Der Literaturbetrieb und die Rolle der Literatur in „Die mißbrauchten Liebesbriefe“ von Gottfried Keller


Hausarbeit, 2016

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt der Novelle

3. Der Literaturbetrieb in der Novelle

4. Die Rolle der Literatur

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle die Literatur in „Die mißbrauchten Liebesbriefe“ von Gottfried Keller hat. Außerdem wird der Litera- turbetrieb in der Novelle kritisch begutachtet. Die Arbeit soll Aufschluss darüber ge- ben, ob und inwiefern Keller den Literaturbetrieb seiner Zeit in dieser Novelle karikiert. Zudem wird die potentielle sowie die verfälschte Literatur in „Die mißbrauchten Lie- besbriefe“ dargestellt.

Um einen Überblick über die Novelle zu erhalten, wird der Inhalt im ersten Teil kurz dargestellt. Danach soll der Literaturbetrieb in den Fokus der Arbeit rücken. Dabei werden verschiedene Theorien vorgestellt und kritisch beurteilt. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Literatur in der Novelle. Dazu wird ebenfalls Sekundärliteratur hinzugezogen, um die Thematik abschließend unter kritischer Betrachtung der zuvor genannten Theorien subsumieren zu können.

2. Inhalt der Novelle

„Die mißbrauchten Liebesbriefe“ ist eine Novelle aus dem zweiten Band Gottfried Kellers „Die Leute von Seldwyla“, der um 1855 entstand.

Keller schafft es, den Kontrast zwischen den Figuren darzustellen, die sich individu- ell entwickeln und somit zum gesellschaftlichen Erfolg kommen und denen, die nicht aus sich herauswachsen, weil sie sich in dem Willen, ein Idealbild zu verkörpern, verzetteln und schließlich scheitern.1 Dieses Scheitern spiegelt sich vor allem in der Figur Victor Störteler, der von den Seldwylern nur „Viggi“ genannt wird, wider.

Viggi lebt mit seiner Frau Gritli in Seldwyla, wo er ein Speditions- und Warenge- schäft betreibt. Gritli hat aus früheren Zeiten ein Vermögen in die Ehe gebracht, wel- ches Viggi gewinnbringend in sein Geschäft einfließen lässt. Viggi fühlt sich zum Schriftsteller berufen. Seine Schreibversuche ruinieren ihm aber letztendlich Geschäft und Ehe. Für ihn ist das literarische Treiben eine narzisstische Selbstdarstellung, getrieben vom Streben nach Ansehen und Geld. Schon in seiner Jugend kam er mit Literatur in Berührung.

Er verbrachte seine Lehrzeit in einer größeren Stadt „und war dort Mitglied eines Vereines junger Comptoiristen gewesen, welcher sich wissenschaftliche und ästheti-sche Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte.“2 Die Mitglieder dieses Vereins über-nahmen sich, denn „es gab nichts, an das sie sich nicht wagten."3 Durch das dort er-langte Selbstbewusstsein fühlt sich Viggi den anderen Seldwylern gegenüber erha-ben. Er bezeichnet sich selbst als Essayist. Weil er damit jedoch keinen Erfolg hat, beginnt er unter dem Namen „Kurt vom Walde“ Novellen zu verfassen. So befindet er sich schnell im Kreis von Dilettanten, die sich Kunibert vom Meere oder Oskar Nordstern nennen. Als Kurt vom Walde ist Störteler Mitbegründer einer neuen Sturm- und Drangperiode. Da Viggi in den Seldwylern keine Anhänger findet, son-dern vielmehr für sein künstlerisches Treiben belächelt wird, beschließt er, seine Frau Gritli zu seiner Muse zu machen. Mit ihr möchte er einen Briefwechsel insze-nieren, von dem er glaubt, ihn für viel Geld publizieren zu können. Gritli sieht ihre Ehe in Gefahr und willigt deswegen ein.

