Demütigende Kultur und kulturelle Toleranz. Eine Darstellung von Avishai Margalits „Die Politik der Würde“


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1,3

Kevin Witte (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt
2.1 Kultur
2.2 Anstand in hegemonialen Kulturen
2.3 Untergruppen
2.4 Kulturelle Toleranz
2.5 Kritik und Ausschluss

3. Auseinandersetzung
3.1 Demütigendes Potential
3.2 Anständige Gesellschaft
3.3 Zivilisierte Gesellschaft

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Avishai Margalit entwirft mit seinem Werk „Die Politik der Würde“ eine Konzeption von nichtegalitaristischer Gerechtigkeit. Er fordert in diesem Sinne eine anständige Gesellschaft, d.h. eine, deren Institutionen die Menschen nicht demütigen.

Margalit beschäftigt sich in dem zehnten Kapitel seines Buches mit der Kultur einer Gesellschaft und ihrer Beschaffenheit, damit diese Gesellschaft anständig ist. Es stellen sich nach der Lektüre einige Fragen, die es zu klären gilt. Daneben müssen einige Aspekte erläutert werden, damit diese Fragen zielführend beantwortet werden können.

Begrifflich zu klären ist Margalits Verständnis vom demütigenden Potential der Kultur und damit zusammenhängende Begriffe. Das Demütigungspotential drückt sich aus durch Stereotype sowie der Nicht-Beachtung von Untergruppen. Dieses demütigende Potential soll sich durch kulturelle Toleranz einschränken lassen. Dazu ist es nötig, sich Margalits Definition von Toleranz genauer anzuschauen. Hier wird deutlich, dass Toleranz auch Indifferenz (Gleichgültigkeit) beinhaltet bzw. aus dieser Einstellung bestehen kann. Damit wirft sich die Frage auf, wie das demütigende Potential, das unter anderem aus der Nicht-Beachtung von Untergruppen bestehen kann, durch kulturelle Toleranz eingegrenzt werden soll, wenn diese auch aus einer indifferenten (gleichgültigen) Einstellung bestehen kann.

Weitere Begriffsarbeit muss geleistet werden bei Margalits Unterscheidung von einer anständigen und zivilisierten Gesellschaft, bezieht sich ersteres doch auf institutioneller, zweites auf individueller Ebene. Dadurch ergeben sich verschiedene Betrachtungsebenen, auf denen die Möglichkeit der Eingrenzung des demütigenden Potentials untersucht werden muss.

2. Inhalt

An erster Stelle, vor der Diskussion, steht eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem für diese Arbeit zentralem zehnten Kapitel. Hier liegt ein Fokus auf der Definition der Begriffe, nichtsdestoweniger wird aber auch die Argumentationslinie aufgegriffen und Margalits Verständnis der Kultur einer anständigen Gesellschaft wird dargestellt.

Zunächst muss der zentrale Begriff der Demütigung charakterisiert werden, der in seinem gesamten Werk eine Rolle spielt. Es ist von Bedeutung, dass die demütigende Handlung nur von Menschen oder Institutionen ausgehen kann. Durch solch eine Handlung wird die Selbstachtung eines Menschen verletzt, oder ihm ein berechtigtes Gefühl dazu gegeben. Diese Verletzung der Selbstachtung findet statt indem das Objekt der Demütigung aus der Menschengemeinschaft ausgeschlossen wird. Der Mensch wird behandelt als ob er kein Mensch wäre, die Selbstachtung begründet sich aus der Zugehörigkeit zur menschlichen Gemeinschaft.[1]

Margalit unterscheidet in seinem Werk zwischen der anständigen und zivilisierten Gesellschaft. In einer anständigen Gesellschaft demütigen die Institutionen nicht die Menschen, in einer zivilisierten Gesellschaft demütigen sich die Menschen nicht.[2]

2.1 Kultur

Avishai Margalit beschäftigt sich mit der Kultur einer anständigen Gesellschaft und wie diese beschaffen sein muss.[3]

