Politische Körpervorstellungen im Mittelalter und deren Nachleben in der Moderne


Hausarbeit, 2016
10 Seiten, Note: 19/20

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Zwei-Körper-Modell

III. Die Französische Revolution: Entleibung der politischen Ordnung?

IV. Das Nachleben politischer Körpervorstellungen in der Moderne

V. Literaturhinweise

I. Einleitung

Die Debatte um die zeitgenössische politische Anatomie des Staatswesens wurde spätestens nach Kantorowicz' Zwei-Körper-Lehre neu entfacht. Obwohl Kantorowicz' Untersuchungen kaum über das 16. Jahrhundert hinausreichen, tragen sie insofern zu einer aktuellen Thematik bei, dass sie grundlegende Strukturelemente der politischen Ordnung vergegenwärtigen, die längst für obsolet erklärt worden waren. Konkret stellt sich die Frage nach monarchischen Körpervorstellungen, die vornehmlich im Mittelalter gebräuchlich waren und bis in die Moderne nachwirken. Um die Essenz der Fragestellung zu demonstrieren, bedarf es zunächst einer Erläuterung des Zwei-Körper- Konzepts, das als Grundlage für die darauffolgenden Überlegungen dient. Im zweiten Teil beschäftigt sich diese Arbeit mit der Annahme, dass die Französische Revolution zu einer Entkörperlichung der politischen Herrschaftsideologie geführt haben soll, während das letzte Kapitel diese Idee anhand zeitgenössischer Konstellationen zu widerlegen versucht und veranschaulicht inwiefern die Körpermetaphorik und die Legitimation durch den König bis heute in das politische Strukturgebilde eindringen.

II. Das Zwei-Körper-Modell

Die Theorie der zwei Körper des Königs ist maßgeblich Ernst Kantorowicz' gleichnamigen Werk über die politische Theologie des Mittelalters zu verdanken. Laut Kantorowicz' Befunden gründet der politische und juristische Herrschaftsdiskurs zu jener Zeit auf einem Denken in Körpermechanismen. In seiner Studie veranschaulicht der Mediävist, dass das vormoderne Konzept politischer Ordnung sich im wesentlichen durch eine fundamentale Unterscheidung zweier Seinsweisen des Souveräns auszeichnete; eines leiblichen sterblichen Körpers, des body natural, der zudem als abtrennbares Rechtssubjekt anzusehen ist und eines ewigen unantastbaren Körpers, des body politic, die der König unteilbar in seiner hybriden Gestalt vereinte.1 Während der natürliche Körper mit physischen Unvollkommenheiten belastet war, manifestierte das Amt des Königs sich in seinem politischen Körper und verlieh diesem Würde und Tugendhaftigkeit. In diesem Sinne fand die als unsichtbar geltende politische Macht ihre Verkörperung im Körper des Königs als sichtbarer Gestalt. Kantorowicz'

Untersuchungsergebnisse können vornehmlich als Bestandteil einer Herrschaftsdoktrin gelesen werden, deren Substanz über mehrere Jahrhunderte auf Körpermetaphern fußt. Folglich zeugen zahlreiche Konzepte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Staatstheoretiker von einer körperlichen Anatomie des Staatswesens, wie sich zunächst an der Hobbesschen Staatstheorie veranschaulichen lässt; das bildgewaltige Frontispiz der gottähnlichen Figur des Leviathan demonstriert einen kompositorischen Herrscherkörper, der das Volk als Kollektiv inkorporiert und gleichsam einen mystischen Vereinigungsakt zwischen Herrscher und Untertanen symbolisiert.

Dem theologischen Denken der elisabethanischen Zeit zufolge fungierte das, dem individuellen natürlichen Körper übergeordnete, politische Haupt des Königs förmlich als Ebenbild „der heiligen Geister und Engel“, wie es bereits im 15. Jahrhundert Sir John Fortescue in seiner politischen Schrift On the Laws and Governance of England beschrieb. Nun wurden dem politischen Körper des Souveräns biblische Wesenseigenschaften zugeschrieben, sofern „[d]er in Ausübung der königlichen Macht zutage tretende character angelus das Haupt des body politic über die Schwäche des menschlichen Körpers [erhebt] und Freiheit von Sünde, übermenschliche Macht, Unverletzlichkeit und ewige Dauer [verleiht]“2. Somit gründet die mittelalterliche Körpermetaphorik auf einer Analogie in Bezug auf den mythischen Körper Christi, gemäß derer die königliche dignitas die physische Existenz ihres Trägers überlebt und die Kontinuität des Staates und die Einheit der Volkskörperschaft garantiert.3 Tatsächlich war das dominierende Körperkonzept vornehmlich ein Garant für das Bestehen des monarchischen Systems und des Gewaltmonopols des königlichen Amtes, fingierte es doch eine omnipräsente unsichtbare Autorität und legitimierte es zudem die Hierarchie der aristokratischen Herrschaft zu Zeiten des Absolutismus. Folglich bedurfte der Ausdruck der Souveränität bewusster Inszenierungsmechanismen, die den Monarchen als Personifizierung des Politischen darstellten. Anhand ritueller, visueller und literarischer Sinnbilder erschuf die Monarchie einen symbolischen Macht- und Identifikationsapparat, der die Rolle des Königs als Alleinherrscher bekräftigte und „die Unsterblichkeit der Amtsfunktion [...] auch dann garantieren [sollte], wenn der natürliche Körper des Königs nicht länger zur Verfügung [stand], um die souveräne

Dignität zu repräsentieren“4. Somit hat die abendländische Staatsidee einen Fundus an Kollektivmythen generiert, indem sie das Gemeinwesen in Inkorporationstheorien vergegenwärtigte und eine institutionelle und symbolische Verbindung zwischen dem Amtsinhaber und der persona ficta des Kollektivs schuf.5

III. Die Französische Revolution: Entleibung der politischen Ordnung?

Die Französische Revolution wird oftmals als Ende des personalen Herrschertums propagiert. Die öffentliche Enthauptung des Königs Louis XVI. wurde zum Symbol des endgültigen Sturzes des ancien r é gime erklärt und als Auftakt in eine neue politische Ordnung interpretiert, die die Nation zum alleinigen Träger der Souveränität heraufbeschwor. Das sakrale Band zwischen Königskörper und Körperschaft wurde abrupt zerschlagen und der Herrscher wurde vom transzendenten Subjekt zum politischen Objekt der Revolutionäre degradiert. Die Vorführung des abgeschlagenen Königskopfes war der Ausdruck unmittelbarer Körperlichkeit, die als bewusste Inszenierung auf „die sukzessiv-symbolische Ablösung des Amtes von der Person, die Ablösung des politischen vom leiblichen, des ewigen (mystical and eternal) vom sterblichen (carnal and mortal) Körper vollzogen wurde“6.

Die Umwälzung der politischen Ordnung bedurfte in diesem Zusammenhang nicht lediglich einer Neuordnung des Machtsystems, sondern zudem eines Ikonoklasmus der bis dahin bestehenden politischen Semiotik. Während die über Jahrhunderte penetrant propagierten Inszenierungen der königlichen Amtsgewalt Ausdruck verliehen, initiierte die europaweite Krise um die Französische Revolution einen Bildersturm der den aufgestellten Herrscherdiskurs symbolisch zu demontieren und zu ersetzen suchte. Die Verabschiedung des politischen Königskörpers lässt sich anhand eines reichen Bildinventars veranschaulichen, der in den post-revolutionären Jahrzehnten einen erheblichen Beitrag zum Zerfall der absolutistischen Herrschaftsideologie geleistet hat. Zu nennen wäre in diesem Kontext William Makepeace Thackerays desavouierende Karikatur Ludovicus Rex, die 1840 im Paris Sketch Book erschien.

[...]


1 Vgl. Ernst H. Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Stuttgart 1992. S. 29

2 Michael Camin: Sir John Fortescue. Der politische Körper als ausbalancierter Organismus. 2014. S. 3 https://www.researchgate.net/publication/269167464_Sir_John_Fortescue_Der_politische_Korper_als _ausbalancierter_Organismus

3 Vgl. Giorgio Agamben: Homo Sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt/M 2002. S. 102

4 Friedrich Balke: Phönix und Falke. Zwei Modelle der Souveränität im Werk von Ernst H. Kantorowicz. In: Jan-Henrik Witthaus, Patrick Heser (Hg.): Machthaber der Moderne. Zur Repräsentation politischer Herrschaft und Körperlichkeit. Bielefeld 2015. S. 19-41, hier S. 27

5 Vgl. Thomas Frank, Albrecht Koschorke, et. al.: Des Kaisers neue Kleider. Über das Imaginäre politischer Herrschaft. Frankfurt/M 2002. S. 79

6 Philip Manow: Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation. In: Leviathan 34(2). MPIfG Journal Article. 2006. S. 149-181, hier S. 150. http://www.mpifg.de/pu/mpifg_ja/Levi_2- 06_Manow.pdf

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Details

Titel
Politische Körpervorstellungen im Mittelalter und deren Nachleben in der Moderne
Hochschule
Université du Luxembourg
Veranstaltung
Politische Fiktionen
Note
19/20
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V350585
ISBN (eBook)
9783668372078
ISBN (Buch)
9783668372085
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische, körpervorstellungen, mittelalter, nachleben, moderne
Arbeit zitieren
Nathalie Wagner (Autor), 2016, Politische Körpervorstellungen im Mittelalter und deren Nachleben in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350585

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