Sprachlich zu überzeugen war und ist eine Kunst, die seit jeher für die Durchsetzung der eigenen Interessen genutzt wurde und wird. Schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) befasste sich ausführlich mit der Rhetorik und ihrer zielgerichteten Verwendung. Die Kenntnis über die Strategien, die erforderlich sind, sein Umfeld von einer Meinung zu überzeugen, gab er u. a. in folgendem Satz zu erkennen: „Daher ist es erforderlich, Kunstfertigkeit anzuwenden, ohne dass man es merkt, und die Rede nicht als verfertigt, sondern als natürlich erscheinen zu lassen - dies nämlich macht sie glaubwürdig.“ Es wird also deutlich, dass die Kunst der Rede schon sehr früh erkannt und genutzt wurde.
Ein Ausnutzen solcher rhetorischer Fähigkeiten wurde und wird auch heute insbesondere zu politischen Zwecken genutzt. Adolf Hitler gehörte u. a. zu den Personen, die sich eingehend mit Rhetorik befassten, um sich diese für die Durchsetzung ihrer Interessen zunutze zu machen.
Persuasives Sprechen zeichnet sich durch seine ausführliche Planung und den möglichst effektiven Einsatz sprachlicher Mittel, z.B. durch rhetorische Figuren, aus. Gerade in konfliktträchtigen Themenbereichen kann durch den gezielten und durchdachten Einsatz von persuasiven Mustern eine große Leser- bzw. Zuhörerschaft von der favorisierten Meinung überzeugt werden.
Die vorliegende Arbeit gibt einen Einblick in die verschiedenen persuasiven Muster wie Versprechungen, Furchtapelle, negative Botschaften und Handlungsempfehlungen. Anhand konkreter Beispiele wird gleichzeitig betrachtet, in welcher Form bzw. mit welcher Strategie diese versuchen, Einfluss auf die Überzeugung des Lesers zu nehmen. Im Anschluss daran werden die von Elisabeth Beck-Gernsheim geprägten Kategoriebegriffe Akzeptanzrhetorik, Bedrohungsrhetorik, Rettungsrhetorik und Verantwortungsrhetorik erläutert und schließlich betrachtet, inwiefern die vorher genannten Muster in diese Kategorien eingeordnet werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Humangenetik
2.1 Was ist Humangenetik?
2.2 Die Ethikdebatte
3 Persuasive Muster
3.1 Versprechungen
3.2 Furchtapelle
3.3 negative Botschaften
3.4 Handlungsempfehlungen
4 Persuasive Strategie nach Elisabeth Beck-Gernsheim
4.1 Akzeptanzrhetorik
4.2 Bedrohungsrhetorik
4.3 Rettungsrhetorik
4.4 Verantwortungsrhetorik
5 Kategorisierung der Persuasiven Muster
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rhetorischen Überzeugungsstrategien in Texten zur Humangenetik, um aufzudecken, wie sprachliche Mittel gezielt eingesetzt werden, um die Leserschaft von spezifischen Positionen zu überzeugen. Das zentrale Ziel ist es, persuasive Grundmuster wie Versprechungen oder Furchtappelle zu identifizieren und diese mit den theoretischen Kategorien von Elisabeth Beck-Gernsheim in Beziehung zu setzen.
- Analyse rhetorischer Muster in der Humangenetik-Debatte
- Untersuchung von Versprechungen, Furchtappellen und negativen Botschaften
- Anwendung der rhetorischen Kategorien nach Elisabeth Beck-Gernsheim
- Kategorisierung und Zuordnung persuasiver Strategien
- Evaluation der Wirksamkeit persuasiver Kommunikation in konfliktgeladenen Themenfeldern
Auszug aus dem Buch
3.1 Versprechungen
Versprechungen verfolgen ein relativ einfaches System: Sie fokussieren eine Vielzahl positiver Aspekte eines Streitfalles, führen diese konzentriert auf und blenden so die negativen Gesichtspunkte meist völlig aus. Der Leser oder Zuhörer soll nicht abwägen müssen oder Zweifel hegen, er soll durch das Übermaß an positiven Botschaften, die sich sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Zukunft beziehen können, von der gewünschten Meinung überzeugt werden.
