Diese Arbeit wird sich nicht mit Damien Hirst, dem Marketinggenie und Superstar der Kunstszene auseinander setzten. Die Preise, die seine Werke erzielen, sind beeindruckend, aber für die in dieser Arbeit untersuchte Thematik unwichtig. Auch die Frage, ob es sich bei den Werken von Hirst um Kunst handelt oder nicht, ist nicht von Bedeutung. Diese Arbeit wird sich ausschließlich mit dem Mensch-Tier-Dialog der "Natural History Series" befassen, wobei die Definition eines solchen Dialoges mit seinen Besonderheiten im Vorfeld erläutert werden wird.
Die "Natural History Series" existiert bereits seit 1991 und besteht größtenteils aus Tieren die in Formalin eingelegt sind. Somit beschränkt sich der Mensch-Tier-Dialog auf tote, ausgestellte Tiere, genauer genommen auf Präparate. Die Rolle des Präparates in der Kunstgeschichte, das tote Tier als künstlerisches Material, aber auch die Grenzen zur Naturwissenschaft und zoologischen Museen sind wichtige Punkte, um sich den Arbeiten von Hirst zu nähren, da dieser mit Produktion und Inszenierung seiner Werke immer wieder Bezug auf eine bereits bestehende Tradition nimmt.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht jedoch der Mensch-Tier-Dialog, das Wechselspiel von Kunstwerk und Rezipient, die Rezeptionsästhetik. Ausgangspunkt der Untersuchung ist deswegen das, was der Betrachter sieht. Hierbei konzentriert sich die Arbeit ausschließlich auf das Wesentliche, das Kunstwerk und seinen Rezipienten, unbeeindruckt davon, welcher Mythos um den Künstler herum aufgebaut wurde. Die Rolle von Hirst wird deshalb nur in einem naheliegenden Punkt erarbeitet werden: der Künstler als Erschaffer und erster Rezipient seiner Werke.
Die Arbeit wird sich auf drei ausgewählte Exemplare fokussieren: das erste in Formalin eingelegte Werk der Serie "The Impossibility of Death in the Mind of Someone Living", das umstrittene und auf der Biennale 1993 präsentierte Werk "Mother and Child (Divided)" und eine aktuellere Arbeit, versteigert in der Auktion "Beautiful Inside My Head Forever, The Dream". Anhand von diesen drei Werken soll stellvertretend erläutert werden, wie der Mensch-Tier-Dialog der Serie funktioniert. Hierfür werden die Werke zuerst beschrieben, analysiert um anschließend den entstehenden Dialog genau herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Natural History Series
2.1. Allgemeine Eckdaten
2.2. Beispiele
2.2.1. The Impossibility of Death in the Mind of Someone living, 1991
2.2.2. Mother and Child (Divided), 1993
2.2.3. The Dream, 2008
3. Das tote, ausgestellte Tier
3.1. Rezeptionsgeschichte
3.2. Hirsts Spezifika
3.2.1. Herstellung
3.2.2. Inszenierung
4. Der Mensch-Tier-Dialog
4.1. Rezeptionsästhetik des toten Tieres
4.2. Einzelne Tiere im Dialog
4.2.1. „Der Hai“
4.2.2. „Die Kuh und das Kalb“
4.2.3. „Das Einhorn“
4.3. Künstlerrolle
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Mensch-Tier-Dialog innerhalb von Damien Hirsts „Natural History Series“. Das primäre Ziel ist es, das Wechselspiel zwischen dem in Formalin konservierten toten Tier und dem menschlichen Rezipienten auf Basis der Rezeptionsästhetik zu analysieren und dabei die Rolle des Todes als verbindendes Element zwischen Wissenschaft und Kunst zu beleuchten.
- Die Rezeptionsästhetik von in Formalin konservierten Tieren.
- Die kunsthistorische Einordnung des toten Tieres als künstlerisches Material.
- Die Analyse der Inszenierung durch Vitrinen, Wassertanks und Titelgebung.
- Die verschiedenen Rollen des Künstlers als Präparator, Wissenschaftler und Bildhauer.
