Musikvideos haben sich als ein globales Massenphänomen etabliert. Milliarden von Rezipienten konsumieren diese Videos auf Plattformen wie YouTube oder Clipfish, denn das Medium ist für jede_n frei verfügbar, der_die einen Internetzugang besitzt. Die Videos überzeugen durch ihre ansprechende Bild-Text-Sprache und unterstreichen durch visuelle Mittel die Hauptaussagen des jeweiligen Songs. Die Bandbreite der zu decodierenden Stilmittel kann vom Outfit bis zum Kulissenbild reichen.
In jedem Fall bereichern die visuellen Codes die Aussagekraft von Videos. Welche spezifischen Botschaften die Rezipierenden jedoch entschlüsseln, hängt vom Wissensstand und der Disposition der Betrachter ab. Oftmals werden die wahrgenommenen und interpretierten Signale und Zeichen verinnerlicht. Diese im Musikvideo unterschwelligen Botschaften vermitteln starke Aussagen über Geschlechterrollen. Es werden Informationen und Zuschreibungen über die Geschlechter transportiert. Diese Darstellung (doing gender) findet zwangsläufig in jedem Musikvideo statt, wobei sich eine Vielzahl der Videos auf die Heteronormativität beruft. Zudem wird in bestimmten Genres wie Hip-Hop dieses dualistische System durch Hypermaskulinität und Hyperfeminität verstärkt.
Ansätze, die diese Geschlechterrollen kritisieren, finden sich selten in populären Clips. Auf der anderen Seite dienen Musikvideos als Identifikationsvorlage. Nach dem Prinzip sex sells werden Lust und Begehren erzeugt, Emotionen vorgegeben und somit Identifikationen angeboten. Dieses geschieht nicht zuletzt durch das Thematisieren von Phantasien, Wünschen und Ängsten der Rezipienten. Der jeweilige Stil wird aus dem Musikvideo kopiert und übernommen. Stars werden verehrt und zu Idolen gemacht. Es gibt zahlreiche Jugendkulturen, deren Gründung auf einzelne Musikvideos zurückzuführen ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Inszenierung von Weiblichkeit_en in populären Musikvideo
1.1 Luisa Korte: “You gotta know how to treat me like a lady”- Inszenierung von Weiblichkeit am Beispiel von Meghan Trainor
1.2 Inga Becker: Popfeminismus oder Kommerz? Eine Analyse der Musikvideos Rub von Peaches und ***Flawless von Beyoncé in Bezug auf die feministische Selbstpositionierung der Künstlerinnen
1.3 Loreen Luther: Black Feminism im visuellen Album Lemonade von Beyoncé
1.4 Frauke Blohm: „Eine Bitch ist ´ne Bitch ist ´ne Bitch ist ´ne Bitch“ Gender Performativität und Empowerment am Beispiel Lady Bitch Ray
2 Kritiken an tradierten Rollenbildern: die Mutter
2.1 Sara Rihl: Body und Gender im populären Musikvideo
2.2 Christine Maria Stahmann: Die Inszenierung der Frau in ihrer Rolle als Mutter am Beispiel des Musikclips zum Song „M.I.L.F. $“ (Fergie)
2.3 Frauke Schoon: Got milf? Widerstand gegen traditionelle Mutterbilder und Geschlechterrollen im populären Musikvideo
3 Adoleszente Identifikationsstrategien mit Pop Bands
3.1 Katharina Steinhausen: SPICE UP YOUR LIFE. Die Spice Girls und das Girl-Power-Konzept
3.2 Marie Luise Templin: Das männliche Geschlecht als Verliebtheitsobjekt im Popmusikvideo: One Direction als Schablone adoleszenter Bedürfnisse und Sehnsüchte durch die Konstruktion von imaginärer Nähe und Individualität
4 Partizipation und Musikvideo
4.1 Victoria Wilms: Das Musikvideo lebt wieder - und jeder kann mitmachen - Interaktive Musikvideos im Web 2.0
4.2 Mareike Sprock: “Remember when I was a ten and did not look like a guy?“ – Bart Bakers Parodie zu “Wrecking Ball” von Miley Cyrus
5 Zum transgressiven Potenzial von populären Musikvideos
5.1 Philipp Alexander Rotzal: Inszenierungen von Männlichkeit_en in Musikvideos der Band Rammstein
5.2. Jolanta Stebel: “you wanna be tough – you wanna be a man“. Über die vestimentäre Konstruktion von Michael Jackson im 'Beat it'-Video-Clip
5.3 Arne Burhop: „Cyborgs zwischen träumerischer Utopie und kämpferischer Politisierung". „Feministisch-subversives Potenzial in Musikvideos von Chris Cunningham und Ninian Doff"
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Geschlechterrollen in populären Musikvideos und analysiert, wie diese mediale Form zur Konstruktion oder Dekonstruktion von Identitäten und sozialen Normen beiträgt. Es wird der Frage nachgegangen, inwiefern Musikvideos als Identifikationsvorlagen dienen und ob sie bestehende Rollenbilder wie die „Mutterrolle“, „Girl Power“ oder „Männlichkeit“ reproduzieren oder kritisch hinterfragen.
