Sandinismus - eine Analyse ethnisch-sozialer Konflikte

Ethnische Bewegungen am Beispiel der Miskito


Magisterarbeit, 2004
101 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. Die Ethnische Bewegung an der Atlantikküste
2.1. Die Ethnische Bewegung
2.2. Strategische Akteure
2.3. Die Ethnische Bewegung als Tintenfisch
2.4. Die ethnische Guerilla und die ethnische Militanz
2.5. „the holy war“ –
die Rolle der Mährischen Kirche in der Ethnischen Bewegung
2.6. Der Zusammenhang von frontiera agrícola und Revitalisierung

3. Die Revolution und die Atlantikküste
3.1. Die Konfliktherde
3.2. Der Pakt – die formative Phase (1979-81)
3.3. Die offene Auseinandersetzung 1981-1990
3.3.1. Prinzapolka
3.3.2. Dirty War
3.3.3. Die Wende - Autonomie und Frieden

4. Das Weltsystemkonzept und die Ethnische Bewegung
4.1. Systemwelten
4.2. Der Integrationskomplex
4.2.1. Integration und Desintegration
– Inklusion und Exklusion
4.2.2. Angriffs- und Verteidigungsstrategien
4.3. Eigendynamik, Modernisierung und Kolonialismus
4.4. Weltsystem im Kampf der Antisysteme
4.5. Die Peripherie der Peripherie

5. ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1. EINLEITUNG

Die westeuropäische und nordamerikanische Linke fand im Sieg der Sandinistischen Revolution 1979 einen neuen Impuls und eine Bekräftigung, dass Veränderung in Lateinamerika auch gegen die außenpolitischen Interessen der USA möglich ist. Aus Ost und West erreichte das zentralamerikanische Land eine Welle der Unterstützung (bis hin zu „internationalen Kaffeebrigaden“)[1].

Wurde aber bei allem Wohlwollen gegenüber der FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) nicht vergessen, den Kampf gegen die Contra als innerstaatliche Auseinandersetzung ethnisch zu hinterfragen? Das Zerwürfnis zwischen den Sandinisten und den Bewohnern der Atlantikküste (nach anfänglicher Zusammenarbeit) läßt sich nicht auf ein Schwarz-Weiß-Schema reduzieren. Vielmehr soll in dieser Magisterarbeit der Fokus besonders auf das Spezifische, auf die besondere Entwicklung gerichtet werden.[2]

Der Zusammenhang zwischen Sandinismus einerseits und Ethnizität andererseits steht im Mittelpunkt dieser Untersuchung. Wie und in welchem Ausmaß hat sich das Verhältnis zwischen Sandinisten und den ethnischen/indigenen Gruppen der Miskito, Rama und Sumu an der Atlantikküste von dem Sieg der Revolution 1979 bis zum Verlust der Macht im Jahr 1990 verändert? (Kapitel 3)

Da erst wenige Autoren ausführlich diesem Betrachtungsansatz nachgingen, liegt der besondere Schwerpunkt im zweiten Kapitel auf der Miskito-Bewegung als Ethnischer Bewegung. Dabei soll am Beispiel der Miskito Klarheit darüber gewonnen werden, was eine Ethnische Bewegung charakterisiert, wie oder wodurch sie mobilisiert wird und wie sich ihre Organisation zu einer politisch relevanten Kraft vollzieht.

In einem zweiten Ansatz eröffnet das vierte Kapitel eine sozioökonomische Perspektive, die sich mit folgender Frage verbindet: Gibt es im Weltsystemkonzept[3] von Immanuel Wallerstein Ansätze für die Erklärung von Ethnischen Bewegungen wie der Miskito-Bewegung, und wenn ja welche?

Basis dieser Fragestellung muss die Systemtheorie, ein Kerngebiet der modernen Soziologie, sein. Hintergrund ist die Argumentation, dass ethnische Gruppen als soziale (Sub-)Systeme im Luhmannschen Sinne verstanden werden können, von denen man annehmen kann, dass sie in einem gesellschaftlichen System und vielleicht auch in einem Weltsystem existieren. (Kaesler 2000: 243-246 ; Reinhold 1997: 668-671)[4]

Diese Magisterarbeit verfolgt die Intention ein neues Bild und neue Erkenntnisse über das Problemfeld Sandinismus und Ethnizität zu gewinnen. Dazu ist es wichtig ein möglichst klares Ethnizitätskonzept zu entwickeln. Bei der Breite an Literatur fällt es schwer die Übersicht zu behalten - allein die Geographie der Ethnizitätskonzepte wäre eine eigene Magisterarbeit wert. Es ist aber wichtig zuallererst die „Brille“ zu beschreiben durch die wir das ethnische Problem betrachten wollen und zu sagen warum.

Die Wiege des Begriffes Ethnizität liegt im griechischen Begriff ethnos und bestand fort im französischen ethnie beziehungsweise ethnique. Ethnicity als Begriff „wanderte“ in den 50er Jahren des 20. Jahrhundert in den englischen Sprachraum. (Hutchinson 1996: 4) Grundlegend arbeitete fortan die US-amerikanische Soziologie-Forschung im Themenfeld Ethnizität – allen voran die Chicago School of Sociology - bereits seit den 1920er Jahren. Mehr und mehr setzte sich im 20. Jahrhundert die Betrachtung mikrosoziologischer Einheiten - weg von der Betrachtung ganzer abstrakter Gesellschaften - durch. (Heinz 1993: 149-152)

Bis 1969 blieb der Begriff von Ethnizität ohne Definition und auch ohne klare Fraktionierung oder Dichotomie.[5] Seit 1969 blieb bis dato Frederik Barth (Ethnic Groups and Boundaries) der Bezugspunkt der Ethnizitätsforschung. Die unterschiedliche Betonung und Bewertung Barths spaltet die folgenden Ethnizitätskonzepte. Alles dreht sich von nun an um die Kennzeichen der sozialen Wahrnehmung[6] von Ethnizität.

Die Dorfbewohner des nordamerikanischen Dorfes Winnebago sahen das Abbild ihres sozialen Zusammenlebens auf verschiedene Art und Weise. Das Dorf spaltete sich in zwei Lager: die erste Gruppe sah die Gemeinschaftsstruktur in konzentrischen Kreisen (mit Häusern in einem Zentrum und kreisförmig angeordneten Häusern in einem zweiten größeren Kreis).

