Die Kapitularien. Gab es nach der Kaiserkrönung eine Zäsur von Karls Herrschaft?


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 1,3

Kevin Witte (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Kapitularien
Definition
Datierung
Gültigkeit
Problematik

Vergleich der Treueeide
Karl als Kaiser
Treueeide
Anlass für die Vereidigung
Vergleich
Schlussfolgerung

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Karl – „der große Gesetzgeber seiner Zeit.“ Sein Werkzeug waren die Kapitularien, doch was waren diese eigentlich? Die Wichtigkeit der Kapitularien für die Geschichte, natürlich insbesondere im Zusammenhang mit Karl dem Großen, sollte nicht zu gering eingeschätzt werden. Kapitularien können als Versuch von frühmittelalterlichen Herrschern gesehen werden ein gefestigtes Staatssystem zu etablieren und eine Verwaltung einzurichten die die Lenkung des Reiches erleichtert. Solcherlei Bestreben und allgemein die Bedeutung dieser Geschichtszeugnisse erweckten die Aufmerksamkeit der Geschichtswissenschaft, verschiedene Werke beschäftigen sich ausschließlich oder teilweise mit den Kapitularien. Hier ist eine Monographie ganz besonders herauszuheben, „Was waren die Kapitularien?“ von Francois Louis Ganshof, erschienen 1961, ein bestimmendes Standardwerk auf diesem Gebiet. Kaum ein Buch, das diese Thematik streift, rekurriert sich nicht irgendwie einmal auf Ganshof; auch wenn teilweise von der neueren Forschung andere Ansichten vertreten werden – etwa was die Gültigkeit der Kapitularien durch herrschaftliche Autorität angeht. Hier vertritt Ganshof die Ansicht, dass die Gültigkeit alleine von der Autorität des Herrschers abhänge, ohne jegliche Einwirkung des Adels, die neuere Forschung sieht eine größere Wichtigkeit in der Kompromissbereitschaft der oberen Schicht. Nichtsdestotrotz ist dieses Werk Pflichtlektüre, wenn man sich mit dieser Thematik auseinandersetzten will.

Geht man allerdings über Sekundärliteratur hinaus und steigt in die Quellenarbeit ein, stellen sich einem einige Schwierigkeiten entgegen. Abgesehen von der Tatsache dass kein einziges Kapitular im Original erhalten ist, ist die kritische Edition auch mit Mängeln behaftet, die Ganshof gar zu der Aussage verleiten „Solange wir nicht über eine […] Neuausgabe der Kapitularien verfügen, ruht unsere Kenntnis […] auf schwankendem Grund.“[1] Neben solche Schwierigkeiten gesellen sich inhaltliche Problemfälle, wie etwa die Unbeständigkeit der Form und Ausführung eines solchen Schriftstücks.

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich nun zuerst einmal allgemein auf Kapitularien eingehen, in die Thematik einführen und einen Überblick geben, etwa auch um auf den aktuellen Forschungsstand einzugehen und divergierende Meinungen zu speziellen Aspekten anzuführen. Im zweiten Schritt werden dann zwei Treueeide verglichen, vorweg wird ausgeführt, warum diese überhaupt zur Thematik der Kapitularien gehören. Zuletzt werde ich meine eigene Meinung äußern.

Die Kapitularien

Definition

„Als Kapitularien bezeichnet man Erlasse der Staatsgewalt, deren Text gemeinhin in Artikel (capitula) eingeteilt war, und deren sich mehrere karolingische Herrscher bedient haben, um Maßnahmen der Gesetzgebung oder der Verwaltung bekanntzumachen. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man sich damit begnügen zu sagen, daß Kapitularien in Artikel unterteilte Satzungen waren, die von den Karolingerherrschern ausgingen.“[2] Diese Definition, welche sich in der Einleitung von Francois Louis Ganshofs bestimmendem Werk über die Kapitularien findet, definiert treffend, was diese eigentlich waren.