- Der Dialog zwischen Mensch und Tier als stiller, auf Blicken basierender Prozess.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Präparates in der Kunstgeschichte
Die Geschichte des Tieres in der Kunst begann mit prähistorischen Höhlenmalereien, denen vorchristliche Mythenwesen und mittelalterliche Symbolfiguren folgten. Naturstudien in der Renaissance fokussierten erstmals das Tier als solches. Die neuzeitliche Gattung des Tierbildes fand ihren Anfang in der holländischen und flämischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts, wo das Tier aus der Mythologie gelöst wurde. Die gewandelte künstlerische Auffassung des Tieres um seiner selbst willen ermöglichte eine neue Form der Tiermalerei und führte ab 1830 zu der Art Animalier.
Als „Animaliers“ bezeichneten sich Maler und Bildhauer, die sich darauf spezialisierten, Tiere so realistisch wie möglich darzustellen. Durch diesen bürgerlichen Realismus entwickelte sich ein neues Selbstwertgefühl der Tierdarstellung, welches dazu führte, dass die Tiermalerei seit Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Fach an jeder Kunsthochschule gelehrt wurde. Grundlage dieser Tiermalerei ist das Zeichnen der Anatomie des Tieres. Bis zum 20. Jahrhundert existierten im Zusammenhang mit Tieren und Kunst überwiegend Zeichnungen und Gemälde, aber auch Skulpturen. Die zeitgenössische Kunst seit 1960 forderte jedoch eine anschaulichere Form von Leben und nutzte organisches Material wie menschliche Körper, Tiere und Pflanzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt das Thema vor und grenzt die Arbeit auf den Mensch-Tier-Dialog in der Natural History Series ein, wobei die Rezeptionsästhetik als methodischer Rahmen definiert wird.
2. Die Natural History Series: Dieses Kapitel liefert einen Überblick über die Serie und analysiert beispielhaft drei zentrale Werke: The Impossibility of Death in the Mind of Someone living, Mother and Child (Divided) und The Dream.
3. Das tote, ausgestellte Tier: Hier wird die Rezeptionsgeschichte des toten Tieres in der Kunst nachgezeichnet und Hirsts spezifisches Vorgehen bei der Herstellung und Inszenierung seiner Arbeiten kritisch untersucht.
4. Der Mensch-Tier-Dialog: Dieses Kapitel bildet den analytischen Kern, indem es das Wechselspiel zwischen dem Betrachter und den konservierten Tieren sowie die Rolle des Künstlers in diesem Prozess beleuchtet.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und bestätigt, dass Damien Hirst durch die bewusste Inszenierung des Todes einen intensiven, ambivalenten Dialog zwischen Rezipient und Werk ermöglicht.
Schlüsselwörter
Damien Hirst, Natural History Series, Mensch-Tier-Dialog, Rezeptionsästhetik, Formalin, Tierpräparat, Taxidermie, Tod, Kunstgeschichte, Stillleben, Vanitas, Inszenierung, White Cube, Ready-made, Skandal.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktischen Analyse von Damien Hirsts Werken aus der "Natural History Series" unter rezeptionsästhetischen Aspekten.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Vordergrund?
Im Zentrum stehen der Dialog zwischen Mensch und Tier, die historische Einbettung des toten Tieres in der Kunst sowie die methodische Inszenierung dieser Werke durch den Künstler.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung der spezifischen Qualität des Mensch-Tier-Dialogs, der durch Hirsts konservierte Tiere in einem dezidiert künstlerischen Kontext entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die rezeptionsästhetische Methode nach Wolfgang Kemp, um die Interaktion zwischen Kunstwerk und Betrachter systematisch zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Serie, eine Analyse der historischen Tradition von Tierpräparaten in der Kunst und eine detaillierte Untersuchung der drei Beispielwerke sowie der Rolle des Künstlers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mensch-Tier-Dialog, Rezeptionsästhetik, Formalin, Tod und Vanitas geprägt.
Welche Rolle spielt der Tod in Hirsts Natural History Series?
Der Tod fungiert bei Hirst als zentrales Verbindungselement, das den Betrachter zur Reflexion über das eigene Leben und die eigene Sterblichkeit zwingt.
Wie unterscheidet sich Hirsts Präsentation von naturwissenschaftlichen Sammlungen?
Während naturwissenschaftliche Museen den Tod leugnen oder das Tier als reines Lehrmaterial zeigen, setzt Hirst durch den Kunstkontext (White Cube, Titel, Monumentalität) den Tod als bewusstes künstlerisches Ausdrucksmittel ein.
- Citar trabajo
- Julika Fertig (Autor), 2014, Der Mensch-Tier-Dialog in der "Natural History Series" von Damien Hirst, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349104