Kinderarmut und Resilienz. Armutsgefährdete Kinder als Zielgruppe von Resilienzförderung


Bachelorarbeit, 2016
47 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Kapitel 1 Das Phänomen Kinderarmut
1 Wandel der Armut in Deutschland
1.1 Aktuelle Lage - Studie der Bertelsmann Stiftung
2 Der Armutsbegriff
2.1 Der Ressourcenansatz
2.2 Der Lebenslagenansatz
2.3 Ein kindgerechter Armutsbegriff
3 Armut als Risikofaktor für die kindliche Entwicklung
3.1 Drei Wirkungsebenen von Armut
3.2 Komplexität und Intensität von Armut
3.3 Zeitpunkt und Dauer der Armut
3.4 Armut und sozioökonomischer Status
4 Familiäre Belastung und Bewältigung von Armut
4.1 Armut und Verhalten
4.2 Die Belastung der Eltern als Bindeglied zwischen Armut und Entwicklungsgefährdungen ihrer Kinder
5 Zusammenfassung der bisherigen Befunde

Kapitel 2 Annäherung an das Resilienzkonzept
1 Der Resilienzbegriff
1.1 Resilienz ist ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess
1.2 Resilienz ist eine variable Größe
1.3 Resilienz ist situationsspezifisch und multidimensional
1.4 Zusammenfassung
2 Zentrale Konzepte der Resilienzforschung: Das Risiko- und das Schutzfaktorenkonzept
2.1 Das Risikofaktorenkonzept
2.2 Das Schutzfaktorenkonzept
3. Die „Kauai- Längsschnittstudie“
4. Die Bedeutung der Resilienzforschung für die Bildungs- und Erziehungspraxis
4.1 Allgemeine Ziele und Strategien der Resilienzförderung
4.2 Ansatzpunkte zur Resilienzförderung in Bildungs- und Erziehungskontexten
5. Zusammenfassung der bisherigen Befunde

Kapitel 3 Armutsgefährdete Kinder als Zielgruppe von Resilienzförderung
1 Arme Kinder als spezifische Zielgruppe
1.1 Fallbeispiel „Theo“
2. Kritik am Resilienzkonzept
3. Zusammenfassung der bisherigen Befunde

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einführung

Armut, insbesondere Kinderarmut und die Frage nach den besonderen Belastungen, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, die unter Armutsbedingungen aufwachsen, sind in Deutschland längst kein Tabuthema mehr. Seit einigen Jahren wird dieser Thematik zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt.

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl 1998 wurde der zehnte Kinder- und Jugendbericht von der Bundesregierung publiziert.[1] Dieser Bericht hat seiner Zeit deutlich gemacht, dass die Erziehungswissenschaft sich in den davor liegenden Jahren einem Thema zugewandt hatte, das bis dahin übersehen worden war.

Armut von Kindern ist ein in Deutschland immer noch zuwenig beachtetes Problem. Obwohl Kinderarmut eng mit Elternarmut verknüpft ist, ist sie ein eigenes Phänomen. Sie unterscheidet sich {...} von der Eltern- und Erwachsenenarmut erheblich sowohl im Ausmaß als auch in der Qualität, da Kinder besondere Bedürfnisse und Handlungsziele haben. Sie sind daher in spezifischer Weise auf zufriedenstellende und förderliche Lebensbedingungen angewiesen.“[2]

Mit dieser prägnanten Formulierung wurden damals alle wichtigen Punkte angesprochen, die das Thema Kinderarmut betreffen.

Inzwischen ist eine Vielzahl an unterschiedlichsten Studien vorhanden, die sich vor dem Hintergrund differenzierter Armutskonzepte und anhand verschiedener Verfahren mit dem Thema Kinderarmut auseinandersetzen.

Angesichts einer Längsschnittanalyse für den UNICEF- Bericht zur Lage von Kindern in Deutschland von 2013, ist das wohl auch gut so. Diese ergab, dass zwischen 2000 und 2010 rund 8,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland langjährige Armutserfahrungen gemacht haben.[3] Die meisten von ihnen lebten zwischen sieben und elf Jahre lang in einem Haushalt, der mit weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens auskommen musste. 1,7 Prozent aller Kinder wuchsen 12 bis 17 Jahre unter diesen schwierigen Bedingungen auf. Laut des Berichts haben Armutserfahrungen stark negative Auswirkungen auf Heranwachsende, wenn sie mindestens ein Drittel der Kindheit andauern.[4]

Die Armut von Kindern ist ein komplexes, vielschichtiges Thema und umfasst multiple und von der Erwachsenenarmut zu differenzierende Dimensionen.