Die grundlegend notwendige Eigenschaft, die die Kultur einer anständigen Gesellschaft besitzen muss, ist, dass sie nicht demütigt.[4] Für Margalit ist der Begriff der Kunst eng an den der Kultur angelehnt, diskutiert er im Folgenden doch, ob die Kunst durch eine externe Norm eingeschränkt werden sollte. Die Norm sollte zum Ziel haben, eine Demütigung zu verhindern, würde aber die Kunst einschränken. Demgegenüber stellt er eine Gegenposition: Eine ästhetische Norm, die der Kunst inhärent ist und somit können bestimmte Arten von Kunstwerken gar nicht demütigen.[5] Er widerspricht dem aber und legt sich darauf fest, dass diese Norm extern sein muss.[6] Für eine anständige Gesellschaft ist es also nötig, dass ihre Kunst kein berechtigtes Gefühl der Demütigung liefert.

Margalit nimmt im Folgenden eine Unterscheidung zwischen Kulturinstitutionen und Kulturinhalten vor. Ersteres umfasst Bildungs- und Kommunikationsinstitutionen, zweites beinhaltet alles, was von Gesellschaft und Institutionen irgendwie geschaffen oder getan wird im Zusammenhang mit Kultur. Somit verändert sich auch seine Frage nach der Kultur und zerfällt in zwei Teile: Wie kulturelle Inhalte einer anständigen Gesellschaft sein müssen; wie kulturelle Institutionen einer anständigen Gesellschaft beschaffen sein müssen. Für beide Fragen bespricht er ebenso welche Einschränkungen für diese gelten können.[7]

Daran anschließend erörtert er kurz die mögliche Entgegnung, dass Kultur auch aus den Ausdrucksmöglichkeiten einer Gesellschaft bestehen könnte. Mit dem Einwand, dass prinzipiell alles ausdrückbar ist, verlegt er den Fokus auf das, was tatsächlich auch ausgedrückt wird.[8] Damit denkt er auch an Symbole in Kollektivvorstellungen der Kultur einer Gesellschaft. Diese Symbole können zum Beispiel Stereotype sein, die Teil der Kollektivvorstellung einer Gesellschaft sind und zur Identifikation mit einer Gruppe genutzt werden. Sie definieren sich dadurch, dass sie sich auf eine Gruppe (auch innerhalb der eigenen Gesellschaft) beziehen und dieser Gruppe unabänderliche, negative Eigenschaften zuspricht.[9] Margalit möchte betrachten, ob solche Stereotype die negative Eigenschaften zuschreiben auch entwürdigend sind.

Er merkt an, dass die sozialen Folgen entscheidend sind, nicht die Art der zugeschriebenen negativen Eigenschaften. Um das zu verdeutlichen, unterscheidet er diese zugeschriebenen Eigenschaften zwischen: menschlichen (führen zu einem Ausschluss aus der Menschengemeinschaft) und sozialen (Ausschluss aus einer bestimmten Gesellschaft).[10]

2.2 Anstand in hegemonialen Kulturen

Die demütigenden Kollektivvorstellungen werden von einer hegemonialen Kultur bestimmt, denn nur diese kann Menschen aufnehmen oder ausschließen. Diese Kultur ist eine gesamtgesellschaftliche und wird von einer Gruppe dominiert. Eine solche Gesellschaft ist nur dann anständig, wenn ihre Kultur keine demütigenden Kollektivvorstellungen hat, die von Institutionen benutzt werden.[11]

Margalit erläutert danach die Frage „ob es richtig ist, Ausdrucksmittel einzuschränken, um Demütigung zu vermeiden.“[12] Erneut spielt hier eine Unterscheidung eine zentrale Rolle, die Differenzierung zwischen einer anständigen und zivilisierten Gesellschaft. Eine anständige Gesellschaft ist eine, in der ihre Institutionen nicht demütigen. In der zivilisierten Gesellschaft demütigen sich ihre Mitglieder nicht untereinander. Dadurch ergeben sich verschiedene Betrachtungsebenen. Mit Hilfe dieser Differenzierung geht Margalit die Frage nach der Einschränkung der Ausdrucksmittel erneut an und kommt zu folgendem Schluss: Beim Einschränken individueller Ausdrucksmöglichkeiten ist vorsichtiger zu verfahren als bei der Einschränkung institutioneller Ausdrucksmittel[13].