Die andere Gruppe nahm das Dorf als einen Kreis wahr, dessen Häusergruppen durch eine Demarkationslinie geteilt waren. (siehe Anhang) Eine Differenz der Wahrnehmung dieser Art und Weise prägt bis heute die Ethnizitätsforschung. (Zizek 2000: 110-123; Levi-Strauss 1997: 148-180)

Seit Barth Kriterien (ethnic marker) für Ethnizität aufstellte, entzündet sich der Streit gerade an diesem Gerüst, an den Merkmalen ethnischer Zugehörigkeit. Nach 1969 sollte es heißen Barth-Tradition oder Opposition, Subjekt oder Objekt, „soft view“ oder „hard view“. (Horowitz 2001: 44ff) Bis 1975 entstanden die grundlegenden Ethnizitätskonzepte und der Objektivismus-Subjektivismus-Streit wurde beigelegt.

Im Kern geht es darum, wie Ethnizität betrachtet werden kann: d.h. gibt es objektive Merkmale von Ethnizität an denen wir Ethnizität „ablesen“ können? Oder täuscht diese Beobachtung und das Individuum ist der Ausgangspunkt unserer Betrachtungen von dem wir als Startpunkt auf Ethnizität „schließen“ können? Die objektivistische Fraktion (James Kellas u.a.) betont die primordialistische und soziobiologischen Reproduktion von ethnischen Gruppen. Es lägen hier objektive Gemeinsamkeiten, eine kontinuierliche Sozialisation und genetische Verhaltenszwänge vor, die Ethnizität gewissermaßen determinierten. (Ganter 1995: 56) Die objektivistische Fraktion betrachtet ethnische Gruppen als homogene, einheitliche, geschlossene Einheiten – treffend hat Horowitz (2001: 44ff) diese Perspektive als hard-view -Konzept herausgestellt.

Im soft-view -Konzept ist das Subjekt, das Individuum der Ausgangspunkt. Der Einzelne ist das Tor zum ethnischen Verständnis. Welche Ethnizität schreibt der Einzelne sich selbst zu, wie wird er „ethnisch“ von anderen beschrieben? Die „subjektivistische Fraktion“, die in der Tradition Frederik Barth steht, sieht Ethnizität darüber hinaus auch als Konstrukt, als theoretisch-künstliche Verständnishilfe. (Heinz 1993: 343-350; Pascht 1999: 35; Ganter 1995: 56)

Horowitz hat darauf hingewiesen, dass diese Lager kaum in „Reinform“ existieren, sondern vielmehr in allen Schattierungen und Überschneidungen anzutreffen sind. Nichtsdestotrotz hilft die Vereinfachung als Basis für das Verständnis. Der folgende Schritt einer Synthese ist aber notwendig. Auch bei einem analytischen Zugang zur Ethnizität über das Individuum hilft eine isolierte Betrachtungsweise nicht weiter, denn jedes Subjekt bewegt sich in einem objektiven Rahmen, in einem kulturellen, sozialen und politischen Beziehungsgeflecht. Das soft-view -Konzept kommt demnach auch nicht ohne eine objektive Welt aus, Subjekt wie Objekt unterliegen einem ständigen Prozess dauernder Veränderung und Fluktuation wie die gesamte Welt/Weltgesellschaft. Letztlich gibt es „keine Zwangsjacke“ für ethnische Gruppen und selbst die Einwohner von Winnebago sind alles andere als eine homogene Einheit „unter der Glocke“. (Glazer 1975: 111-140; Heinz 1993: 343-352)

Ein umfassendes Synthese-Konzept (das also ein erweitertes soft-view -Konzept bereichert um die behandelten Aspekte darstellt) soll als Fundament dieser Arbeit dienen, weil es einen analytischen offenen Zugang zum Problem Ethnizität erlaubt. Durch alle Fraktionierungen und Grabenkämpfe hindurch haben sich folgende Merkmale für Ethnizität/ethnische Identität[7], so genannte ethnic marker, herauskristallisiert:

1. - gemeinsame spezifische Sprache/ Kultur
2. - Eigen- und Fremdzuschreibung, die die Gruppe von anderen Gruppen unterscheidet
3. - religiöse Gemeinsamkeiten
4. - gemeinsamer Name (der meist nichts anderes als „Mensch“ bedeutet)
5. - kollektive Bindemittel (Solidaritäts- und Wir-Gefühl, kollektive wiederentdeckte Erinnerung/Mythos/Ursprung)
6. - gemeinsame „ Abstammung“, die historisch gewachsen und/oder wiederentdeckt wird (dabei integriert diese Kategorie auch diejenigen, die faktisch nicht sozio-biologische Abstammungen /Eigenschaften besitzen)

(Hutchinson 1996: 6-7; Scherrer 2001: 8-11; Glazer 1975 111-140; Pascht 1999: 35)

Die ethnischen Faktoren sind nicht als Dogmen bzw. als klare Bemessungsmaßstäbe im Sinne von Gesetzmäßigkeiten zu verstehen. Die einzelnen Punkte können bei einer Ethnie unterschiedlich stark oder überhaupt nicht vorhanden sein. Es handelt sich also nicht um eine „Checkliste“ für Ethnizität, sondern um ein Orientierungsgerüst. (Scherrer 2001: 8-11)

Auf einen Traditionsbruch im Sinne einer Rückbesinnung (siehe 5. ethnic marker) hat Wallerstein hingewiesen. Während das Konzept der Nation (USA, französische Revolution) ein Novum darstellte und in die Zukunft gerichtet war, kann sich Ethnizität auf einen Bezugspunkt der gemeinsamen „Einheit“ in der Vergangenheit beziehen. (Wallerstein 2002: 66) Interessanterweise ist dieser Urbezugspunkt wie der Name der Gruppe (siehe oben - 3. ethnic marker) vielleicht der Null-Typus der Gleichheit der ethnischen Gruppe, ein Zeichen ohne Bedeutung (wenn der Gruppenname „Menschen“ bedeutet) und Ethnizität ist demzufolge eine Art „Füllung“ aus sozialer Interaktion (so wie es später auch die Nation sein sollte). (Zizek 2000: 115ff)

„Ethnizität bewegt sich somit im Spannungsverhältnis zwischen sozialen und kulturellen Erscheinungen“. Die ethnic marker bilden ein Beziehungsnetz, einen durch Sprache und Kultur geformten Prozess der „ethnischen Vergesellschaftung“. (Heinz 1993: 352-359) Letztlich entscheidet sich diese Arbeit für eine Sicht der dauernden Veränderung ethnischer Identitäten im Sinne einer „multiplicity of ethnic identity“. (Horowitz in: Glazer 1975: 118) Die kontinuierlichen Veränderungen der group boundaries, die sich zurückziehen und wieder ausgreifen, beschrieb Horowitz bereits als wichtiges Merkmal des „ethnic change“. (Glazer 1975: 113ff)

