Intertextualität in Mörikes "Lucie Gelmeroth". Die Funktion intertextueller Bezüge zu Goethes "Faust"


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intertextualität
2.1 Theoretische Voraussetzungen
2.2 Operationalisierung

3. Intertextuelle Bezüge
3.1 Ähnlichkeit der Strukturelemente
3.2 Gattungswechsel

4. Funktion der intertextuellen Bezüge

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
A. Primärliteratur
B. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Ein deutscher Gelehrter, ein Duell, eine „Kerkerszene“ – durch die Aneinanderreihung dieser Strukturelemente könnte der belesene Rezipient eventuell schon eine Verbindung zu Goethes Faust [1] herstellen. All diese Elemente finden sich in Eduard Mörikes Novelle Lucie Gelmeroth wieder, die dort jedoch leicht unbemerkt bleiben können. So kann auch ein Leser, der mit Goethes Drama vertraut ist, diese Parallelen leicht überlesen, da Mörike keinerlei Hinweise auf intertextuelle Bezüge gibt. Auf Grundlage dessen erscheint es naheliegend, dass diese Bezüge auf Faust unbewusst und von Mörike nicht intendiert einfließen. Die Tatsache, dass Mörike intensiv Goethe gelesen, ihn sogar als eine Art Vorbild betrachtet hat[2], lässt jedoch darauf schließen, dass diese Parallelen beabsichtigt sind. Zudem finden sich intertextuelle Bezüge zu Goethe auch in anderen Werken Mörikes, wie beispielsweise Maler Nolten Bezüge zu Goethes Wilhelm Meister aufweist[3].

Um diese Vermutung zu festigen, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, ob sich durch das Identifizieren von intertextuellen Bezügen zu Faust neue Bedeutungen für die entsprechenden Textstellen ergeben und inwiefern sie die Wahrnehmung des Lesers beeinflussen. Im Hinblick auf die Forschungsfrage interessiert somit die funktionale Einbettung der intertextuellen Bezüge, also die Motivation und Intention des Autors sowie ihre Wirkung auf Seiten des Lesers. Dabei wird der These nachgegangen, dass durch diese Bezüge Äußerungen im Text infrage gestellt und Kontraste zu dem jeweiligen Geschehen in Faust erzeugt werden. Da sich in der Forschung bisher noch nicht mit dieser Thematik beschäftigt wurde, werden lediglich Goethes Faust und Mörikes Lucie Gelmeroth zur Beantwortung der Forschungsfrage herangezogen. Dazu werden zunächst theoretische Voraussetzungen der Intertextualität und wichtige Begriffe, von denen im Analyseteil dieser Hausarbeit Gebrauch gemacht wird, näher erläutert. Im Anschluss daran wird Mörikes Novelle auf intertextuelle Bezüge zu Faust hin untersucht. Dabei wird sowohl auf die Ähnlichkeit von einzelnen Strukturelementen als auch auf das Phänomen des Gattungswechsels eingegangen, da es sich bei Faust und Lucie Gelmeroth um unterschiedliche Textgattungen handelt. Daran anknüpfend werden Vermutungen darüber angestellt, welche Funktion die intertextuellen Bezüge erfüllen und welche Effekte sie auf die Wahrnehmung der betreffenden Textstellen haben. Im Zuge dessen soll die Forschungsfrage beantwortet werden, sodass im nachfolgenden Kapitel ein Fazit gezogen werden kann.

2. Intertextualität

Da die Parallelen von Mörikes Lucie Gelmeroth zu Goethes Faust in dieser Arbeit in den Blick genommen werden sollen, wird im folgenden Kapitel ein kurzer Überblick über die Methode der Intertextualität vermittelt.

