Freud oder Leid? Tränen im Nibelungenlied


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 weinen si began (V. 615, 3)

2 Tränen und Tod in der mittelalterlichen Literatur

3 Brünhilds Tränen
3.1 Die Tränen beim Bankett
3.2 Die Tränen vor dem Münster

4 Kriemhilds Tränen
4.1 Die Tränen nach Siegfrieds Tod
4.2 Die Tränen vor Hagen am Hofe Etzels

5 Fazit

1 weinen si began (V. 615, 3)

Brünhilds Tränen scheinen unaufhaltsam zu sein und man fragt sich: Wieso weint die schöne Frau? Tränen sind, wie bereits im ÄDL-Kurs besprochen wurde, ein häufig anzutreffendes Thema im Nibelungenlied. Wenn man sich jedoch genau mit dem Werk auseinandersetzt, wird klar, dass die Tränen nicht nur mit Tod und Trauer in Verbindung gebracht werden.

In dieser Arbeit soll auf die verschiedenen Gesichtspunkte dieser Thematik eingegangen und ein Versuch aufgezeigt werden, welche Wirkungen und Aufgaben die Tränen im Text haben und wie diese zu interpretieren sind.

Hierzu soll im ersten Teil als kurzer Einstieg die Bedeutung der Tränen im Zusammenhang mit dem Tod in der mittelalterlichen Literatur erläutert werden. Dies soll vor allem als Einführung für den Tod Siegfrieds und die anschliessende Trauer von Kriemhild dienen. Dabei bezieht man sich bewusst nur auf den höfischen Roman und das Heldenepos, da das Nibelungenlied von beiden Gattungen beeinflusst wird. Danach werden im zweiten Teil die einzelnen Stellen im Nibelungenlied genauestens analysiert, damit sie dann, im Zusammenhang mit dem Text, interpretiert und bewertet werden können. Abschliessend folgt im dritten Teil der Arbeit eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte und eine Antwort auf die Fragestellung.

Die Forschungsliteratur auf dem Gebiet ist sehr umfangreich und lässt daher eine genaue Analyse der Fragestellung zu.

2 Tränen und Tod in der mittelalterlichen Literatur

Wer sich mit der Erzähldichtung des Mittelalters beschäftigt, stellt schnell fest, dass der Tod eine rein männliche Angelegenheit ist. Dabei ist vor allem auffällig, dass der Tod meist gewaltsam eintritt[1], so auch im Nibelungenlied. Das beste Beispiel stellt dabei Siegfried dar, welcher durch Hagens Gewaltakt im Wald bei der Quelle brutal umkommt:

Dâ der herre Sîfrit ob dem brunnen tranc/

er schôz in durch daz kriuze, daz von der wunden spanc/

daz bluot im von den herzen vaste an Hagenen wât/

sô grôze missewende ein helt nimmer mêr begât./ (V. 978, 1-978, 4)

Der Tod des Helden Siegfrieds ist für die mittelalterliche Dichtung ganz normal. Gerade im Heldenepos kommt es oft vor, dass viele Helden gewaltsam und meist unter grossem Blutverlust sterben. In diesem Punkt unterscheidet sich der Heldenepos vom höfischen Roman, wo ein einziger Held für die minne sterben kann.[2] Der Tod hatte im höfischen Roman auch ganz andere Auswirkungen auf die Hinterbliebenen als im Heldenepos. So war es beispielsweise möglich, dass Gedenkfeiern veranstaltet wurden für den gefallenen Helden. Zudem diente die Darstellung des Todes und der anschliessenden Klage oft der Legitimation des Adels oder eines bestimmten Adelsgeschlechts.[3]

Auch im höfischen Roman und Heldenepos gibt es nun in Bezug auf den Tod Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Frau im höfischen Roman stirbt meist als Witwe oder am Schmerz, den sie für den Tod ihres Gatten empfindet. Dabei spielt die minne eine entscheidende Rolle.[4] Greenfield geht dabei davon aus, dass „der Tod des Mannes (wegen dieser gleichen Liebe) zum Tod der Frau“[5] führe. Der Umstand, dass im höfischen Roman meist der Mann vor der Frau stirbt, unterstürzt diese These zusätzlich.[6] Anders sieht dies im Heldenepos aus. Gerade im Nibelungenlied spielen die Frauen eine wichtige Rolle. Sie sind nicht wie im höfischen Roman an den Mann gebunden (z.B. Brünhild) und handeln aus ihrer eigenen Überzeugung heraus (z.B. Kriemhild). Dies liegt vor allem auch daran, dass nicht die minne, sondern die Ehre und der Kampf um die Macht im Zentrum des Epos stehen.[7]

