Hat eBay Anreize, hold-up von Verkäufern zu dulden? Eine Prinzipal-Agent-theoretische Analyse


Bachelorarbeit, 2007
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abgrenzung der Problemstellung

2. Die Prinzipal-Agent-Theorie
2.1. Struktur und Probleme von Agenturbeziehungen
2.2. Annahmen der Prinzipal-Agent-Theorie
2.2.1. Einordnung der Prinzipal-Agent-Theorie
2.2.2. Der Vertrag zwischen Prinzipal und Agent
2.2.3. Begrenzte Rationalität und Unsicherheit
2.2.4. Nutzenmaximierung und Opportunismus
2.3. Informationsasymmetrien und Agenturprobleme
2.3.1. Hidden characteristics und adverse selection
2.3.2. Hidden information, hidden action und moral hazard
2.3.3. Hidden intention und hold-up
2.4. Agenturkosten
2.5. Lösung von Agenturproblemen
2.5.1. Interessenangleichung durch Anreize und Sanktionen
2.5.2. Signalling und screening

3. Prinzipal-Agent-Beziehungen bei eBay
3.1. Das Dreieck Käufer – Verkäufer – eBay
3.2. Die Beziehung Käufer – Verkäufer
3.2.1. Die Akteure und ihre Ziele
3.2.2. Informationsasymmetrien und Agenturprobleme
3.3. Die Beziehung Verkäufer – eBay
3.3.1. Die Akteure und ihre Ziele
3.3.2. Informationsasymmetrien und Agenturprobleme
3.4. Die Beziehung Käufer – eBay
3.4.1. Die Akteure und ihre Ziele
3.4.2. Informationsasymmetrien und Agenturprobleme

4. Hat eBay Anreize, hold-up von Verkäufern zu dulden?
4.1. Der Interessenkonflikt eBay’s
4.2. Vorteile aus der Duldung von hold-up
4.3. Nachteile aus der Duldung von hold-up

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Abgrenzung der Problemstellung

„Aus demselben Grund darf niemand in einem Streitfalle als Schiedsrichter zugelassen werden, dem offensichtlich aus dem Sieg der einen Partei größere Vorteile, Ehren oder Freuden erwachsen als aus dem der anderen.“[1]

- Thomas Hobbes -

Der Online-Marktplatz eBay hat seit seinen Anfängen als Tauschbörse für PEZ-Spender und Beanie Babies einen weiten Weg hinter sich gebracht: Im Jahr 2004 hatte er 135 Millionen registrierte Benutzer, die insgesamt über 1,4 Milliarden Artikel inserierten. 2005 zählte er zu den zehn am häufigsten besuchten Internetseiten der Welt.[2] Das Grundprinzip ist einfach: eBay stellt eine Internetplattform zur Verfügung, auf der Käufer und Verkäufer aus aller Welt Leistungen aller Art kaufen und verkaufen können.[3] Dabei ist es aufgrund von Informations-asymmetrien nicht ausgeschlossen, dass ein betrügerischer Verkäufer seine Käufer ausbeutet, indem er diesen nach Bezahlung keine oder qualitativ minderwertige Ware liefert. eBay hat sich zwar einerseits den Schutz seiner Mitglieder vor Betrügern auf die Fahnen geschrieben,[4] will aber andererseits möglichst wenig in die auf dem Marktplatz getätigten Geschäfte eingreifen.[5] In der vorliegenden Arbeit soll analysiert werden, ob und inwiefern eBay Anreize hat, betrügerisches Verhalten von Verkäufern auf seinem Marktplatz zu dulden. Im Kontext der für diese Analyse herangezogenen Prinzipal-Agent-Theorie wird dieses betrügerische Verhalten von Verkäufern als hold-up bezeichnet.