Beispiel 1:
Medizinnobelpreisträger (1975) Renato Dulbecco:
„Das Wissen über die Gene [...] kann den Weg in eine bessere Zukunft ebnen, in eine Welt mit weniger Ungerechtigkeit und weniger Leid, in der auch das Alter erträglich und das Geborenwerden nicht mehr [...] ein von der Unbekannten namens »Erbkrankheit« geprägtes Abenteuer ist. [...] Die Gesundheit wird neue, unbesiegbare Verbündete finden, das Leben wird im Durchschnitt von längerer Dauer sein, und eine Zukunft größeren Wohlbefindens wird sich vor uns auftun.“
In diesem Beispiel sind die zuvor erläuterten Merkmale einer Versprechung deutlich zu erkennen. Renato Dulbecco führt in der Kürze des Textes zahlreiche positive Botschaften an, die sich einerseits auf ein gesünderes, andererseits auch auf ein längeres Leben beziehen. Die Gefahr für ungeborenes Leben, von Erbkrankheiten betroffen zu sein, wird komplett ausgeschlossen. Auch das Leben im Alter wird als erträglicher und gesünder vorausgesagt. Der gesamte Textabschnitt besteht ausschließlich aus positiv geprägten Voraussagen. Renato Dulbecco versucht somit, den Leser oder Zuhörer auf seine Seite, die der Humangenetikbefürworter zu bringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hinführung zur Bedeutung der Rhetorik und Darstellung der Zielsetzung, persuasive Muster in der Humangenetik-Debatte zu analysieren.
2 Humangenetik: Kurze Erläuterung der humangenetischen Verfahren und der ethischen Diskurse, die die Grundlage der späteren Textanalyse bilden.
3 Persuasive Muster: Detaillierte Darstellung spezifischer rhetorischer Werkzeuge wie Versprechungen, Furchtappellen, negativen Botschaften und Handlungsempfehlungen anhand konkreter Textbeispiele.
4 Persuasive Strategie nach Elisabeth Beck-Gernsheim: Einführung in das theoretische Modell der Akzeptanz-, Bedrohungs-, Rettungs- und Verantwortungsrhetorik.
5 Kategorisierung der Persuasiven Muster: Systematische Zusammenführung der in Kapitel 3 identifizierten Muster mit den Kategorien von Elisabeth Beck-Gernsheim.
Schlüsselwörter
Rhetorik, Persuasion, Humangenetik, Überzeugungsstrategien, Versprechungen, Furchtappelle, Akzeptanzrhetorik, Bedrohungsrhetorik, Rettungsrhetorik, Verantwortungsrhetorik, Bioethik, Argumentationsanalyse, Sprachwissenschaft, Biopolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die rhetorischen Überzeugungsstrategien, die in zeitgenössischen Texten zur Humangenetik verwendet werden, um eine bestimmte Leserschaft zu beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Anwendung von Rhetorik in der Ethikdebatte um die Humangenetik, insbesondere in Bezug auf Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Identifizierung und Kategorisierung persuasiver sprachlicher Muster, um zu verstehen, wie Befürworter und Gegner der Humangenetik versuchen, die öffentliche Meinung zu formen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die rhetorische Textanalyse und vergleicht diese mit den theoretischen Kategorisierungen von Elisabeth Beck-Gernsheim.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition und beispielhafte Analyse persuasiver Muster sowie die theoretische Fundierung durch das Modell der Akzeptanzrhetorik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rhetorik, Persuasion, Humangenetik, Akzeptanzrhetorik sowie die spezifischen rhetorischen Techniken wie Furchtappelle und Versprechungen.
Wie unterscheidet sich die "Bedrohungsrhetorik" von der "Rettungsrhetorik"?
Während die Bedrohungsrhetorik darauf abzielt, durch das Aufzeigen von Gefahren Unsicherheit beim Leser zu erzeugen, bietet die Rettungsrhetorik die vom Sprecher favorisierte Lösung als Ausweg an.
Warum spielt die "Verantwortungsrhetorik" eine zentrale Rolle?
Sie dient dazu, den Leser moralisch an die vom Sprecher vertretene Meinung zu binden, indem ihm verdeutlicht wird, warum er eine persönliche Verantwortung für die Unterstützung dieser Position trägt.
Welche Funktion haben die "Handlungsempfehlungen" in der Analyse?
Handlungsempfehlungen fungieren als steuerndes Element, das den Leser nach der vorausgegangenen Argumentation direkt zu einer bestimmten Entscheidung oder Schlussfolgerung führt.
- Arbeit zitieren
- Nadin Kleber (Autor:in), 2005, Muster persuasiver Kommunikation und ihre Beweismittel in Textexemplaren zur Humangenetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34776