Neben diesen Hauptlinien der Ethnizitätskonzepte existieren eine Vielzahl von weiteren widersprüchlichen und ergänzenden Zugängen zum Problem Ethnizität. Ein unter Umständen verzerrender Gesichtspunkt für die Betrachtungsweise von Ethnizität ist der neo-marxistische Ansatz. Dessen Vertreter (Wallerstein, Wolf) gehen davon aus, dass der Kapitalismus eine vereinheitlichende Kultur mit sich trägt, die Ethnizität einmischt und auslöscht. Die Klassen-Konflikte seien durch ethnische Konflikte überlagert und überdeckt. Eine ethnische Wiedererweckung (new ethnicity) behindere den grundsätzlicheren Klassenkampf. Ethnische Gruppen würden auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, nicht weil sie „anders“ sind, sondern weil der Kapitalismus jede Möglichkeit zur Lohnkostensenkung nutzt. Ob und wie eine Ethnische Bewegung entsteht – darüber würde die ökonomische Struktur der Gesellschaft und die Bedingungen des Arbeitsmarktes entscheiden. Nach neo-marxistischem Ansatz entscheidet also die Produktionsweise vor ethnischen Kategorien über den gesellschaftlichen Zustand. Der Klassenbegriff wird bei den neomarxistischen Autoren zunehmend zugunsten von strukturellen Erklärungen und Analysen des Kapitalismus vernachlässigt.

Einen weiteren übergeordneten Ansatz lieferte der Psychoanalytiker Erik Erikson. Er ergänzte gewissermaßen das subjektivistische soft-view -Konzept um eine Trias mit der das Individuum/der Mensch erfaßt werden kann: die Beschaffenheit seines Organismus (Biologie), seines Ichs (Psychologie) und seiner Vergemeinschaftung (Sozialwissenschaften). Dadurch ergebe sich eine Identitätsgenese, die abhängig ist von kulturellen und sozialen Prozessen wie z.B. sozio-ökonomischen Faktoren, der Kindheit und den Eltern.

Der Sozialpsychologe George Herbert Mead unterstützte den Synthese-Gedanken: Identität entwickle sich als gesellschaftlicher Prozess und Identität bestehe nur innerhalb der Gesellschaft. Identität agiere situativ und habe kumulativen Charakter, d.h. sie sei ein Konglomerat und ein Kontinuum aus verschiedenen (ethnischen) Identitäten. Auch dieses Paradox soll in unserem Synthese-Konzept von Ethnizität mitgedacht werden. Beim so genannten „identity switching“ kommen Ethnizitätskonzepte in Schwierigkeiten: von einem Moment auf den anderen betrachtet sich eine Person als Weißer und an anderer (strategischer) Stelle als indigena[8] . (Glazer 1975: 112-115; Heinz 1993: 15-39, 334-336)

Was bleibt am Ende vom Ethnizitätskonzept? „Ein Kontinuum der Unschärfe“, weil immer wieder verschiedene Quellen und die gleichen Namen für unterschiedliche Phänomene verwandt werden. Dazu stehe hier stellvertretend die Feststellung von Shibutani und Kwan aus dem Jahr 1965: alle Menschen (auch alle weißen angelsächsischen) seien Mitglieder von Gruppen mit ethnischen Merkmalen. Grundsätzlich geht es um die Frage, ob Ethnizität als ein globaler Prozess gesehen werden kann oder ob die Konzentration zuallererst auf die regional-historischen Besonderheiten gelenkt sein muss. (Heinz 1993: 248-250, 352-359)

Diese Magisterarbeit versucht die Achsen der Systemtheorie und der Ethnizität gegenüberzustellen. Zum einen gilt es die Besonderheiten der Situation an der Atlantikküste zur Zeit des Sandinismus herauszuarbeiten (Kapitel 2/3). Zum anderen versucht das vierte Kapitel die sozioökonomische und die ethnische Dimension sinnvoll zu verbinden. Bei aller Vielfalt der zentralen und ergänzenden Ansätze müssen wir jedoch immer hinterfragen, ob sie für die spezifischen Fragestellungen weiter helfen.

2. Die Ethnische Bewegung an der Atlantikküste

Im zweiten Abschnitt muss die Gefahr vermieden werden alle Prozesse, die die Ethnische Bewegung an der Atlantikküste betreffen, zu verallgemeinern und auszugreifen in die breite theoretische Forschungs-Diskussion der Soziologie. Vielmehr gilt es den Fokus auf die Spezifik der Ethnischen Bewegung an der Atlantikküste zu richten. Welche theoretischen Ansätze nützen wirklich, um die besondere Physiognomie der Bewegung der Miskito, Sumu und Rama zu erfassen?

Die Soziologie hat Fortschritte in der Einordnung von Sozialen/Ethnischen Bewegungen gebracht. Hier soll deshalb dieser sozialgeschichtliche Zugang verwandt werden, ohne der Versuchung zu erliegen zu stark zu modellieren oder zu schematisieren. Am Ende soll der Leser einen spezifischen Blickwinkel auf eine spezifische Ethnische Bewegung hinzugewonnen haben.

2.1. Die Ethnische Bewegung

Die Sozialwissenschaftler forschten in den letzten zwei Dekaden ausgiebig in den Gebieten Ethnizität und „new social movements“ (NSM). Die Ethnische Bewegung als Schnittbereich erreichte nur den Status einer Randbemerkung. Aber genau darum handelt es sich bei dem Zusammenschluss der Sumu, Rama und Miskito in den 1980er Jahren. Die Dimension der Ethnischen Bewegung erfasst – wie wir im Folgenden genauer sehen werden – verschiedenste Phänomene soziohistorischer Forschung.

Gerade in der fundamentalen Zielsetzung unterscheiden sich die NSM von revolutionären Bewegungen. Während die sandinistische Revolution den Sturz des Staates und der Herrschaft der Regierung beabsichtigte und vollzog, haben NSM eine defensivere Intention („David-Position“; Boris 1998: 122-125): sie eröffnen einen „challenge to powerholders/authorities“.

Die Neue Soziale Bewegung:

- agiert kollektiv und organisiert
- stabilisiert sich mit zunehmender Dauer
- ist aber nicht fest institutionell[9] im Staatsgefüge verankert.

