifflichkeiten von „Kommunikation“ und „Kultur“ dargelegt worden sind, soll abschließend das Begriffspaar der „interkulturellen Kommunikation“ als besonderer Form der Kommunikation, sowie deren spezifische Anforderungen an die Kommunikationspartner dargestellt werden, da „Interkulturelle Kommunikation […] als wesentliche Voraussetzung für die friedliche Koexistenz der Kulturen [gilt].“ (Hahn/ Platz 1999, zit. nach: Lüsebrink 2012, S. 36) und somit als zentraler Bestandteil interkulturell kompetenten Verhaltens gilt.

„Kultur ist Kommunikation“ (Hall 1958, zit. nach Podsiadlowski 2004, S. 24), postulierte bereits Edward Hall und verweist so auf den Umstand, dass Kulturen und die ihnen zugrundeliegenden Traditionen, Werte, Deutungsrahmen und den Mitgliedern gemeinsame Wissensbestände letztendlich Resultat kommunikativer Aushandlungsprozesse sind (vgl. Bolten 2013, S. 41.) Versteht man dementsprechend

„Kultur und Kommunikation als eng verwobene Prozesse […], die in einer reflexiven Beziehung stehen, wobei einerseits die Kommunikations- und Interpretationsvorgänge der Interagierenden kulturelle Differenzen und auch Ähnlichkeiten situativ erzeugen und andererseits Kultur und kulturelles Wissen wiederum die Kommunikationsstrategien und Interpretationen leiten.“ (Günthner 1994, zit. nach: Bosse 2011, S. 32), so verweist dies auf die Problematik, dass die so konstruierte Lebenswelt von den Mit- gliedern einer Kultur intersubjektiv ausgehandelt und geteilt wird und zu kulturspezifi-schen Normalitätserwartungen an fremdes Verhalten sowie zu einer Annahme univer-sell gültiger Verhaltenserklärungen führt, indem den eigenen kulturspezifischen Wer-ten und Normen im Sinne eines allgemeinen Ethnozentrismus eine universelle Gültig-keit zugeschrieben wird und das unbewusste Überlegenheitsgefühl der eigenen Kultur gegenüber der Fremdkultur in die interkulturelle Interaktion miteinfließt und deren Ver-lauf so entscheidend mitbestimmt (vgl. Broszinsky- Schwabe S. 39), da das eigenkul-turelle Sprachverhalten als universaler Maßstab für „richtiges“ (Sprach-) Handeln ge-nommen wird.

Dementsprechend wirken die kulturellen Orientierungsstandards auf das Individuum zurück, indem sie die Grundlage aller Interpretationsprozesse, sowie die Basis für das eigene kommunikative Verhalten bilden (vgl. Yildirim- Krannig 2014, S. 206), da die Mitglieder einer Kultur den in ihrer Gemeinschaft geteilten kommunikativen Zeichen eine kulturspezifische Bedeutung geben, durch welche sie sich von den Angehörigen anderer sozialer Zusammenschlüsse abgrenzen (vgl. Kumbruck/ Derboven 2016, S. 46). Folglich haben kommunikative Ausdrücke als Symbole in unterschiedlichen Kul-turen selten die gleiche Bedeutung, die gleiche Mimik oder Gestik kann in einer ande-ren Kultur auf etwas gänzlich Gegensätzliches verweisen. Das Deuten eben solcher kulturspezifischen Zeichen ist nun allgemeiner Gegenstand der Kommunikation und die Fähigkeit, auf Basis des eigenkulturellen Bedeutungsangebotes die kommunikati-ven Zeichen des Gegenübers adäquat zu interpretieren und das eigene Sprachverhalten den eigenen Intentionen entsprechend anpassen zu können, bedeutet kommunikative Kompetenz und befähigt die Mitglieder einer Kultur dazu, erfolgreich miteinander Ge-spräche führen zu können und Missverständnissen, verbalen Angriffen oder sprachli-chen Ungenauigkeiten entsprechend begegnen zu können.