Denn erstens ist eine Demütigung durch eine Institution mit drastischeren Folgen verbunden, im Gegensatz zur Demütigung durch ein Individuum. Zweitens ist die Beschränkung individueller Ausdrucksmöglichkeiten bedenklicher, institutioneller weniger. Dies begründet er damit, dass Institutionen mehr Macht als Einzelpersonen haben und eine Demütigung von Seiten einer Institution zum Ausschluss aus einer identitätsstiftenden Gruppe[14] führt. Zudem führt er als weiteres Argument an, dass die Redefreiheit der Institutionen sich aus der Redefreiheit von Individuen ableitet. Die Freiheit der Ausdrucksmöglichkeiten von Individuen ist also der von Institutionen übergeordnet. Wenn dies zutrifft, so Margalit, dann ist es nötig, beim Ausgangssubjekt der Demütigung eine Unterscheidung zwischen Institutionen und Individuen zu machen.[15]

[...]


[1] Krebs: Würde S. 295ff.

[2] Ebd. S. 296. Laut Angelika Krebs ist die zentrale Unterscheidung in Margalits Werk aber die zwischen einer gezügelten, anständigen und gerechten Gesellschaft. Dies ist nicht von entscheidender Bedeutung für die Diskussion um Kultur und Toleranz, weswegen diese Unterscheidung im Folgenden nicht beachtet wird.

[3] Er blendet dabei aber die Diskussion was unter Kultur genau zu verstehen ist aus.

[4] Margalit: Würde S. 163. Er diskutiert an dieser und an anderer Stelle (S. 91ff, die negative Begründung der Menschenwürde) die Begründung für die notwendige Nicht-Demütigung anstatt einer notwendigen Achtung ausführlicher. Ich denke eine ausführliche Beschäftigung mit der negativen Begründung ist an dieser Stelle nicht nötig für die Auseinandersetzung.

[5] Ebd. S. 164.

[6] Margalit: Würde S. 164. Diese externe Norm wird dann auch nicht von der Qualität des Kunstwerks bedingt.

[7] Margalit: Würde S. 165.

[8] Ebd. S. 166.

[9] Ebd. S. 167f. Er merkt ebenso an, dass es auch positive Stereotype geben kann. Konzentriert sich in diesem Fall aber nur auf die negativen.

[10] Ebd. S. 168. Beim Ausschluss aus einer bestimmten Gesellschaft, ist es gleichzeitig auch ein Ausschluss aus der Menschengemeinschaft, wenn es die einzig zur Verfügung stehende Gesellschaft ist. Ausschluss aus der Menschengemeinschaft ist gleichzusetzen mit Demütigung. Vgl. dazu: S. 96ff, Menschen unmenschlich behandeln.

[11] Margalit: Würde S. 168f.

[12] Ebd. S. 169.

[13] Margalit zählt dazu auch Einzelpersonen die sich mutmaßlich im Namen der Institution äußern können. Vgl. dazu S. 170.

[14] Eine identitätsstiftende Gruppe umfasst und bedingt viele Bereiche des täglichen Lebens; eine gemeinsame Kultur der Mitglieder. Wichtigster Faktor ist die unmittelbare Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Diese Mitgliedschaft ist gleichzusetzen mit der in der Menschengemeinschaft. Vgl. dazu: van den Brink: Gesellschaft S. 274.

[15] Margalit: Würde S. 170f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Demütigende Kultur und kulturelle Toleranz. Eine Darstellung von Avishai Margalits „Die Politik der Würde“
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V350992
ISBN (eBook)
9783668374300
ISBN (Buch)
9783668374317
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
demütigende, kultur, toleranz, eine, darstellung, avishai, margalits, politik, würde
Arbeit zitieren
Kevin Witte (Autor), 2013, Demütigende Kultur und kulturelle Toleranz. Eine Darstellung von Avishai Margalits „Die Politik der Würde“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350992

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