Zu Beginn wird in Kapitel 2 die Prinzipal-Agent-Theorie vorgestellt, auf der die weitere Analyse beruht. Die Beziehungen zwischen Käufer, Verkäufer und eBay werden im folgenden Kapitel 3 einer Prinzipal-Agent-theoretischen Analyse unterzogen, um die Ziele der Akteure und die möglichen Probleme innerhalb der Beziehungen zu verdeutlichen. Im daran anschließenden Kapitel 4 werden die Vor- und Nachteile beleuchtet, die sich für eBay aus der Duldung von hold-up ergeben. Diese werden in Kapitel 5 zusammengefasst und gegeneinander abgewogen.

2. Die Prinzipal-Agent-Theorie

2.1. Struktur und Probleme von Agenturbeziehungen

„Whenever one individual depends on the action of another, an agency relationship arises”[6]. Durch diese einfache Definition wird deutlich, wie vielseitig einsetzbar die Agentur-Theorie ist. Allen Prinzipal-Agent-Beziehungen ist die folgende Konstellation gemein: Ein Individuum – der Prinzipal – beauftragt ein anderes – den Agenten – damit, in seinem Sinne des Prinzipals eine Aufgabe zu erfüllen. Die an den Agenten delegierten Handlungen und Entscheidungen beeinflussen hierbei nicht nur dessen eigenes Wohlergehen, sondern auch das seines Prinzipals.[7] Da die Ziele des Prinzipals üblicherweise von denen des Agenten abweichen, muss der Prinzipal sicherstellen, dass der Agent dennoch in seinem Interesse handelt.[8] Hierbei entsteht das Problem, dass der Agent besser über seine Intentionen, seine Fähigkeiten und den Erfüllungsgrad seiner Aufgabe Bescheid weiß als sein Auftraggeber. Die so entstehenden Informationsasymmetrien kann der Agent zu seinen Gunsten ausnutzen.[9] Je größer diese Asymmetrien ausfallen, desto größer ist das Risiko für den Prinzipal, dass sein Agent nicht in dessen Sinne handelt[10]. Um diesem Risiko entgegenzuwirken, schließen Prinzipal und Agent zu Beginn ihrer Beziehung einen Vertrag ab, der die zu leistenden Beiträge sowie die Vergütung beider Seiten festlegt und den Agenten motivieren soll, die ihm übertragene Aufgabe im Sinne des Prinzipals auszuführen.[11] Die Ausgestaltung, Anbahnung und Überwachung eines solchen Vertrags ist allerdings nicht kostenlos. Es entstehen sogenannte Agenturkosten, deren Höhe Aufschluss über die Vorteilhaftigkeit der Agenturbeziehung geben.[12] Weiterhin werden Prinzipal und Agent ihre Beziehung nur so lange aufrechterhalten, wie diese für beide Seiten zu einer Wohlfahrtssteigerung führt.[13] In dem Falle, dass die Agentur-kosten den Nutzen der Beziehung übersteigen, werden Prinzipal und Agent nicht kooperieren. Beispiele für Prinzipal-Agenten-Beziehungen sind etwa das Verhältnis von Firmeneigentümer (Prinzipal) zu Geschäftsführer (Agent), von Patient (Prinzipal) zu Arzt (Agent) und von Käufer (Prinzipal) zu Verkäufer (Agent).

2.2. Annahmen der Prinzipal-Agent-Theorie

2.2.1. Einordnung der Prinzipal-Agent-Theorie

Die Prinzipal-Agent-Theorie ist wie die Transaktionskostentheorie Bestandteil der Neuen Institutionenökonomik, weshalb sich viele der getroffenen Annahmen zu Verhalten und Fähigkeiten der Akteure in beiden Ansätzen finden lassen.[14] Im Gegensatz zum neoklassischen Modell können Informationen hier nicht augenblicklich und kostenlos beschafft und verarbeitet werden, weshalb nicht alle Akteure vollständig über alle Informationen verfügen können.[15] Dies impliziert, dass manche Akteure besser informiert sind als andere, dass also Informations-asymmetrien zwischen Akteuren bestehen können.[16] Diese sind eine zwangsläufige Eigenschaft von Prinzipal-Agenten-Beziehungen, da ein Prinzipal eine Aufgabe nur dann an einen Agenten delegieren wird, wenn dieser sie entweder besser oder kostengünstiger erfüllen kann.[17] Weiterhin lässt sich die Prinzipal-Agent-Theorie den Vertragstheorien zuordnen.[18] Gegenstand der Untersuchung der Agenturtheorie sind Vertragsbeziehungen in dyadischen Strukturen.[19] Diese Verträge werden bei begrenzter Rationalität der Akteure sowie deren Unsicherheit über zukünftige Ereignisse getroffen, als Menschenbild liegen individuelle Nutzenmaximierer zugrunde, die opportunistisch handeln können. In den folgenden Kapiteln werden diese Annahmen der Prinzipal-Agent-Theorie näher betrachtet.

2.2.2. Der Vertrag zwischen Prinzipal und Agent

Zu Beginn der Agenturbeziehung treffen Prinzipal und Agent eine Übereinkunft, die für Prinzipal und Agent die jeweils zu leistenden Kooperationsbeiträge und die jeweiligen Erfolgsbeteiligungen festlegt.[20] Diese Übereinkunft wird als Vertrag bezeichnet und verpflichtet den Agenten, die ihm übertragene Aufgabe im Sinne des Prinzipals durchzuführen.[21] Die Anbahnung und Ausgestaltung dieses Vertrags ist nicht kostenlos.[22] Da es sehr kostspielig wäre, ex ante alle späteren Eventualitäten vertraglich zu regeln, sind Verträge fast immer unvollständig. Es besteht die Gefahr, dass opportunistisch handelnde Vertragspartner die deshalb meist vorhandenen Vertragslücken im Verlauf der Beziehung ausnutzen.[23] Der Vertrag kann von Prinzipal oder Agent selbst ausgestaltet, aber auch von einer externen Partei vorgegeben sein.[24] Er ist dann ideal, wenn er die Agenturkosten minimiert, die durch die Kooperation zwischen Prinzipal und Agent anfallen.[25] Informationsasymmetrien und Agenturprobleme zwischen Prinzipal und Agent können sowohl vor Vertragsabschluss (ex ante) oder danach (ex post) auftreten, worauf im Verlauf der Arbeit noch detailliert eingegangen wird.[26]

2.2.3. Begrenzte Rationalität und Unsicherheit

Begrenzte Rationalität bedeutet nicht Irrationalität[27], sondern das Unvermögen der Menschen, in jeder Situation die für sie optimale Handlungsalternative zu bestimmen.[28] Da die „Rechenkapazität“ des menschlichen Gehirns nicht unendlich viele Variablen verarbeiten kann, wählt jeder begrenzt rational entscheidende Akteur die Alternative aus, die ihm am günstigsten erscheint. [29] Weder zukünftige Entwicklungen noch der Markt sind den Akteuren vollständig bekannt.[30] Dies impliziert für Prinzipal-Agent-Beziehungen, dass der Prinzipal vor Vertragsabschluss weder alle möglichen Agenten kennt, noch deren spätere Entscheidungen antizipieren kann. Ebenso wenig kann er im Verlauf der Beziehung alle Handlungen des Agenten beobachten. Zusätzlich herrscht Unsicherheit darüber, ob und inwieweit äußere Umweltbedingungen das Ergebnis der Beziehung beeinflusst haben.[31] Sowohl das Eintreten zukünftiger Umwelteinflüsse (ein ex-ante-Problem) als auch deren tatsächlicher Einfluss auf das Resultat der Prinzipal-Agent-Beziehung (ein ex-post-Problem) können nicht mit Sicherheit bestimmt werden.[32] Es ist beispielsweise unsicher, ob es im nächsten Sommer schönes Wetter geben wird oder nicht. Wenn dies am Ende des Sommers bekannt sein wird, bleibt der Einfluss dieser Wetterlage auf das Ergebnis einer Agenturbeziehung aber weiterhin unsicher. Deshalb kann ein Prinzipal nicht vollständig beurteilen, ob ein gutes oder schlechtes Resultat vom Einsatz seines Agenten oder von Umweltbedingungen abhängig ist.

2.2.4. Nutzenmaximierung und Opportunismus

Als typisches Charakteristikum der Akteure wird angenommen, dass sie auf Grundlage ihrer individuellen Präferenzen ihren persönlichen Nutzen maximieren.[33] Dies impliziert bereits, dass Prinzipal und Agent voneinander abweichende Ziele verfolgen können. Zielgröße des Agenten ist neben der Maximierung der (meist finanziellen) Entlohnung auch die Minimierung seines Arbeitsaufwands, während der Prinzipal einen möglichst hohen Einsatz des Agenten bei möglichst geringer Belohnung anstrebt.[34] Die bewusste und vorsätzliche Täuschung und Überlistung eines Vertragspartners geht jedoch über diese Nutzenmaximierung hinaus und wird als Opportunismus bezeichnet.[35] Ein ohnehin besser als sein Prinzipal informierter Agent kann durch Täuschung ex ante zusätzliche künstliche Informationsasymmetrien schaffen, die er ex post zu seinem Vorteil ausnutzen kann,[36] wobei er die Schädigung des Prinzipals durch Handeln entgegen seiner Interessen in Kauf nimmt.[37] Der Prinzipal muss zur Wahrung seiner Interessen also versuchen, die Vertrauenswürdigkeit seines Agenten einzuschätzen und sich durch die Vertragsgestaltung für den Fall opportunistischen Verhaltens abzusichern, was Kosten verursacht.[38] Die Notwendigkeit der Absicherung war bereits Thomas Hobbes bekannt: „Verträge ohne das Schwert sind bloße Worte und besitzen nicht die Kraft, einem Menschen auch nur die geringste Sicherheit zu bieten.“[39] Eine solche kann zum Beispiel durch eine Angleichung der Interessen und durch Sanktionsmöglichkeiten bei unerwünschtem Verhalten erreicht werden, worauf in Kapitel 2.5.1. näher eingegangen wird.

2.3. Informationsasymmetrien und Agenturprobleme

Informationsasymmetrien führen zu so genannten Agenturproblemen, ex ante oder ex post auftreten können. Im Einzelnen werden die möglichen Informations-asymmetrien als hidden characteristics, hidden intention, hidden action und hidden information bezeichnet. Diese führen zu den Agenturproblemen adverse selection, moral hazard und hold-up, wie die folgende Abbildung 1 verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Informationsasymmetrien und resultierende Agenturprobleme, in Anlehnung an Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 77; Saam, Nicole J. (2002), S. 30.

2.3.1. Hidden characteristics und adverse selection

Kann der Prinzipal vor Vertragsabschluss nicht alle Eigenschaften des Agenten (bzw. seines Angebots) erkennen, spricht man von hidden characteristics.[40] Prinzipale können aufgrund dieser Informationsdefizite „gute“ Agenten nicht von „schlechten“ unterscheiden. Wie Akerlof mit seinem „Market of Lemons“ veranschaulicht, werden „gute“ und „schlechte“ Agenten am Markt den gleichen Preis für ihre ex ante nicht zu beurteilenden Leistungen realisieren, was langfristig zum Vertreiben der „guten“ Agenten aus dem Markt führt.[41] Dieser Vorgang wird als adverse selection bezeichnet. Der durch die opportunistisch handelnden „schlechten“ Agenten verursachten Verlust, den Akerlof als „Kosten der Unehrlichkeit“[42] bezeichnet, schadet also gleichsam den getäuschten Prinzipalen wie den „guten“ Verkäufern. Inseriert ein Verkäufer beispielsweise eine Marken-handtasche bei eBay, so kann ein Käufer deren Qualität ex ante nicht beurteilen, weshalb er für eine Fälschung das gleiche zahlen würde wie für ein Original. Da der Käufer jedoch weiß, dass er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Fälschung erwerben wird, sinkt seine Preisbereitschaft – allerdings bezogen auf alle Anbieter im Markt, da der Käufer „gute“ nicht von „schlechten“ Verkäufern unterscheiden kann. Es besteht die Gefahr, dass „gute“ Verkäufer kein Preis-premium im Verhältnis zu „schlechten“ Anbietern erzielen können und sich langfristig nicht im Markt halten werden.

2.3.2. Hidden information, hidden action und moral hazard

Sowohl hidden action als auch hidden information ziehen ex post das Problem des moral hazard nach sich. Der Prinzipal kennt zwar das Ergebnis der Beziehung, kann aber exogene Einflüsse nicht beobachten und beurteilen, weshalb er aus dem Ergebnis keine Schlüsse auf den Arbeitseinsatz des Agenten ziehen kann.[43] Weiterhin kann der Agent im Laufe der Beziehung Handlungen vollziehen, die zwar beobachtbar sind, die der Prinzipal aber beispielsweise aufgrund fehlender Fachkenntnisse nicht beurteilen kann.[44] Setzt der Agent diese Asymmetrien opportunistisch zu seinen Gunsten ein, erliegt er dem moral hazard. Ob dies geschehen ist, kann der Prinzipal auch am Ergebnis der Agenturbeziehung nicht erkennen.[45] Ein Beispiel für hidden action ist ein wenig tüchtiger Online-Verkäufer, der sehr lange zum Versenden der gekauften Ware benötigt. Ein Käufer kann nicht vollständig nachvollziehen, ob die lange Lieferzeit vom Verkäufer oder vom mit dem Transport der Ware beauftragten Logistikdienstleister verschuldet wurde, weshalb der Arbeitseifer des Verkäufers nicht feststellbar ist. Ein typisches Beispiel für hidden information tritt in der Beziehung Patient (Prinzipal) – Arzt (Agent) auf. Der Patient kann als medizinischer Laie nicht beurteilen, ob die Behandlungsmethoden des Arztes tatsächlich für seine Genesung verantwortlich sind, weshalb der Arzt beispielsweise teure Placebos verschreiben könnte. Auch wenn der Patient das Ergebnis der Behandlung kennt, also entweder gesundet oder nicht, bleibt ihm der Einfluss der Handlungen seines Arztes verborgen.

2.3.3. Hidden intention und hold-up

Wenn sich ein Prinzipal durch spezifische Investitionen in ein Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Agenten begibt, so besteht für ihn nach Vertragsabschluss die Gefahr des hold-up.[46] Unter spezifischen Investitionen versteht man in diesem Kontext eine irreversible Kapitalbindung, die ausschließlich auf dem Vertrag zwischen Prinzipal und Agent beruht. Wird deren Vertrag aufgelöst, so entstehen sunk costs.[47] Liegen die spezifischen Investitionen ausschließlich oder zum weitaus größten Teil auf Seiten des Prinzipals, so ist dieser stärker der Gefahr der Entstehung von sunk costs ausgesetzt. Diese Situation kann ein Agent ausnutzen, der durch niedrigere spezifische Investitionen selbst ein geringeres sunk-costs-Risiko hat.[48] Dies ist für den Agenten nur deshalb möglich, weil fast alle Verträge unvollständig sind.[49] Bestehende Vertragslücken können opportunistisch dazu benutzt werden, den Prinzipal ex post auszubeuten.[50] Hat der Agent schon ex ante diese Absicht, spricht man von hidden intention. Diese kann der Prinzipal vor Vertragsabschluss nicht beobachten.[51] Wenn das Agenturproblem hold-up in einem Markt häufig auftritt, werden Prinzipale hier wegen des größeren wahrgenommenen Risikos nicht mehr in gleichem Umfang oder gar nicht mehr investieren.[52] Hold-up liegt beispielsweise dann vor, wenn ein Verkäufer Vorkasse einfordert, nach Zahlungseingang des Käufers aber keine Ware, Produkte minderer Qualität oder gefälschte Artikel versendet. Durch die Zahlung leistet der Käufer eine spezifische Investition, durch die er sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Verkäufer begibt. Ist die zu erbringende Leistung des Verkäufers nicht vollständig vertraglich kodifiziert, so stellt dies eine Vertragslücke dar, die der Verkäufer ausnutzen kann.[53] Hatte er dies bereits vor dem Verkauf geplant, hegte er eine für den Käufer nicht beobachtbare hidden intention.

2.4. Agenturkosten

Wären Informationen kostenlos, würde auch die Kooperation zwischen Prinzipal und Agent keinerlei Kosten verursachen.[54] In einer solchen Situation ohne Informationsassymetrien wäre der generierte Nutzen für beide Akteure optimal, da es keine „Reibungsverluste“ gäbe. Dieser fiktive Nutzen wird als First-Best-Lösung bezeichnet.[55] Da die Agenturtheorie aber per definitionem von Kosten der Informationsbeschaffung ausgeht, ist unter diesen ungünstigeren (aber realistischeren) Umweltbedingungen nur eine sogenannte Second-Best-Lösung möglich, die einen geringeren als den idealen Nutzen erzeugt.[56] Die zur Überwindung der Informationsasymmetrien anfallenden Kosten werden als Agenturkosten bezeichnet. Je höher die Asymmetrien und die damit zusammenhängenden Probleme sind, desto höhere Agenturkosten fallen an, um unter diesen ungünstigen Bedingungen dennoch eine Kooperation zu ermöglichen.[57] Ziel von Prinzipal und Agent ist es, diese Kosten möglichst niedrig zu halten und damit ein Ergebnis möglichst nahe an der fiktiven First-Best-Lösung zu erreichen.[58] Die Höhe der Agenturkosten gibt somit Aufschluss über die Vorteilhaftigkeit alternativer Gestaltungsformen der Agenturbeziehung.[59] Agenturkosten können weiter in die Kosten des Agenten, die Kosten des Prinzipals und in sogenannte Residualkosten unterteilt werden.[60]

Die Agenturkosten des Agenten werden auch als Garantiekosten bezeichnet.[61] Zu diesen zählen alle Anstrengungen, die dieser selber unternimmt, um die Informationsasymmetrie zwischen ihm und dem Prinzipal zu verringern.[62] Hinzu kommen Kosten der Selbstkontrolle und Selbstbeschränkung, da der Agent bei Verzicht auf opportunistisches Verhalten auch auf einen Teil seines maximalen Nutzens verzichtet.[63] Ein weiteres Element machen Kosten aus tatsächlichen Schadenersatzleistungen und tatsächlichen Garantiefällen aus.[64] Diese Maßnahmen des Agenten können notwendig sein, damit ein Prinzipal überhaupt eine Agenturbeziehung mit ihm eingeht – denn wenn dieser die Wahrscheinlichkeit hoch einschätzt, vom Agenten ausgebeutet zu werden, wird er dazu nicht bereit sein.[65]

Die Agenturkosten des Prinzipals lassen sich unter dem Begriff Überwachungs- und Kontrollkosten zusammenfassen.[66] Hierzu zählen die Kosten des Vertragsabschlusses und die Beobachtung und Bewertung der Auftragserfüllung des Agenten, die aufgrund nicht kostenloser Informationen anfallen.[67] Je besser der Prinzipal seinen Agenten überwacht, desto eher wird dieser in seinem Interesse handeln, der Prinzipal muss also die Kosten der Überwachung gegen ihren Nutzen abwägen. Weitere Kosten entstehen durch Anreizkomponenten, die dem Agenten gewährt werden. Dazu zählen beispielsweise Gewinnbeteiligungen und Boni bei zufriedenstellender Leistungserfüllung.[68]