(Goodwin/Jasper 2003: 3)

Können wir aber den herausfordernden Charakter der ethnischen Rebellion an der Atlantikküste beim Stichwort ethnischer Militanz[10] aufrechterhalten? Wir können – denn die Contra hatten, auch wenn de facto antikommunistisch und konterrevolutionär kämpfend, nie den Sturz der Machthaber in Managua im Visier, sondern einen Verteidigungs- und Zermürbungskrieg, um ein angestammtes, ressourcenreiches homeland.[11] Einen ethnic marker also, der bei vielen ethnischen/indigenen Minderheiten in Lateinamerika die entscheidende und erste Rolle spielt. (Adams 1988: 12-21; Boris 1998: 122-125; Binder 2004: 196-197) Der Verteidigungskampf der Miskito erweiterte und veränderte seinen challenge -Charakter zugunsten eines struggle [for homeland]. (Black 1999: 5-10; IFEK3: 106/107; Schneider 1996: 141-147)

Man könnte weiter die These aufstellen, die Miskito-Rebellion war die größtmögliche Herausforderung für die Sandinisten. Die Ethnische Bewegung behielt ihren defensiven Charakter, selbst als der Staat unter der Last der Militärausgaben in den Jahren 1986 bis 1988 fast kollabierte. (Abel/Tobler 1996: 436ff) Die Sandinisten scheiterten an der Herausforderung eines ethnischen Mosaiks, dass sie mit einem absoluten Souveränitätsanspruch beherrschen wollten, ohne sich mit den Besonderheiten der Lebenswelten vor Ort auseinander zu setzen.

Die Herausforderung der Differenz zwischen den Identitäten den zentralen und den pazifischen Regionen und den indigenen Ethnien des Tieflands bewältigte die FSLN nicht. Jene Differenz hielt die Ethnische Bewegung „in Stand“ und belebte sie. Eine zahlenmäßig wie machtpolitische ethnische Minderheit[12] wie die der Miskito, Rama und Sumu war ohne autonome Rechte immer wieder nur Objekt der Entscheidungen der sandinistischen Zentral-Demokratie. Seit der Reincorporación 1894 sitzt der Souverän in Managua – die Ethnische Bewegung bleibt Bittsteller, bleibt ethnische „Peripherie“, abseits vom mestizischen Zentrum der Spaniards[13] in Managua. (Black 1999: 5-10)

In Europa diskutierte man unter dem Gesichtspunkt NSM vornehmlich die Bereiche Identität und Konstruktivismus. (Black 1999: 5-10) Was heißt das nun genauer für den Fall der Ethnischen Bewegung? Die ethnic marker (Sprache/Kultur; Eigen- und Fremdzuschreibung; Religion; ein eigener Name; kollektive Bindemittel; „Abstammung“; siehe Einleitung) sind nichts anderes als Bündel von Identitätsstrategien, um zu überleben. Es gibt also externe Ursachen einer Revitalisierung von ethnischer Identität. Das Eindringen der Spaniards in den Lebensraum der costenos sollte ein starker dynamischer, „identitätsstiftender“ Faktor werden. Die mestizischen campesinos, die immer stärker als frontiera agrícola in die „angestammten" Gebiete der Sumu, Rama und Miskito vordrangen, die Alphabetisierungskampagne, die Präsenz der FSLN-nahen Organisationen, die Zwangsrekrutierungen der indigenen männlichen Bevölkerung und schließlich die gewaltsamen Umsiedlungen im Guerillakrieg haben mit dazu beigetragen Identität als struggle for survival zu „stiften“. (Black 1999: 5-10; Binder 2004: 198-201) Überlebensstrategien waren also notwendig.

Die ethnic marker helfen der Ethnischen Bewegung „zusammenzurücken“ und sich neu zu formieren (auch wenn deren Rolle bereits abgeschwächt war). Die äußere Bedrohung beschreibt einen gruppenpsychologischen Faktor, der im Fall der Miskito, Sumu und Rama besonders stark den Gruppenzusammenhalt bzw. den Zusammenhalt der Ethnischen Bewegung beeinflusste. Gemeinsame Ziele, die Aussicht auf ein lohnendes Ziel (Verteidigung von Land/ mögliche Autonomie), die gegenseitige Solidarität (die auf der Ebene ökonomischer Gleichheit eine besonders gute Ausgangslage besitzt) und die gemeinsame Kooperation sind weitere Bindemittel der Gruppenkohäsion der Ethnischen Bewegung. Die Attraktion der Ethnischen Bewegung war ungleich höher und näher als die Anziehung durch die Spaniards der FSLN und die Begeisterung für eine ferne Revolution. (Bierhoff 2002: 113-118)

Dass dieser Kohäsions-Mechanismus funktionierte, zeigte der Guerilla-Krieg und der Kampf um Autonomie an der Atlantikküste. Dieser sich selbstverstärkende, potenzierende Prozess löste der sandinistische Staat mittels Repression aus und provozierte so genannte „backfires“[14] – der Kampf war somit der Funken aus dem Ungleichgewicht zwischen sandinistischen Souveränitäts-Anspruch und dem Beharren der Atlantikküste auf Selbstbestimmung und der Abwehr staatlichen Zugriffs. Paradoxerweise beseitigte die FSLN in Nicaragua erst 1979 gerade erfolgreich die Staats-Repression der Somoza-Regierung. (Goodwin/Jaspers 2003: 268)

Die Ethnische Bewegung der Miskito, Sumu und Rama war aufgrund ihrer dezentralen Struktur und ihrer multiethnischen Zusammensetzung schwer zu lenken und oft uneinig. Ihre Protagonisten Steadman Fagoth und Brooklyn Rivera hassten sich. Aber im Interesse der Verteidigung des Lebensraums (lohnendes Ziel) und gegen die Spaniards war die Anziehungskraft größer als die Meinungsverschiedenheiten der Protagonisten.

An diesem Punkt können wir auch argumentieren, dass das Erklärungsmuster der Rational-Choice-Theory (RCT) hier greift, wenn wir Notwendigkeiten des Überlebenskampfes als rational-strategische Komponenten kollektiven Handelns übersetzen. Die US-amerikanische Forschung ist vor allem von einem „actors as instrumental agents“-Modell ausgegangen. (Black 1999: 5-10; Heinz 1993: 143-148; Banton, Michael in Hutchinson 1996: 98-104)

Somit kann die Ethnische Bewegung als eine strategische Gruppe verstanden werden. Ihr bewaffneter Arm trat als Guerillabewegung in Erscheinung (vgl: 2.4.). Nach Evers und Schiel (1988) finden sich strategische Gruppen unter einem „Dach“ von gemeinsamen Zielen zusammen.[15] Das Konzept einer Ethnischen Bewegung scheint mir jedoch umfassender und sinnvoller, um das Aufbegehren der costenos zu erfassen. Innerhalb der Ethnischen Bewegung gab es eine Guerillabewegung sowie mehrere kleinere und größere strategische Gruppen. Die Ethnische Bewegung assimiliert also alle Strukturen, Gruppen und Akteure, die den klaren Gegensatz in den politischen und militärischen Auseinandersetzungen im Sinne von zwei Lagern bzw. Blöcken verdeutlichen und sinnvoll vereinfachen und zuspitzen. (siehe Übersicht im Anhang)