Ursachen, Erscheinungsformen und Lösungsmöglichkeiten sind in den letzten Jahren zunehmend öffentlich erörtert worden. Dass Armut in ihren verschiedenen Ausprägungen in erster Linie ein gesellschaftliches Phänomen ist, lässt sich dabei nicht von der Hand weisen.[5] Daher sind selbstverständlich die Politik und alle gesellschaftsgestaltenden Kräfte in der Verantwortung, sich mit Maßnahmen zur Armutsverminderung und Armutsverhinderung auseinander zu setzen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich angesichts der fortwährenden Armutsproblematik - insbesondere bei Kindern- mit der Frage nach den gesellschaftlichen und individuellen Bewältigungsformen, mit den Auswirkungen ebendieser Armut umzugehen. Sie tut dies indem sie das Phänomen der Resilienz in den Fokus nimmt.

Resilienz bedeutet „seelische Widerstandsfähigkeit“. Resilienzförderung zielt darauf ab, diese „Widerstandsfähigkeit“ von Kindern in belasteten Lebenssituationen durch verschiedene Ansätze zu entwickeln und zu stärken.[6] Dabei ist Resilienz keineswegs als angeborenes Persönlichkeitsmerkmal eines Kindes zu verstehen, sondern vielmehr als eine Kapazität, die im Verlauf der Entwicklung im Kontext der Kind-Umwelt Interaktion erworben wird.[7]

Neben den Chancen, die sich aus dem Konzept der Resilienz als Bewältigungsform von Armutsfolgen ergeben könnten, sollen auch die Grenzen und Schwierigkeiten des Konzepts in den Blick genommen werden.

In Kapitel 1 der Arbeit wird das Phänomen der Kinderarmut genauer in den Blick genommen. Die Arbeit beginnt mit einer Darstellung des Wandlungsprozesses der Armut in Deutschland, bis hin zur Etablierung von Kinderarmut als eigenständiges Phänomen. Darauf folgt eine Übersicht aktueller Zahlen zum Thema Kinderarmut in Deutschland, basierend auf einer Studie der Bertelsmann Stiftung. Anschließend erfolgt eine Definition des Armutsbegriffs, sowie eine spezifische Definition des Begriffs der Kinderarmut. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird dafür der Ausdruck „kindgerechter Armutsbegriff“ verwendet. Des Weiteren werden einige Überlegungen zum Thema Armut als Risikofaktor für die kindliche Entwicklung angestellt.

In Kapitel 2 erfolgt eine Annäherung an das Konzept der Resilienz. Dazu erfolgt zunächst eine Definition des Resilienzbegriffs, um darauf aufbauend die zwei zentralen Konzepte der Resilienzforschung vorzustellen: das Risiko- und das Schutzfaktorenkonzept. Da die „Kauai- Längsschnittstudie“ als älteste, größte und bekannteste Untersuchung zum Thema Resilienz gilt, werden die wesentlichen Erkenntnisse dieser Studie dargestellt, bevor einige Gedanken zur Bedeutung der Resilienzforschung für die Bildungs- und Erziehungspraxis veranschaulicht werden. In Kapitel 3 werden schließlich armutsgefährdete Kinder als Zielgruppe von Resilienzförderung in den Blick genommen, sowie einige Überlegungen zu den Schwierigkeiten des Konzept des Resilienz veranschaulicht. Abschließend erfolgt ein Fazit.

Kapitel 1 Das Phänomen Kinderarmut

Lange galt die Armutsbetroffenheit von Kindern als Teilaspekt von Familienarmut. Seit einigen Jahren jedoch, wird Kinderarmut als eigenständiges Thema von Wissenschaft und Öffentlichkeit diskutiert. Die Armut von Kindern ist eine komplexe, vielschichtige Problematik und umfasst von der Erwachsenenarmut zu differenzierende Themen.[8] Ziel des folgenden Kapitels ist es, das Phänomen Kinderarmut zu untersuchen, sodass für den weiteren Verlauf dieser Arbeit eine differenzierte Bestimmung des Begriffs Kinderarmut vorliegt.