In Bezug auf die Trauer lassen sich zwischen den beiden Gattungen ebenfalls markante Unterschiede ausmachen. Im höfischen Roman nimmt die Trauer oder Klage eine sehr wichtige Rolle ein. Der Schmerz soll sinnbildlich dargestellt werden und fühlbar sein.[8] Dabei sind auch Tränen möglich, wobei dies grundsätzlich nicht für alle Werke der höfischen Dichtung der Fall sein muss. Beispielsweise wird einerseits das Weinen in der Hohen Minne kaum erwähnt, andererseits wird beim Tagelied beim Abschied viel geweint.[9] Im höfischen Roman sind es auch die Frauen, die meist klagen und trauern und nicht die Männer. Der Gegensatz dazu findet sich im Heldenepos. Hier ist es möglich, dass Männer und Frauen klagen und trauern können. Als Beispiel dient hier der Tod von Rüdiger im Nibelungenlied, nach in diesem Fall Hagen von Tronje um den Gefallenen trauert und klagt[10]:

Di Rüedegêres gâbe an hende er hôhe wac./

swi wunt er zem tôde waere, er sluoc im einen slac/

durch den schilt vil guoten unz ûf diu helmgespan/

dâ von sô muos ersterben der schoenen Gotelinde man./

[...]

ouch muoz mich immer riuwen der edel Rüedegêr/

der schade ist beidenthalben unt diu vil groezlichen sêr./ (V.2217, 1-2220, 4)

Gerade im Nibelungenlied kommt es aber vor, dass Frauen klagen. Das beste Beispiel dazu ist der Tod Siegfrieds, der von Kriemhild in aller Schwere betrauert und beklagt wird. Im Gegensatz zum höfischen Roman sind die Tränen im Heldenepos jedoch nicht an die Klage oder die Trauer gebunden. Sie können über ihre grundlegende Funktion hinausgehen und zu anderen Zwecken dienen werden.[11]

3 Brünhilds Tränen

3.1 Die Tränen beim Bankett

Neben den Tränen als Ausdruck der Trauer trifft man im Nibelungenlied auf die Tränen der Kränkung und der Schmach.[12] Deutlich wird dies beim ersten Auftritt Brünhilds in Worms beim Festbankett, nachdem sie von Gunther und Siegfried aus Isenstein ins Land der Burgunden gebracht wird. Brünhild glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, dass Siegfried ein Leibeigener Gunthers ist und somit in der Hierarchie unter ihm steht. Der Grund dafür ist, dass Siegfried bei der Ankunft in Island Gunthers Pferd festhielt und ihn aufsteigen liess. Er leistete Gunther also einen Steigbügeldienst, was ihn als einen Leibeigenen Gunthers identifizierte.[13]

Er habt im dâ bî zoume di zierlichen marc,/

guot unt schoene, vil michel unt vil starc,/

unz der kunic Gunther in den satel gesaz./

alsô diente im Sîfrit, des er doch sît vil gar vergaz./ (V. 395, 1-395, 4)

Als sie in Worms jedoch sieht, dass Siegfried neben Kriemhild am Tisch sitzt, und sie erfährt, dass ein angeblich Leibeigener des Königs deren Schwester heiraten wird, vergiesst sie Tränen[14]:

Der kunic was gesezzen unt Brünhilt diu meit./

dô sach si Kriemhilde, dône wart <ir> nie sô leit,/

bî Sîfride sitzen. weinen si began./

ir vielen heizen trehene uber liehtiu wange dan./ (V. 615, 1-615, 4)

Der Grund für die Tränen ist klar: Brünhild sieht etwas Anderes, als ihr gesagt wird und drückt dadurch ihren Schmerz, aber auch ihre Eifersucht und ihren Neid aus.[15] Dadurch, dass Kriemhild neben Siegfried sitzt, wird Brünhilds Bild der Hofordnung durcheinandergebracht und sie weint / heizen trehene/ (V. 615, 4).[16] Einerseits scheint Brünhild zu merken, dass das Glück, welches Kriemhild und Siegfried miteinander haben, für sie unerreichbar ist, was sie noch trauriger stimmt. Andererseits können die Tränen an dieser Stelle auch dazu verwendet werden, Gunther zu zwingen ihr die Wahrheit über Siegfried zu sagen.[17] Denn kurz darauf versucht Gunther, Brünhild durch den tatsächlichen Status Siegfrieds zu besänftigen /er ist ein künic rîch/ (V. 620, 3), scheitert jedoch. Brünhilds Stimmung ändert sich nicht: /swaz ir der kunic sagete, si hete trüeben muot/ (V. 621, 1).[18] Gunther verpasst also an dieser Stelle die Gelegenheit, die Lüge um die Werbung Brünhilds aufzudecken.[19] Die Tränen Brünhilds können somit als Auslöser folgender Konflikte angesehen werden, welche für die Geschichte entscheidend sind.[20]

3.2 Die Tränen vor dem Münster

Kriemhild steht auch am Ursprung der nächsten Tränen von Brünhild. Während des Streits der Königinnen will Kriemhild der Öffentlichkeit zeigen, dass ihr Mann Siegfried kein Leibeigner ist.