Jedoch alle Entscheidungen und Ziele der Ethnischen Bewegung auf die Grundlage von rein rationalen, strategischen Überlegungen zu stellen ist problematisch, wenn man nach den Grenzen zum irrationalen Handeln fragt. Unterschiedliche Meinungen in der ethnischen Gruppe werden so eingeebnet und homogenisiert. So gibt es auch in der Ethnischen Bewegung Trittbrettfahrer und „free rider“. (Goodwin/Jasper 2003: 91) Zwangsläufig scheint also die Falle der sozio-theoretischen Modellierung von Ethnizität und Identität von komplexer und undurchsichtiger Wirklichkeit zuzuschnappen. Was sind ethnische Interessen, was sind eigene Interessen? Wann spielt man eine ethnic role und wann nicht? (vgl: Heinz 1993: 238-250; Banton, Michael in Hutchinson 1996)

Und doch können alle Konzepte nützliche Ansatzpunkte liefern. Ob rationale oder irrationale Entscheidung – die Entscheidung gegen die Staats-Repression der Spaniards war eine einfache, zumal eine eigene Sprache (z.B. Miskito) und ein zusammenhängendes homeland den Informationsfluss innerhalb der Ethnischen Bewegung entscheidend vereinfachten. (Hechter, Michael in: Hutchinson 1996: 90-98)

Die RCT muss um eine Identitätsdiskussion erweitert werden. Ähnlich wie bei dem Feld Ethnizität (siehe Einleitung) kommen wir also nun zu einem Synthese-Konzept. (Black 1999: 5-10) Das actors-model, das die Ethnische Bewegung aus den Augen eines Miskito betrachtet, ist nicht ohne das observer-model, das beispielsweise Internationalisierung und Anheizung des Konfliktes durch den CIA berücksichtigt, denkbar. (Banton, Michael in Hutchinson 1996: 98-104)

Worum geht es also der Ethnischen Bewegung? Die Akteure ethnischer Bewegungen sprechen für die Bewohner der Region der Atlantikküste. (Heinz 1993: 238-250) Es geht ihnen nicht um die Eroberung des Staates, sondern vielmehr um eine gleichberechtigte Partizipation (als defensive Reaktion auf den staatlichen Eingriff) unter dem Dach des Staates und der Nation Nicaragua in Form einer wie auch immer gearteten Autonomie. Ohne Bewegung auf dieser Stelle musste es zu einer Ethnischen Be-wegung kommen, Identität wurde so als Überlebenskampf notwendig. (FR 2004-12-1)

Auch die Zivilisationstheorie[16] von Elias gibt uns zusätzliche Antworten. Denn ist nicht der Eingriff der revolutionären Sandinistischen Regierung in die Sub-Welt der Atlantikküste Ausdruck von innerstaatlichen Verflechtungs- und Zentralisierungsprozessen? Sind nicht die Spannungen, der Guerilla-Krieg und die damit verbundenen Greuel, Resultat jener in diesem Fall innerstaatlichen (repressiven) Verflechtungsschrauben? Die Fragen der Ausübung und Wahrnehmung der Souveränität des sandinistischen Zentralstaates an der Atlantikküste löste die FSLN nicht zivilisiert, sondern mit Waffengewalt – somit war keine Ent-Spannung, kein friedlicher Verflechtungsprozess von souveränen Ebenen und autonomer Lebensweise möglich. Der sandinistische Souveränitätsanspruch sollte militärisch durchgesetzt werden und das indigen-separatistische Gespenst vertrieben werden; die Spannungen verschärften sich. Der Guerillakrieg und die Mühen um die Autonomie waren letztlich Kämpfe um die von Elias beschriebenen machtpolitischen und ökonomischen Schaltstellen. (Elias 1997: 444-465; Hale 1994: 141-165)

Aus anderer Perspektive können die Contra ihrerseits als uncivil movement eingestuft werden. Denn der Guerilla-Krieg eröffnete einen violent challenge gegen einen in der Atlantikregion ausdrücklich schwachen sandinistischen Staat. Zivile und bewaffnete Flügel waren in der Totale unter der Ethnischen Bewegung vereinigt. Somit kann die Ethnische Bewegung als Gegen-Bewegung zum Verflechtungsangriff des sandinistischen Zentralstaates und seiner Art und Weise des Zugriffs gesehen werden. (Landman 2002: 761-762)

2.2. Strategische Akteure

Ethnische Bewegungen sind genauso wenig egalitär wie andere Bewegungen. Als Protagonisten schälten sich Brooklyn Rivera, Steadman Fagoth und Hazel Lau heraus, die im Namen der Miskito, Sumu und Rama sprachen oder sich dieses Recht aneigneten. Folgende Fragen sollen dieses Kapitels beschäftigen:

1. Wie stark haben strategische Akteure die Bewegung beeinflusst?
2. Inwieweit agierten sie strategisch (RCT)?
3. Ist der Widerspruch in und zwischen den Akteuren, der Widerspruch der Ethnischen Bewegung selbst?

Übereinstimmend stehen Steadman Fagoth und Brooklyn Rivera als „big leader“ der Ethnischen Bewegung der Atlantikküste da. Fagoth gilt gleichlautend als charismatischer und populärer Coordinador General von MISURASATA. Das genaue Gegenteil seines blassen Rivalen Rivera. (Hale, Charles in Meschkat 1987: 261-265; Schneider 1996: 96-108) Gleichzeitig schrieb man Fagoth die Eigenschaften psychopathisch, autoritär und militant zu. (IFEK 3: 117-119; Hale 1994: 156) Rivera stand für den politischen Weg in der Funktion der Nationalen Leitung der MISURASATA. (IFEK 3: 124-126) Beide repräsentierten einen anhängigen Miskito-Clan, der sie mit der Basis verwob. (Schneider 1996: 96-108)

Ausgangspunkt der big leader und der dritten Protagonistin Hazel Lau ist das Studium in Managua. Die FSLN versäumt es schon hier, die big leader aus nächster Nähe fernab der Atlantischen Region einzubinden. Der Mathematiker Rivera, die Pädagogin Lau und Fagoth werden nicht gebraucht. (Schneider 1996: 96-108) Die Sandinisten verpassten so die Chance die Ethnische Bewegung im Keim abzuschwächen und zu beeinflussen. Denn ohne diese Protagonisten, hätte es keine Auseinandersetzung in dieser Dimension und tragischen militärischen Reichweite gegeben. (Hale, Charles in Meschkat 1987: 259-261)

