Im Verlaufe der Arbeit wird untersucht werden inwiefern der französische Existentialismus die literarischen Motivkreise, die Stoffe und auch den Schreibgestus in Schweden und Deutschland nach 1945 beeinflusste. Dabei orientiert sich die hier vorliegende Arbeit an der Internationalität von Literatur, die sich auf die Intertextualität des literarischen Austausches beruft und sich mit der Frage danach befasst, weshalb der französische Existentialismus auch in der schwedischen und deutschen Literatur wirken konnte. Interdisziplinäre Berührungspunkte zwischen Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Soziologie und Philosophie sollen beleuchtet werden. Es wird angestrebt die Rezeption des französischen Existentialismus im Kontext der verschiedenen Nationen, beziehungsweise vor einem nationalspezifischen historischen Hintergrund, darzustellen, den Einfluss auf schwedische und deutsche Autoren deutlich zu machen und diese zu vergleichen. Untersucht werden gemeinsame Stoffe, Motive und Themen, sowie die zeitlichen Aspekte des Rezeptionsverlaufs.
Zunächst werden zu diesem Zweck die nationalspezifischen Kontexte Schwedens und Deutschlands beleuchte. Später wird an verschiedenen Werkanalysen deutscher und schwedischer Autoren exemplarisch dargestellt, ob und inwiefern der französische Existentialismus direkt oder indirekt seinen Ausdruck in den literarischen Werken fand. Die hier analysierten schwedischen und deutschen Werke erstrecken sich, bis auf eine Ausnahme, über den Zeitraum 1946 bis 1963, also jenem Zeitabschnitt, in welchem insbesondere die zumeist politisch links orientierten jungen Autoren in Schweden und Deutschland einer vom französischen Existentialismus inspirierten sozial engagierteren Literatur vorstanden. Dieser Zeitraum bietet sich als Untersuchungsabschnitt an, da erst Ende der 60er ein „durch die Studentenrevolte ausgelöste[r] intellektuelle[r] Dominantenwechsel“ erfolgte, welcher neue Impulse für die schwedische und deutsche Literatur der 70er Jahre mit sich brachte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Existentialismus
2.1 Existentialismus: Eine Begriffsklärung
2.2 Sartres Philosophie: Ein Atheistischer Existentialismus
2.2.1 Kritik an Sartres Lehre
2.3 Existentialismus und Literatur
3. Französischer Existentialismus in der deutschen Nachkriegsliteratur
3.1 Rezeptionskontext
3.1.1 Stunde Null: Kontinuität oder Wandel in Nachkriegsdeutschland.
3.1.2 Presse und Kulturpolitik der Alliierten: Frankreich etabliert sich als Orientierungsmodell
3.1.3 Präformierung existentialistischer Denkfiguren
3.1.4 Der französische Existentialismus in Deutschland/ Auftakt
3.2 Polaritäten
3.2.1 Junge Generation und ältere Generation
3.2.2 Reportagen und Identitätsverlust
3.2.3 Existentialismus Rezeption der Vertreter der älteren Generation
3.2.4 Existentialismus Rezeption der Vertreter der jungen Generation
3.2.5 Schuldfrage und Existentialismus in der älteren und der jungen Generation
3.3 Existentialismus in der Nachkriegsprosa der jungen Generation
3.3.1 Alfred Andersch und Kierkegaard
3.3.2 Heinrich Böll und der Ekel
3.3.3 Siegfried Lenz: Eine kritische Auseinandersetzung mit Sartre nach dem Vorbild Camus’
3.3.4 Arno Schmidts Leviathan und Schwarze Spiegel: Schopenhauer vs. Sartre
4. Französischer Existentialismus in der schwedischen Literatur nach 1945
4.1 Rezeptionskontext
4.1.1 Schwedens Neutralitätspolitik während des Zweiten Weltkrieges
4.1.2 Schwedens Kulturpolitik während des Zweiten Weltkrieges
4.1.3 Die schwedische Literatur der 40er Jahre
4.1.4 Wegbereiter: Schwedische Autoren als ‚Präexistentialisten’
4.2 Rezeption des französischen Existentialismus in Schweden nach 1945
4.2.1 Erste Erfolge und heftige Kritik
4.2.2 Fyrtiotalister
4.3 Existentialphilosophie & Existentialismus in der schwedischen Prosa der 40er Jahre
4.3.1 Lars Ahlin: Min död är min
4.3.2 Lars Gyllensten und Kierkegaard
4.3.3 Stig Dagerman: L’enfer c’est les autres
5. Schlussbetrachtung und Ausblick:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit der französische Existentialismus nach 1945 die literarischen Motivkreise, Stoffe und den Schreibgestus in Deutschland und Schweden beeinflusste. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit den nationalhistorischen Dispositionen und ideengeschichtlichen Einflussfaktoren, die eine Wirkung des französischen Existentialismus auf die deutsche und schwedische Nachkriegsliteratur ermöglichten.
- Intertextualität und kultureller Austausch nach 1945
- Vergleichende Analyse der Rezeption in Deutschland und Schweden
- Rolle des Theaters als Vermittlungsinstanz
- Einfluss existentialistischer Ideen auf die junge Generation
- Untersuchung von Werken exemplarischer Autoren
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Presse und Kulturpolitik der Alliierten: Frankreich etabliert sich als Orientierungsmodell
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stellte die dauerhafte Demokratisierung Deutschlands, durch eine Umerziehung des deutschen Volkes zu demokratischem Denken und Handeln, das gemeinsames Ziel der vier Besatzungsmächte dar. Die westlichen Besatzungsmächte hatten verschiedene Perspektiven bezüglich der Ursachen für den Nationalsozialismus; jedoch gingen ihre Erklärungsansätze „durchgängig von idealistischen Denkmustern aus [...], während sozioökonomische oder politische Faschismustheorien wie in der Sowjetunion völlig fehlten.“
Nichtsdestoweniger gab es in allen westlichen Besatzungszonen Vertreter eines moralischen Rigorismus, der von einer Pervertierung des gesamten deutschen Volkes, seiner Geschichte und Geistesgeschichte ausging und eine dauerhafte Schwächung in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht forderte. Ausdruck dieser Anschauung ist die angelsächsische Kollektivschuldanklage, die vor allem in der englischen Besatzungsmacht Anklang fand. Das Misstrauen gegenüber den „unberechenbaren Deutschen“ führte unter anderem zu der Entscheidung deutsche Linksintellektuelle nicht in den Aufbauprozess mit einzubeziehen. Die Reparationszahlungen, als Symbol einer Kollektivbestrafung, belasteten das Verhältnis zwischen Besatzungsmächten und den Deutschen und ließen ein „Bewusstsein der [...] absoluten moralischen und kulturellen Überlegenheit“ der Sieger entstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Popularität des Existentialismus als "Modephilosophie" nach 1945 und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den nationalhistorischen Hintergründen der Rezeption in Deutschland und Schweden.
2. Existentialismus: Dieses Kapitel liefert eine Begriffsklärung, eine Einführung in die atheistische Philosophie Sartres sowie deren Kritik und erläutert die enge Verbindung zwischen Existentialismus und Literatur.
3. Französischer Existentialismus in der deutschen Nachkriegsliteratur: Hier werden die Voraussetzungen für die Aufnahme des Existentialismus in Deutschland sowie die Kontroversen zwischen der jungen und älteren Generation untersucht.
4. Französischer Existentialismus in der schwedischen Literatur nach 1945: Dieses Kapitel analysiert den schwedischen Rezeptionskontext unter Berücksichtigung der Neutralitätspolitik sowie die spezifische Aufnahme durch schwedische Autoren der 40er Jahre.
5. Schlussbetrachtung und Ausblick: Die abschließenden Ergebnisse vergleichen die Rezeption in beiden Ländern und zeigen Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten im Einfluss auf die literarische Produktion auf.
Schlüsselwörter
Existentialismus, Nachkriegsliteratur, Rezeption, Sartre, Camus, Deutschland, Schweden, junge Generation, Schuldfrage, Identität, Widerstand, Literaturwissenschaft, Philosophie, Engagement, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit analysiert den Einfluss des französischen Existentialismus auf die deutsche und schwedische Nachkriegsliteratur zwischen 1946 und 1963.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt unter anderem die Rezeptionskontexte in beiden Ländern, die Rolle der Intellektuellen, die Bedeutung von Schuld und Identität sowie das Zusammenspiel von Philosophie und Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie der französische Existentialismus als modellhaftes Deutungsangebot für die intellektuelle Suche nach Neuorientierung nach 1945 fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen interdisziplinären und vergleichenden Ansatz, der Literatur-, Geschichts-, Sozialwissenschaften und Philosophie miteinander verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der Rezeption in Deutschland und Schweden, inklusive einer Analyse spezifischer Werke von Autoren wie Andersch, Böll, Lenz, Schmidt, Ahlin, Gyllensten und Dagerman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Existentialismus, Nachkriegsliteratur, Sartre, Camus, Schuldfrage, Engagement und Identitätsverlust.
Wie unterschied sich die Rezeption des Existentialismus zwischen der jungen und älteren Generation in Deutschland?
Während die ältere Generation den Existentialismus aufgrund von Traditionspflege und moralischem Konservatismus weitgehend ablehnte, nutzte die junge Generation ihn als philosophische Legitimationsbasis für ihren "Dritten Weg" und einen Neuanfang.
Warum war die "Stunde Null" in Schweden kulturell anders als in Deutschland?
Schweden erlebte keine kriegsbedingte Zerstörung und keinen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung wie Deutschland, was die literarische Kontinuität und eine andere kulturelle Ausgangslage bedingte.
- Arbeit zitieren
- Anne Schumacher (Autor:in), 2016, Französischer Existentialismus in der deutschen und schwedischen Nachkriegsliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351059