1 Wandel der Armut in Deutschland

Seit einigen Jahren werden regelmäßig aktuelle Studien und Berichte zur Kinderarmut in Deutschland veröffentlicht - das war nicht immer so. In den vergangenen Jahrzenten hat sich das Bild der Armut in Deutschland grundlegend verändert.[9]

Das Thema Armut war in Deutschland mit Rückgang der Nachkriegsarmut in den Sozialwissenschaften über lange Zeit hinweg nicht mehr öffentlich diskutiert und erforscht worden. Erst in den 1980er Jahren begann eine intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen der „neuen Armut“.[10]

Unter diesem Stichwort wurde erstmalig eine Heterogenität der Armutspopulation thematisiert. Nicht mehr die „traditionellen Armen“ (Obdachlose, Gelegenheitsarbeiter) beherrschten das Bild der Armen in Deutschland, zunehmend gerieten auch Normalhaushalte in Armut.[11]

Die starke Betroffenheit von Kindern und Jugendlichen durch Armut hängt ebenfalls mit den strukturellen Veränderungen in der Gruppe der Armutsbevölkerung zusammen. Noch bis Mitte der 1980er Jahre galt, dass überwiegend ältere Menschen, insbesondere Frauen, mit unzureichender Rente in Armut lebten. Heute ist die Hauptursache für die Betroffenheit von Armut, Arbeitslosigkeit. Von Arbeitslosigkeit können Menschen im erwerbsfähigen Alter, also etwa von 20 bis 55 Jahren, betroffen sein.[12] In dieser Zeitspanne lebt die überwiegende Zahl von ihnen in Familien. Dies ist der Grund, warum die Anzahl an Kindern die über längere oder kürzere Zeit in Armut aufwachsen, immer größer wird.[13]

„Armut“ als kindliche Lebenslage und multidimensionales Entwicklungsrisiko wird in Abschnitt 2 und 3 dieses Kapitels erörtert.

Mitte der 1990er Jahre erst wurde Kinderarmut als eigenständiges Problem entdeckt. Bis dahin galt die Armutsbetroffenheit von Kindern als Teilaspekt der Familienarmut und Kinder wurden allenfalls als Ursache für den materiellen Notstand ihrer Familien gesehen. Die Einführung einer altersgruppenspezifischen Armutsberichterstattung in den 1990er Jahren änderte diesen Umstand, indem er Kinder als eigenständige soziale Gruppe in den Blick nahm.[14]

Seitdem hat sich im Bereich von Forschung und Berichtserstattung einiges getan. So erscheinen seit 2001 regelmäßig vergleichende UNICEF-Reporte zur Kinderarmut in entwickelten Wohlfahrtsstaaten[15] und seit 2006 die von Prof. Dr. Hans Bertram daraus abgeleiteten Berichte zur „Lage der Kinder in Deutschland“.[16]

In der überwiegend qualitativ orientierten Kinderarmutsforschung steht die spezifische Lebenslage von Kindern, die unter Armutsbedingungen aufwachsen, im Fokus ihrer Untersuchungen. Dabei wird Armut in ihren Auswirkungen auf Kinder analysiert, aber stets auch als gesellschaftliches Problem im Blick behalten.[17]

Einen Interpretationsrahmen für die gegenwärtige Armut von Kindern in Wohlfahrtsgesellschaften bietet die Modernisierungstheorie, da diese Kinder und Kindheit im aktuellen Wandel betrachtet.[18] Marghertia Zander, Karl August Chassé und Konstanze Rasch haben diesen Zusammenhang in der Einleitung zu ihrer gemeinsamen Kinderarmutsstudie wie folgt formuliert:

„Wir gehen unsererseits von der Grundthese aus, dass Kindheit aktuell im Kontext von gesellschaftlicher Modernisierung neu reguliert wird, d.h. dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sich Kindheit konstituiert, epochalen Veränderungen unterworfen sind: Dies betrifft sowohl die Lebenswelt der Kinder (Familie, Schule, Peers, Institutionen) als auch die Sicht auf Kinder und Kindheit und den gesellschaftlichen Umgang mit Kinderleben (auch durch die Politik). Weiterhin gehen wir von einer wachsenden Ungleichheit zwischen „guter“ und „benachteiligter Kindheit“ aus.“ [19]

Aus diesem Zusammenhang ergibt sich für Zander die Notwendigkeit, im Rahmen der Kinderarmutsdiskussion stets die Lebenssituation der Kinder im aktuellen gesellschaftlichen Kontext zu begreifen und gleichzeitig den Blick auf die sozialen Ungleichheiten zu lenken, die durch die jeweiligen Lebenslagen von Kindern und Familien bedingt sind.[20] Sie fordert: es sei immer eine zweifache Perspektive einzunehmen, aus der heraus einerseits die Kinder als Gesamtheit in der sich wandelnden Gesellschaft gesehen werden, zugleich aber andererseits auch die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen der Kinder in dieser Gesellschaft betrachtet werden.[21]

Diese modernisierungstheoretische Interpretation bietet sich laut Zander auch als naheliegender Anknüpfungspunkt für eine an Resilienz orientierte Sicht auf die Kinder an.[22] Denn: „Gegenläufig zu den wachsenden sozioökonomischen Problemen moderner Gesellschaften scheint sich der Staat immer mehr von sozialstaatlichen Sicherheitsgarantien (Soziales Netz) zurückzuziehen.“[23]

Lebensrisiken würden so re-individualisiert, wodurch die Verantwortung für das eigene Leben deutlich ansteige. „Risiko“ sei in diesem Zusammenhang nicht gleichzusetzen mit „Gefahr“. Der Begriff „Risiko“ impliziere den möglichen Umgang mit Gefahren, wobei sowohl Kosten als auch Gewinne einkalkuliert werden.[24]

In Resilienzdiskursen, die sich auf „Armut als Risiko“ für Kinder beziehen, werde es immer wieder darum gehen müssen zu betonen, dass selbst angesichts einer Verallgemeinerung von Risiken, ihre sozialstrukturelle Bedingtheit nicht übersehen werden darf, so Zander.[25] Auch Opp/ Fingerle warnen vor einer neoliberalen Deutung von gesellschaftlichen Risiken, die den sozialpolitischen Umgang mit diesen bestimmen könnte. Sie unterstreichen die Abhängigkeit von Resilienzentwicklung vom Zugang zu sozialen Ressourcen und somit die Notwendigkeit entsprechender Unterstützungssysteme.[26]

Festgehalten werden kann an dieser Stelle, dass sich der Armutsbegriff in Deutschland grundlegend verändert hat und die Wissenschaft Kinderarmut als eigenständiges Problem adaptiert hat: es hat ein wissenschaftlicher Paradigmenwechsel stattgefunden. Inzwischen gilt es als erwiesen, dass Armut für Kinder andere Auswirkungen hat als für Erwachsene und dass diese von Kindern auch anders erlebt wird.

Immer mehr betroffene Kinder und eine sich im ständigen Wandel befindende moderne Gesellschaft machen es erforderlich die Lebenssituation der Kinder im aktuellen Kontext, die sozialen Ungleichheiten und die damit verbundenen Risiken stets im Blick zu halten.

1.1 Aktuelle Lage - Studie der Bertelsmann Stiftung

Um einen aktuellen Bezug herzustellen, bedient sich diese Arbeit einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die am 12.09.2016 veröffentlicht wurde.[27] Im folgenden Abschnitt werden die zentralen Erkenntnisse dieser Studie dargestellt.

Die Studie mit dem Titel „Kinderarmut in Deutschland wächst weiter- mit Folgen für das ganze Leben“ stellt fest, dass im Vergleich zu 2011 mehr junge Menschen von Grundsicherung leben. Laut dieser zeigen neue Veröffentlichungen, dass die existierenden Maßnahmen nicht ausreichen, um Kinderarmut zu vermeiden und Armutsfolgen weiterhin nur lückenhaft erforscht sind.