Datierung

Kapitularien lassen sich auf die Karolingerzeit datieren, insbesondere auf den Zeitraum zwischen 754 und 877, maßgeblich unter den Herrschern Pippin III., Karl dem Großen, Ludwig dem Frommen und zuletzt Karl dem Kahlen, unter denen sich die Existenz von Kapitularien oder den Kapitularien ähnelnde Textformen nachweisen lässt.[3] Ganshof überarbeitete die Arbeit von Alfred Boretius und Victor Krause, welche für die Neuausgabe der kritischen Edition der Kapitularien auf Anlass der Monumenta Germaniae Historica zuständig waren,[4] betreffend der Datierung der Kapitularien.[5] Zieht man diese Auflistung zu Rate, findet man schon acht Kapitularien, datiert auf die Zeit der Merowinger, von 511 bis 614, wobei man bei der Datierung große Unsicherheiten vermuten kann[6] ; das 3. Kapitular (nach der Nummerierung von Boretius-Krause) „Pactus Childeberti I et Chlotarii I“ etwa ist datiert auf den großen und recht ungenauen Zeitraum von 511 bis 558.[7] Ob hier überhaupt schon die Rede von Kapitularien im Sinne der Verordnungen der Karolingerherrscher sein kann, ist umstritten, gibt es doch schon bei diesen gewisse Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Kapitularien.[8]

Probleme kommen schon dadurch zustande, dass die Verfasser teilweise keine exakte Trennung vorgenommen haben, es wurden auch Dokumente zu den Kapitularien gezählt, die Aspekte zum Inhalt hatten, die in Verbindung mit Kapitularien standen.[9]

Daneben finden sich auch in den Jahren der aktiven Gesetzgebung mithilfe von Kapitularien keine Regelmäßigkeiten, was die gesetzgeberische Tätigkeit angeht, es fehlt eine feste Kontinuität. Die Ersten lassen sich bei den Hausmeiern Karlmann und Pippin (ca. 742) finden, diese betrafen aber größtenteils die Kirchenreform, wie etwa die Kapitularien 14 (Concilium Vernense), 15 (Decretum Compendiense) oder 13 (Pippini regis capitulare).[10] [11] Ihre Blüte hatten die Kapitularien unter Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen von 802-830.[12] [13]

Gültigkeit

Die zeitgenössische Gültigkeit der Kapitularien, also die Sicherstellung der rechtlichen Umsetzung, stand im Zusammenhang mit der Autorität und Macht des jeweiligen Königs, hervorgehoben seien hier die Herrscher Pippin III., Karl der Große und Ludwig der Fromme.[14] An der eigentlichen Ausarbeitung waren auch Berater oder allgemein Teilnehmer einer Reichsversammlung, auf der Kapitularien beschlossen wurden, beteiligt, besonders untersucht wurde hier von Ganshof der Ausdruck consensus, der sich in einigen Kapitularien findet . Er führt aus, dass lediglich die Großen des Reiches (keinesfalls die gesamte Bevölkerung) um ihre Zustimmung gefragt wurden, dieser consensus wird von ihm aber als rein formell bezeichnet.[15] „Der consensus war nicht etwa eine Zustimmung, die zu gewähren oder verweigern man frei war.“[16] Die wirkliche Rechtsgültigkeit wurde laut Ganshof durch die Macht des Königtums erreicht, war aber auch abhängig von der Autorität des Königs.[17]