War die folgende Parteinahme des Führungstrios für die ethnische „Sache“ strategisch? Ging es um individuelles Prestige? Im Sinne einer strategischen Option engagieren sich die drei zunächst in MISURASATA (Miskitu Sumu Rama Sandinista Asla Takanka – Dach-Organisation der „Miskito, Sumu und Rama und Sandinisten gemeinsam“ ab Novembern 1979). Zuvor sagte man Fagoth bereits nach, er habe mit dem Somozistischen Geheimdienst zusammengearbeitet. (Garcia 1996: 104-112)

Nachdem Fagoth die Miskito-Rebellion entscheidend forciert haben soll, begann er im Sommer 1981 den Aufbau der größten und am besten ausgerüsteten antisandinistischen Guerilla, der FDN[17] (Frente Democratico Nicaragüense – Nationale Demokratische Front), die mit CIA-Geld von Honduras aus mit einem bewaffneten Kampf auf die sandinistische Offensive antwortete. (Schneider 1996: 203-216; Walker 2003: 152ff) Die Tiefe seiner Verwicklungen in Kriegsverbrechen bleibt umstritten und schwer belegbar – seine propangandistische Kraft wird dagegen einheitlich hervorgehoben. Ist Fagoth nichts anderes als ein Warlord und damit ein strategischer Kriegsakteur? (IFEK 3: 117-119)[18]

Auf der anderen Seite hatte eine Episode, verursacht durch einen scheinbar völlig „unstrategischen Schachzug“, fatale Auswirkungen. So überspannte Rivera bei den Friedensverhandlungen 1988 den Bogen als er mit überzogenen Forderungen („Alles oder Nichts-Politik“) an der Beteiligung der Ressourcen eine historische Chance vergab, die Miskito, Sumu und Rama durch einen 60prozentigen Anteil an ihren Naturreichtümern aus dem Prozess der Verarmung zu reißen. (ECOR 6: 206-209; IFEK 3: 134-136) „Schlecht“ beraten von „Gringos“ ergriff Rivera alsbald die Flucht nach Costa Rica. Einige Beobachter bemühen bei Rivera das Bild des Opportunisten, des reich gewordenen „Big Sandinista“ bestückt mit Geld und Auto. (ECOR 6: 225-229)

Susan Hawley erhellte eine weitere strategische Arena. Denn nachdem die Somoza-Diktatur 1979 fiel, erhielt die bei den costenos verbreitetste Glaubensrichtung der Mährische Kirche massiven Zulauf. Kurz darauf bekennen sich der Baptist Rivera, die Katholikin Lau und Fagoth (Anhänger der „Church of God“) zur Mährischen Kirche. Viel spricht dafür, Riveras Wendung als ethnisch-strategische Entscheidung zu sehen:

„>At heart I am a Baptist because I have had that expierence of God within the Baptist Church. But for the sake of ethnicity, for ethnic identifikation I am tied to the Moravian Church.>“ (Hawley 1997: 123-125)

Der Vorwurf des politischen Opportunismus ist hier nahe liegend. Dennoch spricht viel für rationale strategische Entscheidungen, für Gruppen- aber auch für Eigeninteressen. (vgl: Heinz 1993: 244-249) Durch Persönlichkeit, Bildung und vor allem durch ethnische Herkunft hatten alle drei günstige Startpositionen eine Protagonisten-Rolle einzunehmen. Wie die Glaubensbekenntnisse am stärksten, aber auch der temporäre Einsatz von Bündnissen (Fagoths Zusammenarbeit mit dem CIA) zeigen, haben wir es mit strategisch-handelnden Akteuren zu tun. Lau, Rivera und Fagoth hatten als strategische Akteure großen Einfluss auf die Ethnische Bewegung. Sie drückten der Ethnischen Bewegung ihren strategischen Stempel auf. Die Kluft zwischen den grassroots und der Führung wuchs – die Entscheidung Riveras (bzw. die seiner Berater) gegen das Friedensabkommen von 1987/88 zeigt dies am deutlichsten. (ECOR 6: 225-229) Eine gesonderte Arbeit wäre die Frage nach dem „Einnisten“ von Fremdstrategien bei Akteuren (Berater Riveras) wert. Die strategischen Akteure Lau, Rivera und Fagoth verschärften die Widersprüche innerhalb der Ethnischen Bewegung und lähmten sie mehrmals.

Lau, Rivera und Fagoth als Profiteure der Ethnischen Bewegung darzustellen ist richtig und falsch. Falsch, weil ihnen der Zutritt zu den Pfründen der Sandinisten verweigert und dieselbigen großes Desinteresse an der ethnischen „Sache“ zeigten. Richtig, weil durch die äußere Bedrohung (mit steigender Gruppenkohäsion - siehe 2.1.) nach den Umsiedlungen und Zwangsrekrutierungen Führungspositionen akut relevant wurden und sie von diesem günstigen Moment profitierten. Die Frage was sich an Geldmitteln und Sachwerten in den Taschen von Lau, Rivera und Fagoth über eine bloße Polemik hinaus real anhäufte, wäre eine weitere separate Arbeit wert.

Aus anderer Perspektive waren Lau, Rivera und Fagoth nicht monokausal Profiteure der Ethnischen Bewegung, da sie „es“ bereits mit dem Studium in Managua geschafft hatten und ein privilegierter Lebensweg eröffnet war, bevor ein Prozess der Revitalisierung/Reethninisierung sowie der Konvertierung zur Mährischen Kirche einsetzte. Ihre Anerkennung als wortgewandte Akademiker in der Ethnischen Bewegung stieg auch deshalb, weil die indigene Basis, geprägt von in einer oraler Tradition, eine überdurchschnittliche Analphabetenquote[19] besaß. Somit waren die strategischen Akteure der Ethnischen Bewegung Grenzgänger, die beständig das Identitätsregister wechselten oder mehrere gleichzeitig zogen. Sie waren bewegungsfähig in beiden „Welten“ und hatten eine entscheidende Vermittlerrolle. In ihren Händen lag ein großer Teil Entscheidungsgewalt in Sachen Guerillakrieg und Friedensprozess. (Schneider 1996: 167-172)

Am Ende sind die strategischen Akteure so etwas wie der repräsentierte Widerspruch der Ethnischen Bewegung selbst. (vgl: 2.3.) Untrennbar sind Eigen- und Gruppeninteressen verwoben. Der strategische Akteur als „>menschgewordene Gruppe<“ braucht eine Organisation als Ordnungsprinzip. Auf dieser Basis kann der Agent der Interpreter „grenzgehen“ („Passing“) zwischen der Gesamt- und der Sub-Gesellschaft. Mit der Rolle des strategischen Akteurs/des Wortführers scheint das „Sich-Entfernen“ von der Basis potenziell angelegt. Heinz hat diesen Vorgang als „Entkultivierung“ im Bezug auf die eigene Gruppe bezeichnet. (Heinz 1993: 238-250)

