Längst sind Diskussionen um „Nationalstolz“ auch außerhalb rechtsextremer Kreise anzutreffen. Spätestens seit der WM 2006 im eigenen Land wehen auch in Deutschland, zumindest im zweijährigen Wechsel, allerorts Deutschlandfahnen. Im Jahr 2014 wurde man außerdem nicht nur erneut Fußball- sondern auch einmal mehr Exportweltmeister. Gründe genug um wieder stolz auf sein Land sein zu dürfen?
Auch die Begriffe Schuld und Scham im Hinblick auf den Nationalsozialismus werden im Angesicht des demographischen Wandels immer wieder hinterfragt. Denn Menschen, die zur besagten Zeit alt genug waren, um sich an den Verbrechen zu beteiligen oder „nur“ tatenlos dabei zuzusehen, werden innerhalb der nächsten Dekaden nicht mehr existieren. Sowohl Schuld, Scham und Stolz im Hinblick auf das Herkunftsland werden also in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte mal mehr, mal weniger intensiv diskutiert. Grund genug, diese Themen einmal philosophisch zu betrachten.
Im Folgenden möchte ich daher zunächst die genannten Gefühle genauer erläutern. Hier möchte ich auf körperliche Äußerungen der Gefühle eingehen und innerliche Vorgänge, Auslöser und Anlässe für das Gefühlserleben beschreiben. Eine philosophiegeschichtliche Betrachtung der jeweiligen Gefühle bietet sich an, um gegebenenfalls kulturelle und zeitliche Unterschiede darzulegen.
Anschließend möchte ich der Frage nachgehen, ob die bloße Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe Stolz überhaupt auslösen kann. Außerdem die Frage, ob sich der Mensch für etwas schämen oder schuldig fühlen kann, das er nicht getan hat. Anders ausgedrückt: Macht die bloße deutsche Staatszugehörigkeit schuldig? Oder ist im Hinblick auf die NS-Verbrechen nicht besser von einer gewissen Verantwortung zu sprechen? Und wenn ja, beschränkt sich diese Verantwortung nur auf die Deutschen?
Neben einer grundsätzlichen Thematisierung der Gefühle Schuld, Scham und Stolz werden diese auf die Staatsangehörigkeit bezogen. Die Thematik wird mit didaktischen Ausführungen abgerundet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist ein Gefühl?
3. Schuld und Scham
3.1. Leibliche Äußerung der Scham
3.2 Leibliche Äußerungen der Schuld
3.3 Schuld und Scham in der Philosophiegeschichte
3.4 Schuld und Scham in Bezug auf die Nationalität
4. Stolz
4.1 Leibliche Äußerungen des Stolzes
4.2 Stolz in der Philosophiegeschichte
4.3 Stolz in Bezug auf die Staatsangehörigkeit
5. Schuld, Scham und Stolz im unterrichtlichen Kontext
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Natur der Gefühle Schuld, Scham und Stolz und analysiert deren Bedeutung im Kontext der eigenen Staatsangehörigkeit sowie deren Potenzial für einen fächerübergreifenden Schulunterricht.
- Phänomenologische und philosophiegeschichtliche Analyse von Schuld, Scham und Stolz
- Unterscheidung zwischen akuten Gefühlen und Gefühlsdispositionen
- Ethik des Nationalstolzes und Verantwortung für historische Ereignisse
- Didaktische Ansätze zur Vermittlung dieser Themen im Ethik- und Politikunterricht
Auszug aus dem Buch
3.1. Leibliche Äußerung der Scham
Was passiert wenn sich der Mensch schämt, wird in landläufigen Betrachtungen nur selten wirklich greifbar. Wage wird vom Erröten als Begleiterscheinung dieses irrationalen Gegenstandes gesprochen. Es stelle sich das Gefühl ein, „krank zu sein“ erklärt etwa eine Autorin der Zeitschrift Stern(vgl. Lehnen-Beyel 2006). Léon Wurmser spricht von einem Zustand des „innerlichen Zerrissenseins“ und einer Spaltung von Bewusstsein und Identität. Die Gefühle der Schwäche, „nicht Herr im eigenen Haus zu sein“ oder „gegen außen verwirrt zu wirken“ sind Faktoren, die die Scham bewirken und verstärken(vgl. Wurmser 1997, S. 12).