Die aktuellen Daten der Studie zur Kinderarmut in Deutschland basieren auf eigenen Berechnungen auf Grundlage der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsmarkt in Zahlen, Kinder im SGB II). In Form eines „Factsheets für Deutschland“, steht die Studie jedem zur freien Verfügung.

Trotz guter Wirtschaftslage wuchsen 2015 bundesweit 14,7 Prozent der Kinder unter 18 Jahren in Familien auf, die Hartz IV beziehen. Im Vergleich zu 2011 ist das ein Anstieg um 0,4 Prozent. Besonders betroffen sind Kinder mit nur einem Elternteil oder zwei und mehr Geschwistern. Betrachtet man alle Heranwachsenden in staatlicher Grundsicherung, lebt die Hälfte von ihnen bei einem alleinerziehenden Elternteil und 36 Prozent werden in Familien mit drei oder mehr Kindern groß.

Armut ist für viele Kinder, deren Familien Hartz IV beziehen, ein Dauerzustand: die Mehrheit von ihnen wächst über einen längeren Zeitraum in ärmlichen Verhältnissen auf. 57 Prozent der betroffenen jungen Menschen im Alter von sieben bis 15 Jahren, bezogen drei Jahre und länger staatliche Unterstützung nach SGB II.

Zuletzt stellt die Studie noch einen regionalen Unterschied fest: Im Westen stieg die SGB II- Quote leicht, während sie im Osten sank. Trotz teils großer regionaler Unterschiede, bleibe Kinderarmut ein gesamtdeutsches Problem, betont die Studie.

Zusammen mit dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik hat die Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) gleichzeitig eine Studie mit dem Titel „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche“ zu den Folgen von Kinderarmut veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um eine Metaanalyse in Form einer Auswertung von 59 quantitativen und qualitativen Studien aus Deutschland, die sich mit dem Thema der Kinderarmut befasst haben.[28] Die Ergebnisse dieser Studie werden an dieser Stelle nicht weiter dargestellt, da es ansonsten zu großen inhaltlichen Überschneidungen im weiteren Verlauf der Arbeit kommen würde.

2 Der Armutsbegriff

Eine einheitliche Definition von Armut gibt es in der deutschsprachigen Literatur nicht. Die Auffassungen darüber, wer als arm zu bezeichnen ist und welche Aspekte in Hinblick auf Kinderarmut besonders berücksichtigt werden sollten, variieren in Abhängigkeit der Perspektiven des Betrachters und dem Erleben der Betroffenen selbst.[29]

Grundsätzlich wird zwischen absoluter und relativer Armut differenziert. Spricht man von relativer Armut, wird das Armutsverhältnis in Relation zum durchschnittlichen Lebensstandard in Deutschland betrachtet. Absolute Armut bezeichnet einen Lebensstandard indem die lebensnotwendigen Grundlagen (Essen, Kleidung, Wohnen etc.) fehlen.[30]

Soweit eine erste Differenzierung des Armutsbegriffs. Im folgenden Abschnitt werden einige Ansätze zur Definition von Armut genauer erläutert, um darauf aufbauend einen kindgerechten Armutsbegriff zu definieren.

2.1 Der Ressourcenansatz

Nach dem Ressourcenansatz wird Armut als eine Unterausstattung an monetären (Einkommen aus Erwerbsarbeit, Vermögen, Transferleistungen etc.) und nichtmonetären Ressourcen (Ergebnisse aus hauswirtschaftlicher Produktion, z.B. Ernte etc.) verstanden. Bisherige empirische Arbeiten konzentrieren sich hauptsächlich auf eine Ressource: das verfügbare Einkommen. Wodurch das Phänomen Armut nicht hinreichend erfasst werden kann. Zahlreiche Untersuchungen belegen allerdings einen engen Zusammenhang zwischen Einkommensarmut und weiteren Unterversorgungslagen.[31]

2.2 Der Lebenslagenansatz

Der Lebenslagenansatz bietet eine wesentlich differenzierte Annäherung an das komplexe Phänomen Armut. Subjektive Aspekte der von Armut Betroffenen werden mit aufgenommen und so die Möglichkeit geschaffen, mehrere Dimensionen von Armut zu erfassen. Mit dem Begriff der „Lebenslage“ wird die Bestimmung von Armut als Unterversorgung an ökonomischen Ressourcen, durch den Blick auf Unterversorgungen in anderen zentralen Lebensbereichen erweitert.[32] Armut wird als multidimensionale Problemlage definiert.