Während einer Geschäftsreise beginnt Victor seiner Frau Liebesbriefe zu schreiben. Er macht Gritli genaue Vorschriften, wie sie die Briefe zu beantworten hat, nämlich in demselben Stil, in dem Viggi seine Briefe verfasst. Da Gritli mit diesem Schreibstil nichts anzufangen weiß, sucht sie sich Hilfe. Diese findet sie in ihrem Nachbarn Wil-helm, einem Schulmeister, von dem sie weiß, dass er an ihr interessiert ist. Sie schreibt den Brief von Viggi so um, als käme er aus ihrer Hand und übergibt ihn an Wilhelm mit der Bitte, auf dieselbe Art und Weise zu antworten. Somit nimmt der Missbrauch der Liebesbriefe durch Gritli, die die beiden Männer in Unwissenheit darüber lässt, wem sie eigentlich schreiben, ihren Lauf.

Gritlis Lüge fliegt allerdings auf, als Viggi heimkehrt und bei einem Waldspaziergang auf seine von seiner Frau umgeschrieben Briefe stößt, die Wilhelm dort hat liegen lassen. Empört über diesen Verrat verbannt er Gritli aus seinem Haus und auch Wil-helm, der von den Seldwylern verspottet wird, weil er sich an eine verheiratete Frau gewagt hat, flieht aus Seldwyla. Er lebt von nun an mitten in der Natur und findet sehr bald wieder Anerkennung und Lob bei den Seldwylern, da er als ehrbarer Brief steller und beratende Person für diese zur Verfügung steht.

Währenddessen findet Viggi in der Seldwylerin Kätter Ambach eine neue Frau, die sich literarisch mit ihm auf einer Ebene befindet.

Gritli macht sich eines Tages mit ihrer Freundin Ännchen auf den Weg zu Wilhelm in die Natur, um herauszufinden, ob er es ernst mit ihr meint. Ännchen versucht den Schulmeister zu verführen, dieser bleibt jedoch standhaft und schließlich finden Gritli und Wilhelm wieder zueinander.

Das Ende der Novelle gleicht einem Märchen, da die „Guten“, nämlich Gritli und Wilhelm, nun zusammen in eine schöne, gemeinsame Zukunft blicken können. Die „Bösen“, Viggi und Kätter, werden durch letztere hingegen in den finanziellen Ruin getrieben und niemand hört mehr etwas von ihnen.

3. Der Literaturbetrieb in der Novelle

„Mit Verachtung und Ärger schaute Keller auf den Literaturbetrieb seiner Zeit, mit des- sen Hauptvertretern er während seines Berliner Aufenthaltes in Berührung kam.“4 Mit dem Dilettantismus konnte er sich nicht anfreunden. Die Eitelkeit und Schwärmerei der Dilettanten stellt er in „Die mißbrauchten Liebesbriefe“ satirisch dar. Viggi verkör- pert eindeutig einen solchen Dilettanten. Verbissen kämpft er um Anerkennung und Ruhm für seine Essays. Weil er jedoch keine Anhänger findet und keinen Erfolg mit seinen Publikationen hat, beginnt er unter dem Namen „Kurt vom Walde“ Novellen zu schreiben. Alleine mit dem Namen begibt er sich in einen Kreis schlechter, erfolgloser Skribenten, wie Kunibert vom Meere, der „allerhand süßliche und nachgeahmte Sa- chen“5 schreibt. Nach dem Entschluss dieser fragwürdigen Schriftsteller, eine neue Sturm- und Drangperiode zu begründen „und zwar mit planvoller Absicht und Ausfüh- rung, um diejenige Gärung künstlich zu erzeugen, aus der allein die Klassiker der neuen Zeit hervorgehen würden“6, kehrt Viggi „ganz aufgebläht von Aussichten und Entwürfen in seine Heimat zurück.“7 Selbst sein Äußerliches passt er an, indem er sich die Haare lang wachsen lässt, eine Brille und ein Spitzbärtchen trägt.

Keller karikiert den Literaturbetrieb bewusst mit Worten wie „Gärung“ und „aufgebläht“ und lässt den Leser hier schon vermuten, dass das Vorhaben der Dilettanten schei- tern wird.