Eine detaillierte und ausführlichere Betrachtung der leiblichen Äußerungen der Scham bieten Demmerling und Landweer. Sie beschreiben das leibliche Erleben der Scham anschaulich als Bewegungsimpuls, der sich in der Form äußert, „verschwinden zu wollen, ohne dass die möglich ist“. Die Redewendung „vor Scham im Boden versinken“ greift diesen Bewegungsimpuls auf. Die betroffene Person empfindet eine Einengung(vgl. Demmerling/Landweer 2007, S.220). Der Bewegungsimpuls richtet sich jedoch nicht nur nach unten, sondern gleichermaßen nach innen. Beide Richtungen lassen sich als „zentripetal“ beschreiben. Schämt sich eine Person „tief im Inneren“, wird außerdem auf die mit der Scham einhergehende Engung angespielt(vgl. ebd., S.221). Das Phänomen des verlegen auf den Boden Schauens beschrieb bereits Charles Darwin, die Blicke der anderen nicht aushalten zu können, wird in „The expression of the emotions in man and animals“ aus dem Jahr 1872 als Grund genannt. Diesem Gefühl kann sich die sich schämende Person nur schwer entziehen. Selbst das Verlassen der Situation garantiert keine Abhilfe, wodurch sich das Engegefühl verstärkt(vgl. ebd., S.220 f.). Sighart Neckel beschreibt einen „brennenden Schmerz im Inneren“, der ebenfalls bis nach der Schamsituation anhält.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet die aktuelle gesellschaftliche Diskussion um Schuld, Scham und Stolz im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit in den philosophischen Diskurs ein.
2. Was ist ein Gefühl?: Dieses Kapitel untersucht den Begriff "Gefühl" philosophisch und grenzt ihn von Emotionen und Affekten ab, wobei die Intentionalität und die leibliche Dimension im Fokus stehen.
3. Schuld und Scham: Es erfolgt eine Analyse von Schuld und Scham als moralische Gefühle, inklusive ihrer leiblichen Äußerungen und ihrer Darstellung in der Philosophiegeschichte.
4. Stolz: Das Kapitel beleuchtet Stolz als positives Gefühl für den eigenen Wert und untersucht die Ambivalenz zwischen individuellem Stolz und gesellschaftlicher Bewertung.
5. Schuld, Scham und Stolz im unterrichtlichen Kontext: Hier werden didaktische Möglichkeiten diskutiert, die behandelten Gefühle phänomenologisch und fächerübergreifend in den Unterricht zu integrieren.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine philosophische Betrachtung dieser komplexen Gefühle zu einem tieferen Verständnis der menschlichen Gefühlswelt und einem reflektierten Umgang mit Nationalstolz beiträgt.
Schlüsselwörter
Schuld, Scham, Stolz, Philosophie, Nationalstolz, Ethik, Pädagogik, Phänomenologie, Moral, Staatsangehörigkeit, Gefühlsdisposition, Aristoteles, Unterricht, Reflexion, Verantwortung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Analyse der Gefühle Schuld, Scham und Stolz sowie deren Bedeutung im Kontext der nationalen Identität und der schulischen Bildung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die phänomenologische und philosophiegeschichtliche Einordnung der genannten Gefühle, deren Transfer auf die eigene Staatsangehörigkeit sowie die didaktische Aufbereitung für den Ethik- und Politikunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch eine philosophische Untersuchung dieser abstrakten Gefühle ein tieferes Verständnis für deren Wirkungsweise, Ursprung und ihren ethisch verantwortungsvollen Umgang zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Der Autor nutzt eine phänomenologische und philosophiegeschichtliche Vorgehensweise, ergänzt durch Ansätze der analytischen Philosophie und Hermeneutik, um die Gefühle greifbar zu machen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung der drei Gefühle (Schuld, Scham, Stolz), deren leibliche Äußerungen, ihre philosophische Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart sowie ihre Anwendung auf das Thema Nationalität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Schuld, Scham, Stolz, Nationalstolz, ethische Verantwortung und didaktische Reflexion geprägt.
Ist Nationalstolz nach Ansicht des Autors generell abzulehnen?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass Nationalstolz per se weder gut noch schlecht ist; entscheidend ist der ethisch reflektierte Umgang damit, sodass er nicht zur Herabsetzung anderer führt.
Wie kann das Thema "Gefühle" konkret im Unterricht eingesetzt werden?
Das Thema lässt sich durch phänomenologische Praktiken, wie das Erleben und Beschreiben von Alltagssituationen, sowie durch den fächerübergreifenden Konfliktansatz in Ethik und Politik aufbereiten.
- Citation du texte
- Christopher Brogle (Auteur), 2015, Deutschland zwischen Schuld, Scham und Stolz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349928