Aktuellere Forschungen sehen einen Schwerpunkt in der Gültigkeit der Kapitularien darin, dass der Adel zur Kooperation bereit sein musste.[18] Johannes Schmitt etwa führt aus, dass bei Kapitularien davon auszugehen ist, dass sie nicht die wirkliche Realität widerspiegeln, sondern mit ihnen eine Quelle der Ansichten des Herrschers und seines engsten, an der Ausfertigung beteiligten Hofkreises existiert. Womit also ein verfälschter Eindruck von einem gefestigten absolutistischen Reich entsteht, welches ganz auf den Herrscher ausgerichtet ist, was nicht der Realität entspräche.[19] Auch Eckhard Müller-Mertens bemerkt, dass sich nicht durch die Kapitularien auf die Wirklichkeit schließen lasse, oder auf die Wirksamkeit ihrer Umsetzung.[20] Somit muss man feststellen, dass die neuere Forschung die Wirksamkeit der Kapitularien in ihrer Blütezeit deutlich kritischer sieht, der Zusammenhang mit der Autorität des Königs wird nicht abgestritten, doch sollte nicht von den Kapitularien als Quelle auf die Realität geschlossen werden.[21] [22] [23]

Problematik

Viele Aspekte im Zusammenhang mit den Kapitularien sind bisher nur lückenhaft erforscht, etwa genaue Datierungen, die sich als schwierig erweisen, genauso wie die Überlieferungslage, es mangelt an kritischen Untersuchungen der erhaltenen Handschriften, die im Zusammenhang mit den Kapitularien stehen.[24] [25] Eine weitere Problematik besteht bei der Form und Überlieferung der Kapitularien. Kontinuität in der Ausführung sucht man vergebens, Form und Inhalt unterscheiden sich im Laufe der Zeitspanne ihrer Verwendung stark, selbst unter dem gleichen Herrscher findet sich keine einheitliche Ordnung im Aufbau. Auch die Analyse einzelner Kapitularien für sich betrachtet fällt schwer, denn nicht selten waren keine Protokolle oder Eschatokolle in den Abschriften der Kapitularien oder in Sammlungen vorhanden. Kapitularien selbst enthielten teilweise nicht einmal eine Datierung oder den Namen des jeweiligen Herrschers. Das ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass zum einen in der Regel die Hofkapelle einen Kapitular-Entwurf ausstellte und der Herrscher oder die Beteiligten des Hofes eigene Ideen noch beimischten, zum anderen konnten die Gesetzesentwürfe recht formlos gehalten werden. Solange der Herrscher über ein angemessenes Maß an Macht verfügte, reichte häufig das königliche Siegel schon aus.[26] Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Kapitularien teilweise nur mäßig akzeptiert wurden, fällt doch auf, dass es immer wieder zu Wiederholungen bei der Erwähnung von Vorschriften der Kapitularien kam.[27]

Vergleich der Treueeide

Karl als Kaiser

Nach der Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 erlaubte die erfolgte Sicherung des bisher militärisch Erreichten Karl dem Großen, stärker in der Innenpolitik des Reiches tätig zu werden.[28] Auch Karls neue Position als Kaiser trug dazu bei, dass er mit einem anderen Gesichtspunkt und stärkerer Gewichtung an die Aufgabe der Rechtsprechung herantrat. In seiner erhöhten Position kümmerte er sich nun mehr um die Rechtssicherheit seines ihm untertänigen christlichen Volkes. Im letzten Jahrzehnt seiner Herrschaft war Karl gesetzgeberisch am aktivsten.[29] [30] Auch sein Bestreben, die Volksrechte schriftlich zu fixieren, lässt darauf schließen, dass er, insbesondere nach Annahme seines Kaisertums, darum bemüht war, innenpolitische Sicherheit zu erlangen und das Reich zu festigen.[31] [32] Bei den Volksrechten der Franken, Friesen, Sachsen und Thüringer nahm er eine Überarbeitung vor und ließ sie schriftlich fixieren. Ebenso ergänzte er auch bestehende Rechte mithilfe der Kapitularien.[33] Die Reorganisation der Heerespflicht nach 805 kann auch als innenpolitische Maßnahme gesehen werden, ordnete er damit doch an, wer den Heeresdienst wie zu leisten habe.[34] Auch gegen Ende seines Lebens war er noch um Veränderungen im Innern bemüht, er ordnete für 813 gleich fünf Synoden an.[35] Als weitere Maßnahme nach der Kaiserkrönung ließ er die neu eroberten Gebiete auch in Grafschaften unterteilen.[36]

[...]