Kurz darauf bestätigt sich diese Vermutung. Als nämlich Victor Störteler den Stadt- schreiber von Seldwyla fragt, was er von „Kurt vom Walde“ denkt, antwortet dieser: „Kurt vom Walde? was ist das für ein Kalb?“8 Kellers Wortwahl lässt auch hier wieder auf seinen Ärger über die Schriftsteller seiner Zeit schließen. Der Spott und die Igno- ranz seiner Person veranlassen Viggi dazu, Gritli zu seiner Muse zu machen. Hans- Georg Pott beschreibt Viggi als Spinne und Fliege zur gleichen Zeit, denn er gehöre zu den „unglückliche[n] Figuren, deren Unglück darin besteht, dass sie versuchen, ihr Leben in Literatur umzumünzen, und die sich dann in ihren eigenen Texten verfan- gen.“9 Victor Störteler scheitert, weil er unbedingt ein Idealbild eines Schriftstellers abgeben möchte. Er entzieht sich dem natürlichen Transformationsprozess der Ge- sellschaft und bleibt somit in seinem kleinbürgerlichen Denkhorizont stecken. Seine Überheblichkeit, die nicht nur Gritli gegenüber zum Vorschein kommt, tut ihr übriges. So macht er ihr genaue Vorschriften, wie sie die Briefe, die er später verkaufen möchte, zu schreiben hat und verzettelt sich schließlich in einer Scheinwelt, die künst- licher nicht sein könnte.

Keller bedient sich dieser Starre zu ironischen Zwecken. Es bleibt die Frage, ob er den Literaturbetrieb seiner Zeit mit dieser Novelle karikiert. Yomb May ist sich sicher, Keller inszeniere die Schweizer Staatsbürger in dieser Satire10 und auch Michael Buchmann erkennt in der Figur Störteler, sowie in Kätter Ambach reale Personen des Literaturbetriebs.11 Kellers Haltung zum Literaturbetrieb seiner Zeit wird bereits am Anfang der Novelle durch den Kellner Georg deutlich, der in dem Gasthof arbeitet, in dem die neue Sturm- und Drangperiode durch die Dilettanten beschlossen wird. Er erzählt von dem Kaffeehausliteratentum, dem er selbst eine Zeit lang verfallen war:

[...]


1 Vgl. May,Yomb: Die Leute von Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus. In: Die Leute von Seldwyla. Kirtische Studien - Critical Essays. Hrsg. v. Hahn, Hans-Joachim; Seja, Uwe. Bern: Peter Lang AG 2007, S. 88

2 Keller, Gottfried: Die mißbrauchten Liebesbriefe. In: Böhler, Michael; Elsaghe, Y. A.: Die Leute von Seldwyla. Erzählungen von Gottfried Keller. Zweiter Band. Basel, Birkhäuser (Birkhäuser Klassiker) 1990, S. 93

3 Ebd., S. 93

4 Anton, Christine. Selbstreflexivität der Kunsttheorie in den Künstlernovellen des Realismus. Gottfried Keller: Die mißbrauchten Liebesbriefe. New York: Peter Lang 1998, S. 171

5 Keller, Gottfried: Die mißbrauchten Liebesbriefe. In: Böhler, Michael; Elsaghe, Y. A.: Die Leute von Seldwyla. Erzählungen von Gottfried Keller. Zweiter Band. Basel, Birkhäuser (Birkhäuser Klassiker) 1990, S. 98

6 Ebd., S. 97

7 Ebd., S. 102

8 Ebd., S. 103

9 Pott, Hans-Georg: Literarische Bildung: zur Geschichte der Individualität. München: Wilhelm Fink Verlag 1995, S. 142

10 Vgl.: May,Yomb: Die Leute von Seldwyla als Paradigma des bürgerlichen Realismus. In: Die Leute von Seldwyla. Kirtische Studien - Critical Essays. Hrsg. v. Hahn, Hans-Joachim; Seja, Uwe. Bern: Peter Lang AG 2007, S. 76

11 Vgl. http://www.texturen-online.net/geschichte/keller/, Michael Buchmann: Es ist etwas Eigentümli- ches um die schlechten Skribenten. Gottfried Kellers Satire auf den Literaturbetrieb, zuletzt aufgerufen 29.02.2016

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Details

Titel
Der Literaturbetrieb und die Rolle der Literatur in „Die mißbrauchten Liebesbriefe“ von Gottfried Keller
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V349893
ISBN (eBook)
9783668368439
ISBN (Buch)
9783668368446
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebesbriefe, Gottfried Keller, Keller, Die missbrauchten Liebesbriefe, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Tanja Zimmermann (Autor), 2016, Der Literaturbetrieb und die Rolle der Literatur in „Die mißbrauchten Liebesbriefe“ von Gottfried Keller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349893

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