Residualkosten fallen dadurch an, dass der Agent bei seiner Leistungserbringung das theoretische Nutzenmaximum des Prinzipals verfehlt.[69] Diese Differenz resultiert aus einer auch nach geleisteter Garantie- und Überwachungs-anstrengungen im Verhältnis zur First-Best-Lösung suboptimalen Struktur der Arbeitsteilung innerhalb der Beziehung, die aufgrund der nicht kostenlosen Informationsbeschaffung nicht vollständig ausgeräumt werden kann.[70] Weiterhin entstehen Kosten aus der Gefahr des opportunistischen Handelns der Akteure, die ebenfalls nicht vollständig ausgeschlossen werden können.[71]

2.5. Lösung von Agenturproblemen

2.5.1. Interessenangleichung durch Anreize und Sanktionen

Sind die Informationsasymmetrien und die damit verbundenen Agenturprobleme zu groß, kommt es aufgrund des wahrgenommenen Risikos für den Prinzipal nicht zu einem Vertragsabschluss, was Wohlfahrtsverluste für Prinzipal und Agent bedeutet. Sehr große Informationsasymmetrien können sogar marktzerstörend wirken.[72] Eine Möglichkeit, um dennoch eine Kooperation zu ermöglichen, stellt die Angleichung der Interessen des Agenten an die seines Prinzipals durch geeignete Anreize und Sanktionen dar.[73]

Prinzipal und Agent sind individuelle Nutzenmaximierer mit unterschiedlichen Zielen, wobei der Agent auch nicht vor einer Schädigung des Prinzipals zurückschreckt. Deshalb muss der Prinzipal seinen Agenten entweder selbst kontrollieren oder diese Aufgabe an einen weiteren Agenten delegieren.[74] Dem Prinzipal muss weiterhin daran gelegen sein, die Ziele des Agenten mit Hilfe geeigneter Anreiz- und Belohnungssysteme den seinen anzugleichen. Schafft er dies, so wird er den Agenten später weniger aufwändig kontrollieren müssen, was seine Kontrollkosten senkt.[75]

[...]


[1] Hobbes, Thomas (1966[1651]), S. 120.

[2] Vgl. Brown, Jennifer; Morgan, John (2006), S. 61.

[3] Vgl. eBay Inc. (2007a), veröffentlicht im Internet, [S. 1, Stand 13.03.2007].

[4] Vgl. eBay Inc. (2007a), veröffentlicht im Internet, [S. 3, Stand 13.03.2007].

[5] Vgl. Matlack, Carol; Mullaney, Tim (2006), S. 1.

[6] Pratt, John W.; Zeckhauser, Richard J. (1985), S. 2.

[7] Vgl. Petersen (1989), S. 26.

[8] Vgl. Kleine, Andreas (1995), S. 31.

[9] Vgl. Trumpp, Andres (1995), S. 38-39.

[10] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 6.

[11] Vgl. Jost, Peter-J. (2001), S. 11.

[12] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 72-74.

[13] Vgl. Neus, Werner (1989), S.10.

[14] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 72; Saam, Nicole J. (2002), S. 5.

[15] Vgl. Richter, Rudolf; Furubotn, Eirik G. (2003), S.13.

[16] Vgl. Vgl. Kleine, Andreas (1995), S. 24-25.

[17] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 19.

[18] Vgl. Richter, Rudolf; Furubotn, Eirik G. (2003), S.173.

[19] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 50.

[20] Vgl. Jost, Peter-J. (2001), S. 13.

[21] Vgl. Jost, Peter-J. (2001), S. 13.

[22] Vgl. Coase, Ronald H. (1937; S. 390-391.

[23] Vgl. Groß-Schuler, Alexandra (2002), S. 197-198.

[24] Vgl. Pratt, John W.; Zeckhauser, Richard J. (1985), S. 17.

[25] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 23; Kapitel 2.4.

[26] Vgl. Kapitel 2.3.

[27] Vgl. Williamson, Oliver E. (1990), S.51.