2.1 Theoretische Voraussetzungen

Der Begriff der Intertextualität wurde 1967 von Julia Kristeva eingeführt und wird seitdem verwendet, um Bezüge zwischen Texten zu umschreiben.[4] Dabei wird zwischen einem weiteren und einem engeren Begriff von Intertextualität unterschieden. Während das weite globale Modell des Poststrukturalismus davon ausgeht, dass jeder Text intertextuell ist und damit auf vorausgegangene Texte basiert, engt das strukturalistische oder hermeneutische Modell diesen Begriff weiter ein. Ein Text wird dabei nur dann als intertextuell charakterisiert, wenn Bezüge zu anderen Texten vom Autor bewusst und intendiert vorgenommen werden und vom Leser auch erwartet wird, dass er diese Zusammenhänge als vom Autor beabsichtigt sowie als wichtig für das Textverständnis erkennt.[5]

Durch das Heranziehen von qualitativen und quantitativen Kriterien kann zwischen den genannten Modellen vermittelt werden, indem die Intertextualität durch diese Kriterien nach Graden der Intensität abgestuft werden kann. Dabei sind vor allem die qualitativen Kriterien entscheidend: Die Referentialität als Grad der Thematisierung des Referenztextes, die Kommunikativität als Grad der Intentionalität und der Deutlichkeit von Markierungen im Text, die Autoreflexivität als die Thematisierung der intertextuellen Bezüge selbst, die Strukturalität als Beeinflussung der Struktur des Textes durch den Prätext, die Selektivität als die Prägnanz der jeweiligen intertextuellen Bezüge und die Dialogizität als das Spannungsverhältnis von ursprünglichem und neuem Zusammenhang.[6] Weiter lassen sich die quantitativen Kriterien Dichte und Häufigkeit der intertextuellen Bezüge sowie Zahl und Streubreite der ausgewählten Prätexte finden, die ebenfalls zur Bestimmung der Intensität von Intertextualität beitragen.[7]

Die im Zusammenhang mit der Kommunikativität erwähnten Markierungen stellen sogenannte „Intertextualitätssignale“ dar, die auf Bezüge zu anderen Texten hindeuten. Texte, die im Sinne der weiten Definition intertextuell sind, weisen eher weniger Markierungen auf, da Parallelen zu anderen Texten unter Umständen unbewusst einfließen. Die Bezüge spielen dabei für das Textverständnis zumeist keine Rolle. Texte im Sinne der engen Definition von Intertextualität sind dagegen häufig durch Markierungen gekennzeichnet, um auf Bezüge zu anderen Texten aufmerksam zu machen. Diese Markierungen können dabei explizit oder implizit vorliegen. Während explizite Markierungen beispielsweise durch einen Wechsel des Schrifttyps „Brüche“ im Text verursachen und in Form von bibliographischen Angaben im Text oder in Nebentexten vorliegen können, ergeben sich implizite Markierungen aus textuellen oder kontextuellen Eigenschaften. Sie hängen stark von der Zitatkompetenz des Lesers ab, da sie aus der Beschaffenheit des Textes vom Leser selbst zu erschließen sind.[8] Markierungen können demnach auch durch den Kontext vorliegen, beispielsweise in Form von Analogien, die den Leser durch Wiederholung bestimmter inhaltlicher und struktureller Textelemente eines anderen Textes auf die vorliegende Intertextualität aufmerksam machen.[9]

Weiter lassen sich Texte finden, bei denen der Leser erkennen soll, dass es sich um bewusst vorgenommene Bezüge handelt, bei denen aber gänzlich auf Markierungen verzichtet wird. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sich der Autor auf einen Prätext wie die Bibel bezieht, der einem größeren Kreis an Lesern bekannt sein dürfte.[10]

Da in Mörikes Lucie Gelmeroth unter anderem keine expliziten Markierungen zu finden sind, das intertextuelle Verfahren selbst nicht thematisiert wird und die intertextuellen Bezüge nicht klar umgrenzt sind wie beispielsweise ein wörtliches Zitat, weist die Novelle einen geringen Intertextualitätsgrad auf. Demnach hat man es hier mit einem weiten Begriff von Intertextualität zu tun. Für die Textanalyse und -interpretation ist jedoch der engere Begriff der Intertextualität geeigneter, da hier operationalisierte Analysekategorien und -verfahren herangezogen werden können. Da sich beide Intertextualitätsmodelle gegenseitig nicht ausschließen, können für die Analyse von Lucie Gelmeroth und jedes anderen Textes ohne explizite Markierungen jedoch auch Kriterien des engen Intertextualitätsbegriffs verwendet werden.[11] Im Folgenden soll deshalb auf jene wichtigen Begriffe und Kriterien eingegangen werden.

