Vom Wandervogel zu den Digital Natives. Adoleszente Identitätsentwicklung früher und heute


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Wandervogel
2.1 Konzept und Entstehung der Wandervogelbewegung
2.2 Der Wandervogel als Identitätsbildner

3 Digital Natives
3.1 Definition und Entstehung der Digital Natives
3.2 Identitätsentwicklung im Medienzeitalter

4 Vergleich Wandervögel und Digital Natives

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Identitäten sind soziale, kulturelle und methodisch fortschreitende Konstruktionen deren Bedeutung sich nach dem Kontext, dem Ort und der Zeit verändert. Das bedeutet das Identitäten keineswegs stabil und gleichbleibend sind.[1]

In dieser Arbeit sollen Zusammenhänge von Kultur und adoleszenter Identitätsentwicklung hergestellt werden. Hierfür wird anhand der ersten bedeutenden Jugendbewegung, der Wandervögel, mit ihrem heutigen Pendant, den Digital Natives, ein Vergleich dargestellt. Dazu wird zunächst ein kurzer Überblick über die Entstehungsgeschichten und deren Bezug zur Identitätsbildung dieser beiden bedeutenden Jugendbewegungen gegeben. Anschließend erfolgt ein Vergleich der Wandervögel und der Digital Natives im Hinblick auf die Identitätsentwicklung Jugendlicher, unter Einbeziehung zeitlicher und gesellschaftlicher Aspekte. Dabei stellt sich die Frage, ob diese deutlich temporär getrennten Jugendbewegungen überhaupt Gemeinsamkeiten aufweisen oder sich hauptsächlich Differenzen aufzeigen lassen. Legten die Wandervögel den Grundstein für die Identitätsbildung der heutigen Jugend oder sind es lediglich zwei divergente Epochen jugendlicher Identitätsbildung?

2 Der Wandervogel

Als eine der ersten großen Jugendbewegungen in Deutschland brachte der Wandervogel „[…] die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Identitätsfindung bürgerlicher Jugend in Zeiten starken kulturellen Wandels zum Ausdruck“.[2]

Nachfolgend findet eine Beleuchtung der politisch kulturellen Veränderungen statt, welche zur Gründung der Jugendbewegung geführt haben.

2.1 Konzept und Entstehung der Wandervogelbewegung

Die Begründer der Wandervogelvereinigung teilten die kritische Einstellung gegenüber dem materiellen Geist und der technischen Entwicklung, welche durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert unaufhaltsam voranschritt. Mit der Gründung des "Wandervogel-Ausschusses für Schülerfahrten e.V." am 4. November 1901 in Steglitz bei Berlin fand die Wandervogelbewegung in Deutschland ihren Anfang.[3] Das Ziel der Wandervogelbewegung formulierte Gurlitt, ein Mitbegründer der Bewegung, wie folgt: "In der Jugend die Wanderlust zu pflegen, die Mußestunden durch gemeinsame Ausflüge nutzbringend und erfreulich auszufüllen, den Sinn für die Natur zu wecken, zur Kenntnis unserer deutschen Heimat anzuleiten, den Willen und die Selbständigkeit der Wanderer zu stählen, kameradschaftlichen Geist zu pflegen, allen den Schädigungen des Leibes und der Seele entgegenzuwirken, die zumal in und um unseren Großstädten die Jugend bedrohen, als da sind: Stubenhockerei und Müßiggang, die Gefahren des Alkohols und des Nikotins - um von Schlimmerem ganz zu schweigen".[4]

Wandern, Abenteuerlust und das Ausleben der individuellen Persönlichkeit gegen den autoritären Einfluss von Eltern und Lehrern, mit der Anforderung neue Lebensformen zu erproben.[5] Das hatte sich die Wandervogelbewegung auf ihre Fahnen geschrieben. Die Mitglieder praktizierten geistige, musikalische, praktische und soziale Betätigungen. Sie übernahmen Verantwortung füreinander und legten Wert auf Eigenständigkeit, Kreativität und Phantasie. Es sollte ein Gefühl persönlicher Freiheit entstehen. Die Kleidung wurde einfach und wetterfest gewählt, gekocht wurde im Freien und übernachtet in Scheunen. Stets mit dabei waren Musikinstrumente und fröhlicher Gesang. Der Gruppenführer war meist ein älterer Schüler oder ein Student. Erzieher oder Lehrer durften nicht teilnehmen. Besonderer Wert wurde auch auf die Verteilung des Geldes innerhalb der Gruppe gelegt. Jeder sollte ungefähr den gleichen Wert bei sich tragen, so dass sich kein Gruppenmitglied ausgegrenzt fühlt. Es wurde nicht jeder in die Gruppe aufgenommen. Nur Personen die in die Gruppe zu passen schienen durften teilnehmen.[6]

Bereits 1904 zerfiel die Wandervogelbewegung und organisierte sich in zwei unabhängigen Vereinen bundesweit und in Berliner Ortsgruppen. Im sogenannten „Meißner-Jahr“ 1913 vereinigten sich die meisten Wandervogelgruppen wieder zum „Wandervogel e. V.“. Gleichzeitig wurden mit der „Meißner-Formel“ die Ideale der Wandervogelbewegung schriftlich festgelegt, um sich bewusst von nationalistischen, kaisertreuen Gruppierungen abzugrenzen.[7]