2.3. Die Ethnische Bewegung als Tintenfisch

Nach der Betrachtung der strategischen Akteure, wechselt die Perspektive nun auf das observer -Modell. Die Frage heißt konkret: welche Faktoren mobilisierten diese spezifische Ethnische Bewegung?[20]

Zunächst lassen sich grundsätzlich zwei große Mobilisierungsphasen der Ethnischen Bewegung unterscheiden: zum einen die Entstehungsphase von 1970 bis 1979 - zum anderen die Konfliktphase von 1981 bis ca. 1990 (bis zur letzten Demobilsierung der verbliebenen Contra-Truppen) nach anfänglicher Ruhe und „Eintracht“ in der Zwischenphase der Jahre 1979 bis 1981. (IFEK 3: 93-96)

Viel spricht dafür, einen ersten großen Mobilisierungskomplex zusammenzufassen. Der sozioökonomische Faktor ist ein, aber nicht der einzige Blickwinkel auf die Mobilisierung der Ethnischen Bewegung.[21] Dennoch ging vom wirtschaftlichen Niedergang an der Atlantikküste ein Schub und ein „Wellenfeld“ aus, das als Basis der Ethnischen Bewegung angesehen werden kann. Der sozioökonomische Faktor bezeichnet also genauer eine lange Periode der Vor-Entstehung der Ethnischen Bewegung.

Nachdem schon ab 1850 der massive Einfluss von Lohnarbeit und Geldwirtschaft auch an der Atlantikküste einsetzte, kam es nach 1960, nach dem Abzug der ausländischen (US-amerikanischen) Konzerne zu einem wirtschaftlichen Einbruch. Die Möglichkeit der temporären Lohnarbeit zum Kauf von Waren als Ergänzung einer funktionierenden Subsistenzwirtschaft fiel aus. Doch anders als in anderen früheren Phasen konnten die Miskito nicht mehr befriedigend zu dieser autarken Wirtschaftsform zurückkehren, der Raubbau der nordamerikanischen Companies an den Naturressourcen (Holz, Gold, Fischerei) hatte dies unmöglich gemacht. (Schneider 1996: 78-79; Binder 2004: 196-199) Längst waren aber schon die ethnic boundaries durchdrungen und porös geworden. (Glazer 1975: 113ff) Schon seit 1950 hatten Hispanisierungswellen unter den Miskito eingesetzt. Viele Miskito waren bereit diesen Ausstieg mit der Aussicht auf einen sozialen Aufstieg einzuleiten. (Meschkat 1987: 141- 146)

Warum setzte aber dann eine Rückbesinnung, eine Kehrtwende, eine Reethnisierung ein? Aus zwei Hauptgründen: einerseits aus realen negativen Erfahrungen der Differenz mit dem mestizischen „Außen“ (z.B. Benachteiligung bei Stipendien). Zum anderen aus der strategischen Erkenntnis, dass man sich gerade in einer ethnisch homogenen Organisationsform besonders gut behaupten kann – denn nur indigenas können für indigenas sprechen und adäquat Stellen in einer indigenen Vertretung ohne mestizische Konkurrenz besetzen. Die Reethnisierung verschaffte den Miskito, Rama und Sumu auch einen Rückzug aus der fremden Welt der Mestizen und Spaniards. (Meschkat 1987: 146-148; Schneider 1996: 51-53; Hawley 1997: 117ff)

Das „ausgeblichene, brachliegende“ politische Potenzial ethnischer Identität bot Ende der 60er die Möglichkeit, als Gruppe mit und nicht trotz gerade dieser spezifischen Herkunft gemeinsame (strategische) lohnende Ziele zu erreichen. Nicht nur die Gruppenkohäsion stärkte sich somit in sich, sondern ein steigender Gruppenzusammenhalt entwickelte sich auch selbst zu einem wichtigen Mobilisierungsfaktor. (Bierhoff 2002: 113-118; Richter, Ernesto in Meschkat 1987: 141- 143)

[...]


[1] vgl: http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/3856843.stm.

[2] Der ethnische Konflikt ist seit den 90er Jahren kanonisierter Bestandteil journalistischer Sprachregelung geworden. Im Hinblick auf die Konfliktursachen steht dieses Erklärungsmodell still. Das „Ethnische“ ist dabei zum Dogma mutiert - die Tortengrafiken über ethnische (religiöse) Zugehörigkeiten werden den Besonderheiten jeder Region, jedes Konfliktes nicht gerecht. Deshalb versucht diese Arbeit den Blick offen zu halten und Ethnizität als Konzept gerade bei Auseinandersetzungen immer wieder zu hinterfragen.

[3] Wallerstein 1986: 517 / Wallersteins (vgl: http://mailbox.univie.ac.at/Andrea.Komlosy/Debattenbeitrag.htm http://mailbox.univie.ac.at/Andrea.Komlosy/begriffe.htm)

[4] Bei der Frage: wie agieren ethnische (Kollektiv)Subjekte/ Bewegungen lassen wir in den Kapiteln 3 und 4 noch ausführlich weitere soziologische Herangehensweisen (rational-choise-theory, das actors-model , strategische Gruppen, Elias Zivilisationstheorie, Horowitz group boundaries, das Minderheiten-Mehrheit-Problem) und auch gruppenpsychologische Aspekte (Bierhoff) einfließen. Dies würde in der Einleitung zu weit führen.

[5] Greverus (1987: 181ff) geht im Gegensatz zur Mehrheit der Autoren von Shirokogoroff als dem „Gründer“ der definitorischen Ethnizität aus. Bereits in den 30er Jahren soll er den dynamischen Charakter (!) von Ethnizität betont und ethnic marker erwähnt haben (Kultur, Sprache, Tradition, Wir-Bewußtsein, wechselseitige Identifikation, Endogamie).

[6] Ethnizität als sozialer Faktor bestimmt in vielfältiger Hinsicht die soziale Wahrnehmung (der Begriff wurde durch die Sozialpsychologie geprägt). Im Eigen- und Fremdbild der ethnischen Gruppe wird die soziale Wahrnehmung geformt durch Vorurteile, Stereotypen, Tabus oder auch der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht.

[7] Auf das große Feld der Differenzierung, Verknüpfung und Unterscheidung zwischen Identität und Ethnizität sei hier nur hingewiesen (deren Bearbeitung wäre Aufgabe einer gesonderten Arbeit). Es finden sich in der Literatur viele Gleichsetzungen von ethnic identity und Ethnizität. (vgl: Heinz 1993: 15-39)

[8] Gabbert gibt einen breiten Überblick über die Begriffsgeschichte des „Indianer“/ indigena. Große Schwierigkeiten gibt es schon dabei ethnic marker und dörfliche comunidades als Betrachtungsgrundlage zu wählen (beispielsweise sprechen viele hispanisierte Miskito nicht mehr Miskito und wohnen und arbeiten in Managua).

