Brünhilds Tränen scheinen unaufhaltsam zu sein und man fragt sich: Wieso weint die schöne Frau? Tränen sind, ein häufig anzutreffendes Thema im Nibelungenlied. Wenn man sich jedoch genau mit dem Werk auseinandersetzt, wird klar, dass die Tränen nicht nur mit Tod und Trauer in Verbindung gebracht werden.
In dieser Arbeit soll auf die verschiedenen Gesichtspunkte dieser Thematik eingegangen und ein Versuch aufgezeigt werden, welche Wirkungen und Aufgaben die Tränen im Text haben und wie diese zu interpretieren sind.
Hierzu soll im ersten Teil als kurzer Einstieg die Bedeutung der Tränen im Zusammenhang mit dem Tod in der mittelalterlichen Literatur erläutert werden. Dies soll vor allem als Einführung für den Tod Siegfrieds und die anschliessende Trauer von Kriemhild dienen. Dabei bezieht man sich bewusst nur auf den höfischen Roman und das Heldenepos, da das Nibelungenlied von beiden Gattungen beeinflusst wird. Danach werden im zweiten Teil die einzelnen Stellen im Nibelungenlied genauestens analysiert, damit sie dann, im Zusammenhang mit dem Text, interpretiert und bewertet werden können. Abschliessend folgt im dritten Teil der Arbeit eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte und eine Antwort auf die Fragestellung.
Inhaltsverzeichnis
1 weinen si began (V. 615, 3)
2 Tränen und Tod in der mittelalterlichen Literatur
3 Brünhilds Tränen
3.1 Die Tränen beim Bankett
3.2 Die Tränen vor dem Münster
4 Kriemhilds Tränen
4.1 Die Tränen nach Siegfrieds Tod
4.2 Die Tränen vor Hagen am Hofe Etzels
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv des Weinens im Nibelungenlied und analysiert, inwieweit Tränen jenseits von Trauer und Tod als politisches Instrument oder Ausdruck persönlicher Kränkung fungieren.
- Bedeutung von Tränen im Kontext mittelalterlicher Literatur
- Vergleichende Analyse von Geschlechterrollen im Heldenepos und höfischen Roman
- Psychologische und soziale Hintergründe für Brünhilds Tränen
- Die Funktion von Kriemhilds Trauer und deren kalkulierter Einsatz
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Tränen beim Bankett
Neben den Tränen als Ausdruck der Trauer trifft man im Nibelungenlied auf die Tränen der Kränkung und der Schmach. Deutlich wird dies beim ersten Auftritt Brünhilds in Worms beim Festbankett, nachdem sie von Gunther und Siegfried aus Isenstein ins Land der Burgunden gebracht wird. Brünhild glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, dass Siegfried ein Leibeigener Gunthers ist und somit in der Hierarchie unter ihm steht. Der Grund dafür ist, dass Siegfried bei der Ankunft in Island Gunthers Pferd festhielt und ihn aufsteigen liess. Er leistete Gunther also einen Steigbügeldienst, was ihn als einen Leibeigenen Gunthers identifizierte.
Er habt im dâ bî zoume di zierlichen marc,/ guot unt schoene, vil michel unt vil starc,/ unz der kunic Gunther in den satel gesaz./ alsô diente im Sîfrit, des er doch sît vil gar vergaz./ (V. 395, 1-395, 4)
Als sie in Worms jedoch sieht, dass Siegfried neben Kriemhild am Tisch sitzt, und sie erfährt, dass ein angeblich Leibeigener des Königs deren Schwester heiraten wird, vergiesst sie Tränen:
Der kunic was gesezzen unt Brünhilt diu meit./ dô sach si Kriemhilde, dône wart <ir> nie sô leit,/ bî Sîfride sitzen. weinen si began./ ir vielen heizen trehene uber liehtiu wange dan./ (V. 615, 1-615, 4)
Der Grund für die Tränen ist klar: Brünhild sieht etwas Anderes, als ihr gesagt wird und drückt dadurch ihren Schmerz, aber auch ihre Eifersucht und ihren Neid aus. Dadurch, dass Kriemhild neben Siegfried sitzt, wird Brünhilds Bild der Hofordnung durcheinandergebracht und sie weint /heizen trehene/ (V. 615, 4).
Zusammenfassung der Kapitel
1 weinen si began (V. 615, 3): Einleitung in die Thematik der Tränen als vielschichtiges Motiv im Nibelungenlied sowie Erläuterung des methodischen Vorgehens.
2 Tränen und Tod in der mittelalterlichen Literatur: Darstellung der Unterschiede zwischen Heldenepos und höfischem Roman bezüglich der Darstellung von Tod, Trauer und Geschlechterrollen.
3 Brünhilds Tränen: Analyse der Tränen als Ausdruck von persönlicher Kränkung, Neid und Eifersucht bei Brünhild.
4 Kriemhilds Tränen: Untersuchung der Tränen Kriemhilds, die sowohl tiefen Schmerz als auch ein kalkuliertes Instrument zur Machtausübung und Rache darstellen.
5 Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass das Weinen im Epos stets kontextabhängig interpretiert werden muss und oft gezielten Interessen dient.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Tränen, Kriemhild, Brünhild, Siegfried, Tod, Trauer, Mittelalterliche Literatur, Heldenepos, Höfischer Roman, Kränkung, Minne, Hagen, Machtkampf, Ere.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Weinens im Nibelungenlied und analysiert dessen verschiedene Funktionen bei den Hauptfiguren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Kategorien von Schmerz, Trauer, Ehre, Machtstreben und die geschlechtsspezifische Rollenverteilung im Epos.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Tränen im Nibelungenlied nicht nur emotionale Reaktionen auf Tod und Trauer sind, sondern auch als politisches oder soziales Instrument eingesetzt werden.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Autorin/der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung gattungstheoretischer Vergleiche zwischen Heldenepos und höfischem Roman sowie existierender Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Brünhilds Tränen (Kränkung beim Bankett/vor dem Münster) und Kriemhilds Tränen (nach dem Tod Siegfrieds/bei der Konfrontation mit Hagen).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind das Nibelungenlied, Tränen als Motiv, die Figuren Kriemhild und Brünhild, der Begriff der 'Ere' (Ehre) sowie die Abgrenzung von Trauer und politischer Inszenierung.
Wie unterscheidet sich das Weinen im Heldenepos vom höfischen Roman?
Während im höfischen Roman Tränen primär mit der Minne und dem Tod des Mannes verbunden sind, dienen sie im Heldenepos oft als Mittel zur Machtdemonstration oder zur Ausdruck von Ehrenerletzungen.
Warum weint Kriemhild laut der Arbeit bei der Konfrontation mit Hagen?
Kriemhild nutzt ihre Tränen in dieser Situation gezielt, um die Anwesenden zu provozieren, ihre eigene Verletzung zu betonen und letztlich die Legitimation für ihre Rache an Hagen zu schaffen.
- Quote paper
- Oliver Borner (Author), 2015, Freud oder Leid? Tränen im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350415