Dô sprach diu vrouwe Kriemhilt: „daz mouz et nu geschehen./

sît du mînes mannes für eigen hâst verjehen,/

nu müezen hiute kiesen der beide künige man,/

op ich vor küniges wîbe zem munster turre gân./ (V.824, 1-824, 4)

Vor dem Münster treffen sich danach Kriemhild und Brünhild in ihren wertvollsten Kleidern und Brünhild verbietet Kriemhild, vor ihr ins Münster einzutreten /si hiez vil übelliche Kriemhilde stille stân:/ (V. 835, 3). Kriemhild bezeichnet danach Brünhild als /kebse/ (V. 836, 4) und offenbart das Geheimnis des Brautnachtsbetrug, indem sie ihr den Ring und den Gürtel zeigt, den Siegfried mitgenommen hatte.

„ich erziuge ez mit dem golde, daz ich an der hende hân./

daz brâhte mir mîn vriedel, dô er êrste bî iu lac.“/

[...]

Von Ninnivê der sîden si den borten trouc./ (V. 844, 2-847, 1)

Brünhild bricht danach in Tränen aus /dô den gesach vrou Brünhild, weinen si began/ (V. 847, 3) und will von Gunther eine Rechtfertigung:

[...] heizet here gân/

den fursten vonme Rîne. ich wil in hoeren lân,/

wi mich hât gehoenet sîner swester lîp./ (V. 848, 1-848, 3)

Brünhilds ere als Frau und Königin wird hier in allen Bereichen verletzt. Dabei handelt es einerseits um die Verletzung ihrer Würde als Mensch durch Gunther und Siegfried.[21] Zusätzlich kann diese Kränkung aber auch eine ernste Bedrohung für ihre Herrschaft und die Machtverteilung am Hof darstellen. In Anbetracht dessen will sie somit bewirken, dass auf ihre Interessen aufmerksam gemacht wird. Brünhilds Tränen können in diesem Zusammenhang also genauso politisch wie auch emotional bedingt sein.[22]

[...]


[1] Vgl. John Greenfield: Frau, Tod und Trauer im Nibelungenlied: Überlegungen zu Kriemhild. In: John Greenfield (Hg.): Das Nibelungenlied. Porto 2001, S. 96.

[2] Ebd., S. 98.

[3] Vgl. Daniel Schäfer: Klage und Anklage. Tod und Schmerz in der höfischen Dichtung des Spätmittelalters. In: Dietrich von Engelhardt, Horst-Jürgen Gerick, Guido Pressler, Wolfram Schmitt (Hg.): Schmerz in Wissenschaft, Kunst und Literatur. Hürtgenwald, 2000, S. 232.

[4] Vgl. Greenfield, S. 99.

[5] Greenfield, S. 99.

[6] Vgl. Greenfield, S. 100.

[7] Vgl. Greenfield, S. 100-101.

[8] Vgl. Ebd., S. 102.

[9] Vgl. Heinz Gerd Weinand: Tränen. Untersuchungen über das Weinen in der deutschen Sprache und Literatur des Mittelalters. Bonn 1958. S. 26.

[10] Vgl. Greenfield, S. 102-103.

[11] Vgl. Weinand, S. 26.

[12] Vgl. Ebd., S. 54.

[13] Vgl. Ursula Schulze: Gunther sî mîn herre, und ich sî sîn man. Bedeutung und Deutung der Standeslüge und die Interpretierbarkeit des 'Nibelungenliedes'. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 126 (1997), S. 37.

[14] Vgl. Ebd., S. 39.

[15] Vgl. Werner Schröder: Nibelungen–Studien. Stuttgart 1968. S. 55 und 69.

[16] Vgl. Christoph Stotmeister: „Weinen si began“. Das Motiv der Tränen im Nibelungenlied. Darmstadt 2011. S. 26.

[17] Vgl. Stotmeister, S. 26.

[18] Vgl. Schröder, S. 56.

[19] Vgl. Stotmeister, S. 29.

[20] Vgl. Maren Jönsson: „Ob ich ein ritter waere“. Genderentwürfe und genderrelatierte Erzählstrategien im Nibelungenlied. Uppsala 2001. S. 300.

[21] Vgl. Schröder, S. 68.

[22] Vgl. Stotmeister, S. 36.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Freud oder Leid? Tränen im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V350415
ISBN (eBook)
9783668370517
ISBN (Buch)
9783668370524
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freud, leid, tränen, nibelungenlied
Arbeit zitieren
Oliver Borner (Autor), 2015, Freud oder Leid? Tränen im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350415

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