Ein weiteres wesentliches Problem der Zuschreibung als indigena ist die negative Konnotation einer kolonialen Geschichte von Herrscher und Beherrschten, von Kolonialherr und eben Indianer. Das Gegengewicht bilden die indigenen Bewegungen, die versuchen selbstständig den Begriff indigena positiv zu belegen. Außerhalb dessen überlagert die Realität diese Subdiskurse kontinuierlich: „<Indianer> bleibt eine soziale Kategorie [...]“ (vgl: Gabbert 1991 in LN: 23-32)

[9] Die Frage der Organisation erfährt in Kapitel 2.3. eine detaillierte Antwort.

[10] Zu einer ausführlichen Diskussion der ethnischen Militanz – siehe Kapitel 2.4.

[11] Der Begriff homeland fasst das Phänomen einer ursprünglichen lokalen Heimat bzw. die Beanspruchung desselben. Das homeland -Konzept ist gleichzeitig ein Archetyp, ein Kontinuum indigener Identität in Lateinamerika.

[12] Der Minderheitenbegriff ist ein eigener breiter Gegenstand der Forschung. Die Ethnische Bewegung der Atlantikküste befand sich zahlenmäßig und machtpolitisch in einer Minderheitsposition (Typ D nach Schermerhorn; in Hutchinson 1996: 17). Die Schätzungen (1982) der Bevölkerung der Atlantikküste gehen von ungefähr 282081 costenos aus, davon seien 182377 Mestizen, 66994 Miskito (MISURASATA-Schätzung von 1980 172000 Indianer!), 25723 Creoles, 4851 Sumu und 1487 Caribs und 649 Rama von 2`914000 Millionen Gesamtbevölkerung (1984). (Schneider 1996: 19/20) Damit haben die multiethnischen costenos einen Bevölkerungsanteil von 9,7 Prozent. Somit könnte man die Ethnische Bewegung als schwächste aller gesellschaftlichen Subjekte in der Typisierung von Schermerhorn (siehe Anhang) verstehen. Die selbstverwalteten Atlantikregionen RAAN und RAAS (Region Autónoma Atlántico Norte/ Region Autónoma Atlántico Sur) nehmen zusammen genommen einen Anteil von 49 Prozent am Gesamtterritorium ein. Die Bevölkerungsdichte ist somit deutlich (9 Einwohner pro Quadratkilometer) niedriger als der nicaraguanische Durchschnitt. (Binder 2004: 196-197)

(Gegenbeispiel Südafrika: hier bildete die weiße Oberschicht (Typ B) bis zum Ende der Apartheid eine zahlenmäßig kleine Formation war jedoch machtpolitisch dominierend)

[13] Der Begriff Spaniard(s) zeigt in sich das tiefe Misstrauen der Miskito, Rama und Sumu gegen den ) spanisch-sprechenden Zentralstaat. Obwohl beispielsweise die Miskito eine exogene, offene Familienpolitik betreiben gelten die Mestizen aus Zentral- und West-Nicaragua noch immer als Spaniards, als Spanier. (Hale, Charles in Meschkat 1987: 261-265)

[14] Backfires entwickeln sich als aggressive Reaktion auf die Erfahrung von Staatsmacht und „schlummern“ somit. Backfires beschreiben u.a. das Auftreten des bewaffneten Kampfes der Ethnischen Bewegung, des Guerilla-Krieges als Folge der sandinistischen Eingriffs in ihre Lebenswelt.

[15] Strategische Gruppen in Westeuropa und den USA sind anders aufgebaut als ethnostrategische Gruppen wie die der indigenen Tieflandbevölkerung der Atlantikküste. Es geht der strategischen Gruppe jedoch darum politischen Einfluss zu akkumulieren, den „Fuß in die Tür“ der politischen Arena zu bekommen für die eigenen Ziele. Für die Miskito, Sumu und Rama ging es hauptsächlich darum den Eingriff des Zentral-Staates in ihren Lebensraum abzuwehren. (vgl: Evers/Schiel 1988)

[16] Zwar beziehen sich die Betrachtungen zum Zivilisationsprozess auf England, Frankreich und Deutschland – nichtsdestotrotz läßt sich auf dieser Basis sinnvoll auf Entwicklungen im sandinistischen Nicaragua abstrahieren.

[17] Geoffrey (1988: 85) geht als einziger Autor von der FDN als regulärer Armee aus.

[18] Diese Frage kann hier nur angerissen werden. In 3.3.2. geht es ausführlich um den dirty war.

[19] Die Analphabetenquote ging von 46,9 Prozent (1970) auf 12 Prozent (1985) in Gesamt-Nicaragua zurück. Dabei muss jedoch die wenig erfolgreiche unsensible Alphabetisierungskampagne an der Atlantikküste bedacht werden, die einen größeren überdurchschnittlichen Anteil von nicht lese- und schreibfähigen costenos hinterließ. (Abel 1996: 435ff).

[20] Die folgende Diskussion der Mobilisierungsfaktoren der Ethnischen Bewegung überschneidet sich mit dem Kapitel 3.1. im Bezug auf die Konfliktherde zwischen Sandinisten und Miskito, Sumu und Rama. Die Betrachtung verschiedener Blickwinkel schließt jedoch diese doppelte Behandlung ein und ist sinnvoll für eine mehrdimensionale Analyse.

[21] An dieser Stelle sollte ein kurzer Abriss genügen, da der sozioökonomische Faktor im Kapitel 4 ausführlich behandelt wird.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Sandinismus - eine Analyse ethnisch-sozialer Konflikte
Untertitel
Ethnische Bewegungen am Beispiel der Miskito
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
101
Katalognummer
V34854
ISBN (eBook)
9783638349604
ISBN (Buch)
9783638699310
Dateigröße
1101 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Magisterarbeit hat zwei Schwerpunkte: 1. Sie behandelt den Konflikt zwischen den Sandinisten und den indigenen Minderheiten der Miskito, Sumu und Rama angesichts des US-gestützten Contrakrieges der 1980er Jahre. 2. Sie gibt Auskunft über den Zusammenhang zwischen dem Weltsystem (Wallerstein) und den Konflikten in der Peripheriezone Nicaragua.
Schlagworte
Sandinismus, Analyse, Konflikte
Arbeit zitieren
Marcus Fiebig (Autor), 2004, Sandinismus - eine Analyse ethnisch-sozialer Konflikte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34854

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