Dementsprechend ist auch die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke stark kulturbedingt: So stellen Deutsche an Führungspositionen den Anspruch, etwas in Bewegung setzen zu können und Menschen leiten zu können, eine durch die Sprache hervorgerufene Konnotation des Begriffes „Führung“, welche sich jedoch grundlegend z.B. vom rus-sischen Verständnis einer Führungsposition als verwaltende Kraft unterscheidet (vgl. ebd., S. 37).Für die Kommunikation im interkulturellen Kontext folgt daraus, dass selbst unter gemeinsamer Verwendung einer Fremdsprache als Kommunikationsbasis die Rezipienten jeweils ein abweichendes Verständnis des Gesagten haben können, je- doch die Interpretation der kommunikativen Ausdrücke des fremdkulturellen Partners auf Basis der eigenen kulturspezifischen Interpretationsmuster geschieht und es als Resultat dessen häufig zu interkulturellen Konflikten kommt7.

Dies offenbart die Notwendigkeit eines erhöhten Bewusstseins um die Bedeutung kommunikativer Missverständnisse für das Zustandekommen interkultureller Kon-flikte, da bereits in der intrakulturellen Kommunikation Verständigungsschwierigkei-ten aufgrund von divergierenden Wissensbeständen auftreten können, sich das Kon-fliktpotenzial in Kontaktsituationen kulturell divergierender Kommunikationspartner jedoch enorm steigert, indem die Art der sprachlichen Ausdrücke stark in den Kontext der jeweiligen Kultur eingebunden ist, denn Sprache vermittelt „gespeicherte Standar-disierungen des Denkens“ (Rathje 2004, zit. Nach Yildirim- Krannig, Yeliz S. 205).

Die allgemeine Ursache für das Entstehen von Kommunikationsstörungen liegt nach Auernheimer dabei in den verschiedenen, auch in kulturelle Kontexte eingebundenen Erwartungen, welche Menschen aufgrund von Erfahrungen, Stereotypen und den Rah-menbedingungen an das Verhalten ihres Kommunikationspartners stellen und anhand derer sie die Ausdrucksmittel ihres Gegenübers interpretieren und die eigenen kommu-nikativen Gestaltungsmittel wählen (vgl. Auernheimer 2008, S. 36; 41 f.)8.

Dabei lässt sich die Beziehungsebene Auernheimer zufolge als primäres Problemfeld im Kontext der interkulturellen Kommunikation identifizieren, bedingt durch den Um-stand, dass Differenzen auf der inhaltlichen oder sachlichen Ebene zumeist beiseitege-legt werden könnten, da diese bewusstseinsfähig seien und zudem nicht die persönli-chen Erwartungen an Höflichkeit, Begrüßungsformen oder Respektbekundungen be-träfen und diese daher nicht enttäuschen könnten. Die Erwartungshaltung hinsichtlich der persönlichen Beziehung sowie an deren Gestaltungs- und Ausdrucksformen sei je-doch im Unterbewusstsein situiert und nicht vordergründig bewusst, sodass sich auf dieser Ebene durch erwartungswidriges Verhalten schnell Irritationen und infolgedes- sen Schäden in der Beziehung der Partner durch „befremdliches“ Verhalten ergäben (vgl. ebd., S. 44), eine Problematik, welche durch die hohe Beteiligung von Emotionen auf der persönlichen Beziehungsebene verstärkt würde.

Er identifiziert zudem exakt vier Elemente, denen ein großer Einfluss auf die Erwartungshaltung der Kommunikationspartner an den Verlauf des Kommunikationsprozesses zukomme (vgl. ebd., S. 45) und welche im Folgenden bezüglich ihres enormen Einflusses auf die Entstehung von Konflikten in der interkulturellen Kommunikation kurz dargestellt werden sollen.

1) Machtasymmetrien: Sie weisen bei interkulturellen Missverständnissen eine hohe Relevanz auf, da interkulturelle Beziehungen stets durch Machtungleich-heitsverhältnisse, z.B. in Form divergierender Sprachkenntnisse oder Rechts-ungleichheit gekennzeichnet sind, wodurch die Handlungspartner in unter-schiedlichem Ausmaß über solch Ressourcen verfügen, die es ihnen ermögli-chen sollen die Kommunikationssituation ihren Interessen entsprechend zu ge-stalten und zu beeinflussen.