Die Wandervogelbewegung gründete sich aus einem starken, vor allem wirtschaftlichen Wandel heraus, welcher mit großen kulturellen und gesellschaftspolitischen Veränderungen einher ging. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann ein enormer Umbruch in Deutschland. Durch die Industrialisierung siedelten viele Menschen vom Land in die Städte, um dort den neu entstandenen, großen Arbeitsbedarf zu decken. Demnach änderte sich auch die Beschäftigungsstruktur. Viele Menschen, die zuvor in Land- und Forstwirtschaft tätig waren, gingen nun einer Beschäftigung in Industrie und Handwerk nach. Dadurch wurden bis dahin übliche Nachbarschaftsverbindungen zerrissen. Unpersönliche Verwaltungsstrukturen waren die Folge.[8]

Auch kulturell begann sich die Gesellschaft zu spalten, in jene die auf die wahren Werte der Bildung vertrauten (Bildungsbürgertum) und in welche die die neuen Werte bevorzugten und Bildung nur noch als Nebensache und netten Zusatz wahrnahmen (Wirtschaftsbürgertum). In der Hoffnung auf eine Reform der alten Werte, stürzte sich das Bildungsbürgertum auf die Jugend, welche sich durch ihre Spontanität und Unverdorbenheit auszeichnet. Sie sollte die Rettung der gesellschaftlichen Werte vollziehen. Mit der Aufwertung der Jugend sollte auch eine Aufwertung der Erzieher folgen, was dem Bildungsbürgertum zuspielte. Der Lehrerberuf wurde aufpoliert und erschien attraktiver. Ebenso setzte in Schulen und Familien eine Liberalisierung ein. Die Jugendbewegung wurde bestimmt durch die Erwartungen Erwachsener an die nachkommende Generation und ihrer Definitionsmacht gegenüber den Problemen junger Menschen. Im Zuge der Industrialisierung vergrößerte sich der Mittelstand und spaltete sich letztendlich in eine kaufmännisch handwerkliche Mittelschicht, die jeder Neuerung folgte und in das Bildungsbürgertum, welches Widerstand gegen den Fortschritt leistete.[9]

Aus diesem Kultur- und Wertewandel heraus entstand die Wandervogelbewegung, welche einen fundamentalen Beitrag zur Identitätsfindung der neu entstandenen Jugend beitrug.

2.2 Der Wandervogel als Identitätsbildner

Der Wandervogel war ein Verein ohne pädagogische Absichten Erwachsener. Er bestand aus einer selbstbestimmten Gruppe Gleichaltriger, welche in einem außerpädagogischen Freiraum eigene Formen der gemeinsamen Freizeitgestaltung erfuhren. Die Jugendkultur der Wandervögel drehte sich um gemeinschaftliches Wandern und Naturerleben. In dieser Form der Selbsterziehungsgemeinschaft konnten die Wandervögel ihre kulturelle Identität in eigener Regie finden, ungehemmt vom Gesellschaftszwang.

Doch bei diesen Ausflügen ging es nicht ausschließlich um das Naturverständnis. Es steckte vielmehr die Idee eines Aufbruchs zum neuen Menschen dahinter. Dies hatte prägenden Einfluss auf den Lebensstil und das Denken der Mitglieder. Jeder Wandervogel bekam dadurch die Möglichkeit, aus alten Gewohnheiten und zum einen aus sozialen Zwängen auszubrechen und sich selbst in einem geschützten Raum kennenzulernen. Dem Jugendteil des mittleren Bürgertums fiel es allerdings schwer in der Offenheit ihrer nun mehr liberalen Familienstrukturen eine Identität zu finden. Eine Identität die nicht mehr durch Identifikation mit dem vorgesehenen Wertkanon zustande kommen konnte, sondern nur durch Verinnerlichung fundamentaler Werte aus "innerer Wahrhaftigkeit".

Bei ihren Ausflügen fanden die Wandervögel Antworten auf ihre dringlichsten Fragen und Probleme, hier stießen sie auf bürgerliche Vordenker, Mitstreiter und alternative Lebensentwürfe und das auch in gesellschaftlich schwierigen Zeiten. Die Wandervogelbewegung erwies sich damit als eine selbstbewusste und für jugendliche Selbstverwirklichung und Selbstfindung maßgebliche „Instanz“, welche in der modernen Gesellschaft zur Identitätsfindung nötig geworden war. Sie brachte damit die neuentstandenen Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Identitätsfindung bürgerlicher Jugendlicher in Zeiten starken kulturellen Wandels zum Ausdruck, in denen Identität nicht mehr so leicht durch Identifikation gewonnen werden konnte.[10]

[...]


[1] Vgl. Mikos et all (2007) S. 12

[2] Giesecke (1981) S. 29f

[3] Vgl. Giesecke (1981) S. 18

[4] Roessler, Wilhelm zit. n. Giesecke (1981) S. 18

[5] Vgl. Kübler (2011) S. 122

[6] Vgl. Giesecke (1981) S. 19ff

[7] Vgl. Giesecke (1981) S. 21f

[8] Vgl. Giesecke (1981) S. 12

[9] Vgl. Giesecke (1981) S. 13ff

[10] Vgl. Giessecke (1981) S. 30-33

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Vom Wandervogel zu den Digital Natives. Adoleszente Identitätsentwicklung früher und heute
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V350524
ISBN (eBook)
9783668370814
ISBN (Buch)
9783668370821
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandervogel, Wandervogelbewegung, Wandervögel, Jugendinitiative, Jugendbewegung, Digital natives
Arbeit zitieren
Franzi Rettner (Autor), 2015, Vom Wandervogel zu den Digital Natives. Adoleszente Identitätsentwicklung früher und heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350524

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