1989 war eines der seltenen, geschichtlich bedeutsamen Jahre europäischer Politik, dem man ohne Übertreibung das Prädikat „epochale Wende“ verleihen kann. Mehr noch als zur Revolution von 1848, mit der die Ereignisse von 1989/90 des öfteren verglichen wurden, bestehen Parallelen zu 1789, 1918 und 1945, in denen ganze politische Systeme sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene grundlegende Veränderungen erfuhren. Denn im Gegensatz zu 1848 wurden die Menschen 1989 Zeugen einer fast gleichzeitigen, fundamentalen Machtveränderung in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, der DDR, Rumänien, Bulgarien sowie in Ansätzen bereits auch in der Sowjetunion. 1 Die Tatsache, daß im Vergleich zu den anderen Revolutionen nur die deutsche als „Frage“ tituliert worden ist, zeigt sehr deutlich, daß es sich hierbei um ein Problem besonderer Komplexität und politischer Brisanz handelt. Die Bezeichnung „Frage“ zeugt von einer tiefen Angst, einem fundamentalen Zweifel und einem schier unlösbaren Identitäts- und Strukturkomplex, der weit über das Instrumentale eines gewöhnlichen Problems hinausreicht. 2 Seit Jahrzehnten war außer Zweifel, daß der Schlüssel für eine Lösung der Deutschen Frage in der Sowjetunion lag, die einer deutschen Wiedervereinigung im Wege stand, auch wenn sie gelegentlich nicht ernsthaft gemeinte Initiativen in diese Richtung startete oder lancierte. Als dann am 9. November 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer die Deutsche Frage auf die politische Tagesordnung rückte, löste dies bei den westeuropäischen Partnern Deutschlands nicht nur Freude aus. 3 Daß Moskau dem Zerfall der DDR nicht sehr frohmütig entgegnen und sich einer Deutschen Einheit vorerst versagen würde, überraschte niemanden; die Tatsache, daß die größten Bedenken gegen die Einheit jedoch in London und Paris vorgetragen wurden, dagegen schon. Der französische Staatspräsident François Mitterand hatte bei einem Besuch in Ost-Berlin Hans Modrow zur Fortsetzung der Existenz der DDR überreden wollen, während die britische Premierministerin Margaret Thatcher von London aus ebenfalls wenig freundliche Töne von sich gab. Es ist überaus bemerkenswert, daß ausgerechnet Frankreich und Großbritannien als enge Partner Deutschlands in Europa solch eine ablehnende Haltung einnahmen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Für oder gegen die Einheit? – Die Positionen der vier alliierten Siegermächte am Morgen nach dem Mauerfall
2.1 Die sowjetischen Ahnungen
2.2 Die amerikanischen Interessen
2.3 Die französischen Sorgen
2.4 Die britischen Vorbehalte
III. Die strittigen Fragen der Zwei-plus-vier-Verhandlungen
3.1 Die Frage der Bündniszugehörigkeit Gesamtdeutschlands
3.2 Sicherheitspolitische Fragen
3.3 Die Frage der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze
IV. Schlußbetrachtung
V. Auswahlbibliographie
5.1 Quellen, Memoiren, zeitgenössische Zeitungsartikel
5.2 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den komplexen außenpolitischen Einigungsprozess Deutschlands zwischen dem Mauerfall am 9. November 1989 und der staatlichen Einheit am 3. Oktober 1990. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der widerstreitenden Interessen der vier alliierten Siegermächte sowie der Lösungsstrategien für die zentralen diplomatischen Streitfragen, welche die volle Souveränität des vereinten Deutschlands ermöglichten.
- Die unterschiedlichen Haltungen der vier Siegermächte (USA, UdSSR, Frankreich, Großbritannien) gegenüber der deutschen Einheit.
- Die diplomatischen Verhandlungen im Modus der „Zwei-plus-vier“-Gespräche als notwendiges Instrument.
- Die Klärung der Bündniszugehörigkeit Deutschlands und die Rolle der NATO-Mitgliedschaft.
- Die sicherheitspolitischen Garantien und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Voraussetzung für den Einigungsprozess.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die sowjetischen Ahnungen
In den späten Abendstunden des 10. Februar 1990 trat Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau vor die internationale Presse: „Meine Damen und Herren, ich habe heute Abend an alle Deutschen eine einzige Botschaft zu übermitteln. Generalsekretär Gorbatschow und ich stimmen darin überein, daß es das alleinige Recht des deutschen Volkes ist, die Entscheidung zu treffen, ob es in einem Staat zusammenleben will. Generalsekretär Gorbatschow hat mir unmißverständlich zugesagt, daß die Sowjetunion die Entscheidung der Deutschen, in einem Staat zu leben, respektieren wird und daß es Sache der Deutschen ist, den Zeitpunkt und den Weg der Einigung selbst zu bestimmen“
In der Rückschau bekennt Außenminister Eduard Schewardnadse, daß sich die sowjetische Startposition ganz wesentlich von derjenigen Haltung unterschieden habe, die Gorbatschow in jenen Februartagen des Jahres 1990 eingenommen hat. Am Morgen nach dem Mauerfall hätte in Moskau wohl niemand daran geglaubt, daß man in nur wenigen Wochen der Wiedervereinigung Deutschlands gemäß dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zustimmen würde. Für Gorbatschow und seine Reformer war die deutsche Teilung ein Resultat des Zweiten Weltkriegs, dessen Überwindung zu diesem Zeitpunkt nicht auf der politischen Tagesordnung stand. Die sowjetische Regierung ließ in ihren Kontakten mit der Bundesregierung auch keinen Zweifel darüber aufkommen, daß sie von einem Fortbestand der DDR als einem selbständigen Staat im Machtbereich des Warschauer Paktes ausging. Vor dem Zentralkomitee der KPdSU machte Gorbatschow diese Position unmißverständlich deutlich: „Wir unterstreichen mit aller Entschiedenheit, daß wir die DDR nicht zu Schaden kommen lassen. Sie ist unser strategischer Bündnispartner und ein Mitglied des Warschauer Vertrages. Es ist notwendig, von den nach dem Kalten Krieg entstandenen Realitäten auszugehen – der Existenz zweier souveräner deutscher Staaten, die Mitglied der UNO sind. Bei einer Abweichung hiervon droht eine Destabilisierung in Europa.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel verortet das Jahr 1989 als epochale Wende und führt in die komplexe Problematik der „Deutschen Frage“ sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit ein.
II. Für oder gegen die Einheit? – Die Positionen der vier alliierten Siegermächte am Morgen nach dem Mauerfall: Hier werden die unterschiedlichen außenpolitischen Ausgangspositionen und Vorbehalte der USA, der Sowjetunion, Frankreichs und Großbritanniens detailliert analysiert.
III. Die strittigen Fragen der Zwei-plus-vier-Verhandlungen: Dieses Kapitel behandelt die Kernbereiche der Verhandlungen: die NATO-Mitgliedschaft, sicherheitspolitische Fragen und die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze.
IV. Schlußbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der Verdienste der Akteure und der Rolle internationaler Konstellationen für den friedlichen Vollzug der deutschen Einheit.
V. Auswahlbibliographie: Verzeichnis der herangezogenen Quellen, Memoiren, zeitgenössischen Artikel und der wissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Deutsche Einheit, Zwei-plus-vier-Vertrag, Wiedervereinigung, Sowjetunion, NATO, Außenpolitik, Mauerfall, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl, Sicherheitspolitik, Oder-Neiße-Grenze, Souveränität, diplomatische Verhandlungen, bipolares System, Selbstbestimmungsrecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den außenpolitischen Prozess der deutschen Wiedervereinigung von 1989 bis 1990 unter besonderer Berücksichtigung der diplomatischen Haltung der Siegermächte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die Interessenkonflikte der vier Mächte, die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen der Einheit sowie die völkerrechtliche Anerkennung der Grenzen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie trotz großer Bedenken und geopolitischer Widerstände ein diplomatischer Konsens zur vollen Souveränität des vereinten Deutschland erzielt werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und zeithistorische Analyse, die auf der Auswertung von Memoiren, Dokumenten und zeitgenössischer Sekundärliteratur basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Positionen der Siegermächte am Morgen nach dem Mauerfall und die Analyse der strittigen Fragen in den Zwei-plus-vier-Gesprächen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Zwei-plus-vier-Vertrag“, „Außenpolitik“, „Gorbatschow“, „Kohl“, „Sicherheitspolitik“ und „Selbstbestimmungsrecht“.
Warum war die NATO-Mitgliedschaft ein so schwieriger Verhandlungspunkt?
Sie war für die Sowjetunion lange Zeit inakzeptabel, da sie eine Ausdehnung westlicher Strukturen in ihren Machtbereich bedeutete, während sie für die USA eine unabdingbare Sicherheitsgarantie darstellte.
Welche Rolle spielte die Oder-Neiße-Grenze für die französischen und polnischen Positionen?
Frankreich und Polen sahen in der Anerkennung dieser Grenze eine notwendige Voraussetzung für die deutsche Einheit, um langfristige territoriale Stabilität und das Ende von Gebietsansprüchen sicherzustellen.
- Citar trabajo
- Marc Philipp (Autor), 2004, 2+4=1 Der außenpolitische Weg zur Deutschen Einheit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34794