Dabei kommt dem unterlegenen Kommunikationspartner selbst wenig Gestal-tungsmöglichkeit des Kommunikationsrahmens zu: So wirkt der Behörden-vertreter als Inhaber der Machtposition im Kommunikationsprozess zugleich als Produzent des Kommunikationsrahmens und der sozialen Situation, wenn er den Klienten mit Migrationshintergrund, ungeachtet dessen tatsächlicher Sprachkompetenz, in gebrochenem Deutsch anspricht (vgl. ebd., S. 42). Er de- finiert demnach die sozialen Bedingungen der Kommunikationssituation, in welche sich der Kommunikationspartner einfügen muss, dessen geringe Sprachkompetenz ihn benachteiligt9. Resultat derartiger ungleicher Machtver- hältnisse sind dementsprechend häufig interkulturelle Missverständnisse, vor allem wenn ein Handlungspartner die eigene Dominanz überbetont und man-gelnde Respektbekundungen gegenüber seinem Kommunikationspartner zeigt oder dessen Selbstverständnis unbewusst in Frage stellt.

2) Kollektiverfahrungen: Zwar kommt auch den individuellen Erfahrungen der Kommunikationspartner im interkulturellen Kontext eine große Bedeutung zu, indem sie ebenfalls die jeweiligen Erwartungshaltungen definieren, doch sind interkulturelle Kontakte zudem bedeutsam durch kollektive Erfahrungen bei- spielsweise vergangener Diskriminierungen gekennzeichnet. Diese können in-terkulturelle Kooperation nachhaltig beeinträchtigen, indem sie vor allem bei den in der Vergangenheit Benachteiligten zu einem generalisierten Misstrauen und einer von vornherein negativen Erwartungshaltung gegenüber dem Resul-tat des Kommunikationsprozesses führen, welche infolgedessen den Ge-sprächsverlauf bedeutend prägen. So führen negative Kollektiverfahrung zu einer erhöhten Verletzlichkeit gegenüber sensiblen Themengebieten wie z.B. Rassismus und zu entsprechenden aggressiven oder zurückziehenden Kom-munikationsstrategien, was eine zufriedenstellende Zusammenarbeit fremd-kultureller Partner zusätzlich erschwert.

3) Fremdbilder: Sie sind oftmals Resultat unmittelbarer kollektiver Erfahrun- gen, stellen jedoch ebenso ein konstruiertes Produkt diskursiver gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse dar und sind dementsprechend häufig bereits eine kulturgeprägte soziale Repräsentation der realen gesellschaftlichen Lebenswelt (vgl. ebd., S. 52), weshalb sie oftmals mit generalisierenden Vorurteilen und Stereotypen verbunden sind. Sie führen häufig zu einer von Misstrauen und Ängsten geprägten Erwartungs-haltung an die Begegnung mit den fremdkulturellen Mitgliedern und einem Fremdheitsgefühl, welches auf der Annahme kulturbedingter Verhaltens- und Einstellungsdifferenzen beruht. Fremdbilder, die nicht mit dem Selbstbild des Handlungspartners übereinstimmen, bergen enormes interkulturelles Konflikt-potenzial, indem beispielsweise die Infragestellung der Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft die Betroffenen auf emotionaler Ebene tief verletzen und folglich zu einer rapiden Verschlechterung des Beziehungsverhältnisses führen kann, indem sie das eigene Identitätskonstrukt in Frage stellen (vgl. ebd., S. 44).

4) Differente Kulturmuster: Kulturspezifische Interpretations- und Handlungs- muster spielen, trotz der hier erstrebten Bewusstseinserhöhung für abwei-chende Ursachenerklärungen interkultureller Konflikte, eine große Rolle, da sie z.B. als kulturspezifische Kommunikationsrituale, Arten der Gesprächsor-ganisation, Kommunikationsausdrücke zugrundeliegender Werte, Normen und sozialen Rollenverhältnisse unser alltägliches (Sprach-)Handeln ebenfalls mitbestimmen10

[...]


1 Soweit im weiteren Verlauf dieser Arbeit Berufs- oder Personenbezeichnungen verwendet werden, so bezieht sich dies stets auf Personen beider Geschlechter, doch sieht die Verfasse-rin zugunsten einer besseren Lesbarkeit von einer genderneutralen Ausdrucksweise ab.