[28] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 6.

[29] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 6.

[30] Vgl. Kaas, Peter (1995), Sp. 972.

[31] Vgl. Petersen, Thomas (1989) , S.31.

[32] Uncertainty kann weiter in Volatility und Ambiguity unterteilt werden, vgl. Carson, Stephen J.; Madhok, Anoop; Wu, Tao (2006), S.1059.

[33] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 10.

[34] Vgl. Laux, Helmut (1990), S.12-13.

[35] Vgl. Williamson, Oliver E. (1990), S.54-55.

[36] Vgl. Williamson, Oliver E. (1990), S.54-55.

[37] Vgl. Popov, Evgeny V.; Simonova, Victoria L. (2006), S. 116.

[38] Vgl. Williamson, Oliver E. (1990), S.73.

[39] Hobbes, Thomas (1966[1651]), S. 131.

[40] Vgl. Jost, Peter-J. (2001), S. 27-28.

[41] Vgl. Akerlof, George A. (1970).

[42] „The Costs of Dishonesty”, Akerlof, George A. (1970), S. 495.

[43] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 75; Kleine, Andreas (1995), S. 44.

[44] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 75.

[45] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 30.

[46] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 75.

[47] Vgl. Groß-Schuler, Alexandra (2002), S. 189.

[48] Vgl. Groß-Schuler, Alexandra (2002), S. 192.

[49] Vgl. Kapitel 2.2.2.

[50] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 75.

[51] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 30.

[52] Vgl. Pfeiffer, Thomas (2004), S. 177; Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 75-76; Groß-Schuler, Alexandra (2002), S. 193.

[53] Man denke beispielsweise an bei eBay gehandelte Artikel, die laut Beschreibung “leichte Gebrauchsspuren” aufweisen. Dieser sehr dehnbare Begriff stellt eine solche Vertragslücke dar.

[54] Vgl. Kleine, Andreas (1995), S. 29.

[55] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 72.

[56] Vgl. Pratt, John W.; Zeckhauser, Richard J. (1985), S. 3.

[57] Vgl. Trumpp, Andreas (1995), S.71-72.

[58] Vgl. Trumpp, Andreas (1995), S.71-72.

[59] Vgl. Ebers, Mark; Grotsch, Wilfried (2006), S.263.

[60] Vgl. Jensen, Michael C.; Meckling, William H. (1976), S. 308.

[61] „Bonding expenditures“; vgl. Jensen, Michael C.; Meckling, William H. (1976), S. 308.

[62] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 73.

[63] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 23.

[64] Vgl. Ebers, Mark; Grotsch, Wilfried (2006), S. 262.

[65] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 73.

[66] „Monitoring exponditures“; vgl. Jensen, Michael C.; Meckling, William H. (1976), S. 308.

[67] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 23.

[68] Vgl. Ebers, Mark; Grotsch, Wilfried (2006), S.262 .

[69] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 23.

[70] Vgl. Saam, Nicole J. (2002), S. 23.

[71] Vgl. Picot, Arnold; Dietl, Helmut; Franck, Egon (2005), S. 73.

[72] Vgl. Kaas, Peter (1995), Sp. 973.

[73] Vgl. Pratt, John W.; Zeckhauser, Richard J. (1985), S. 6.

[74] Vgl. Coase, Ronald H. (1937), S. 403-404.

[75] Vgl. Laux, Helmut (1990), S.6.

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Details

Titel
Hat eBay Anreize, hold-up von Verkäufern zu dulden? Eine Prinzipal-Agent-theoretische Analyse
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (BWL)
Veranstaltung
Marketing
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V349801
ISBN (eBook)
9783668369986
ISBN (Buch)
9783668369993
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anreize, verkäufern, eine, prinzipal-agent-theoretische, analyse
Arbeit zitieren
Stefan Dirks (Autor), 2007, Hat eBay Anreize, hold-up von Verkäufern zu dulden? Eine Prinzipal-Agent-theoretische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349801

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