2.2 Operationalisierung

Broich und Pfister unterscheiden innerhalb der Intertextualität zwischen Einzeltext- und Systemreferenz. Während die Einzeltextreferenz den Bezug eines Textes auf einen einzelnen, individuellen Prätext beschreibt, meint die Systemreferenz den Bezug auf Konventionen allgemeiner Textsysteme, beispielsweise literarischer Gattungen.[12] Die Einzeltextreferenz, die in dieser Hausarbeit im Vordergrund steht, findet sich in der referentiellen Intertextualität von Petöfi und Olivi wieder, für die sie zwei verschiedene Arten von Referenzverfahren formulieren, um Bezüge zu einem anderen Text herzustellen: Die textoberflächenstrukturelle Referenz einerseits und die texttiefenstrukturelle Referenz andererseits. Gemeint ist damit die Unterscheidung in eine materiell organisierte Referenz, die also auf die materiellen Aspekte des Referenztextes abzielt und diese in die Textoberflächenstruktur des Folgetextes integriert, wie es beispielsweise beim Zitat der Fall ist, und in eine semantisch organisierte Referenz, die also auf die semantischen Aspekte des Referenztextes abzielt und diesen nicht oder nur modifiziert wiedergibt. Darunter fallen beispielsweise die Referenzverfahren der Allusion und der intertextuellen Paraphrase.[13]

In diesem Zusammenhang bedarf vor allem das Referenzverfahren der Allusion größere Aufmerksamkeit, das mit dem Begriff der Anspielung gleichgesetzt werden kann. Hierbei hat man es mit indirekten Referenzen auf den Prätext zu tun, die sich in quasi-identischen oder äquivalenten Entitäten in Bezugstext und referierendem Text niederschlagen. Auch hier sind sowohl explizite als auch implizite Signale wie das Übernehmen von Figurennamen möglich, die auf den angespielten Text hinweisen. Für die Identifizierung und Verarbeitung der intertextuellen Referenz wird in der Regel jedoch ein ausgeprägteres Textwissen beim Leser vorausgesetzt als beispielsweise für die Identifizierung eines komplexen Zitates.[14]

Lachmann dagegen unterscheidet zwischen Kontiguitäts- und Similaritätsrelation und damit die Art, wie Elemente des Prätextes im Folgetext übernommen werden. Die Kontiguitätsrelation betrifft dabei die zitathafte Übernahme von Elementen, wobei diese ihre Struktur und Funktion aus dem Prätext behalten können oder nicht. Die Similaritätsrelation bezieht sich auf die Übernahme von Relationen zwischen Elementen und nicht der Elemente direkt, sodass sich Analogien zu dem Prätext ergeben.[15] Ähnlich kann auch zwischen Elementen- und Struktur-Reproduktion differenziert werden, sodass entweder einzelne Elemente wie wörtliche Formulierungen, Figuren, Handlungsmotive und Themen oder Strukturen übernommen werden. Auf der einen Seite erfolgt eine Überkodierung auf der Ebene von einzelnen Wörtern oder Figuren, auf der anderen Seite liegt diese Überkodierung auf der Ebene von strukturellen Analogien zum Prätext.[16]