- Analyse der Inszenierung von Weiblichkeit und Feminismus
- Kritik an traditionellen Rollenbildern wie der Mutterrolle
- Adoleszente Identifikationsstrategien mit Pop-Bands
- Partizipation und Interaktivität im Web 2.0
- Dekonstruktion von Geschlechterkonstruktionen und transgressives Potenzial
Auszug aus dem Buch
3.1 Allgemeines zur Geschlechterkonstruktion und Geschlechterdifferenz
Unsere Alltagskultur ist nach wie vor durch stereotype Geschlechtervorstellungen geprägt. Bewusste oder unbewusste Handlungen sowie Aussagen und kulturelle Konventionen führen dazu, dass bestimmte Eigenschaften als maskulin oder feminin bestimmt werden (vgl. BMB 2016b). Ausgangspunkt dafür ist das System der Zweigeschlechtlichkeit. Es strukturiert unsere Alltagswelt und liefert dabei Grundannahmen, die als selbstverständlich und nicht begründungsbedürftig gelten (vgl. Rehbach 2013: 136). So wird von genau zwei unveränderbaren Geschlechtern ausgegangen, denen sich Menschen zuordnen können. Zurückgeführt wird diese Geschlechterdifferenz - also die Unterscheidung zwischen Frauen und Männern - auf einen biologischen Tatbestand (vgl. Wetterer 2010: 126). Mit den Genderstudies, die sich Mitte der 1970er-Jahre in den USA zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin etablierten, kam es jedoch zu einem Paradigmenwechsel in der feministischen Forschung und die Frage nach der diskursiven Produktion des Weiblichen und Männlichen wurde in den Vordergrund gestellt (vgl. BMB 2016c, vgl. Funk-Hennigs 2003: 55). Die Betrachtung der Geschlechterdifferenz aus sozialkonstruktivistischer Perspektive versteht die Kategorien inzwischen nicht länger als naturgegeben oder als Effekt eines biologischen Unterschiedes, sondern als soziale Konstruktionen, die durch soziale Praxis hergestellt werden (vgl. Funk-Hennigs 2003: 55). Sowohl gender, also die (soziale) Geschlechtsidentität, als auch sex, das körperliche Geschlecht, werden somit als sozial bestimmt aufgefasst (vgl. ebd.).6 Der Ausdruck des „doing gender“ verdeutlicht dabei das prozesshafte dieser sich immer wiederholenden Konstruktionsprozesse von Weiblichkeit und Männlichkeit. Insbesondere das soziale bzw. kulturelle Geschlecht (gender) schlägt sich in Stereotypen nieder und manifestiert sich in gesellschaftlich wirksamen Männern- und Frauenbildern (vgl. BMB 2016c).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Inszenierung von Weiblichkeit_en in populären Musikvideo: Dieses Kapitel untersucht verschiedene Inszenierungen von Weiblichkeit, wobei Künstlerinnen wie Meghan Trainor, Beyoncé und Lady Bitch Ray als Beispiele für unterschiedliche feministische Positionierungen analysiert werden.
2 Kritiken an tradierten Rollenbildern: die Mutter: Hier wird untersucht, wie die Mutterrolle in Musikvideos dargestellt wird und ob diese Clips ein traditionelles Frauenbild stützen oder Widerstand leisten.
3 Adoleszente Identifikationsstrategien mit Pop Bands: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Jugendliche sich mit Pop-Bands wie den Spice Girls oder One Direction identifizieren und welche Rolle diese als Vorbilder im Adoleszenzprozess spielen.
4 Partizipation und Musikvideo: Hier werden die Möglichkeiten der Nutzerpartizipation durch interaktive Musikvideos im Web 2.0 untersucht.
5 Zum transgressiven Potenzial von populären Musikvideos: Dieses Kapitel analysiert Musikvideos der Band Rammstein sowie von Chris Cunningham und Ninian Doff auf ihr Potenzial hin, geschlechtliche und gesellschaftliche Normen zu durchbrechen.
Schlüsselwörter
Musikvideo, Geschlechterrollen, Doing Gender, Popkultur, Feminismus, Weiblichkeit, Männlichkeit, Adoleszenz, Identifikation, Partizipation, Interaktivität, Stereotype, Transformation, Empowerment, Medienwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Musikvideos als mediale Produkte Geschlechterrollen konstruieren, reproduzieren oder kritisch hinterfragen und welche Rolle sie bei Identifikationsprozessen von Jugendlichen spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten gehören die Inszenierung von Weiblichkeit und Männlichkeit, die kritische Auseinandersetzung mit der Mutterrolle, Identifikationsstrategien mit Pop-Bands sowie das Potenzial interaktiver Medien zur Partizipation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musikvideos als "Lebenswelt-Begleiter" fungieren und inwiefern sie soziale Geschlechterkonstruktionen prägen oder durch subversive Ansätze aufbrechen können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Film- und Medienwissenschaft, Theorien zum „Doing Gender“ sowie Analysen zur Symbolik und Narration in Musikvideos.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Fallstudien, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Geschlechterinszenierung an konkreten Beispielen (z.B. Meghan Trainor, Spice Girls, One Direction, Rammstein) untersuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Musikvideo, Doing Gender, Identifikation, Popkultur, Feminismus und Partizipation.
Wie unterscheidet die Autorin die verschiedenen Arten interaktiver Musikvideos?
Es wird zwischen verteilten, interaktiven, kollektiven und kollaborativen Musikvideos unterschieden, basierend auf dem Grad der Einwirkungsmöglichkeit des Nutzers auf Inhalt und Form.
Warum wird Miley Cyrus' Video zu „Wrecking Ball“ parodiert?
Die Parodie von Bart Baker wird als Ausdruck konservativer Wertevorstellungen interpretiert, die versucht, Cyrus' Genderperformance durch ihre Umdeutung als „zu männlich“ oder „skandalös“ zu diskreditieren.
- Arbeit zitieren
- Carla Schriever (Herausgeber:in), Katharina Thomé (Herausgeber:in), 2016, Performing Identity. Geschlechterkonstruktionen in populären Musikvideos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349891