Die Großstadt ist als Lebensraum für Kinder heutzutage gefährlicher denn je. Nie gab es so viel Verkehr, so viel Kriminalität. Nie mussten Eltern so viel Acht auf ihre Kinder geben, nie verbargen die Großstadtstraßen so viele Gefahren wie heute. Stadtkinder sind aber nicht anders als Landkinder, die nicht so stark mit derartigen Problemen konfrontiert sind. Auch Stadtkinder möchten Erfahrungen sammeln, möchten sich frei bewegen und ohne Bedenken spielen können. "Kindheit in der Großstadt – heute –" soll unter der Fragestellung behandelt werden, die Neil Postman schon 1987 aufwarf: Kann gegenwärtig von einem „Verschwinden der Kindheit“ gesprochen werden? Während zunächst die Begriffe „Kindheit“ und „Großstadt“ eingegrenzt und deren gegenwärtige Veränderungen kurz dargestellt werden, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf den Orten, in denen sich die Kinder heute am meisten aufhalten: in der Familie, in der Schule und auf der Straße. Großstadtkindheit als Familienkindheit wird besonders unter den Aspekten neue familiale Lebensformen, Familie und Fernsehen und aktuelle Lebens- und Erziehungsstile behandelt. Hierbei stehen auch Begriffe wie „Verhäuslichung“ und „Verinselung“ im Mittelpunkt der Betrachtungen. Die Schule wird in dieser Arbeit hauptsächlich als sozialer Lebensort und daher wichtiger Lernort für Großstadtkinder angesprochen. Besonders relevant sind die neuen Ziele des heutigen Schulunterrichts, die Perspektiven zur Verbesserung von Schulkindheit darstellen sollen. Außerdem soll gezeigt werden, dass es auch heutzutage noch Straßenkindheit gibt. Neben einer kurzen Erläuterung zu Straßenkindern geht es speziell um Familienkinder und deren Möglichkeiten zur Aneignung von Plätzen und Straßen. Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation von Stadtkindern sollen letztendlich zeigen, dass auch in der Großstadt Kindheit immer noch existiert bzw. existieren kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kindheit
2.1 „Definition“ von Kindheit
2.2 Wandel von Kindheit
3. Großstadt
3.1 „Definition“ von Großstadt
3.2 Veränderungen des städtischen Lebens
4. Großstadtkindheit als Familienkindheit
4.1 Allgemeine statistische Angaben
4.2 (Neue) familiale Lebensformen
4.3 Familie und Fernsehen
4.3.1 Medien und Erziehung
4.3.2 Mögliche Gefahren und Vermeidung durch die Eltern
4.3.3 Positive Aspekte
4.4 Lebens- und Erziehungsstile der Eltern in der Stadt
4.4.1 Familienalltag und Erziehung
4.4.2 Vorsichtsmaßnahmen
4.4.3 Gefahr der Verhäuslichung
4.4.4 Elterliche Einflüsse und kindliche Abhängigkeitsverhältnisse
4.4.5 Verinselung
4.5 Trend zur Stadtflucht von Familien
5. Großstadtkindheit als Schulkindheit
5.1 Der Schulweg
5.2 Die Bedeutung des Schulhofs für Stadtkinder
5.3 Schule als sozialer Lebensort
5.4 Gesellschaftliche Werte und ihre Folgen
5.4.1 Der gesellschaftliche Leistungsdruck auf das Schulkind
5.4.2 Gewalt an Schulen
5.5 Neue Ziele des heutigen Schulunterrichts
6. Großstadtkindheit als Straßenkindheit
6.1 Kinder der Straße
6.2 Kinder auf der Straße
6.2.1 Außerinstitutionelle Aufenthaltsmöglichkeiten für Stadtkinder
6.2.1.1 Der Spielplatz
6.2.1.2 Alternativen zum Spielplatz
6.2.1.2.1 ...aus der Sicht der Kinder
6.2.1.2.2 ...aus der Sicht der Erwachsenen
6.2.1.3 Die Gefahren des Straßenverkehrs
6.2 Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation von Stadtkindern
6.2.1 Verbindung von pädagogischer und planerischer Praxis
6.2.2 Waldpädagogik
6.2.3 Stadterkundung
7. Verschwinden der Kindheit? – Eine Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Lebenssituation von Kindern in der Großstadt und geht der Fragestellung nach, ob gegenwärtig von einem „Verschwinden der Kindheit“ gesprochen werden kann. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der zentralen Lebensorte Familie, Schule und Straße sowie den damit verbundenen Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten für eine kindgerechte Umwelt.
- Wandel von Kindheitskonzepten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Stadt.
- Einfluss familialer Lebensformen und Erziehungsstile auf das Aufwachsen.
- Die Schule als sozialer Lebensort und die Problematik des gesellschaftlichen Leistungsdrucks.
- Die Bedeutung der Straße als Erfahrungsraum und die Auswirkungen der zunehmenden Automobilisierung.
- Möglichkeiten der pädagogischen und planerischen Intervention zur Verbesserung der Lebenswelt von Stadtkindern.
Auszug aus dem Buch
6.2.1.2.1 ...aus der Sicht der Kinder
In diesem Abschnitt beziehe ich mich hauptsächlich auf Muchow & Muchow, die 1935 sehr ausführlich auf kindliche Perspektiven eingegangen sind. Beschrieben wird ein Löschplatz, der von Kindern als Spielplatz genutzt wird, denn hier sind sie nicht der Enge der Straßen und Höfe ausgesetzt, müssen nicht auf den Verkehr achten und nicht auf andere Personen Rücksicht nehmen. Dieser Löschplatz ist durch ein Gitter von der Umgebung abgetrennt, welches beispielhaft die kindliche Sichtweise verdeutlichen soll: „Mit diesem Gitter ergreift er die Kinder, die vorübergehen, reißt sie gleichsam in seinen Bann hinein und zwingt sie, ihn zu verwirklichen“ (Muchow/Muchow 1935, S.106). Für Kinder besitzt dieses Gitter einen regelrechten Aufforderungscharakter es zu berühren. Sie „können die ragende Höhe nicht unbezwungen lassen“ (ebd., S.106). Das Gitter kann außerdem zum sitzen, hocken oder zum Trainieren des Gleichgewichts benutzt werden. Hinzu kommt, dass man hierauf gemeinsam mit Freunden klettern, spielen oder lediglich Bilder ansehen kann. Für Kinder verwandelt sich das Gitter „in eine Art Turngerät [...], das mannigfache Bewegungsreize aussendet“ (ebd., S.107) (vgl. ebd., S.103ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Gefahren und Herausforderungen des Großstadtlebens für Kinder unter Bezugnahme auf die Fragestellung eines möglichen „Verschwindens der Kindheit“.
2. Kindheit: In diesem Kapitel werden grundlegende Definitionen von Kindheit erörtert und der historische Wandel sowie die zunehmende Institutionalisierung dieser Lebensphase beleuchtet.
3. Großstadt: Es erfolgt eine Eingrenzung des Begriffs Großstadt sowie eine Darstellung der städtebaulichen und sozialen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten, die den Lebensraum von Kindern maßgeblich beeinflussen.
4. Großstadtkindheit als Familienkindheit: Der Fokus liegt auf der Familie als erste soziale Umwelt, neuen familialen Lebensformen sowie dem Einfluss von Medien und elterlichen Erziehungsstilen auf das Kind.
5. Großstadtkindheit als Schulkindheit: Dieses Kapitel analysiert die Schule als wichtigen sozialen Lebensort, beleuchtet den Leistungsdruck, Gewaltphänomene und diskutiert neue pädagogische Ansätze.
6. Großstadtkindheit als Straßenkindheit: Hier wird die Straße als gesellschaftlicher Erfahrungsraum für Kinder untersucht und Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation durch Planung und Waldpädagogik aufgezeigt.
7. Verschwinden der Kindheit? – Eine Zusammenfassung: Die Arbeit fasst die vorangegangenen Analysen zusammen und kommt zu dem Schluss, dass trotz zahlreicher Herausforderungen Kindheit in der Großstadt nach wie vor existiert und aktiv gestaltet werden kann.
Schlüsselwörter
Großstadtkindheit, Kindheitswandel, Sozialisation, Familie, Schule, Straßenkinder, Verinselung, Verhäuslichung, Erziehungsstile, Medienkonsum, Stadtplanung, Waldpädagogik, Stadterkundung, Leistungsdruck, Lebenswelt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Lebenssituation von Kindern in der Großstadt und untersucht, wie sich die Bedingungen ihres Aufwachsens in einer städtischen Umwelt im Laufe der Zeit verändert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die häusliche Erziehung innerhalb der Familie, die Schule als sozialen Lernort sowie die Straße als bedeutsamen, aber zunehmend verdrängten Erfahrungsraum für Stadtkinder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, zu analysieren, ob – wie von Neil Postman postuliert – ein „Verschwinden der Kindheit“ stattfindet, und Perspektiven aufzuzeigen, wie Lebensräume für Kinder in Städten verbessert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Vordiplomarbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung bestehender sozialwissenschaftlicher Studien zu Kindheit und städtischen Lebenswelten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei zentrale Lebensbereiche von Großstadtkindern: die Familie als privater Rückzugsort, die Schule als Institution des sozialen Lernens und die Straße als öffentlicher Raum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Großstadtkindheit, Sozialisation, Kindheitswandel, familiäre Lebensformen, Schulalltag, Straßenleben und Konzepte wie Verinselung oder Verhäuslichung charakterisiert.
Was versteht man unter dem Begriff „Verinselung“ in Bezug auf Kinder?
Verinselung beschreibt das Phänomen, dass der Lebensraum von Kindern nicht mehr als zusammenhängend erfahren wird, sondern in isolierte Orte wie Kindergarten, Schule und Spielplatz zerfällt, zwischen denen kein eigenständiges Erleben mehr stattfindet.
Welche Rolle spielt die Waldpädagogik in der Arbeit?
Die Waldpädagogik wird als ein innovativer Ansatz vorgestellt, um Stadtkindern Naturerfahrungen zu ermöglichen und ihnen Gegenpole zur urbanen Hektik und den räumlichen Einschränkungen in der Stadt zu bieten.
- Citation du texte
- Dipl.-Päd. Nadine Voigt (Auteur), 2002, Kindheit in der Großstadt heute, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34955