Da im Hinblick auf die Forschungsfrage die funktionale Einbettung der intertextuellen Bezüge von Bedeutung ist, interessieren außerdem die Funktionstypen, die von Schulte-Middelich angeführt werden: Ist der intertextuelle Bezug von Typ 1, erhält der Prätext mindestens eine Zusatzkodierung, während der Folgetext oder zumindest Textteile mindestens eine Zusatzkodierung erhalten, wenn der intertextuelle Bezug von Typ 2 ist. Typ 3 verbindet diese beiden Typen und spricht sowohl Prä- als auch Folgetext beziehungsweise den entsprechenden Textteilen jeweils mindestens eine Zusatzkodierung zu. Nach Funktionstyp 4 entsteht jenseits von Prätext und/oder Folgetext auf einer Metaebene mindestens eine neue Kodierung. Für Typ 2 wird zusätzlich zwischen Sinnkonstitution, sinn-stützender Funktion, Sinn-Erweiterung und Sinnkontrast differenziert. Dabei betrifft die Sinnkonstitution intertextuelle Bezüge, die aus ökonomischen Gründen in den Text eingebaut wurden, während intertextuelle Bezüge mit sinn-stützender Funktion beispielsweise durch Hinweise auf Prätexte die Valenz des Wirklichkeitsmodells im Folgetext bekräftigen und sinn-erweiternde Bezüge ein vertieftes Textverständnis ermöglichen. Durch Sinnkontrast kann stattdessen eine Auf- oder Abwertung des Wirklichkeitsmodells im Folgetext integriert werden.[17]

Abschließend darf zudem nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei Faust und Lucie Gelmeroth um unterschiedliche Textgattungen handelt. In diesem Zusammenhang ist auch der Gattungswechsel, also die Übertragung eines Textes in eine andere Gattung, ein Begriff, dem in dieser Hausarbeit ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Ein Gattungswechsel liegt nämlich dann vor, wenn konstitutive Textmerkmale und -elemente wie beispielsweise behandelte Themen oder struktureller Aufbau bei Prä- und Folgetext übereinstimmen. Dabei richtet sich die Integrierung dieser Aspekte in Prä- und Folgetext nach unterschiedlichen gattungsspezifischen Kriterien. Insofern stimmen gewisse Inhalte in beiden Texten überein, die jedoch gattungsbedingt unterschiedlich umgesetzt sind. Gerade diese Änderungen, die aus dem Wechsel von einer Gattung in eine andere resultieren, stehen dabei im Mittelpunkt, während das generelle Spannungsverhältnis zwischen beiden Texten in den Hintergrund gerät.[18]

[...]


[1] Wenn von Faust die Rede ist, ist damit im Folgenden stets Faust I, die Gretchentragödie, gemeint.

[2] Vgl. Kittstein, Eduard Mörike, S. 36f.

[3] Vgl. Kittstein, Zivilisation und Kunst, S. 9.

[4] Vgl. Pfister, Konzepte der Intertextualität, S. 1.

[5] Vgl. Broich, Formen der Markierung von Intertextualität, S. 31.

[6] Vgl. Holthuis, Intertextualität, S. 48.

[7] Vgl. Pfister, Konzepte der Intertextualität, S. 26-30.

[8] Vgl. Holthuis, Intertextualität, S. 109f.

[9] Vgl. Broich, Formen der Markierung von Intertextualität, S. 43.

[10] Vgl. Holthuis, Intertextualität, S. 31f.

[11] Vgl. Pfister, Konzepte der Intertextualität, S. 25.

[12] Vgl. Broich, Zur Einzeltextreferenz, S. 48.

[13] Vgl. Holthuis, Intertextualität, S. 90f.

[14] Vgl. ebd., S. 123-125, 132.

[15] Vgl. Lindner, Integrationsformen der Intertextualität, S. 126.

[16] Vgl. Karrer, Intertextualität als Elementen- und Struktur-Reproduktion, S. 99-101.

[17] Vgl. Schulte-Middelich, Funktionen intertextueller Textkonstitution, S. 214-223.

[18] Vgl. Lenz, Intertextualität und Gattungswechsel, S. 162f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in Mörikes "Lucie Gelmeroth". Die Funktion intertextueller Bezüge zu Goethes "Faust"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V349706
ISBN (eBook)
9783668365629
ISBN (Buch)
9783668365636
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lucie Gelmeroth, Goethe, Faust, Mörike, Intertextualität
Arbeit zitieren
Lisa Katnawatos (Autor), 2016, Intertextualität in Mörikes "Lucie Gelmeroth". Die Funktion intertextueller Bezüge zu Goethes "Faust", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349706

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