[1] Ganshof, Francois Louis: Was waren die Kapitularien? Darmstadt 1961. S. 22.

[2] Ganshof S. 13.

[3] Vgl.: Müller-Mertens, Eckhard: Karl der Grosse, Ludwig der Fromme und die Freien. Wer waren die liberi homines der karolingischen Kapitularien (742/743-832)?, Berlin 1963. S.43

[4] Vgl.: Ganshof S. 20.

[5] Vgl.: Ganshof S. 161f.

[6] Vgl.: Mordrek, Hubert: Kapitularien in: Lexikon des Mittelalters: Hiera-Mittel bis Lukanien, Bd. 5, München, 2003, S. 943-946.

[7] Vgl.: Ganshof S. 163.

[8] Mordrek, Hubert: Studien zur fränkischen Herrschergesetzgebung: Aufsätze über Kapitularien und Kapitulariensammlungen - ausgewählt zum 60. Geburtstag/Hubert Mordrek. Frankfurt am Main; Berlin; Bern; Bruxelles; New York; Oxford; Wien 2000. S. 58

[9] Vgl.: Ganshof S. 25.

[10] Vgl.: Müller-Mertens S.43.

[11] Vgl.: Ganshof S.163.

[12] Vgl.: Müller-Mertens S.43.

[13] Vgl.: Mordrek, Hubert: Kapitularien in: Lexikon des Mittelalters: Hiera-Mittel bis Lukanien, Bd. 5, München, 2003, S. 943-946.

[14] Vgl.: Ganshof S. 52.

[15] Vgl.: Ganshof S. 53f.

[16] Ganshof S. 55.

[17] Vgl. Ganshof S. 136 f.

[18] Vgl.: Mordrek, Hubert: Kapitularien in: Lexikon des Mittelalters: Hiera-Mittel bis Lukanien, Bd. 5, München, 2003, S. 943-946.

[19] Vgl.: Schmitt, Johannes: Untersuchungen zu den Liberi Homines der Karolingerzeit, Frankfurt/M. 1977. S. 53.

[20] Vgl. Müller-Mertens S. 48f.

[21] Vgl.: Schmitt S. 50f.

[22] Vgl.: Müller-Mertens S. 45.

[23] Vgl.: Mordrek, Hubert: Kapitularien in: Lexikon des Mittelalters: Hiera-Mittel bis Lukanien, Bd. 5, München, 2003, S. 943-946.

[24] Vgl.: Schmitt S. 48.

[25] Vgl.: Müller-Mertens S. 40.

[26] Vgl.: Mordrek S. 29f.

[27] Vgl.: Mordrek, Hubert: Kapitularien in: Lexikon des Mittelalters: Hiera-Mittel bis Lukanien, Bd. 5, München, 2003, S. 943-946.

[28] Vgl.: Mordrek S. 16.

[29] Vgl.: Mordrek S. 19.

[30] Vgl.: Becher, Matthias: Karl der Große, 5. Aufl., München 2007. S. 93.

[31] Vgl.: Hägermann, Dieter: Karl der Große. Herrscher des Abendlandes, 2. Aufl., Berlin-München Mai 2000.S. 470.

[32] Vgl.: Hägermann S. 448f.

[33] Vgl.: Becher S. 93f.

[34] Vgl.: Becher S. 100.

[35] Vgl.: Becher S. 106.

[36] Vgl.: Becher S. 94.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Kapitularien. Gab es nach der Kaiserkrönung eine Zäsur von Karls Herrschaft?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V350996
ISBN (eBook)
9783668374768
ISBN (Buch)
9783668374775
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kapitularien, kaiserkrönung, zäsur, karls, herrschaft
Arbeit zitieren
Kevin Witte (Autor), 2012, Die Kapitularien. Gab es nach der Kaiserkrönung eine Zäsur von Karls Herrschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/350996

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kapitularien. Gab es nach der Kaiserkrönung eine Zäsur von Karls Herrschaft?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden