Das Internierungslager Crystal City

'Blühende Kleinstadt' oder 'Concentration Camp'?


Seminararbeit, 2016
16 Seiten, Note: 1,0
Verena Binder (Autor)

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Internierungslager Crystal City
2.1 Positive Aspekte des Lagerlebens
2.2 Negative Aspekte des Lagerlebens

3 Fazit

II Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Während des Zweiten Weltkrieges verhaftete das FBI in den USA lebende Staatsangehörige feindlicher Nationen, wie Deutsche, Japaner und Italiener, die sogenannten Enemy Aliens.[1] Insgesamt 31.899 Menschen wurden während des Krieges in die Internierungslager des Justizministeriums gebracht.[2] Es gab verschiedene Typen von Lagern für Männer, Frauen und Familien. Das größte davon war das Familienlager Crystal City in Texas,[3] um welches es in vorliegenden Arbeit gehen soll.

Jan Jarboe Russell erwähnt im Vorwort seines Buches „The Train to Crystal City“, dass die Japaner vom „Crystal City concentration camp“ sprachen.[4] In dieser Arbeit soll analysiert werden, inwiefern diese Bezeichnung angesichts vieler Annehmlichkeiten, die das Lager den Internierten bot, gerechtfertigt war. Im ersten Unterkapitel des Hauptteils werden sämtliche positive Aspekte des Lagerlebens in Crystal City aufgezeigt, im zweiten geht es um die Schattenseiten.

In der Forschung wird das Lager relativ positiv beschrieben. So stuft Arnold Krammer das Leben in Crystal City als „äußert langweilig und kaum angenehm, so doch erträglich“[5] ein, in den Augen von Stefan Baloh „glich [das Lager] fast einer kleinen Stadt“.[6]

Wichtige Literatur für diese Arbeit stellt Krammers Buch „Die internierten Deutschen. ‚Feindliche Ausländer‘ in den USA 1941-1947“[7] dar, ebenso sein Aufsatz „Feinde ohne Uniform. Deutsche Zivilinternierte in den USA während des Zweiten Weltkrieges“ aus den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte.[8]

Die verwendeten Quellen stammen von der Website der „German American Internee Coalition“[9] und wurden von ehemaligen Internierten verfasst. Problematisch hierbei ist, dass die meisten Autoren während ihrer Zeit in Crystal City Kinder waren und die Texte erst mehrere Jahrzehnte nach ihrer Entlassung geschrieben haben. Somit ist zum einen zu beachten, dass sie die Internierung möglicherweise anders erlebt haben als die Erwachsenen im Lager und zum anderen, dass ihre Erinnerung im Laufe der Jahre verfälscht worden sein könnte.

2 Das Internierungslager Crystal City

Crystal City war das größte Internierungslager, in dem in der Spitze 3.374 Menschen lebten. Durchschnittlich waren es zirka 2.800, wobei die Lagerbevölkerung gemischt war. Sowohl Menschen japanischen, als auch deutschen und vereinzelt italienischen Ursprungs wurden in Crystal City interniert. Ursprünglich diente das Lager der Unterbringung mexikanischer Saisonarbeiter, bevor die Einwanderungsbehörde es im Dezember 1942 übernahm. Zu diesem Zeitpunkt bestand es aus 159 Häuschen und Hütten und einigen Verwaltungsgebäuden. Bis Mitte 1945 wurde das Lager auf 694 Gebäude erweitert. Im Lager arbeiteten 161 Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde.[10] Die ersten Internierten, die nach Crystal City gebracht wurden, waren 35 deutsche Familien im Dezember 1942.[11] Das Lager wurde am 27. Februar 1948 geschlossen, als letztes aller Internierungslager der Einwanderungsbehörde. Bis zum Schluss waren vereinzelte Menschen verschiedenen Ursprungs dort interniert.[12]

2.1 Positive Aspekte des Lagerlebens

Für die Unterbringung der Internierten standen in Crystal City sechs verschiedene Unterkunftsarten zur Verfügung, die je nach Größe der Familie zugeteilt wurden. Es gab einzelne Räume für Paare und Familien mit kleinen Kindern, aber auch Gebäude für größere Familien, aufgeteilt in Wohnbereiche[13] von ein bis drei Räumen. Einige Internierte bewohnten 3-Raum-Cottages[14] von 46 qm, in denen teils ein eigenes Bad vorhanden war.[15] Des Weiteren gab es 20 einfache Sperrholzhütten im Lager.[16] Die ehemalige Internierte Rose Marie Neupert berichtet, dass ihrer aus drei Personen bestehenden Familie eineinhalb Räume zugeteilt wurden. Ihre Eltern lebten in einem Raum, sie selbst in einem durch eine eingezogene Wand halbierten Zimmer.[17] Alle Unterkünfte waren mit Kühlschränken, Küchenutensilien, Bettzeug und Möbeln ausgestattet[18] und verfügten, abgesehen von den Sperrholzhütten, auch über fließendes Wasser und Ölheizungen.[19] Defekte oder abgewohnte Utensilien konnten die Internierten austauschen lassen.[20] Außerdem durften sie ihr Haus mit einer Veranda oder einem Garten verschönern, sofern sie die Kosten dafür selbst trugen. Auch Haustiere wie Katzen und Hunde waren erlaubt.[21] Die Bewohner versuchten ihre Unterkunft so weit wie möglich zu verschönern, wie sich Bernard Levermann erinnert: „My father had great carpentry skills and my mother was a wonderful seamstress and together they worked hard to make this as comfortable a home as possible“.[22] Viele Internierte waren froh, wieder als Familie zusammenleben zu können, wie zum Beispiel Guenther Greis[23] und Gunther Graber beschreiben.[24]

Wer eine Küche besaß, konnte selbst kochen, für alle anderen standen Speisesäle zur Verfügung, einer für die japanisch stämmigen Internierten und einer für die Deutschstämmigen.[25] Produkte wie Gemüse und Fleisch lieferte eine benachbarte Farm.[26] Die Lagerbewohner erhielten ‚Geld‘ in Form von Plastikchips, mit welchem die Deutschen im General Store und die Japaner im Union Store einkaufen konnten. Dort gab es neben Lebensmitteln auch andere Dinge des täglichen Bedarfs. Erwachsene bekamen monatlich 5,25 $, Kinder je nach Alter weniger.[27] Baloh spricht von derselben Summe, allerdings pro Tag.[28] Nachdem in der Literatur und den Quellen übereinstimmend von 10 Cent Stundenlohn für Arbeit im Camp (z.B. bei John Schmitz[29] bzw. 80 Cent pro Tag bei Krammer[30] ) die Rede ist, scheinen 5,25 $ Grundgehalt monatlich eher glaubwürdig als eine tägliche Auszahlung dieser Summe, sodass es sich vermutlich um einen Fehler bei Baloh handelt. Jede Familie wurde täglich mit Eisblöcken und Milch beliefert,[31] wobei es je Kind und je Paar einen Liter Milch gab. Der ehemalige Internierte Gunter Lisken berichtet, dass Arturo Contag, der für seine Familie mit acht Kindern täglich neun Liter Milch bekam, sagte, in seiner Heimat Ecuador sei es ihm nie so gut gegangen.[32] Nicht nur an die Bedürfnisse der Kinder, sondern auch an die der Japaner dachte die Lagerleitung: Sie konnten im Lagerladen die für ihr landestypisches Essen benötigten Zutaten, wie Tofu, Reis und Sojasauce, kaufen.[33]

Ab 1943 durften die Internierten für 80 zusätzliche Cent am Tag in allen Bereichen des Lagers arbeiten, z.B. in der Landwirtschaft oder in der Schneiderei.[34] Die Jobs wurden dabei nach Wünschen und Fähigkeiten vergeben,[35] niemand wurde gezwungen zu arbeiten.[36] Neupert erinnert sich, dass ihre Mutter in Crystal City Babysachen für einen Laden in New Orleans häkelte. Sie bekam die Materialien zugeschickt, verteilte sie an Arbeiterinnen und Arbeiter im Lager und schickte die fertigen Sachen zurück.[37]

Drei Schulen, eine amerikanische, eine deutsche und eine japanische, gab es für die Kinder und Jugendlichen in Crystal City. Rund 95% der Schüler der amerikanischen Schule waren Japaner, die deutschen Eltern schickten ihre Kinder bevorzugt auf die deutsche Schule.[38] Neben dem normalen Unterricht gab es Sonderstunden in deutscher bzw. japanischer Landeskunde,[39] zudem „eine Schülermitverwaltung, eine Musikkapelle, ‚Chearleaders‘, ein Jahrbuch […], ein Abschlußfest [sic] für die Absolventen“[40] und Footballmannschaften.[41] Zur Betreuung der Kleinsten stand ein Kindergarten zur Verfügung.[42]

Neben den genannten Aktivitäten für Schüler gab es weitere Unterhaltungsmöglichkeiten für die Internierten. Sehr populär war sportliche Betätigung, z.B. verschiedene Ballsportarten oder Judo. Die Deutschen und die Japaner traten gegeneinander an und zogen damit viele Zuschauer an. Die wichtigste Freizeiteinrichtung im Lager war jedoch der 1943 gebaute Swimmingpool.[43] Außerdem gaben Internierte Konzerte und führten Theaterstücke auf, Filme wurden gezeigt und es stand eine kleine Bibliothek mit von Hilfsorganisationen und Privatpersonen gestifteten Büchern zur Verfügung.[44] Einmal wöchentlich erschien die Lagerzeitung „Das Lager“.[45] Erika Scheibe Seus erinnert sich, dass ihr Vater das Blatt mit lustigen Cartoons und Karikaturen versah.[46] Für Gläubige wurden regelmäßig katholische und evangelische Messen angeboten[47] und für Jugendliche gab es eine Pfadfindergruppe.[48] Die deutschstämmigen Internierten hatten im Vaterland Café die Möglichkeit, bei einem Bier und Gesang Karten zu spielen. Am Ufer des außerhalb des Camps gelegenen Nueces River genehmigte die Lagerleitung ab und zu Picknicks für Gruppen.[49] Unter Aufsicht durften die Internierten Besuch empfangen, amerikanische Soldaten und College-Studenten durften sogar ihren Urlaub bei ihren Eltern verbringen.[50]

Für die medizinische Versorgung der Internierten gab es ab Juli 1943 ein Krankenhaus, das rund um die Uhr geöffnet hatte, sowie eine Apotheke.[51]

[...]


[1] Vgl. Arnold Krammer: Feinde ohne Uniform. Deutsche Zivilinternierte in den USA während des Zweiten Weltkrieges, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 44 (1996), Nr. 4, S. 581-603, hier S. 589.

[2] Vgl. Stefan Baloh, Die Internierung von japanisch- und deutschstämmigen Amerikanern in den USA im Zuge des Zweiten Weltkriegs. Eine vergleichende Analyse, Mag. phil., Wien 2011, online erschienen, URL: <http://othes.univie.ac.at/15593/1/2011-03-29_9605206.pdf> (eingesehen am 01.09.2016), S. 53.

[3] Vgl. Krammer, Feinde, S. 590.

[4] Jan Jarboe Russell, The Train to Crystal City. FDR’s Secret Prisoner Exchange Program and America’s Only Family Internment Camp During World War II, New York 2016, S. xviii.

[5] Krammer, Feinde, S. 592.

[6] Baloh, Internierung, S. 55.

[7] Arnold Krammer, Die internierten Deutschen. „Feindliche Ausländer“ in den USA 1941-1947, Tübingen 1998.

[8] Krammer, Feinde.

[9] German American Internee Coalition, URL: <http://gaic.info/> (eingesehen am 27.08.2016).

[10] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 115-117.

[11] Vgl. Baloh, Internierung, S. 55.

[12] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 121.

[13] Vgl. [ohne Autor], Crystal City. Texas Family Internment Camp, online erschienen, URL: <http://gaic.info/internment-camps/u-s-department-of-justice-internment-facilities/crystal-city-texas-family-internment-camp/> (eingesehen am 27.08.2016).

[14] Vgl. Baloh, Internierung, S. 55.

[15] Vgl. Krammer, Feinde S. 591.

[16] Vgl. [ohne Autor], Crystal City.

[17] Vgl. Rose Marie Neupert, The Neupert Family Story, online erschienen, URL: <http://gaic.info/neupert-story/> (eingesehen am 27.08.2016).

[18] Vgl. Krammer, Feinde, S. 591.

[19] Vgl. Emily Brosveen, World War II Internment Camps, online erschienen, URL: <https://www.tshaonline.org/handbook/online/articles/quwby> (eingesehen am 01.09.2016).

[20] Vgl. [ohne Autor], Crystal City.

[21] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 117.

[22] Bernard Levermann, Levermann Story, online erschienen, URL: <http://gaic.info/levermann-story/> (eingesehen am 27.08.2016).

[23] Vgl. Guenther Greis u.a., The Greis Story. Interned with Sons in the US Military, online erschienen, URL: <http://gaic.info/greis-story/> (eingesehen am 27.08.2016).

[24] Vgl. Gunther Graber, Karen Ebel, The Grabers, online erschienen, URL: <http://gaic.info/the-grabers/> (eingesehen am 27.08.2016).

[25] Vgl. John Schmitz, The Schmitz Family Story, online erschienen, URL: <http://gaic.info/schmitz-story/> (eingesehen am 27.08.2016).

[26] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 117.

[27] Vgl. Krammer, Feinde, S. 591.

[28] Vgl. Baloh, Internierung, S. 56.

[29] Vgl. Schmitz, Schmitz Story.

[30] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 118.

[31] Vgl. Krammer, Feinde, S. 591.

[32] Vgl. Max Paul Friedman, Private Memory, Public Records, and Contested Terrain. Weighing Oral Testimony in the Deportation of Germans from Latin America during World War II, in: The Oral History Review 27 (2000), Nr. 1, S. 1-15, hier S. 12.

[33] Vgl. Brosveen, World War Internment.

[34] Vgl. Baloh, Internierung, S. 56.

[35] Vgl. Akio Inouye, The World War Period (1941/1946), online erschienen: URL: <http://gaic.info/wp-content/uploads/2016/01/Inouye-memoirs.pdf> (eingesehen am 27.08.2016).

[36] Vgl. Ingrid Gessner, Commemorating Crystal City. The Transnational Dimension of German American Internment Experiences, in: American Studies Journal 59 (2015), online erschienen, URL: <http://www.asjournal.org/59-2015/commemorating-crystal-city/> (eingesehen am 01.09.2016).

[37] Vgl. Neupert, Neupert Story.

[38] Vgl. Roger Daniels, Educating Youth in America’s Wartime Detention Camps, in: History of Education Quarterly 43 (2003), Nr. 1, S. 91-102, hier S. 99.

[39] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 120.

[40] Krammer, Feinde, S. 595.

[41] Vgl. Ebd.

[42] Vgl. [ohne Autor], Crystal City.

[43] Vgl. Schmitz, Schmitz Story.

[44] Vgl. Krammer, Feinde, S. 592.

[45] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 119.

[46] Vgl. Erika Scheibe Seus, Scheibe Story, online erschienen, URL: <http://gaic.info/scheibe-story/> (eingesehen am 27.08.2016).

[47] Vgl. Krammer, Ausländer, S. 118.

[48] Vgl. Ebd., S. 120.

[49] Vgl. Krammer, Feinde, S. 592.

[50] Vgl. Brosveen, World War Internment.

[51] Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Internierungslager Crystal City
Untertitel
'Blühende Kleinstadt' oder 'Concentration Camp'?
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V349797
ISBN (eBook)
9783668369252
ISBN (Buch)
9783668369269
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internierungslager, crystal, city, blühende, kleinstadt, concentration, camp
Arbeit zitieren
Verena Binder (Autor), 2016, Das Internierungslager Crystal City, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349797

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