Margherita Zander sieht trotz einiger methodischer Schwächen - auf die in diesem Rahmen nicht genauer eingegangen werden kann - eine Reihe von Vorteilen an dem Konzept der Lebenslage für die Ableitung eines Armutsverständnisses:

- Es sei ein multidimensionales Konzept, das nicht alleine die Einkommenssituation betrachte.
- Es eigne sich dazu, die individuelle Armutslage im Kontext struktureller gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zu betrachten.
- In seiner späteren Weiterentwicklung als „ Spielräume- Konzept “ würden armutsbedingte Einschränkungen als Beeinträchtigung individueller Handlungsmöglichkeiten interpretierbar.
- Es ermögliche die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen in den Blick zu nehmen.
- Es berücksichtige zudem die subjektive Perspektive der Wahrnehmung und Bewältigung von Lebenslagen.[33]

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass diese Erweiterung des Blickwinkels keine Akzentverschiebung mit sich bringen sollte, die die ökonomische Ursache von Armutslagen aus dem Blick verlieren lässt. Die Defizite und Handlungsbeschränkungen in anderen Bereichen wie der Ernährung, der Bildung, des Wohnens, etc. sind letztlich Auswirkungen der Einschränkung an finanziellen Mitteln.[34]

[...]


[1] Vgl. BMFSFJ 1998

[2] Ebd., S. 88

[3] Vgl. UNICEF- Bericht zur Lage von Kindern in Deutschland 2013

[4] Vgl. UNICEF- Bericht zur Lage von Kindern in Deutschland 2013

[5] Vgl. Zander 2010, S. 9

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Wustmann 2005, S. 193

[8] Vgl. Zander 2010, 2015

[9] Vgl. Zander 2010, S. 93

[10] Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 1998, S. 8/9

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd., S. 12

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Zander 2015, S. 13

[15] Vgl. UNICEF 2001, 2005, 2007, 2012, 2013

[16] Vgl. ebd. 2006, 2008, 2010, 2012, 2013

[17] Vgl. Zander 2010, S. 105

[18] Vgl. ebd.

[19] Chassé/ Zander/ Rasch (Hrsg.) 2010, S. 31

[20] Vgl. Zander 2010, S., 106

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. ebd., S. 109

[23] Opp/Fingerle 2007, S. 8

[24] Vgl. ebd., S. 10

[25] Vgl. Zander 2010, S. 110

[26] Vgl. Opp/ Fingerle (Hrsg.) 2007, S. 16

[27] Vgl. Bertelsmann Stiftung 2016 (Hrsg.), „Kinderarmut in Deutschland wächst weiter- mit Folgen für das ganze Leben“ vom 12.09.2016

[28] Vgl. Bertelsmann Stiftung 2016 (Hrsg.) , „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche. Erkenntnisse aus empirischen Studien in Deutschland.“

[29] Vgl. Schäfers/ Zapf (Hrsg.) 2001, S. 36

[30] Vgl. Klocke/Hurrelmann (Hrsg.) 1998, S., 9 f.

[31] Vgl. Schäfers/ Zapf (Hrsg.) 2001, S. 37

[32] Vgl. Chassé/ Zander/ Rasch (Hrsg.) 2010, S. 18 f.

[33] Vgl. Zander 2010, S. 112

[34] Vgl. Chassé/ Zander/ Rasch (Hrsg.) 2010, S. 19

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut und Resilienz. Armutsgefährdete Kinder als Zielgruppe von Resilienzförderung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,00
Autor
Jahr
2016
Seiten
47
Katalognummer
V349838
ISBN (eBook)
9783668368514
ISBN (Buch)
9783668368521
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Kinderarmut, Pädagogik, Erziehungswissenschaften, Kinderarmut in Deutschland, Armut als Risikofaktor, Sozialpädagogik Armut
Arbeit zitieren
Sara Larsen (Autor), 2016, Kinderarmut und Resilienz. Armutsgefährdete Kinder als Zielgruppe von Resilienzförderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349838

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