2 Belegt wird dies u.a. durch eine Studie von ECA International aus dem Jahre 2012 (zit. nach: Expat News 2012, o.S.), wonach sich ein genereller Anstieg von im Ausland tätigen Mitarbeiten von 25 Prozent seit 2002 feststellen lässt und sich diese Tendenz 62 Prozent der befragten Führungskräfte multinationaler Unternehmen zufolge künftig weiter fortset-zen wird.

3 Das Ausmaß dessen veranschaulicht bereits die 1952 von Kroeber und Kluckhohn aufge-stellte und systematisierte Sammlung von über 150 unterschiedlichen Kulturbegriffsdefini-tionen.

4 Dabei muss jedoch der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Hofstede selbst auf die eingeschränkte Übertragbarkeit seiner Ergebnisse auf einzelne Individuen der jeweiligen Nationalität hingewiesen hat (vgl. (Hofstede 2010, S. 40).

5 Diese lassen sich in eine gegenständliche und eine soziale Umwelt untergliedern. Erstere beinhaltet dabei z.B. den kulturspezifischen Umgang mit Raum und Zeit, Gebäuden und Landschaften, während die sozialen Bedingungsfaktoren z.B. den Status oder die Beziehungsart der Interaktionspartner darstellen (vgl. Thomas 2013, S. 371).

6 Dies zeigt sich beispielsweise in der interkulturellen Zusammenarbeit von Deutschen und Südamerikanern: Während die Deutschen eine starke Gewichtung des Sachaspektes bei der Kooperation aufweisen, tendieren Südamerikaner dazu, vor Beginn der tatsächlichen wirtschaftlichen Unterredung oder einem Vertragsabschluss, durch zahlreiche vorangehende Gespräche eine Beziehung zueinander aufzubauen, was von Deutschen oftmals mit Befremden wahrgenommen wird (vgl. Erll/ Gymnich 2010, S. 91 ff.).

7 Doch soll dem hier vertretenen interaktionistischen Kulturverständnis entsprechend auf die Bedeutung der Interaktion als produktiver Akt der Kommunikationspartner verwiesen wer-den: So gehen kulturell geprägte (Sprach) -Handlungskonventionen in die interkulturelle In-teraktionssituation zwar als Handlungsvoraussetzung mit ein, doch werden sie im Laufe des Kommunikationsprozesses stets von den Kommunikationspartnern in unterschiedlichem Ausmaß an die Situation angepasst und aktualisiert (vgl. Lüsebrink 2012, S. 52)

8 Diesen Aspekt betont auch Gudykunst (2003), indem er die unbewusst im Individuum verankerten Annahmen über das Resultat einer noch in der Zukunft liegenden Kommunikationshandlung in den Vordergrund seiner Betrachtung rückt und damit auf die Bedeutung von Vorurteilen und Stereotypisierungen für das Entstehen interkultureller Konflikte verweist (vgl. Gudykunst 2003, zit. Nach: Broszinsky- Schwabe 2011, S. 33).

9 Auf diesen Umstand verweist auch Watzlawicks fünftes Axiom, wonach Kommunikationsabläufe entweder symmetrisch oder komplementär sind und sich bezüglich der Handlungsmöglichkeiten der Kommunikationspartner unterscheiden.

10 An dieser Stelle soll jedoch darauf verwiesen werden, dass es sich dem Verständnis der vorliegenden Arbeit bei derartigen Kulturmustern keinesfalls um statische Systeme handelt als vielmehr Resultate der zwischenmenschlichen Aushandlungsprozesse der Mitglieder einer Kultur, die jedoch über kommunikative Prozesse ständig aktualisiert werden.

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kompetenz und Trainingsmethoden
Untertitel
Konzeption, Gestaltung, Wirksamkeit
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
102
Katalognummer
V347189
ISBN (eBook)
9783668364981
ISBN (Buch)
9783668364998
Dateigröße
1327 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelle, kompetenz, trainingsmethoden, konzeption, gestaltung, wirksamkeit
Arbeit zitieren
Aline Neis (Autor), 2016, Interkulturelle Kompetenz und Trainingsmethoden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347189

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